Posts mit dem Label Dorsoduro werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Dorsoduro werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

17. September 2020

Dorsoduro Museum Mile




Das Projekt Dorsoduro Museum Mile, eingeführt 2015 und dann, wie viele venezianische Versuche, anscheinend verdämmert, wird wiederbelebt. Das ist sicher der Notwendigkeit zu danken, von den wenigen Besucher*innen mehr in die Museen zu holen. Und bleibt hoffentlich nicht wie viele der Marketingaktionen wieder nach einer Saison Laufzeit auf der Strecke. 

Heute, 18.9.20, geht die Sache an den Start. Beteiligt sind 4 herausragende unter den wunderbaren Museen Venedigs, alle unbedingt auf der Liste seriöser Venedigtourist*innen:

Galerie dell'Accademia, eines der staatlichen Museen des Veneto (Mo 8:15-14 Uhr, Di-So 8:15-19:15 Uhr)

Palazzo Cini, eines der Ausstellungsgebäude der Fondazione Cini (Fr-So 12-20 Uhr)

Peggy Guggenheim Collection (Mi-Mo 10-18 Uhr)

Punta Dogana und Palazzo Grassi, die beiden Ausstellunghäuser der Pinault-Collection (Mi-Mo 10-19 Uhr)


Mit dem Ticketkauf für eines der Häuser gibt es in der Folge Ermäßigungen in den 3 anderen:
die Normalkarte für Guggenheim sinkt von 15 auf 13 €,
Dogana inkl. Grassi von 15 auf 12 €,
Palazzo Cini von 10 auf 7 €,
Accademia von 12 auf 9 €. 

Die 4 Häuser liegen auf dem extrem kurzen Fußweg zwischen den Haltestellen Accademia und Salute. Wer eine kurze Pause von der Distanz und eine dringend eine Dosis Kunst benötigt, ist an der äußersten Westspitze von Dorsoduro gut aufgehoben.

Die ARTRIBUNE schreibt dazu am 29.9.: A Venezia si rilancia il Dorsoduro Museum Mile: quali sono le istituzioni che fanno rete.




Die vielen weiteren ständigen Ausstellungshäuser im Sestiere Dorsoduro (Rezzonico, Pesaro, Prada/Ca'Corner della Regina, Mocenigo, V-A-T, Bevilacqua La Masa...) sind in dieser Aktion nicht enthalten. Macht nichts, das Angebot der 4 Häuser zu nutzen empfiehlt sich unbedingt.



.

13. Juni 2019

Ein Selfie mit dem venezianischen Banksy...




...ist eine knifflige Sache. 
Denn das Flüchtlingslingskind steht erstens ziemlich weit entfernt, was fototechnisch und ästhetisch problematisch ist, und zweitens am stark befahrenen Rio di Ca'Foscari/rio novo, der schnellen Abkürzung zum und vom Bahnhof. Es fahren unvermeidlich und pausenlos Taxis und Transportboote ins Bild, die man zwischen Kanalknick und Brücke nicht rechtzeitig mitbekommt. Ich jedenfalls habe kein Ergebnis erzielt mit dem ich angeben könnte - aber ich bin auch völlig unerfahren mit Handyselfies, meine 'Selfies' mit der kleinen Kompakten sind und bleiben Spiegelungen, von denen es in Venedig Auswahl genug gibt. 

Wer es selber versuchen will (mit vielen anderen Banksy-Pilgern) geht vom Campo S. Margherita am Stumpf des Campanile vorbei auf (nicht über!) die Brücke, die zum Campo S. Pantaleon führt. Und guckt links. Am Eckhaus zwischen zwei Kanälen steht das Kind.

Das Haus ist seit Jahren unbewohnt und wurde bisher von der Immobilienagentur Engel und Völkers am Campo S. Margherita angeblich für 4,5 Mio. Euro angeboten. Jetzt ist der Preis nach oben offen. Anfragen werden entgegengenommen. Die Besitzer können ihr Glück nicht fassen. 

Ich verlinke hier einige deutschsprachige Berichte/Kommentare zu den beiden venezianischen Überraschungscoups. Mehr dazu gibt es im Eintrag "Kunstbiennale 2019 - Medienspiegel"  zwischen dem 22.5. und 4.6..


Tatsächlich wurde das Flüchtlingskindmural schon früher bemerkt, fand aber außer bei Fachleuten keine Medienaufmerksamkeit:


Erst nachdem die Polizei beim zweiten Banksy-Akt venezianisch-ordnungsgemäß den Bilderstand an der Riva untersagt und Banksy (oder seinen Stellvertreter) vom Platz geschickt hatte, schwappten ab dem 22.5. Aufmerksamkeit und Entrüstung über:



Nun denn. In dieser Geschichte gibt es Belämmerte, Bereicherte und Beglückte, die, wenn sie es schaffen, sich mit einem echten Banksy fotografieren (lassen) können.




Nachtrag 24.7.19

Ach, alles wird gut. Laut Artikel 169 des Kulturschutzgesetzes von 2004 stehen auf Wändebeschmieren ohne Erlaubnis 6-12 Monate. Anzeige wurde erstattet, und die zuständige Behörde definierte das Banky-Werk nach mehr als 2monatiger Untersuchung als Kunst. Die Staatsanwaltschaft unterstellte das Kind, bzw. das Kunstwerk der staatlichen Aufsicht, das Entfernen wird verboten.
Siehe Bericht des Corriere del Veneto vom 24.7.19. und der Nuova vom 23.7.19.



.

21. Februar 2019

Musikalische Pause...

... von der bombastischen elektronischen Musik, die zur Zeit lautstark durch Venedig schmalzt, sei es auf dem Canal Grande und dem Rio di Cannaregio am letzten Wochenende oder an den beiden kommenden auf der Piazzetta und Piazza S. Marco. 

Ein schön instrumentiertes Lied der jungen Singer-Songwriterin Martae. Aufgeführt auf dem schmalen weil vollgeparkten Rio del Malpaga, entlang alter Backsteinmauern und Wassertore. Eine eher stille Gegend von Dorsoduro, in der "zweiten Reihe" der Touristenpfade, eine wunderbar venezianische Stimmung.





.

3. Oktober 2016

Warten, bis der Ökologiemann klingelt?


