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8. Mai 2018

Müll weg

Pittureske venezianische Morgenszene - vorbei!

Fast genau plangemäß, mit nur 3 Monaten Verzug, ist die Einführung des Haus-zu-Haus-Mülleinsammelstystems in Venedig vollzogen. Seit heute wird auch im letzten Sestiere, Castello, der Müll von den spazzini, den Ökologiefachleuten (früher 'Müllmänner'), an der Haustür abgeholt. 
Siehe Eintrag "Warten, bis der Ökologiemann klingelt?" vom 3.10.2016.

(Wer in Venedig grundsätzlich im Hotel wohnt, kann hier aufhören zu lesen. Für Mieter*innen venezianischer Ferienwohnungen ist die Lektüre allerdings wichtig.)


Die Stadt und die Medien gingen ausführlich sowohl auf das heutige Ereignis ein als auch auf die Erfahrungen der letzten 16 Monate, in denen von Sestiere zu Sestiere die morgendlichen Fassaden- und Gassendekorationen bunter, an Haken platzierter gefüllter Plastiktüten eingestellt wurden. Und auch ich schreibe zum 2. Mal über das Thema, denn es geht um das Sestiere, in dem ich wohne, wenn in Venedig.

Die Stadt meldete am 4.5.: wild entsorgter Müll und sowie Rattenbekämpfungsanforderungen (Wort!) sind in den letzten 16 Monaten um 30 % zurück gegangen, die Anzahl der Tauben um ganze 60 %. (Na, das ist doch was. Meine Zweifel aus dem letzten Abfall-Blog bestehen allerdings trotzdem weiter.)

Man hoffe, dass auch die Bürger*innen von Castello sich schnell und problemlos umgewöhnen und also ab heute, 8.5., ihre Mülltüten entweder persönlich zwischen 6:30 und 8:30 Uhr an den 13 Müllsammelbooten abgeben, und zwar 
- Rio di San Zulian (ponte della Malvasia)
- Campo San Giovanni e Paolo
- Campo Santa Maria Formosa
- Riva degli Schiavoni (am Ausgang der calle delle Rasse)
- Riva degli Schiavoni (Höhe der Pietàbrücke)
- Campo San Lorenzo
- Campo Sant' Antonin
- Rio della Ca' di Dio (auf Höhe des öffentlichen Duschbads)
- Campo Santa Ternità
- Fondamenta della Tana (Höhe der Calvi-Schule)
- Fondamenta Sant' Isepo
- Ponte Paludo (auf der Seite von Sant' Elena)
- Rio dei Giardini (Höhe calle Mafafoni)

und natürlich tageweise getrennt:

- Mo-Mi-Fr Papier und Tetrapak
- Di-Do-Sa Plastik, Dosen und Metall 
- Mo bis Sa, also werktäglich, Restmüll im Extrabeutel.

Oder alternativ von 8:30 bis 12 Uhr warten, bis der/die spazzino (netturbino) klingelt, um die Sachen in Empfang zu nehmen.

Heute war eine Gruppe von Stadtoffiziellen und Fachleuten zur Einführung und Unterstützung der Bürger*innen im Sestiere unterwegs, damit auch alles klappt und alle Fragen seitens Bürgerschaft und Tourist*innen gestellt werden konnten. Nach einer Einübungszeit von 10, 15 Tagen allerdings greift bei Mißachtung der neuen Regeln, also: Müll auf der Gasse, unnachsichtig die Knöllchenstrafe von 167 €. 

Die Lokalpresse (z. B. La Nuova) teilte zusätzlich mit, dass 12.000 Flugblätter zur Erklärung des Systems in italienisch und englisch verteilt wurden. Ein weiteres Informationsblatt zur Auslage in privat vermieteten Zimmern- und Wohnungen erhielten Vermieter*innen in französisch, spanisch, deutsch, russisch, chinesisch und japanisch als Mail.  

Veritas, der Umweltdienstleister für Venedig und die Metropolregion bietet italienisch/englisch eine kostenlose App "Veritas Scoasse" (venezianisch für Müll, neben den weiteren schönen Begriffen immondizie, spazzatura und rifuiti), mit der man hoffentlich alle Abfallprobleme schnell lösen und also knöllchenfrei leben kann.
Ohne App, aber mit Italienischkenntnissen kann man sich auch auf der Veritas-Website über Entsorgungsdetails informieren. 

Übrigens, da die Giudecca aus Sicht der Einheimischen eine Insel ist und nicht Venedig, wird hier die Mülleinsammlung erst zum Jahresende umgesetzt. Voraussichtlich.



Ergänzung 6.11.
Oha. Auf der Guidecca geht die Mülleinsammlung bereits ab dem 15.11. los! Alle Details. 

