6. Juli 2020

Neun Tage in Venedig



Neun Tage in Venedig hätten wir wohl gerne jetzt. Gassen und Campi noch leer, Kirchen geöffnet, Museen schrittweise auch, die Stadt und der Service kommen nach dem Shut Down wieder in Schwung, aber der Zauber der Isolation ist noch nicht vorbei. Covid 19 ist natürlich auch nicht vorbei, bei weitem nicht, und ich wundere mich über die ersten Grüße aus Venedig von Appassionati, die nicht an sich halten können und die noch prekäre Situation als Einzigartigkeit genießen und zusätzlich ein paar Bakterien und Viren zur bunten internationalen Mischung beisteuern möchten.

Dabei schaffen die Einheimischen es auch ohne Unterstützung, den R-Faktor von 0,43 wieder auf 1,63 zu wuchten: gerade eine kleine Geschäftsreise nach Serbien, wenige Tage diverser Kontakte, bei der Rückkehr ein positiver Test. Der Infizierte verweigert die Krankenhausquarantäne und mißachtet die häuslichen Quarantäneauflagen, obwohl, oder vielleicht auch weil, die allgemeinen Covid-Verordnungen im Veneto weitgehend aufgehoben sind. Gestern schon starb der Mann, der als neuer "Patient 0" galt und nach dessen Kontakten nach seiner Rückkehr in Vicenza gefahndet wird. Eine unbekannte Zahl von Infizierten. Eine versaute Statistik. Für heute hat Luca Zaia, Präsident der Region Veneto, einen neuen verschärften Erlass angekündigt.* Jeder Egoist nimmt was er kriegen kann. Beim Wort "Kamikaze" denkt jeder an 1 Person, aber nicht an die Vielzahl der Beteiligten, um die es eigentlich geht. 

Die venezianische Wirtschaft, allen voran der Bürgermeister und die Stadtverwaltung, schreit nach Rückkehr des Tourismus, und zwar des Massentourismus, sofort, denn sonst reichen die Einnahmen nicht. Hier gilt der schöne Satz von Jenny Holzer "Protect me from what I want." Denn "aber jetzt SLOW" wird reihum zitiert und für die Zukunft behauptet, aber ohne Ahnung und Plan und deshalb quasi folgenlos bis auf die Umleitung der Tagesausflüglerboote an die Fondamente Nove. Die Riva wirkt "SLOW" weil aufgeräumt und der Widerstand der Bewohner*innen von Cannaregio - geschenkt.



Die neun Tage in Venedig 

fanden im November 1785 statt, der Besucher war der Venezolaner Francisco de Miranda, ein Jahr vor Goethes erstem Venedigbesuch. Sein venezianisches Tagebuch, übersetzt und kommentiert von Jochem Rudersdorf, ist gerade in der Edition Bonn-Venedig erschienen. Es ist als Teil des Gesamtarchivs Mirandas von 63 Bänden seit 2007 als Weltdokumentenerbe der UNESCO eingetragen und wird unter dem Namen "Colombeia" von der Academia Nacional de la Hisotria de Venezuela aufbewahrt. Die deutsche Übersetzung des Tagesbuches ist eine kleine Broschüre, wie immer in diesem Verlag ein optisch wie haptisch schönes Büchlein mit historischen Abbildungen, 68 Seiten, davon 12 Seiten (!) Anmerkungen in Kleinstschrift und mit detaillierten Links. Ein ordentlicher Anhang, der zur Folge hatte, dass ich den Text im Lesesessel fläzend las, mit Laptop auf dem Schoß, und die vielen Links in die Lektüre einbeziehen konnte.

De Miranda hat in 9 Tagen nicht nur die gesamte heutige Agenda vorgebildeter Venedigbesucher*innen absolviert, da fehlt nichts an Kirchen, Kunst, Architektur. Er hat zusätzlich noch die damalige VIP-Führung im Arsenale (mit Frühstück) genossen, die Gefängnisse besichtigt, nahm täglich privaten Italienischunterricht, erfreute sich an Abendgesellschaften der venezianischen Elite und selbstverständlich der Gastfreundschaft mehrerer Kurtisanen. Und er besuchte die Aufführungen sämtlicher Theater und Opernhäuser Venedigs, täglich, und wandte sich mit Grausen sowohl von der Bühne als auch dem Publikum. 
Und er beklagt - wie auch Goethe in seinem Tagebuch - den offensichtlich unbeschreiblichen Dreck in der Stadt. Bei Goethe dachte ich noch, na gut, vielleicht im Vergleich zu Weimar... aber de Miranda ist ein welterfahrener, weitgereister Mann vielfältiger Lebenserfahrungen und Urteilsfähigkeit. Seine glaubwürdigen Beschreibungen schmerzen wohlmeinende Leser*innen, immer wieder kommen drastische Details wie z. B. bei der Besichtigung der beiden Säulen auf der Piazzetta: "Aber um sich zur genaueren Betrachtung dieser großartigen massigen Gestalten zu nähern, ist es unumgänglich, sich mit der Scheiße zu beschmutzen, die ihre Postamente bedeckt." Und er ruft desillusioniert: "Bei Gott, wie ist es möglich, dass man im Angesicht derartiger Bauten, wie es sie hier gibt, solchen Unflat hinterlässt!"

Manche Dinge ändern sich glücklicherweise in 200 Jahren, andere wiederholen sich, wie Seuchen und Epidemien. 
Haben wir noch ein wenig Geduld, bleiben wir noch ein bisschen "drin" mit Lesenswertem wie diesem kleinen Buch und anderen Reiseberichten, je älter, desto spannender und ungewöhnlicher. (Notiz für mich: Liste alter Reiseberichte und Tagebücher Venedigreisender inkl. Links schreiben und in den Blog setzen.)



Arturo Michelena 1896
Mirandas letzte Tage im Gefängnis von Cádiz

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6.7. Gazzettino Regole rigide per chi viene dall'estero und PDF Erlass 6.7.
7.7. FAZ Zwangseinweisungen ins Krankenhaus?


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29. Juni 2020

Lagune aus der Ferne - ein neues Konzept für Venedig-Führungen

Bilder: bei Torcello, September 2017/ Oktober 2018

Gestern war ich mit einer schönen Führung in der venezianischen Lagune. Obwohl ich mich derzeit und für den Rest des Jahres in keinen Flieger oder Zug setzen würde und auf Reisen verzichte. 
Meine Regale sind voller Venedig-Material vor allem zu Kunst, Kunstgeschichte, venezianische Geschichte aller Themenbereiche, besonders der Kolonien oltre mare. Ein guter Teil davon noch ungelesen, da in Griechenland oder Venedig gekauft, sehr speziell und zeitaufwändig zu lesen - ideal für eine lange (soziale) Distanz. Das passt also.