Morgen wird in Venedig ein neues Abfallsammelsystem eingeführt, zunächst nur im Sestiere Dorsoduro. Man setzt, legt, stellt nicht mehr den Müll vor die Haustür auf die Gasse oder den Hof. Vorbei ist es auch mit der typischen morgendlichen Dekoration der Häuserwände: es werden keine Plastikmülltüten mehr an Nägel gehängt. Vielmehr klingelt der spazzino, der Müllmann (auch die Müllfrau ruft "spazzino!" ins Haus, wenn die Tür geöffnet wird), und man steht bereit und händigt den Haushaltsabfall persönlich aus. Uns TouristInnen als Hotelgäste betrifft es kaum, aber als temporäre BewohnerInnen der vielen 'Ferienwohnungen' müssen wir unsere Vormittagsplanung danach ausrichten. Also ist die Sache wichtig. 

So gehts laut Information der Stadtverwaltung, online seit dem 20.7.:
Montag bis Samstag zwischen 7:30 und 11:00 Uhr Klingelt oder klopft der operatore ecologico, der Ökologiearbeiter, an die Tür und nimmt den Abfall gemäß dem Wochenplan der Mülltrennung entgegen. Wer NICHT den Vormittag zuhause verbringt (aus meiner Sicht die Mehrzahl der Kinder und erwachsenen BürgerInnen, aber auch der Venedig-TouristInnen), kann seine Mülltüte zwischen 6:30 und 8:30 Uhr an der Anlegestelle des VERITAS-Sammelbootes abgeben. In Dorsoduro liegen die Boote am Rio di San Vio, bei San Basilio, an der Fondamenta dell'Arzere, am Ponte San Trovaso, an der Fondamenta Alberti. 

Auf der aktuellen Website von VERITAS gibt es einige Änderungen: die Wartezeit auf den operatore ecologico hat sich auf 12:00 Uhr verlängert; als Anlegestellen der Müllsammelboote sind genannt Rio della Salute, Rio di San Vio, Rio di San Sebastiano, Rio di Santa Marta, Rio di San Barnaba, Rio di Ca' Foscari. Aha. 
Und der Hinweis auf zu erwartende Knöllchen ab 167 €. (Wenn man beim Absetzen von Müll in flagranti erwischt wird oder wie?)
Die Umstellung soll von Handzetteln zur Information begleitet werden - man kann nur hoffen, dass diese Handzettel für die vielen Hunderte Ferienwohnungen in Dorsoduro auch in einige Fremdsprachen übersetzt vorliegen. Sowohl Stadt als auch Dienstleister informieren auf ihren Onlineveröffentlichungen ihre ausländischen Gäste ausdrücklich NICHT. Ich beklage das normalerweise nicht, bitte italienisch in Italien, aber wäre es in diesem Fall nicht sinnvoll, die 'Ferienwohnungs'-Gäste sprachlich mit einzubeziehen?

.

Über die Personal- und weiteren Kosten dieses vermutlich zeitaufwändigen Klingelsystems muss ich mir nicht den Kopf zerbrechen, das ist Sache der Profis. Aber die Nutzerfreundlichkeit scheint mir bedenkenswert, wenn ich die Wahl habe zwischen einer Mülltütenwanderung am frühen Morgen zum VERITAS-Boot und zuhause Geduld zu üben bis Schlag Mittag, wenn ich Wichtigeres oder Besseres vorhabe. Ehrlich gesagt: eigentlich fasse ich es nicht. Aber andererseits: wenn ich Venezianerin wäre, würde mich dieses System sofort und extrem disziplinieren, nur noch minimale Mengen Müll zu produzieren. Vielleicht ist Umwelterziehung der Menschen ja das geheime eigentliche Ziel dieser Umstellung! (Und nicht die der Ratten und Möwen, die sich ab morgen neue Futterquellen suchen müssen.)

Es gab einen Testlauf für die neue Einsammelmethode im September 2015 im Bereich zwischen Accademia und Dogana. Der erbrachte immerhin einen Anstieg der Mülltrennung von vorher schlappen 25,81 % auf 40 %. Anscheinend fördert die persönliche Übergabe an die Müllautorität die Bereitschaft, die Regeln der Mülltrennung zu befolgen. Die Testhaushalte sollen sich schnell an die neuen Regelungen gewöhnt haben, vor allem die Zufriedenheit über die öffentliche Sauberkeit habe dazu beigetragen. Die Verwaltung von Stadt und Dienstleistungsbetrieb versprechen sich künftig auch Erkenntnisse über Verteilung/Zusammensetzung der Müllkontigente; längerfristig wird wohl auch die Frage der Kosten der Müllentsorgung bei 56.000 EinwohnerInnen (Stand Juli) gegenüber 22.000.000 BesucherInnen jährlich auf den Tisch kommen.

Aufschlussreich an der Testphase finde ich vor allem die Zahlen der NutzerInnen: 536 Private, 404 nicht Private, 365 'non-residenti', also Nichtansässige, also vermutlich 'Ferienwohnungen'. Das entspricht meinen Beobachtungen im Laufe der Jahre, denn Statistiken dazu fehlen bisher soweit ich weiss. 
Die steigende Zahl dieser Wohnungen, die nicht dem einheimischen Wohnungsmarkt zur Verfügung stehen, ist mit einer der Gründe für die sinkende Einwohnerzahl des centro storico und einer der großen Konfliktherde dieser Stadt. Einerseits wird seitens der Bürger die gewollte 'Disneylandisierung' und Entvölkerung beklagt und die Politik und die Wirtschaft für die Entwicklung und ihre Folgen in Haft genommen. Andererseits wird von den BürgerInnen selbst die Kleinwohnung, geerbt von der Oma, dankend als dauerhafter stabiler Lebensunterhalt umgehend mit Höchstgewinn als 'Ferienwohnung' vermietet und keineswegs zu einem normalen Mietpreis auf dem lokalen Wohnungsmarkt angeboten. ('Ferienwohnungs'ungeeignete Räume übrigens auch nicht, sie können als Massenschlafplätze für nicht italienische Arbeitskräfte verwendet werden.) Auf dieser persönlichen Ebene ist der venezianische Exodus auch ein Konflikt zwischen besitzenden und nicht besitzenden BürgerInnen. Zwischen Gier und Gemeinsinn. Aber das ist eine andere Geschichte, die die VenezianerInnen unter sich ausmachen müssen, aus der ich mich als Besucherin heraus halten sollte. 