Ergänzung 16.4.2019
Ab heute gilt die neue Müllordnung auch auf Burano und Mazzorbo. Ich füge diese Information an, da in den letzten Jahren die Unterkünfte (und die Zahl der zum Verkauf stehenden Häuser, Zielgruppe ausländische Interessent*innen) erheblich gestiegen ist. Müll wird zwischen 6:30 und 8:30 Uhr entgegengenommen auf den Müllsammelbooten nahe bei den ACTV-Bootsanlegern/Vaporettihaltestellen in Burano und Mazzorbo. Abholung von Tür zu Tür von 8:30-12 Uhr. 
Auch hier gilt: Hausmüll Mo-Sa; Papier, Karton und Tetrapak Mi und Fr; Glas, Plastik, Dosen und Metall Di, Do und Sa.
Gesamt-Müll-Übersicht der Entsorgungsfirma Veritas. Und hier noch die App wie, wo, wann weg mit dem Müll.

Ergänzug 3.5.2019
Ab dem 7.5. gelten auch in Murano die Müllregeln, die sich im Centro Storico gut eingespielt haben, zumindest was die Einheimischen betrifft. Hier die offizielle Information mit den Müllabgabestellen. Weitere Informationen siehe in der Ergänzung vom 16.4. oben.

Ergänzung 30.6.2021
Ab 5.7.2021 gibt es neues zusätzliches Angebot zur Entsorgung von recycelfähigem Müll (Glas, Plastik, Papier): ein e-getriebenes Müllboot das Mo-Sa an festen Stellen nachmittags in den Sestieri anlegt. Dort kann man gesammelten sortierten Müll angeben. Orte und Zeiten im obigen Link. Ebenso werden entsprechende Sammelbehälter in der Stadt aufgestellt (bisher gibt es ja nur gemischte Müllsammelbehälter).







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3. Oktober 2016

Warten, bis der Ökologiemann klingelt?


Morgen wird in Venedig ein neues Abfallsammelsystem eingeführt, zunächst nur im Sestiere Dorsoduro. Man setzt, legt, stellt nicht mehr den Müll vor die Haustür auf die Gasse oder den Hof. Vorbei ist es auch mit der typischen morgendlichen Dekoration der Häuserwände: es werden keine Plastikmülltüten mehr an Nägel gehängt. Vielmehr klingelt der spazzino, der Müllmann (auch die Müllfrau ruft "spazzino!" ins Haus, wenn die Tür geöffnet wird), und man steht bereit und händigt den Haushaltsabfall persönlich aus. Uns TouristInnen als Hotelgäste betrifft es kaum, aber als temporäre BewohnerInnen der vielen 'Ferienwohnungen' müssen wir unsere Vormittagsplanung danach ausrichten. Also ist die Sache wichtig. 

So gehts laut Information der Stadtverwaltung, online seit dem 20.7.:
Montag bis Samstag zwischen 7:30 und 11:00 Uhr Klingelt oder klopft der operatore ecologico, der Ökologiearbeiter, an die Tür und nimmt den Abfall gemäß dem Wochenplan der Mülltrennung entgegen. Wer NICHT den Vormittag zuhause verbringt (aus meiner Sicht die Mehrzahl der Kinder und erwachsenen BürgerInnen, aber auch der Venedig-TouristInnen), kann seine Mülltüte zwischen 6:30 und 8:30 Uhr an der Anlegestelle des VERITAS-Sammelbootes abgeben. In Dorsoduro liegen die Boote am Rio di San Vio, bei San Basilio, an der Fondamenta dell'Arzere, am Ponte San Trovaso, an der Fondamenta Alberti. 

Auf der aktuellen Website von VERITAS gibt es einige Änderungen: die Wartezeit auf den operatore ecologico hat sich auf 12:00 Uhr verlängert; als Anlegestellen der Müllsammelboote sind genannt Rio della Salute, Rio di San Vio, Rio di San Sebastiano, Rio di Santa Marta, Rio di San Barnaba, Rio di Ca' Foscari. Aha. 
Und der Hinweis auf zu erwartende Knöllchen ab 167 €. (Wenn man beim Absetzen von Müll in flagranti erwischt wird oder wie?)
Die Umstellung soll von Handzetteln zur Information begleitet werden - man kann nur hoffen, dass diese Handzettel für die vielen Hunderte Ferienwohnungen in Dorsoduro auch in einige Fremdsprachen übersetzt vorliegen. Sowohl Stadt als auch Dienstleister informieren auf ihren Onlineveröffentlichungen ihre ausländischen Gäste ausdrücklich NICHT. Ich beklage das normalerweise nicht, bitte italienisch in Italien, aber wäre es in diesem Fall nicht sinnvoll, die 'Ferienwohnungs'-Gäste sprachlich mit einzubeziehen?