Darüber hinaus gibt erfreulich erfinderische Leute, die mit genialen Ideen in die Situation eingreifen: z. B. Luisella Romeo mit ihrem Angebot von Führungen, Spaziergängen und Exkursionen - ONLINE! Sie nennt es 'virtual tour' und 'webinar', es handelt sich um eine Zoom Konferenzschaltung, für die man die Software herunterladen muss. Kostenlos, aber dass wir für solche Anwendungen mit unseren Daten bezahlen, wissen wir. Während der jetzt 4 1/2 monatigen Distanz habe ich mich nach Skype und Googlechats auch an die Zoom Konferenzen gewöhnt. 

Die virtuellen Venedigführungen Luisella Romeos sind einerseits eine erfolgreiche Reaktion auf die Reisesperre, es gibt immer mehr Termine und Themen im Angebot. Andererseits gefällt ihr die neue Form, ihren Job auszuüben, so gut, dass sie es als Angebot beibehalten will. Für Venedigfreund*innen, die nicht reisen können, die über Pauschalwissen und Venedigklischees hinaus wollen, die mehr differnzierte Details über Venedig erfahren möchten, die sich auf eine Venedigreise vorbereiten (und nach einer ersten virtuellen Tour vermutlich gerne eine reale persönliche Führung in Venedig geniessen wollen).




Meine gestrige Tour hatte 7 Teilnehmerinnen aus NL, UK, US, DE, in englischer Sprache, dauerte knapp 2 Stunden. Details siehe:


The Venetian lagoon: landscape, birds and boats

Next Dates of this virtual tour:
June 28th at 7pm CET time and July 11th at 7pm CET time and July 26th at 7pm CET time
About this webinarUnlike other marshland areas along the coasts of the Mediterranean sea, the Venetian lagoon has its own uniqueness. With the help of Luisella Romeo, licensed tourist guide in Venice, during this webinar you will discover what makes this landscape so special and learn about the variety of the fauna, in particular its birds. You will see how man designed specific boats to move around the shallow water and pursue an economy based on fishing, hunting and more.
Duration
The duration of the whole event is around 1,5 hours total including a Q&A session
Cost
Cost per webinar is 35euro per user — you can be as many as you want in front of your computer screen


Lusiella Romeo arbeitet auch in deutscher Sprache, bei entsprechenden Teilnehmer*innen - oder wenn sich eine Gruppe von unter 10 Personen gemeinsam für eine deutschsprachige Tour zu einem Wunschthema anmeldet. 

Dieses Webinar drehte sich NICHT um die bekannten Inseln, sondern ausschließlich um Themen der Lagune: die seit Jahrhunderten menschengemachte Landschaft, Fauna (vor allem Vögel), Flora, die historische Entwicklung der Lagune, ihre Nutzung und Ausbeutung durch Fischer, Jäger, Landwirtschaft, Industrie, Tourismus; die ökologischen Perspektiven der Lagune und die Unmöglichkeit, wirksame Naturschutzgebiete einzurichten; um die Architektur der Lagune, die Mobilität der Lagunenbewohner*innen durch Nutzung verschiedener Boote; die Bedrohung der Lagune durch Kreuzfahrtschiffe und petrochemische Industrie; die Auswirkungen politischer Entscheidungen auf mögliche Entwicklungen in kürzeren oder längeren Zeiträumen. 

Alles sehr interessant, professionell gut vorbereitet unter Nutzung der Multimediaanwendungen, die Zoom bietet. Und obwohl nicht am Ende der "Tour" eine Frage-Anwort-Runde stattfand, sondern die ganze Zeit von uns Teilnehmerinnen dazwischengefragt und Themenschleifen gedreht wurden, liess sich Luisella nicht aus dem Konzept ihrer Tour bringen. Sie blieb 2 Stunden lang entspannt, fokussiert, zugewandt und charmant (wenn die letzte Bewertung erlaubt ist). Es wurde viel gelacht in der Gruppe, deren Teilnehmerinnen alle Venedigkennerinnen waren, einige einen venezianischen Zweitwohnsitz haben.

Für heute hatte Luisella Romeo ein Mail zur 'Nachbereitung' angekündigt, das ich morgens prompt in der Mailbox fand, Links zu Einträgen in ihrem Blog (also öffentlich!), ich kann sie deshalb hier ungeniert einfügen:

The Birds of the Lagoon of Venice
Wine and vinyards in Venice and its islands
A boat that helped create a mircle called Venice, the trabacolo
Gesamtinhaltsverzeichnis des Blogs, lesenswert und informativ.
Und ein Link zu weiteren experimentellen Venedig-Angeboten dieser bewundernswert kreativen Dame: Unique experiences in Venice.

Ob aus der Distanz oder in Venedig selbst: ich rate, eine Führung Luisellas auszuprobieren. Ich hatte, wie bei den anderen Führungen, die ich getestet und hier empfohlen habe, zwei sehr lehrreiche und angenehme Stunden. Sehr empfehlenswert. Kontaktangaben auf ihrem Blog/ihrer Website.


Siehe auch Eintrag 17.2.20 "Lagunengesang"
Siehe auch Marco Zecchin 30.6.20 Venice Tours in the time of COVID






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19. Juni 2020

Venedig feiert den Neubeginn




Quelle: Comune Venezia

Wie sonst könnte man in Venedig ein Jubelfest veranstalten? Mit einer Bootsparade durch alle Sestieri der Stadt. Mit der Vogada di Rinascita, zu der alle Venezianer*innen für den 21.6. eingeladen sind, die rudern können - am liebsten die venezianische Voga - und über ein Boot verfügen, eigenes, geliehenes, Vereinsboot... 

Venedig war 4 Monate stillgelegt, dazu gehört auch die Regattensaison, ein wichtiger Aspekt des aktiven venezianischen Sports und Soziallebens. Auch auf die vielgeliebte Vogalonga musste verzichtet werden. Aber nun fällt der Startschuss, veranstaltet vom Panathlonclub und der Stadt Venedig. Jede*r einzelne Ruder*in musste bis heute Abend online namentlich angemeldet sein, die Boote sammeln sich am Sonntagmorgen ab 10:15 Uhr im großen Becken des Arsenale. Abfahrt um 11 Uhr, die Ruder*innen werden begleitet von den Musiker*innen des Gran Teatro la Fenice, die die Zeremonien an 3 Haltestellen musikalisch begleiten. 
Erstes Ziel  (11:20 Uhr) ist das Ospedale Civile mit Alzaremi (feierliches gemeinsames Aufrichten der Ruder aus dem Wasser) zu Ehren der Opfer der Pandemie und der Menschen, die im Krankenhaus arbeiten. Danach Fahrt der Parade entlang der Fondamente Nove, Einfahrt in den Rio di Cannaregio (12 Uhr), und Halt mit erneutem Alzaremi beim 2. Ziel, dem Centro Servizi di San Giobbe, einem großen Altenpflegeheim. Weiterfahrt 12:20 Uhr, Fahrt der Parade durch den Canal Grande und Ankunft 12:50 Uhr bei der Salutekirche, Votivgabe der Republik Venedig an die Madonna della Salute nach dem Ende der Pestepidemie von 1630. Ein schöner Plan, der keine Symbolik unberücksichtigt lässt!