Das neue Abfallsystem wird in den kommenden 16 Monaten in ganz Venedig (centro storico und Inseln) installiert, ab Januar 2017 in Santa Croce und San Polo, ab Mai 2017 in San Marco, ab Oktober 2017 in Cannaregio, ab Februar 2018 in Castello. Nachzulesen in der Präsentation 'Keine Mülltüten mehr in den Gassen Venedigs' im Anhang der städtischen Informationsseite (wie im Link oben). Die Präsentation enthält eine ganze Reihe interessanter Statistiken bis hin zum Plan der öffentlichen Abfallkörbe im Stadtgebiet (für den alleräußersten Notfall?) und überzeugende Fotos zur Sauberkeitssteigerung. 

Offen bleiben Fragen, wie: wenn der Müllmann bis Mittag nicht kommt, zahlt VERITAS ein Knöllchen an die umsonst wartenden Bürger? Na gut, nicht witzig, aber: was passiert beim neuen Sammelsystem in Grenzfällen wie z. B. Streik? Sammelt sich der Müll dann in den Häusern, nicht mehr auf den Gassen? 

Gehen wir mal davon aus, dass die Sache nach einer Gewöhnungsphase wunderbar klappt und lernen wir die Wörter 
immondizie und 
spazzatura (beide gleichwertig für 'Hausabfälle') und 
rifuiti, (Oberbegriff für 'Müll'). 


La Nuova 30.9.: Da martedi cambia tutto. (Ab Dienstag ändert sich alles.) Buona fortuna!




.

15. November 2015

Pinacoteca Manfrediniana


Zur passenden Gelegenheit des Salutefestes kann ich freudig berichten, dass ich ENDLICH nach diversen Versuchen während der Venedigaufenthalte dieses Jahres die Tür des Seminario Patriarcale und damit der Pinacoteca Manfrediniana geöffnet vorgefunden habe. Am Samstagnachmittag vor einer Woche, per Zufall. Vor der geöffneten Tür stand ein großes Schild mit den Öffnungszeiten, die kein Mensch raten kann, und das sich bei geschlossener Tür leider im Gebäude befindet:



In Büchern zur Geschichte und Kunstgeschichte Venedigs wird regelmäßig auf das Seminario Patriarchale verwiesen, erbaut wie die Salutekirche von Baldassare Longhena. Hier haben sich einerseits Schätze und Spolien aus offen gelassenen und verschwundenen Kirchen versammelt; andererseits die Kunstsammlung aus dem Nachlass des Marchese Federico Manfredini. (Ich habe einen Blog zu Manfredini mit interessanten Einträgen in italienischer Sprache gefunden.)


Alessandro Allori, 1580: Lucrezia Minerbetti
(als Symbol ihres frühen Todes mit 3 Jahren hält sie eine Schlange in der Hand)
Die Manfredini-Sammlung in 3 Räumen, einer davon 2stöckig, enthält fast ausschließlich sakrale Kunst. Die meisten Namen waren mir bisher nicht bekannt (was nichts heißt), aber es gibt auch Werke von Vivarini, Bellini, Vittorio, Tizian u. a. und eine kleine Madonna mit Kind von Cima da Conegliano, nicht weniger sensibel als ein Werk von Bellini. 
Zusätzlich zu diesen neu gestalteten Räumen kann man im Kreuzgang des Seminario viele Grabplatten und weitere Skulpturen aus z. B. San Matteo und S. Cipriano di Murano, aus dem Kloster der Vergini u. a. bewundern. Das Treppenhaus von Longhena kann man sehen, aber nicht betreten. (Was aber auch an den Vorbereitungen zum Salutefest gelegen haben mag, lange Reihen von Holztischen für Pilgergruppen im Kreuzgang etc..)

Man kann einerseits um eine Führung (in italienischer oder englischer Sprache) bitten, die bei Tripadvisor gelobt werden. Man kann auch um Zugang zu nicht ausgestellten Kunstwerken bitten, wenn man weiss, was man sehen will. Ich war auf diese Option nicht vorbereitet, werde sie aber beim nächsten Besuch nutzen. Die Seminaristen an der Kasse sind sehr freundlich und hilfsbereit. 
Der penibel wissenschaftlich erstellte Katalog (aufgedruckter Preis 21 €, Verkaufspreis 14 €) ist sehr zu empfehlen, schon für den Besuch der Sammlung.
Eintritt: gestaffelt von 1 € für KunststudentInnen bis voller Preis 6 €.
Haltestelle Salute


Grabplatte (1428) aus dem zerstörten Kloster der Vergini
(jetzt als Giardino delle Vergini Teil des Biennalegeländes des Arsenale)

Vespri d'Arte 2015/2016
Anlässlich des katholischen Jubeljahres Oktober 2015 bis September 2016 zur päpstlichen Bulle Misericordiae Vultus bietet das Seminario Patriarchale an allen Sonntagen um 15:30 einstündige kostenfreie Orgelvespern in der Salutekirche an. Thema ist jeweils eine musikalische Einleitung zu einem Kunstwerk, das sich in der Pinacoteca Manfrediniana befindet und zu dem es im Anschluss um 16:30 Uhr eine Führung zum ermäßigten Preis von 3 € gibt. 
6.12.15: Giovanni Lanfranca, Immacolata
3.1.16:   Maestro dei mesi di Ferrara, Adorazione dei magi
14.2.16: Carlo Dolci, Maria allatta Gesù
6.3.16:   Domenico Puligo, Deposione di Christo dalla croce
3.4.16:   Conrad Laib, Dormitio Virginis
1.5.16:   Tizian, La discesa dello Spirito Santo...
5.6.16:   Seguace dei Carracci, Giovanni Battista...
3.7.16:   Scuola del Reni, Madonna col Bambino...
7.8.16:   Tizian, Davide e Golia
11.9.16: Tizian, Abramo sacrifica Isaaca


Kreuzgang des Seminario Patriarchale, Baldassare Longhena


.

5. September 2015

Blitzshow: Liechtenstein


Liechtenstein wird vom 23.10.-1.11. sein Biennaledebut als Blitzauftritt absolvieren. Glück hat, wer dann in Venedig und neugierieg genug ist (z. B. ich).