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Über die Personal- und weiteren Kosten dieses vermutlich zeitaufwändigen Klingelsystems muss ich mir nicht den Kopf zerbrechen, das ist Sache der Profis. Aber die Nutzerfreundlichkeit scheint mir bedenkenswert, wenn ich die Wahl habe zwischen einer Mülltütenwanderung am frühen Morgen zum VERITAS-Boot und zuhause Geduld zu üben bis Schlag Mittag, wenn ich Wichtigeres oder Besseres vorhabe. Ehrlich gesagt: eigentlich fasse ich es nicht. Aber andererseits: wenn ich Venezianerin wäre, würde mich dieses System sofort und extrem disziplinieren, nur noch minimale Mengen Müll zu produzieren. Vielleicht ist Umwelterziehung der Menschen ja das geheime eigentliche Ziel dieser Umstellung! (Und nicht die der Ratten und Möwen, die sich ab morgen neue Futterquellen suchen müssen.)

Es gab einen Testlauf für die neue Einsammelmethode im September 2015 im Bereich zwischen Accademia und Dogana. Der erbrachte immerhin einen Anstieg der Mülltrennung von vorher schlappen 25,81 % auf 40 %. Anscheinend fördert die persönliche Übergabe an die Müllautorität die Bereitschaft, die Regeln der Mülltrennung zu befolgen. Die Testhaushalte sollen sich schnell an die neuen Regelungen gewöhnt haben, vor allem die Zufriedenheit über die öffentliche Sauberkeit habe dazu beigetragen. Die Verwaltung von Stadt und Dienstleistungsbetrieb versprechen sich künftig auch Erkenntnisse über Verteilung/Zusammensetzung der Müllkontigente; längerfristig wird wohl auch die Frage der Kosten der Müllentsorgung bei 56.000 EinwohnerInnen (Stand Juli) gegenüber 22.000.000 BesucherInnen jährlich auf den Tisch kommen.

Aufschlussreich an der Testphase finde ich vor allem die Zahlen der NutzerInnen: 536 Private, 404 nicht Private, 365 'non-residenti', also Nichtansässige, also vermutlich 'Ferienwohnungen'. Das entspricht meinen Beobachtungen im Laufe der Jahre, denn Statistiken dazu fehlen bisher soweit ich weiss. 
Die steigende Zahl dieser Wohnungen, die nicht dem einheimischen Wohnungsmarkt zur Verfügung stehen, ist mit einer der Gründe für die sinkende Einwohnerzahl des centro storico und einer der großen Konfliktherde dieser Stadt. Einerseits wird seitens der Bürger die gewollte 'Disneylandisierung' und Entvölkerung beklagt und die Politik und die Wirtschaft für die Entwicklung und ihre Folgen in Haft genommen. Andererseits wird von den BürgerInnen selbst die Kleinwohnung, geerbt von der Oma, dankend als dauerhafter stabiler Lebensunterhalt umgehend mit Höchstgewinn als 'Ferienwohnung' vermietet und keineswegs zu einem normalen Mietpreis auf dem lokalen Wohnungsmarkt angeboten. ('Ferienwohnungs'ungeeignete Räume übrigens auch nicht, sie können als Massenschlafplätze für nicht italienische Arbeitskräfte verwendet werden.) Auf dieser persönlichen Ebene ist der venezianische Exodus auch ein Konflikt zwischen besitzenden und nicht besitzenden BürgerInnen. Zwischen Gier und Gemeinsinn. Aber das ist eine andere Geschichte, die die VenezianerInnen unter sich ausmachen müssen, aus der ich mich als Besucherin heraus halten sollte. 

Das neue Abfallsystem wird in den kommenden 16 Monaten in ganz Venedig (centro storico und Inseln) installiert, ab Januar 2017 in Santa Croce und San Polo, ab Mai 2017 in San Marco, ab Oktober 2017 in Cannaregio, ab Februar 2018 in Castello. Nachzulesen in der Präsentation 'Keine Mülltüten mehr in den Gassen Venedigs' im Anhang der städtischen Informationsseite (wie im Link oben). Die Präsentation enthält eine ganze Reihe interessanter Statistiken bis hin zum Plan der öffentlichen Abfallkörbe im Stadtgebiet (für den alleräußersten Notfall?) und überzeugende Fotos zur Sauberkeitssteigerung. 

Offen bleiben Fragen, wie: wenn der Müllmann bis Mittag nicht kommt, zahlt VERITAS ein Knöllchen an die umsonst wartenden Bürger? Na gut, nicht witzig, aber: was passiert beim neuen Sammelsystem in Grenzfällen wie z. B. Streik? Sammelt sich der Müll dann in den Häusern, nicht mehr auf den Gassen? 

Gehen wir mal davon aus, dass die Sache nach einer Gewöhnungsphase wunderbar klappt und lernen wir die Wörter 
immondizie und 
spazzatura (beide gleichwertig für 'Hausabfälle') und 
rifuiti, (Oberbegriff für 'Müll'). 


La Nuova 30.9.: Da martedi cambia tutto. (Ab Dienstag ändert sich alles.) Buona fortuna!




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