Das detaillierte Gesamtprogramm (auch das musikalische) steht in Metropolitano.it vom 18.6..


Quelle: La Nuova

Die Vogada di Rinascita, offiziell und aufwändig vorbereitet, ist sicher vor allem ein Ausdruck der Freude, dass die Isolation der Stadt und aller ihrer Bewohner*innen zu Ende ist und das gemeinsame Leben wieder genossen werden kann. Die Venezianer*innen kennen sich ja untereinander quasi alle, und für die ausgefallenen Feste des Frühlungs ist eine Bootsparade eine kleine Entschädigung. 
Aber natürlich ist es auch eine Marketingmaßnahme der Stadt und des Tourismusgewerbes, die nichts unversucht lassen, so schnell wie möglich wieder die Gassen, Restaurants und Betten zu füllen. Wenn am Sonntagabend in allen Nachrichtensendungen der Welt (und dafür wird vorgesorgt sein) Bilder von rudernden, jubelnden, trubelnden Venezianer*innen in Parade zu sehen sind, sollten die Schreckensnachrichten der letzten Monate übertrumpft werden, oder? 

Die diversen Bürgerinitiativen haben letzten Samstag noch eine große Demonstration an den Zattere veranstaltet, gegen große Schiffe, gegen Massentourismus, für eine menschliche Stadt der Bürger*innen mit rücksichtsvollem Tourismus. Sie hoffen, dass 4 Monate Ruhe in der Stadt Optionen der Veränderung zeigen. Es gefiele mir, wenn sie sich am Sonntag nicht vereinnehmen liessen indem sie in den kostenlos zur Verfügung gestellten Rinascita-Werbehemden, -hüten, -fähnchen paradieren, sondern diese PR-Gelegenheit aktiv nutzten, ihre wichtigen Forderungen nachdrücklich medial zu vertreten.     


Quelle: SkySport

Nachtrag 22.6.
Hier zeigt sich: in Fragen venezianischer Feierlichkeiten bin ich nicht kompetent. Die Erfahrung der großen Sachen wie Redentore, Regata Storica und Carnevale sowieso habe ich bisher gemieden. Wenn ich "Parade" höre, denke ich an den Kölner Karnevalszoch und die ebenso kölsche Gay Pride oder die 2fach jährlichen nationalen Paraden Griechenlands. Aber so geht das nicht in Venedig. Die einzige jubelnde und trubelnde Person gestern war der notorische Bürgermeister Brugnaro, der wie immer keine Kamera davonkommen liess ohne hampelnd einen Wortschwall zu platzieren. Und der nicht auf enge Körperkontakte per Ellenbogen verzichtete, z. B. mit den Mitarbeiter*innen des Ospedale Civile. Denn venezianische Bürgermeister stehen, wie amerikanische Präsidenten, über allgemein verbindlichen Regeln. 

Alle anderen Teilnehmer*innen in den ca. 200 Booten der Vogada tun, worum es geht: sie rudern. Hintereinander stehend. (Sitzend: die Mitglieder des Kayak Clubs.) Auf jeden Fall schweigend ob einzeln oder im Team, und als Team konzentriert auf den gemeinsamen Arbeitsrhythmus. Da es nicht um eine Regatta ging, waren das die typisch venezianischen ruhigen Ruderschläge, bei deren Anblick man sofort die Lieder der Lagune im Ohr hat oder zumindest die Barcarole von Offenbach. Ich habe die ganze Vogada auf der Webcam gegenüber von S. Angelo gesehen und war bewegt von dem Eindruck rhythmischer steter Bewegungen in den Booten, alle beharrlich unaufgeregt auf das gleiche Ziel hin. Ein schöner Anblick von gemeinsamer Zielstrebigkeit.

Diese "offiziell" organisierte Vogada, zu der man auch den katholischen Patriarchen und die Botschafter der US, Frankreichs und Japans mit ins Boot genommen hatte, wurde im wesentlichen von den Sportclubs der Stadt in Vereinskleidung getragen, nicht von individuellen Teilnehmer*innen. Junge Musiker*innen des Conservatorio Benedetto Marcello spielten vor dem Start im Arsenale und der Chor des Teatro Fenice traten mit mehreren Stücken am Ende der Vogada, auf den Stufen der Salutekirche auf.

Nachtrag 27.6.
Authentischer Bericht von Erla Zwinglis Blog "I'm not making this up"


Quelle: SkySport



Einträge zur Situation Covid 19 in Venedig:

18. Juni 2020

Quarantäne und venezianische Lazzaretti



ehem venezianisches Lazzaretto Monembasía (Malvasia)

Seit ca. 2 Monaten werden die Einträge zu den Lazzaretti in der Lagune verstärkt aufgerufen. Das mögen alles Googlesuchen nach "Quarantäne" sein, die auf diesem Blog landen und nicht nur mich, sondern auch die Suchenden überraschen. Kaum ein Artikel zum Thema Quarantäne verzichtet auf die Information, dass sie von den Venezianern erfunden wurde. Aber selbst wer über sein Suchergebnis staunt, findet das Thema interessant, warum also nicht?

Hier die Links zu allen Lazzarett-Einträgen:

17.02.19 Lazzaretti in der venezianischen Lagune
11.10.16 Die venezianischen Lazzarette - Saisonende 2016
21.10.15 Saisonende auf den venezianischen Lazzarettinseln
23.03.12 Lazzaretto Nuovo ab 1. April
28.03.10 Lazzaretto Nuovo

ehem. Lazzaretto Monemvasía (Malvasia)

Dass der für die Lazzaretti verantwortliche Archeoclub in diesem Jahr noch Besuche anbietet, halte ich für unwahrscheinlich, da die Führungen durch Ehrenamtler*innen und auf Spendenbasis erfolgen. Die hektischen (und aus meiner Sicht: leichtsinnnigen) allgemeinen Öffnungen in Venedig haben ja rein wirtschaftliche Gründe, die im Falle der Führungen nicht gegeben sind. Auch das jährlich stattfindende archäologische Sommercamp auf einer der Inseln wurde abgesagt.

Die Nutzung des Lazzaretto Vecchio durch das Biennale Filmfestival wie in den letzten Jahren als Aufführungsort von Virtual Reality-Produktionen (siehe Venice Virtual Reality 2018  Venice Virtual Reality 2019) ist 2020 nicht vorgesehen.

Neuigkeiten, und zwar erfreuliche, gibt es dennoch: das seit 2 Jahrzehnten von venezianischen Archäologieenthusiast*innen geplante Archäologiemuseum der Lagune bekommt durch neue Mittel, die das Franceschini-Ministerium über die verarmte italienische Kultur rieseln lässt, 11 Mio. für den Ausbau des Lazzaretto Vecchio als Museum (Museum der Stadt und der Lagune). An Artefakten zur Dauerausstellung mangelt es nicht, temporäre Ausstellungen sollen geboten und ein Teil der riesigen Räumlichkeiten regelmäßig von der Biennale genutzt werden. Auch die Kunstbiennale war bereits auf dem Lazzaretto Vecchio lmit dem Außenprojekt der niederländischen Ausstellung 2015. Bei meinen bisher 3 Besuchen bzw. Führungen hatte ich im Rahmen meiner Möglichkeiten immer ordentlich gespendet, beeindruckt von der Hartnäckigkeit, mit der sich die Leute vom Archeoclub in ihr Archeologiemuseumprojekt verbissen haben, aber eigentlich nicht an die Zukunft dieses Projekts geglaubt. Irrtum, wie schön.