Liechtenstein stellt im Palazzo Trevisan am Campo Sant'Agnese aus, dem Schweizer Konsulat und Sitz der Stiftung Pro Helvetia. Mein Besuch im Salon Suisse im Mai war leider gar nix, eine öde Party, im Gegensatz zum frischen Pavillon der Schweiz in den Giardini. "The Silver Lining" der Liechtensteiner zeigt Künstler-
Innen aus Liechtenstein, Island, Luxemburg und Montenegro:


Beate Frommelt
Anna Hilti
Gabriela Fridriksdottir
Gunnhildur Hauksdottir
Anna Frida Jonsdottir
Karolina Markiewicz und Pascal Piron
Adrijana Gvozdenovic
Natalija Vujosevic

Ich freue mich besonders auf die Künstlerinnen aus Island, ich bin ja ein großer Fan isländischer Kunst (Biennale 2009Biennale 2011, Biennale 2013, großartig, aber ohne Bericht war auch die Troll-Ausstellung 2007) während die "Moschee" in diesem Jahr vergleichsweise soo isländisch nicht war und mehr gezieltes Politikum als Kunst.


Nachtrag 2.11.2015
Das war eine kleine, feine Ausstellung mit sehr unterschiedlichen Exponaten, die von den Mitgliedern des Kunstvereins Schichtwechsel überzeugend zusammengestellt wurden.
Für Biennaleverhältnisse einzigartig war, dass die KünstlerInnengruppe und die KuratorInnen während der ganzen Dauer in der Ausstellung anwesend waren, man sie also kennenlernen und mit ihnen über ihre Werke und Arbeit sprechen konnte. Sehr persönliche Gastfreundlichkeit der Verantwortlichen, die sogar Kaffee, Tee und Kuchen einschloss und eine spontane internationale BesucherInnenkonversation über Kunst, Politik und den geschlossenen isländischen Pavillon waren schon ein sehr außergewöhnliches und erfreuliches Biennaleerlebnis. Liechtenstein bot einen Kunstsalon. Danke nochmal!

Ein paar Presselinks:
http://www.vaterland.li/liechtenstein/kultur/Stelldichein-der-Kulturpolitik-in-Venedig;art175,163120
http://www.saiten.ch/dolce-vita-und-duestere-kunst-in-venedig/

http://www.suedkurier.de/nachrichten/kultur/Von-Vaduz-nach-Venedig;art10399,8258019


.

13. Juni 2015

Venedig - am "Rand des Chaos"?

Eingang am Campo della Carità
Der "Rand des Chaos" ist ein Begriff aus der Komplexitätsforschung, von der ich keine Ahnung habe. Außerdem ein Computerspiel, von dem ich keine Ahnung habe.  Was meinen 4 KünstlerInnen, die unter diesem Titel "Edge of Chaos" sehr verschiedene Werke gemeinsam ausstellen? Keine Ahnung. Zu sehen sind: 2 sozialkritische Videos (LaToya Ruby Frazier), 1 feministisches Video (Egle Rake), 1 Raum voller ela-
borierter Werke aus feinem Kupferblech und -draht, hergestellt in Schweißtechnik (Gianluca Malgeri), 1 Raum voller elektroni-
scher Fotos (Audra Vau). Interessant zu sehen und sich dazu in Beziehung zu setzen, aber wieso "Edge of Chaos"? 


Portego, Wandbemalung (!), Werk von Gianluca Malgeri

Wirklich spannend allerdings ist das Haus, in dem man auf den Rand des Chaos trifft. Im Werbematerial für die Ausstellung wird das Haus "Casa Donati" genannt (so heißen die Besitzer), es handelt sich aber um den Palazzo Querini alla Carità , auch ge-
nannt
Querini Vianello. Neben der Accademia und der Bar an der Ecke am Canal Grande, erbaut im 18. JH. auf einem ursprünglich gotischen Vorgängerbau, der kleine Seitenanbau im Garten stammt aus dem 19. JH.


Treppenhaus auf Höhe des Mezzanin.
2 Büsten, 2 trompe l'oeil Büsten, 1 trompe l'oeil Fenster
Es hat alles, was ein Haus am Canal Grande normalerweise hat: zwei (geschlossene) Wassertore, einen Androne mit Mezzanin, ein herausragend gestaltetes Treppenhaus, einen Portego und Nebenräume. Aber alles in ungewohnt kleinem Format, als sei das Haus zurechtgestutzt worden. Trotzdem sehr elegant mit trompe l'oeil Fresken im Treppenhaus, die den Vergleich mit dem Treppenhaus des Palazzo Papadopoli (Foto 5 der picture tour) nicht scheuen müssen (vielleicht vom gleichen Maler?); einem komp-
lett mit Landschaftsveduten ausgemalten Portego, mit Stuck und Deckenfresken. Natürlich mit alten Muranolüstern und schönen Kaminen. Alles wunderbar erhalten und gepflegt, vermutlich durch die frühere Nutzung als Konsulatsgebäude Großbritanni-
ens. Eine große Terrasse sitzt auf dem Nebengebäude mit Blick auf Accademia, Canal Grande, Brücke.



Treppenhaus, Höhe des Portego.
Trompe l'oeil Wandmalerei
Beim Betreten des Androne trifft mich sofort der Anblick von Zorzi Benzon Anno 1660 ins Herz. Gerahmt in ca. 2 x 1,5 m, er trägt einen Spitzenschal, blauschwarzen Harnisch, beigen Glockenrock, tolle rot-schwarze Schuhe und steht auf der messi-
nischen Küste der Peloponnes, venezianisch Regno Morea, direkt neben der Festung von Koroni. An seiner linken Seite gibt es ein Papier mit einem Plan der Festung Candia (heute Iraklion, Kreta) und dem Text "FU NOBILE IN CANDIA ALLA SUA DIFESA und dem Plan einer Insel (die ich nicht erkenne) mit dem Text FU PROVEDITO STRAORDINARIO ALLA SALIARA, darunter 3 Galeeren mit Unterschriften FU GOVERNATOR... GALLEAZZE... (daran arbeite ich noch!).



Zorzi Benzon Anno 1660
Darunter, auf dem dunklen Untergrund der Landschaft, werden seine Verdienste aufgelistet:
FU NOBILE IN ARMATA. / FU VICE GOVER. DE CONDEMNATI. / FU PROVEDITOR IN CAMPU SOTTO / CORON NELLA BATTAGLIA E VITTORIA / CONTRO TURCHI E SUPRESA A FORZA / D'ARME. / FU IL PRIMO PROVEDITOR ESTRAORDI- / NARIO IN CORON. FU ELETTO CONSIGLIER. / FU PROVEDITOR IN CAMPO SOTTO / PATRASSO NELLA BATTAGLIA E VITTO- / RIA CONTRO TURCHI ET ABANDONO DI / PATRASSO E LI CASTELLI LEPANTO E / CORINTO. / FU PROVEDITOR IN CAMPO SOTTO / ATTENE ALLA SUA RESA. / FU PROVEDITOR ESTRAORDINARIO NEL / REGNO DI MOREA L'ANNO 1660. / FU CONSIGLIER APRESSO SU. SERE: FRANCECO / MOROSINI NEL ULTIMA SUA SPEDITIONE / 
... der Rest des Textes verschwindet leider im Rahmen. 


Zorzi Benzon Anno 1660, Detail
Allerhand. Zorzi Benzon hatte also eine koloniale Karriere als venezianischer Statthalter in den Städten Koroni, Patras, Athen (nach ihrer Kapitulation) und dem Regno Morea; wurde in den Adel aufgenommen während der 25jährigen Belagerung von Candia, und er war weiter als Berater beteiligt an einigen Kämp-
fen gegen die Ottomanen und an der "letzten Kampagne
Francesco Morosinis".
Die weit verzweigte Familie Querini war auch verwandt mit der Familie Benzon. Der Palazzo Benzon bei S. Angelo hat derzeit die gleichen Besitzer wie der Palazzo Querini Vianello. Über Zorzi habe ich bisher nicht mehr gefunden, ist aber auch nicht eilig.

Die Ausstellung und das Haus sind noch bis 30.6. zu besichtigen. Was ich sehr empfehle, und auch, sich Zeit zu nehmen. Es gibt genug zu bewundern und sich bei genauem Hinsehen über-
raschen zu lassen.



Zorzi Benzon Anno 1660, Detail
  .  

9. Juni 2015

Verstreute Verse in Venedig

Schon Anfang April sah ich ein Video über Doug Argue und die Ausstellung, die er für einen eigens ausgewählten Raum für die Biennale vorbereitet. Spannend. Seine Ausstellung "Scattered Verses" war folglich die erste, die ich im Mai besuchte.


Artists at Mana: Doug Argue from Mana Contemporary on Vimeo.

Perfekt. Morgens um 10, die Morgensonnne schickt durch das einzige Fenster, überwuchert von wildem Wein, grünes bewegtes Licht und das Zusammenspiel von Kunst und Raum ist magisch. Ziegelsteinwände, neu gelegte Holzdielen, alte dunkle Balken, der Rest eines Kamins. Angrenzend an den Innenhof des Palazzo Contarini dal Zaffo bei der Carità (den Zunamen Polignac gibt es erst seit 100 Jährchen) und nur wenige Schritte von dessen Wassertor am Canal Grande entfernt, wurden hier früher vielleicht ungenutzte Boote oder Ähnliches aufbewahrt. 

Der Künstler hatte wohl einige (edlere) Raumangebote abge-
lehnt und sich dann für diesen Platz entschieden, der ungeöffnet bis unters Dach vollgestopft mit Krempel von Jahrhunderten war und leergeräumt und für die Ausstellung hergerichtet werden musste. Erst nach der Entscheidung für den Raum entstanden die Bilder, die nicht nur sitespezifisch, sondern sehr venedig-
spezifisch sind.




Das erzählten mir die beiden Aufpasserinnen von Save Venice, eine amerikanische Institution die Restaurationen in Venedig finanziert und durchführt. Mit dieser Ausstellung gibt Save Venice zum ersten Mal Gegenwartskunst in Auftrag und hat mit Doug Argue eine wunderbare Wahl getroffen.

Das Bild an der linken Wand, "Calle" ist inspiriert von einer nächtlichen venezianischen Gasse, an der rechten Wand "Cosa Mentale" von einer Ziegelwand. Begleitet von Texten, die "atomisiert" als Buchstaben flirren. An der Rückseite "Mother Tongue", inspiriert von (venezianischer und jeder) Mutter-
sprache und Wasser, beide in Bewegung und bewegend. Gegenüber dem Eingang "Time and time again", dem die "Pietà" Tizians, dessen letztes Werk, unterlegt ist. Ein Palimpsest, eine Übermalung, von der Doug Argue im Video sagt, dass die Untermalung vielleicht nicht jeder sieht.


4 Bilder in einer wunderbar schlichten Präsentation. Überzeugend. Bewegend.

Haltestelle Accademia. Richtung Zattere, auf halber Strecke vor der ersten Querstraße links (Achtung Hinweisschild: Doug Argue - Rime Sparse - Scattered Rhymes)  in die kleine dunkle Gasse einbiegen, die aussieht, als führe sie nur zu ein paar unbenutz-
ten Hintertüren. Hier die 1. Tür links. Nur bis 30. September!







Ich begleite und führe zu Nationenausstellungen und Nebenausstellungen in interessanten Gebäuden in der Stadt. Auch themen- oder personenorientierte Begleitungen können auf Anfrage abgestimmt werden über einen Klick ganz oben rechts in der dunkelgrünen Spalte.



6. Juni 2015

Palazzo Contarini Corfu und Telluria

Calle Contarini Corfu - Vor der Mauer
Der Palazzo Contarini Corfu steht an der Mündung des Rio di S. Trovaso in den Canal Grande und wird über eine Werbeagentur für Veranstaltungen angeboten, ich hatte jetzt zum ersten Mal die Gelegenheit, ihn zu sehen, und war überrascht: ein torver-
sperrter. separater Weg (Calle Contarini Corfu) entlang des Rio, eine hohe Mauer, darin noch einmal ein sehr großes Tor, ein Turm (zusätzliches Treppenhaus?) an der Südwestecke des Hauses und der kleine krönende Turm über der Dachterasse, den man auch vom Vaporetto aus sieht: eigentlich hat das Haus vom Ende des 15. JHs die Form einer Burg. 


Hinter dem Tor in der Mauer: ein schöner schattiger Innenhof mit einem kleinen Garten (Zitronen-, Mandarinen- und Mispel-
bäume, Gras, Glyzinien an der Mauer), umgeben von bis zu 4 Stockwerken und möbliert mit einer vollständigen Vera da pozzo, Skulpturen und einem riesigen korinthischen Säulenkapitell, ausgehöhlt als Pflanzenbehälter. Reliefs und Spolien an den Wänden, Reste von Fresken des 18. JHs an der Hauswand, zum Teil farbiges Glas im 3teiligen Landeingang zum Androne.