Noch im Herbst 2019 war ein Dach eingestürzt über den Räumen, die für Nutzung durch die Biennale renoviert wurden. Zum Glück nach den Filmfestspielen, ein Gerüst wurde sofort aufgestellt und die Renovierung kurzfristig begonnen. Der Stadtrat hatte daraufhin 120.000 € beschlossen für den Aufbau des Stegs, der vom nahen Ufer ins Lazzaretto Nuovo führen und die bisherigen Bootsüberfahrten überflüssig machen soll.
Man kann also hoffen, dass die vorhandenen 11 Mio. kurzfristig und zielführend ausgegeben werden und mit dem Geld ein guter Teil der geplanten Renovierungen verwirklicht werden kann. Vielleicht kommt unter den Umständen auch der Spendenfluss kräftig Gang, dank wohlhabender Appassionati der venezianischen Geschichte? Mithilfe internationaler Stiftungen? 


ehem. venezianisches Lazzaretto auf Zákynthos (hellblauer Pfeil)

Die britische Stiftung Venice in Peril beteiligte sich bereits 2007 an den Kosten der Restaurierung der Graffiti im Teson Grande, dem großen Warenlagerhaus, auf Lazzaretto Nuovo (siehe auch Bücherhinweise unten). 
Am 23.6. bietet Venice in Peril über Zoom einen Online-Vortrag der Historikerin Jane Stevens Crawshaw an, Autorin von "Plague Hospitals. Public Health for the City in Early Modern Venice". Der Vortrag: "If walls could talk; the Lazzaretti of Venice, plage and quarantine" findet um 18:30 BST, 17:30 MEZ statt und ist kostenlos; eine Spende wird erbeten, siehe Link unten, wie auch der Link zur Anmeldung zur Zoom-Sitzung (die installierte Software vorausgesetzt), eine Bestätigung erfolgt kurzfristig, die Freischaltung am 23.6. erfolgt erfahrungsgemäß zum angekündigten Zeitpunkt.

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Restmauer des ehem. Lazzaretto auf Zákynthos

Venezianische Lazzaretti gab es auch jenseits der Lagune: im Herrschaftsgebiet oltre mare, in dem gerade die Hafenstädte für die Versorung der Dominante und die Kaufmanns-, Pilger*innen- und Militärreisen eine wichtige Rolle spielten. In den Häfen eintreffende Schiffe mussten bis zum Reiseziel komplette Belege der angefahreren Etappen vorlegen - beim Verdacht auf mögliche Ansteckung erfolgte die Überweisung von Mann, Maus und Cargo ins Lazzaretto.

Seit einigen Jahrzehnten klettere und krabbele ich urlaubsmäßig in (nicht nur) venezianischen Festungsanlagen entlang der Adria und der Ägäis herum, die zum Teil gut erhalten und geschützt sind. Schwere Befestigungsstrukturen wie Türme, Kurtinen, Großzisternen können gut konserviert sein, während die einfacheren Bauwerke der Lazzaretti den Weg ins Recycling von Baumaterial fanden. Zu den vernichteten Lazzaretti existieren zum Glück Dokumentationen in den Archiven. 2015 fand in Venedig eine Konferenz "Lazzaretti veneziani in Grecia" statt. Ein Plan der venezianischen Lazzaretti zeigt, wenn man auf die jeweiligen Orte klickt, Archivdokumente zum jeweiligen Lazzarett. Die Ruinen selbst können sehr verschieden sein, hier 2 Beispiele:

Auf Zante (dem heutigen Zákynthos) ist neben schönen erhaltenen venezianischen Kirchen und einem gut studierbaren Kastell eine einzige Mauer des Lazzaretts, außerhalb der Stadt direkt am Meeresufer, übrig geblieben.

Aber in Malvasia (dem heutigen Monemvasía) blieb das Lazarett am Fuß des Felsen, an der Brücke zum Festland, entfernt von der ummauerten Unterstadt und von der Oberstadt sowieso, gut erhalten. Denn Malvasia wurde quasi aufgegeben und am Festlandufer eine neue Ortschaft gebaut - das ehemalige Lazzarett wird jetzt als ein originelles, ja pittoreskes, Hotel "Lazareto" genutzt.


Einer der ehem. Krankensääle auf Lazzaratto Vecchio, Venedig, renoviert

Hier gibt es noch weitere Links und Hinweise zur Vertiefung dieses spannenden Themas:
"Peste e Lazzaretti" ein kurzer Youtube-Film des Archivio di Stato Venezia

"Venezia nel 1576 privilegi`gli interessi economici alle misurie sanitarie ... e fu pandemia!" aktueller Artikel der venezianischen Gesundheitshistorikerin Nelli Elena Varzan Marchini
"Il Modello Sanitario della Serenissima ai tempi della peste" Vortrag/Powerpoint von Nelli Elena Varzan Marchini
Venipedia "La peste, le epidemie del passato a Venezian e i lazzaretti come efficiente soluzione di prevenzione"
Atlas Obsura "The Black Death in Venice and the Dawn of Quaratine"
"Il Lazzaretto Nuovo di Venezia - Le scritture parietali" von Francesca Malagnini. Wissenschaftliche Studie des Lazzaretto Nuovo, besonders der erhaltenen Graffitti.
"Isola del Lazzaretto Nuovo" Hrsg Gerolamo Fazzini, Archeovenezia 2004

Ufer der Insel Lazzaretto Vecchio


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8. Juni 2020

Schwimmen unter der Rialtobrücke


Nein!

Touristen*innen auf der Suche nach dem Kick und ungeklärten Bakterien/Viren im Wasser. Brachte 2 deutschsprachigen Typen je eine 350 € Knolle und Stadtverbot ein.



Ja!

Junge venezianische Einheimische, die sich konform und artgerecht benehmen. Und so lange der Verkehr noch immer massvoll ist... 




(Quelle beider Videos: La Nuova)

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4. Juni 2020

Statt Architekturbiennale - Alternatives



Keine Architekturbiennale in diesem Jahr, nach der ersten Terminverschiebung von Mai auf August 2020 und mit verkürzter Dauer wird die 17. Architekturbiennale  2021 nun die längste Ausgabe bisher. Auch die Website wurde umgehend angepasst, die Informationen für 2020 wurden ersetzt. Einige Kommentare dazu finden sich in meiner Vorschau vom 21.2. mit fortlaufenden Ergänzungen, die so bleibt wie sie ist. Die Arbeit ist gemacht und zu den vielen unerwarteten Ereignissen des Jahres 2020 trägt sie als Dokumentation weiter bei. 