Hinter der Mauer - Teil des Innenhofs (C) mm
Im Moment hat im Piano nobile die fiktive Demokratische Republik Telluria ihren nationalen Pavillon. Eine schräge Sache aus großformatigen Gemälden die weitgehend aus Zitaten bestehen, und einer Art von graphischem Tagebuch (Comic?) auf russisch und deutsch, zusammengesetzt aus sehr vielen kleinformatigen Kacheln, und einem Rieseninsekt. Letzteres hängt blau-schwarz von der Decke eines leer geräumten Raums, der, jetzt leider abgetrennt, früher Teil des Portego (langen Hauptraums zum Canal Grande) war. Alle anderen Räume sind erstaunlich möbliert - von Muranolüstern plus dazugehörigen blinden Riesenspiegeln über chinesische Sekretäre (Chippen-
dale?) Teppichen und Wandteppichen, einer Minibliothek bis zu Polstermöbeln unterschiedlichen Alters ist ziemlich alles da. Portego wie üblich schön leer, Seitenräume eher gut gefüllt. Alte Waffen, Helm und Harnisch, ein Tierfell (Wolf?) auf einem Tisch gehören nicht zum Palazzo, sondern zur Ausstellung Telluria.


Fotos sind leider verboten, auch im schönen gotische Androne. Die Werbeagentur hat eigene Fotos im www, die einen einheitlich gediegenen Eindruck machen und auch die oberen Stockwerke einbeziehen. Es gibt auch einen interessanten Bericht vom März 2015 über eine Sanierung des Gebäudefundaments.

Laut Plakat wird die Ausstellung Telluria gefördert vom Mikhail Prokhorov Fund und vom Generalkonsulat Mailand der Bundesrepublik Deutschland. Kein Hinweis auf der offiziellen Website, also recherchiere ich Vladimir Sorokin, der auf dem Plakat an erster Stelle steht und finde einen Artikel der ZEIT vom November 2014, den ich damals zur Kenntnis genommen, aber nur flüchtig gelesen habe. Es gibt ein Deutschlandfunk-Interview vom Januar und auch der Perlentaucher äußert sich. 
Sieh an. Ich bin keine Leserin von Science Fiction, sei sie noch so genial, und werde Sorokin bei allem Respekt auch nicht lesen bloß wegen der politischen Rolle, die sein Werk zu spielen scheint. Aber darf ich unabhängig von meiner Banausigkeit fragen, wieso das Auswärtige Amt mit Steuermitteln diese Ausstellung (mit)-
finanziert, die eigentlich eine Marketingmaßnahme für das schriftstellerische Werk Vladimir Sorokins ist? Vor dem Hinter-
grund, dass die deutsche Ausgabe von "Telluria", erarbeitet von 8 ÜbersetzerInnen, im August veröffentlicht wird? 

Nachtrag 5.8. 
Heute im Perlentaucher: Telluria.


Ich lese, dass 1838 Girolamo Contarini nicht nur das Haus (an Matilde Berthold) verkaufte, sondern auch die berühmte Kunst-
sammlung des Hauses der Stadt Venedig schenkte, die sich bis heute in der Accademia befindet. Gleichzeitig. 

Ich lese, dass der nächste Eigentümer ein amerikanischer Kunsthändler namens George Peabody Russell gewesen sei, der noch im 19. JH den Palazzo und den angebauten und verbunde-
nen Palazzo Contarini degli Scrigni abreissen und neu bauen lassen wollte. (Henry James soll in einem Brief getratscht haben, dass die Ausführung verhindert werden konnte - ich habe mir seine Briefe als Ebook besorgt und lese derzeit sehr gespannt...)   

Und ich finde die wunderbare Website von Ole Pein über den englischen Kleriker John Davies Mereweather, 1816-1896, der von 1855 bis 1887, also mehr als 30 Jahre, als anglikanischer Pfarrer in Venedig in seiner gemieteten Privatwohnung im obersten Stockwerk des Palazzo Contarini Corfu seine Sonntags-
gottestdienste hielt. (Die anglikanische Kirche St. George am Campo S. Vio wurde erst unter seinem Nachfolger eingerichet.)
Ole Pein hat Leben und Werk von Pfarrer John Davies Mere-
weather hervorragend recherchiert, es ist eine Freude, die Website nicht nur zu durchstöbern, sondern mit Muße zu erfor-
schen. Es findet sich unter anderem im Menü unter Semele die Beschreibung des gleichnamigen Buches von Davies Mereweather, dekoriert mit alten Fotos Venedigs und der Lagune. Unter dem Menüpunkt Venice Map eine vergrößerbare Karte Venedigs vom Ende des 19. JHs, und hinter dem Foto des Palazzo Contarini Corfu Beschreibungen und diverse, auch künstlerische, Darstellungen des Hauses. 

Ein sehr schöner und überraschender Blick auf ein Detail Venedigs der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.


Haltestellen: Accademia (L. 1), Zattere (L. 2, 5.1, 5.2.)
Palazzo Contarini Corfu mit Telluria-Banner


.

18. Januar 2015

Venedig 1940



Die alte Serenissima, die hier fast ausschließlich von Kindern belebt zu sein scheint. Kleine Jungen, die johlend über Plätze und Brücken laufen, kleine Mädchen, die allein oder in Begleitung von Müttern spielen und brav Gassen queren oder, geführt von Nonnen, zwei und zwei den Campo S. Agnese und dabei dem Schatten eines Hauses exakt ausweichen als sei er eine Mauer. Die wenigen Frauen kaufen ein oder hängen Wäsche auf den Campo, die wenigen Männer sind gemessener Haltung mit dem Tragen und dem Transport von Dingen beschäftigt, zu Fuß, zu Wasser, mit der Karre.  

Der Filmemacher Francesco Pasinetti zeigt uns das Venedig von 1940, die Stadt ist arm, aber weder zeigt noch bejammert sie ihre Armut. Man lebt in alten renovierungsbedürftigen Wohn-
häusern, geschniegelte hochglanzrenovierte Konversion ist noch fern, Hotels sind nicht das Thema des Films.  Die BewohnerInnen stellen sich selbst dar, haben ihre guten sauberen Sachen angezogen, kleine Mädchen in Spitzenkleidchen, SchülerInnen in Schulkleidung. 

Pasinetti nimmt uns mit zu Fuß über Brücken, entlang Ufer-
mauern, in Innenhöfe, lässt uns mitfahren auf menschenleeren Kanälen.


Wir erkennen die Orte auch nach 75 Jahren wieder, in Dorso-
duro, in Cannaregio, wir gehen mit über die Campi von S. Rocco und S. Giovanni Evangelista und über den Campo Bragora, wir fahren unter den kleinen Brücken von Birrí her und entlang der Kanalseiten der Wohnhäuser, wir sehen einen Dominikaner des Ospedale auf dem Rio dei Mendicanti rudern und durch das geöffnete Wassertor in den Innenhof des Palazzo Soranzo van Axel, und am Ende dürfen wir in Begleitung einer sehr kleinen Venezianerin über den Campo S. Stefano eintreten in den Pa-
lazzo Pisani und dem Chor des Conservatorio Marcello lauschen, der oben im Übergang zwischen den beiden Innenhöfen singt. 


Und wenn wir uns an die überfüllte Riva bei unserem letzten Venedigbesuch erinnern, das Gedrängele auf den breiten Brücken... wissen wir, was 75 Jahre in Venedig verändert haben, was WIR in 75 Jahren in Venedig verändert haben. 

Nochmals herzlichen Dank an Georg Eichinger, der mir den Link schickte.


.


26. Dezember 2013

Accademia - Renovierung vollendet

S. Maria della Carità Oktober 2012 frei von Einrüstung
Fast 3 Wochen ernsthaft stillgelegt durch eine Infektions-
krankheit, kann ich diese hocherfreuliche Nachricht erst mit Verspätung melden. Am 18. Dezember wurden die neuen Ausstellungsräume der Accademia und die Ergebnisse der 6 Jahre dauernden Renovierung vorgestellt. Bisher anscheinend nur von den lokalen und regionalen Medien zur Kenntnis genommen (venezia net; La Nuova); nicht einmal auf der Website der Accademia findet sich das Ereignis bisher.


Die Vergrößerung der Ausstellungsflächen ist vor allem zu danken dem Umzug der Kunsthochschule 2004 in den Komplex des ehemaligen Klosters und Hospitals der Incurabili an den Zattere (Haltestelle Santo Spirito, Linie 6; Zutritt nur gestattet anlässlich der ArtNight am Mittsommersamstag).
Dadurch wurden Räume im ehemaligen Kloster S. Maria della Carità frei, einem Werk Andrea Palladios, das nun nach der 6 Jahre dauernden Renovierung wieder zu bewundern ist.

Goethe lässt in seiner "Italienischen Reise" seiner Begeisterung für dieses Gebäude freien Lauf:

" Den 2. Oktober 1786.
Vor allem eilte ich in die Carità: ich hatte in des Palladio Werken gefunden, dass er hier ein Klostergebäude angegeben, in welchem er die Privatwohnung der reichen und gastfreien Alten darzustellen gedachte. Der sowohl im Ganzen als in seinen einzelnen Teilen trefflich gezeichnete Plan machte mir unendliche Freude, und ich hoffte ein Wunderwerk zu finden; aber ach! es ist kaum der zehnte Teil ausgeführt; doch auch dieser Teil seines himmlischen Genius würdig, eine Vollkommenheit in der Anlage und eine Genauigkeit in der Ausführung, die ich noch nicht kannte. Jahrelang sollte man in Betrachtung so eines Werks zubringen. Mich dünkt, ich habe nichts Höheres, nichts Vollkommeneres gesehen, und glaube, daß ich mich nicht irre. Denke man sich aber auch den trefflichen Künstler, mit dem innern Sinn fürs Große und Gefällige geboren, der erst mit unglaublicher Mühe sich an den Alten heranbildet, um sie alsdann durch sich wiederherzustellen. Dieser findet Gelegenheit, einen Lieblingsgedanken auszuführen, ein Kloster, so vielen Mönchen zur Wohnung, so vielen Fremden zur Herberge bestimmt, nach der Form eines antiken Privatgebäudes aufzurichten.


Die Kirche stand schon, aus ihr tritt man in ein Atrium von korinthischen Säulen, man ist entzückt und vergißt auf einmal alles Pfaffentum. An der einen Seite findet man die Sakristei, an der anderen ein Kapitelzimmer, daneben die schönste Wendeltreppe von der Welt, mit offener, weiter Spindel, die steinernen Stufen in die Wand gemauert und so geschichtet, dass eine die andere trägt; man wird nicht müde, sie auf- und abzusteigen; wie schön sie geraten sei, kann man daraus annehmen, dass sie Palladio selbst für wohlgeraten angibt. Aus dem Vorhof tritt man in den innern großen Hof. Von dem Gebäude, das ihn umgeben sollte, ist leider nur die linke Seite aufgeführt, drei Säulenordnungen übereinander, auf der Erde Hallen, im ersten Stock ein Bogengang vor den Zellen hin, der obere Stock Mauer mit Fenstern. Doch diese Beschreibung muß durch den Anblick der Risse gestärkt werden. Nun ein Wort von der Ausführung.

Nur die Häupter und Füße der Säulen und die Schlußsteine der Bogen sind von gehauenem Stein, das übrige alles, ich darf nicht sagen von Backsteinen, sondern bon gebranntem Ton. Solche Ziegeln kenne ich gar nicht. Fries und Karnies sind auch daraus, die Gleider der Bogen gleichfalls, alles teilweise gebrannt, und das Gebäude zuletzt nur mit wenig Kalk zusammengesetzt. Es steht wie aus  e i n e m  Guß. Wäre das Ganze fertig geworden, um man sähe es reinlich abgerieben und gefärbt, es müßte ein himmlischer Anblick sein.

Jedoch die Anlage war zu groß, wie bei so manchem Gebäude der neuern Zeit. Der Künstler hatte nicht nur vorausgesetzt, daß man das jetzige Kloster abreißen, sondern auch anstoßende Nachbarshäuser kaufen werde, und da mögen Geld und Lust ausgegangen sein. Du liebes Schicksal, daß du so manche Dummheit begünstigst und verewigt hast, warum ließest du dieses Werk nicht zustande kommen!"