Gehen wir zur Tagesordnung über, 2021 sehen wir weiter. 
Die FAZ macht sich hinter einer Paywall Gedanken zum deutschen Pavillon "Wird alles gerade noch mal gut gegangen sein?". 
Seit Wochen steht der russische Pavillon online, die Idee, über die perspektivisch nachgedacht werden könnte: 
24.3. World Architecture Russian Pavilion's Open! Exhibition Goes Online 
8.5. archdaily Open! The Russian Pavilion Goes Completely Digital
1.6. Flash Art 17. Biennale di Venezia: il Padiglione russo sarà esclusivamente online
Dagegen hat Australien leider nach einer spannenden Ankündigung den Rückzug angetreten: 14.4. designboom Australia withdraws from 2020 Architecture Biennale.

Die Biennaletermine für Tanz, Film, Musik und Theater gelten weiter, ggfs. mit Programmänderungen oder angepassten Veranstaltungsorten. Und interessante Veranstaltungen kommen dazu:
Derzeit läuft für 10 Tage das Filmfestival "We Are One" ein wirklich historisches Ereignis der Filmkunst. Global und kostenlos zeigen auf Youtube 19 internatione Filmfestivals, auch das venezianische, eigens für diese Veranstaltung kuratierte Programmsparten. 

Zum vorgesehenen (verschobenen) Architekturtermin 29.8.-27.11. wird ein Alternativprogramm im Zentralpavillon der Giardini und des Arsenale bis Ende des Jahres organisiert. Verantwortlich für das Programm zur Geschichte der Biennale di Venezia sind die derzeit aktiven künstlerischen Leiter*innen verantwortlich: 
Cecilia Alemani (Kunst)
Alberto Barbera (Film)
Marie Chouinard (Tanz)
Ivan Fedele (Musik)
Antonio Latella (Theater)
Hashim Sarkis (Architektur)
Für das Programm steht Material aus dem Archiv der Biennale (und anderen Archiven) zur Verfügung, es wird neben Ausstellungen Performances und Aufführungen von Tanz, Musik und Theater geben und Filmvorführungen, auch im Rahmen der jeweiligen offiziellen Biennaleereignisse.
Darüberhinaus werden - sehr interessant, neu und sehr zu empfehlen - Führungen mit Schwerpunkt Geschichte und Architektur in den Giardini und im Arsenale angeboten. Wenn ich es richtig verstehe, ist das Angebot kostenlos, zumindest gibt es bisher keine Ticketankündigungen (und das ist normalerweise der erste Schritt). Das Programm mit konkreten Terminen wird noch veröffentlicht und natürlich an dieser Stelle ergänzt. 

Mehr Informationen dazu:
20.5. Venezia today Biennale rimandata ma Giardini e Arsenale aperti e attivi tutto l'anno
20.5. Cinecittà News Un'arena all'aperto per Venezia
21.5. Metropolitana Covid unisce le arti: a Venezia una nuova Biennale
22.5. Artribune Rinviate la mostra d'Architettura, la Biennale di Venezia lancia un Biennale alternativa



Ergänzung 30.6.
Ab 15.7 laufen für Einheimische und Besucher*innen Bildungsangebote der Biennale, die Ausstellung "La Biennale all'Arsenale 1998/2020" in den beiden zentralen Ausstellungsbereichen Arsenale und Giardini sowie Führungen mit Schwerpunkt zu Geschichte und Architektur in den Biennale-Geländen. (Ich nehme an, dass es in Kürze eine englische Version dieser Hinweise geben wird.)

Die Führungen werden auf englisch und italienisch angeboten, bei entsprechender Nachfrage auch in weiteren Sprachen.
Die Führung in den Giardini gilt den nationalen Pavillons besucht, alle außerordentliche Bauten bekannter nationaler Architekten, und der architektonischen Entwicklung des Ausstellungsgeländes der Giardini.
Bei der Führung im Arsenale geht es um das historische mittelalterliche Industriegelände und seine Entwicklung durch die Jahrhunderte, und die Restaurationen der Bauten in den letzten Jahren zur Nutzung als Ausstellungsräumlichkeiten.

15.7.-25.10. Die Fotoausstellung "La Biennale all'arsenale 1998/2020. Gli interventi die restauro e riqualificazione" zeigt die (beeindruckende) Restaurierung und Vergrößerung der sehr verschiedenen Ausstellungsräume und der Biennale-Infrastruktur.

Für Eltern und Kinder gibt es ein Bildungskursangebot und Wanderpfaden in den Ausstellungsgeländen zu den verschiedenen Aspekten der Biennale. Nur auf italienisch.

Detailliertes Programm dazu folgt in Kürze.
Siehe dazu auch 
30.6. Venezia Today Visite guidate gratuite all'Arsenale e ai Giardini di Venezia.
30.6. artemagazine Estate alla Biennale di Venezia


Wer in diesem Jahr noch in die schönste Stadt kommt, findet weitere Veranstaltungshinweise unter 
6.1. Venedig Kulturkalender 2020 Januar-Juni (Juli-Dezember folgt in Kürze)
3.5. Termine der Öffnungen unter Covid 19


Ich empehle hier noch ausdrücklich ein unabhängiges Kunst- und Wissenschaftsangebot (auch im Kulturkalender enthalten), das nicht im Chaos von Covid und Biennaleabsage untergehen sollte: 
22.3.-27.9. TBA21-Academy, Ex-Kirche S. Lorenzo: "Territorial Agency: Oceans in Transformation". 

Veranstaltungen des Projekts:
26.6. und alle Freitage im Juli 18:30-20:00 Uhr Lagunengespräche während geführter Wanderungen "Lagoon, Coastal Ecosystems and Impact of Shhip Traffic with Gian Marco Scarpa - Walking (The) Trajectories: Venezia come modello per il futuro?" Teilnahme kostenlos, Anmeldung erforderlich (siehe Link), Treffpunkt Campo San Lorenzo

Artikel zum Projekt:
* e-flux TBA21-Academy
* ARTcritique "Venice to host 'Oceans in Transformation - an exhibion on the mystery and troubles around our oceans"
* exibart "Ocean Space, Venezia: al via i progetti online die 'La Città Riflessa'
* Artribune Un'installazione luminosa ci parla dall'innalzamento dei mari. Il programma di eventi
* e-flux "When above"
* CLOT Magazin TBA21 Tag
* Ocean-Archive The Ocean's Many Waters
* NYTimes 'More Blue': An Artwork Shows the Sea Changing during Lockdown
* APT Diary Territorian Agency: Oceans in Transformation - Ocean Space
* Institut Kunst Phenomenal Ocean (Podcasts)
* Arte.it Territorial Agency: Oceans in Transformation
* sky arte Il futuro di Venezia tra emergenza climatica e post-pandemia.
* intime (Flughafenmagazin Venedig Jun-Aug 2020) A Time for Ocean Imagination and Ocean Action
* e-flux Infrastructural Snare

Zum Ausstellungsort siehe auch Einträge im Label S. Lorenzo. Haltestelle S. Zaccaria.