30 neue Ausstellungsräume machen aus der erweiterten Accademia das größte staatliche Kunstmuseum Italiens. Die architektonische Restaurierung  ist vollendet, an der internen Technik wird 2014 noch weiter gearbeitet. Immerhin konnte ich im Oktober schon ein großräumiges neues Treppenhaus, zeitgemäße Sanitärräume und insgesamt die bisher in der Accademia vermisste Barrierefreiheit zur Kenntnis nehmen. Die Räume werden nun Schritt für Schritt kuratorisch bearbeitet und ausgestattet, das wird dauern. Der Kreuzgang wird für termporäre Ausstellungen und Konferenzen zur Verfügung stehen.

Für Venedig-LiebhaberInnen der erste Gang beim nächsten Besuch, wie auch der zur wieder eröffneten Scuola Grande di San Marco. Kompliment und Glückwünsche an die schönste Stadt, die es versteht, ihre Schätze zu pflegen und uns BesucherInnen immer wieder zu beglücken.

Artribune 12.12.2013

Blogeinträge zum Thema Palladio

Anekdote aus der Renovierungszeit: S. Maria della Carità Juni 2009






26. Mai 2013

Kleinste Kunst am venezianischen Bau

 
Zwei Pfauen, (naxischer?) Marmor, Castello, Fond. della Tana/Ponte della Tana

Bevor ab dem kommenden Wochenende die große Masse zeitgenössischer Kunst über Venedig ausgeschüttet wird - die Eröffnungen von Biennale, Pinault-Ausstellungen im Palazzo Grassi und der Dogana, der Prada-Ausstellung im Palazzo Corner della Regina, diverse Neben- und Satellitenereignisse der Biennale...

Ähnliches Motiv - Vögel mit Weinstock, Dorsoduro, Dietro gli incurabili
  ...will ich einen Eintrag schreiben über die kleine, alte, unspektakuläre Kunst am Bau, die überall in Venedig präsent ist: die Patera. Ein kleines Relief, 20-80 cm im Durchmesser, bis zu 10 cm dick, entscheidendes Merkmal: rund! Denn Reliefs an Gebäuden in allen Größen und Formen finden sich massen-
haft in Venedig (darüber ein anderes Mal), Patere sind nur die runden. 


Kampf zwischen Schlange und ?, Cannaregio
 Ursprünglich ein flaches tellerförmiges Kultgefäß in der griechischen und römischen Antike, weiter entwickelt in der byzantinischen Kunst, meist aus Ton, aber auch luxuriös in Silber, verziert mit Darstellungen nur auf der Oberseite, wurden Patere für Opferrituale verwendet.
Unter der Bezeichnung Patene gibt es ein ähnliches Gefäß noch immer im christlichen Opferkult (Kommunion, Abendmahl). 


2 Bären (?), Cannaregio
 Die künstlerisch-magische Verwendung  am Bau im byzan-
tinischen Venedig fanden Patere vom Ende des 10. bis zum 12. Jahrhundert, aber auch in folgenden Zeiten hat sich die kleine runde Form behauptet, und auch auf ägägischen Inseln  habe ich mit Patere geschmückte ältere Häuser (und stylische neue!) gefunden. Schöne Teller auf die Fassaden zu pappen hat sich als nachhaltige Idee erwiesen. 


Kirche S. Sebastiano, Eingang, Dorsoduro
In Venedig gibt es Patere in allen Stadtteilen, auch Touristen im Schnelldurchlauf können sie an der Basilika S. Marco bewundern. Hergestellt sind sie meist aus istrischem Stein, allenfalls griechischem Marmor, der weiße Carraramarmor ist zu empfindlich. Man kann ggfs. an ihrem Zustand erkennen ob es sich um alte Patere oder neue handelt (die man zur Haus- oder Gartendekoration vor allem in den Steinmetz-
geschäften in Cannaregio kaufen kann). Wenige alte Patere sind aus Metall. Manche der neuen sind aus Beton gegossen, was immer man sich dabei denkt. 


Dogenwappen, S. Marco, Innenhof Ca' del Duca
  Häufig sind Tiere dargestellt, auf alten verwitterten Patere sind sie manchmal kaum zu erkennen. Ist aber eigentlich egal, denn alle Tierdarstellungen haben Symbolcharakter und die Tiersymbolik wurde schon in der Antike geschickterweise so breit angelegt, dass sich im Prinzip jede/r aussuchen kann, was gemeint ist bzw. was er/sie passend findet.
Ein Löwe (wir sind in Venedig!) kann außer S. Marco auch Christus, Daniel, Hieronymus, sogar den Teufel, Beharrlichkeit, Tapferkeit, Mäßigkeit, Stolz, Überlegenheit, Auferstehung symbolisieren. 


Familienwappen, S. Polo, Calle Orsetti
Der Adler ist ein Symbol für Grechtigkeit und Stolz, der Biber für Keuschheit, der Bär für Unkeuschheit, das Einhorn für Jungfräulichkeit, der Hund für Treue, Neid und Zorn, die Taube für Demut, die Elster für Eitelkeit, der Pfau für Unsterblichkeit, der Drache für den Teufel und das Böse schlechthin, der Hase für Fruchtbarkeit... undsoweiter. Entscheidend für die ursprünglichen Patere ist die erhoffte magische Funktion: das symbolisierte Gute rein, das symbolisierte Böse raus.

Das geniale Familienwappen Malipiero,
Cannaregio, Calle Boldo
Der praktische Zusatznutzen trat später ein in Form von Selbstdarstellung: die Familiensymbolik der Wappen, die soziale Symbolik von Gruppen wie der venezianischen Scuole u. ä.. In Einzelfällen trifft heute wohl auch rein der persönliche Geschmack den Kern der Sache.

Symbol der ehem. Scuola del Volto Santo der Seidenhändler aus Lucca,
Cannaregio, bei S. Maddalena
(siehe auch Eintrag "Vom Finden verschwundener Kirchen" )
Patere sind schwer zu fotografieren, finde ich, denn sie hängen in der Regel hoch, man hat die Wahl zwischen Zoom und extrem schräger Untersicht, in beiden Fällen habe ich schon jede Menge Wackler produziert. Unbedingt sind Patere einer der Gründe, in Venedig nie den regelmäßigen Blick nach oben zu vergessen. Damit einem nicht die wunderschöne kleinste Kunst entgeht.

 
















Haus gespickt
mit Patere und Spolien, Cannaregio, Rio di Ca' Widmann bei der Kirche der Miracoli

.


.