Ergänzungen weiterer Veranstaltungen und Programmtermine folgen hier.



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30. Mai 2020

(Wie) kann es weitergehen mit Venedig?

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Aus der menschenleeren Zeit. Quelle: Skyline

Es wird noch lange dauern, bis wir Venedig wieder besuchen können. Wann, unter welchen Bedingungen und Risiken, ist noch völlig unklar - ich gehe davon aus, dass es 2020 nichts mehr wird und habe meine Pläne für den Herbst abgesagt. Die Aufrufe in den Medien mehren sich, nicht zum bisherigen Mordi e fuggi zurückzukehren, ebenso wie Vorschläge, wie das realistisch, nachhaltig und utopisch aussehen könnte. Tatsache ist, dass niemand weiss, wie es weitergehen gehen wird mit Venedig.

Ob die Bemühungen, befristete Mietverträge für Studierende zu erreichen in den vielen Häusern und Wohnungen des touristischen Wohnungsmarktes erfolgreich sein werden? Oder ob die frustrierten Eigentümer*innen auf die Kaufangebote chinesischer Agenturen eingehen, die in den letzten Monaten in der Stadt die Runde machen (Adressen sind leicht dem www zu entnehmen)? Lieber eine Summe in der Hand als regelmäßige hohe Mieteinnahmen, die seit 1/2 Jahr komplett ausbleiben und vielleicht nie mehr zu realisieren sind? Dass damit vielleicht nicht nur kleine Bars und Restaurants, sondern auch der Immobilienbesitz (wie in Mestre) immer mehr in chinesische Hände gelangt und die Abwanderung der Einheimischen weiter geht?

Ob die Förderung des venezianischen Handwerks und Kunsthandwerks und der Startups junger Venezianer*innen, schon nach der Hochwasserkatastrophe im November versprochen, umgesetzt wird oder es bei den schönen Worten bleibt wie bisher?

Ob die bisherigen Versuche der "Steuerung" der Besuchermassen immer weiter scheitern werden? Da das Marketingkonzept der Stadt im Ausland immer weiter auf mehr und mehr Wachstum bei den Besucherzahlen zielt? Die Riesenschiffe weiter in die Lagune kommen anstatt in Triest anzulegen? Oder ob es ein paar klugen Leuten gelingt, die klugen Vorschläge vieler anderer Leute gegen die Interessen der Tourismusindustrie (und der Stadtverwaltung) und für eine nachhaltige Zukunft Venedigs und der Lagune durchsetzen?

Oder ob vielleicht bereits im Herbst die Stadt wieder voll ist mit Reisegruppen, die ahnungslos hinter den Fähnchen der Stadtführer*innen tappen, ohne Erklärungen einordnen zu können, was aber nichts macht, denn sie kommen sowieso nicht um zu sehen und zu hören, sondern um zu fotografieren? 

Ob weiter das Hochwasserprojekt MOSE als Einkommensquelle für Politiker, Arbeitsbeschafftungsmaßnahme für ganze Firmenbelegschaften und Finanzierungspool für Konstruktionsfirmen dient, aber nicht dem Schutz der Lagune vor Hochwasserstürmen? Und falls es überhaupt zum Abschluss der Arbeiten kommt, wie und wie lange werden sie funktionieren?

Ob "Hygienekonzepte", Regeln und Verordnungen kein Thema mehr sind, sobald die Existenzangst Hoteliers, Wohnungsvermieter*innen, Laden-, Kneipen-, Restaurantbetreiber*innen nicht mehr ganz so nackt droht? Bis zur nächsten Pandemie oder zum nächsten Hochwassersturm?

Denn selbst wenn die Venezianer mit viel Angst, aber  "Andrà tutto bene" und "Duri i banchi!!" ("hart auf den Bänken!" alter Befehl an die Rudermannschaften venezianischer Galeeren, Galeonen, Galeazzen während Seeschlachten, vor dem Aufprall die Ruder loszulassen und sich an den Bänken festzuhalten) während der Schrecken des letzten Halbjahres  Haltung bewahrten - wenn die Prognosen zur Höhe der Meeresspiegel zum Ende des Jahrhunderts wahr werden, gibt es keine Rettung. 

Ich verlinke hier fortlaufend Meinungen, Vorschläge und Initiativen zum künftigen Venedig nach dem katastrophalen Hochwassersturm am 12.11.19 und der in Venedig niemals zuvor erlebten Erfahrung, völlig frei von Besucher*innen zu sein. Pragmatische, utopische, gefühlsbetonte - was ich in Zeitungen, Newslettern, Social Media an Interessantem finde. Vielleicht kann man im Laufe der Monate nachlesen, wie gute Absichten krachend scheitern oder zur vorläufigen Rettung Venedigs beitragen.





13.3. Süddeutsche Zeitung Venedig - geschlossene Stadt

19.4. ytali. Venezia domani. Interview mit Claudio Scarpa, Vorsitzender der A.V.A. Associazione Veneziana Albergatori.

24.4. Campaign For A Living Venice: Venice. From overtourism to sustainable tourism.

27.4. Protokoll der Vereinbarung zwischen Stadt, Universitäten, Vermietervetretern etc. zur Entwicklung eines Plan für die Konvertierung von touristischem Wohnangebot in Wohnraum für Studierende. Es wird erwartet, dass sich weitere Gruppen dem Protokoll anschließen und vor allem juristische Details zu diesem Projekt erarbeiten. Mehr dazu.

28.4. ytali. Venezia dopo il virus.

28.4. ytali. Dall' overtourism al post-tourism.

28.4. ytali. Venezia domani. Inverview mit Gianni de Checchi, Präsident des Handwerksverbands. (Siehe auch Eintrag vom 16.4.20 "Handwerk und Kunsthandwerk in Venedig")

29.4. The Art Newspaper If the sea destroys Venice, can digital technology rebuild it?

30.4. ytali. Redentore 2020. Come sarà la festa più cara ai veneziani.

30.4. The Architect's Newspaper With biennals and triennals paused, it's the perfect time to rethink their place

30.4. RAI Venezia, case sfitte: studenti al posto dei turisti 10.5. La Nuova: Details dazu. Es geht darum, einen Teil der 7000 LEERstehenden Touristenferienwohnungen an Studierende zu vermieten, mithilfe einer Vereinbarung zwischen den venezianischen Universitäten, der Stadt, Banken, Vermietern bzw. deren Vertreter etc.. Das Konzept ist gut gemeint, aber was für ein hirnrissiger Aufwand an Bürokratie (die letztendlich die Verwirklichung des Projekts vereiteln wird und niemand der Beteiligen ist "Schuld" am Scheitern). Ach Venedig.

1.5. ytali. Il rinascimento sostenibile di Venezia.

2.5. Elle Italia Salvare Venezia (Danke, H. W., für den Link!)

2.5. Institut of Radical Imagination On the Biennale's Ruins? Inhabiting the Void, Covering the Distance

6.5. Venezia Da Vivere  Rewriting the future of Venice: citizens' ideas for it's rebirth

7.5. Zur Pressekonferenz des populistischen Bürgermeisters Brugnaro, der hysterisch die sofortige Öffnung der Stadt fordert, jenseits aller Regierungsvorgaben.

8.5. Forbes Is Coronavirus The Last Chance To Save Venice?

10.5. Es werden künftig sicher auch neue Konzepte für Besichtigungen entwickelt werdenDie lizensierte Stadtführerin Luisella Romeo hat schon einmal mit virtuellen Führungen in Venedig angefangen. Für die anstehenden Termin nach unten scrollen. Dauer 1,5 Std., Beitrag pro Person 35 €. Am Montag, 16.5. findet eine virtuelle Führung durch das Ghetto statt, in einer kleinen Gruppe, damit während der Tour alle Fragen der Teilnehmer*innen beatnwortet werden können.

10.5. Innovation Origins "Venice regulates influx of visitors with smart information system". Eine aufgewärmte Information, denn an diesem 'schlauen System' wird seit Jahren herumgecodet, und es war bereits während des (abgebrochenen) Karnevals in Betrieb. Worin die Innovation für das Post-Corana-Venedig besteht, bleibt vermutlich auch den Betreibern bisher schleierhaft.

11.5. Gruppo 25 Aprile  Fra il dire a il fare... la vergogna delle case vuote a Venezia Offener Brief an die Stadtverwaltung zur vorgeblichen Vergabe leerstehender Wohnungen.

13.5.
Inside Climate News The Canals Are Clear Thanks to The Corona Virus, But Venice's Existential Thread is Climate Change

14.4. ytali. L'accoglienza dopo-Covid. Videointerviews mit Ondina Giacomin. Vorsitzende von ABBAV, Interessenvertretung der 'Hosts' des Veneto.

15.5. ytali. Venezia, ricominciare dal futuro. Vidoeinterviews mit Fabio Carrera, Gründer von SerenDPT. (Siehe auch Eintrag 30.12.2018 " Neueste Führung für Fortgeschrittene - postindustrielle Giudecca".)

16.5. Huffpost Venezia, la città che muore di turismo e che senza turismo muore

18.5. LA Times European hotspots like Venice, Italy, are reopening but without many tourists

19.5. Monopol Es gibt kein Zurück

19.5. The World The changing face of Venice

21.5. Isole 24ore Cocai express, nasce a Venezia il food delivery che non c'era. Start up des ersten venezianischen Restaurantlieferdienstes.

25.5. ytali. Il filo di Arianna per non perdere Venezia

28.5. Rossi Writes A Walk through Venice on a Sunny Post-Covid-19 Day

29.5. FAZ Nicht gegeneinander, miteinander streamen wir. Ideen zum Biennale Filmfestival unter Covid 19.

29.5. Expats Blog Locals and expats in Venice rejecting a return to mass tourism

29.5. Ateneo Veneto #RACCONTACIDITE. Die Volkshochschule Venedigs hat dazu eingeladen, online Gedanken, Gefühle und Berichte während der Quarantänephase zu teilen. Die Beiträge werden jetzt auf die Website gestellt und sind zum Teil sehr lesenswert.

30.5. The Guardian "A moral obligation": radical reformurged before cruise ships allowed to return to Australia

30.5. Noi per Venezia: Tweet + Kommentare. Das ist nicht der Weg, auf dem es aus meiner Sicht weitergehen sollte: nach monatelangem Ausbleiben von Tourist*innen, Klagen, Angst und Larmoyanz auf allen Ebenen von Stadtverwaltung und Tourismusindustrie sowie fast würdelosem Betteln des Bürgermeisters in den Medien, Gäste mögen doch schnell und massenhaft wiederkommen, erscheinen die ersten Besucher*innen am langen Pfingstwochenenende! Keine Ausländer*innen, sondern Leute aus dem Veneto, die die Gelegenheit nutzen wollen, das leere Venedig (vielleicht überhaupt zum ersten Mal) zu besuchen. Deren Budget keineswegs den venezianischen Preisen angemessen ist, sie bringen also Tagesausflugsfutter mit. Und sofort erheben sich abwertende, ablehnende Kommentare der Bevölkerung, die die "Qualität" dieser Besucher*innen bemängeln. Welche Arroganz! Wieder einmal zeigt sich die venezianische Auffassung, dass die Aufgabe der Tourist*innen ist, 1. spürbar zum Wachstum der Tourismusindustrie beizutragen; 2. den Unterhalt der Bevölkerung großzügig zu gewährleisten; 3. unterwürfig "Respekt" zu zollen und sich jedweder Anweisung unterzuordnen. Respekt ist keine Einbahnstraße. Er funktioniert reziprok. Der Post-Covid19-Tourismus muss freundlicher und rücksichtsvoller werden in beide Richtungen, für alle Beteiligten. Siehe auch Eintrag 18.7.17 "Respekt" Kampagne in Venedig. Siehe auch meinen Tweet vom 4.6.20.

30.5. ytali. Di che cosa ha bisgno Venezia per cambiare rotta?

31.5. La Nuova "Venezia fu touristica" Venedig war touristisch. Großdemonstration an den Zattere gegen den Massentourismus am 13.6., Aufruf der Gruppen NoGrandiNavi,  Fridays for Future Venezia/Mestre und Quartieri in Movimento
Schon am Montag, 1.6. werden 2 Menschenketten gebildet, an den Gasometern in Castello gegen die Bebauungspläne des österreichischen Konzerns MTK einer Luxushotelanlage bei S. Francesco della Vigna; und gegen die klammheimlich geplante Vergrößerung des Vaporettohubs Fondamente Nove. Mit der geplanten Großhaltestelle soll die Hauptanlaufstelle des Tagesausflugstourismus per Schiff aus dem Bacino San Marco und weg von der Riva an das Nordufer Venedigs verlagert werden: eine Maßnahme, die keineswegs in den Massentourismus eingreift sondern ihn nur in ein Wohngebiet verlagert und das städtische Krankenhaus in Mitleidenschaft zieht. 

31.5. La Nuova Baratta: Subito un progetto per la Venezia del futuro, l'Europa sostiene le idee valide e cantierabili. Aufruf von Paolo Baratta (Direktor der Biennale 2008-2020), zukunftsfähige Projekte einzureichen für den Abruf beschlossener europäischer Mittel, um die Entwicklung der Stadt voran zu bringen.

1.6. ytali. L'insaziabile appetito delle lobby chi divora Venezia Zur Erweiterung des Vaporettohubs Fondamente Nove und Verlegung der Müllsammelstelle (ohne die üblichen Genehmigungen) in den Rio dei Mendicanti, den Sottoportego Berlendis, neben dem Krankenhaus.

1.6. ytali. A Venezia pre e post Covid sembrano uguali

2.6. Gruppo 25 Aprile: Manifest zu den bevorstehenden Kommunalwahlen

3.6. NY Times Venice Glimpses a Future With Fewer Tourists and Likes, What It Sees

4.6. Wir Tourist*innen werden um unsere Meinung gebeten. Vielleicht hilfts! Fragebogen der Stadt Venedig. 

6.6. La Nuova Idee per Venezia: all'Arsenale la Cinelaguna...
Die erste Reaktion auf den Aufruf von Paolo Baratta (siehe 31.5.) Die Idee klingt toll, ich füge den kurzen Text deshalb in Google-Übersetzung ein:
VENEDIG. Paolo Baratta lud die Venezianer ein, mit mutigen Ideen an der Ausschreibung substanzieller europäischer Mittel teilzunehmen, um eine Zukunft für die Stadt wieder aufzubauen. Ein erstes Projekt, das nach Brüssel gebracht werden soll, ist die Umwandlung Venedigs in eine kohlenstofffreie Stadt (ohne fossile Brennstoffe). Die beantragte Finanzierung im Einklang mit dem umweltfreundlichen neuen Abkommen der Europäischen Kommission würde die Umstellung von Elektrizität auf Lagunentransport und gleichzeitig die Neugestaltung der Schiffsrümpfe zur Eindämmung von Wellenbewegungen unterstützen. Diese Innovationen würden fortgeschrittene Fähigkeiten aktivieren, die in der Lage sind, einer Vielzahl von Fachleuten Arbeit zu geben, und ein innovatives Schiffbaubezirk schaffen, dessen natürlicher Standort sich in den Räumen des alten Arsenale befinden könnte. Im selben Arsenale sollte sich auch die Cinelaguna befinden, ein Projekt zur Theatergestaltung für Fernseh- und Filmproduktionen, das eine Referenzbasis für die Filmindustrie darstellt, die bisher in Venedig eine Aktivität der unübertroffenen städtischen Bühne des Internationalen Festivals gesehen hat. aber kein wirklicher kreativer und produktiver Prozess.

9.6. FAZ Venedig ahoi: Flüsternd durch die Lagune

11.6. ytali. Il futuro d'una città d'acqua. Videointerview mit Saverio Pastor, Schiffs- und Forcolebaumeister. Siehe auch Eintrag 15.4.20 "Handwerk und Kunsthandwerk in Venedig".

14.6. PETITION zum Schutz der Düne von Alberoni an der Spitze des Lido, die verstärkt für touristische Zwecke und Infrastruktur genutzt werden soll. Auch Nicht-Venezianer*innen können den Aufruf unterschreiben. Bitte! Website der Düne von Alberoni. Mehr in deutscher Sprache. Youtube zum Naturschutzgebiet Düne von Alberoni.


18.6. Campaign For A Living Venice New Garage San Marco, ten stories and 451 parking spaces.

18.6. Cruise Critic Royal Caribbean Replaces Cruises from Venice for Summer 2021 with Nearby Ravenna ( 👍 und hoffentlich auch nach 2021).

18.6. Venedig bewirbt sich für das Smart City Projekt von 100 europäischen Städten des Förderprogramms Horizon 

19.6. Matropolitano Venezia non è Disneyland: un fenomeno social. Bericht über die Bürgerinitiative, die über Facebook zu erreichen ist.

19.6. Guardian The trampling of Venice shows why tourism must chance after Covid-19

19.6. Metropolitano.it Acqua alta: l'Europa aiuterà Venezia con oltre 211 milioni di euro. Europäisches Parlament beschließt Aufbauhilfe nach den Schäden des Hochwassersturms am 12.11.19..

23.6. dezeen "Travel as we knew it is over" says Airbnb co.founder

23.6. Atribune Dall'overturism all'underturism: un asset da riformare

23.6. Gingko Film Nasce Rete Cinema in Laguna. Gründung einer Kulturinitiative durch Gruppen und Einzelpersonen.

24.6. Arte Journal Soziale Bombe oder Neuanfang?

24.6. La Nuova Sessanta ombrelloni per salvare l'estate, così Piazza San Marco cambierò aspetto Die schlimmsten Befürchtungen werden wahr: die Piazza San Marco wird zur Strandcafèmeile mit 60 quadratischen Sonnenschirmen. Damit die Einnahmen des Sommers gerettet werden. Boykott!   


25.6. Metropolitani.it Venezia in prima linea contro i cambiamenti climatici. Venedig beteiligt sich im Rahmen des EU-Programms "Horizon 2020" an der Intiative "Climate-neutral and smart cities".

26.6. Bürgerinitiavie "Io Sono Murano"

26.6. Wähler*inneninitiative "Noi per Venezia"

26.6. VeneziaToday Select torna a produrre a Venezia: nuovo spazio in un fabbricato a Cannaregio. Der venezianische Aperitiv "Select" bringt einen Teil seiner Produktionsstätten zurück nach Venedig - heißt Arbeitsplätze, aber auch ein touristisches Event mit Verkostung etc.; dazu auch Metropolitano.it.
und 2.7. Forbes Hope For Venice? Venetian Bitter Select Will Restart Production In The City.


26.6.
Stadt Venedig: Der Parkplatz für Touristenbusse auf dem Tronchetto wird vergößert um 27 Busstellplätze auf zusätzlichen 4860 qm Parkfläche. Soviel zum Thema Tagesausflüglermassen und mordi e fuggi.

29.6.
Equal Times Empied of tourists, Venice is full of ideas. But is the solidarity economy enough to sustain the city?

30.6. 
Artribune "Non sono stato capito!" L'artista del cazzo in marmo apparso a Venezia si rivela in un'intervista. Die unendliche Spießigkeit der venezianischen Gegenwart. Im letzten Jahr verscheuchen die Sbirren Banksy, in diesem Jahr wird der kritische Kommentar eines jungen anonymen Künstlers blitzartig entfernt. Penis ohne Hose auf Piazzetta 😱 kann nicht sein. 

1.7.
Antenna Tre Nasce 'Terra e Acqua 2020'. Und Venezia Today. Neue bürgerliche Wähler*inneninitiative für die Kommunalwahlen im September gegründet. 

1.7.
ytali. Alberoni. Opporsi, opporsi, opporsi allo sfregio ambientale. Widerstandsinitiative gegen das Luxusbaderesort in Alberoni. Informationsaktion der Bürger*innenintiative am 20.6. (Siehe auch oben 14.6.)

2.7. Money must be made. Provokatives kreatives Projekt von Venezianer*innen, tätig im Grafikbereich. Englische Version der Website.

2.7. New York Times Venice Tourism May Nebe Be the Same. It could be better.

5.7. CBC A tale of 2 cities: Venice residents are torn between mass tourism and a more harmonious existence. Auch auf deutsch gefunden bei Nach Welt: Eine Geschichte von Städten: Die Einwohner Venedigs sind zwischen Massentourismus und einer harmonischeren Existenz hin- und hergerissen.

5.7. ytali. Andare a remi verso il futuro. Vidoe-conversazione con Silvio Testa.


Ergänzungen folgen.





Einträge zur Situation Covid 19 in Venedig:


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