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24. Juli 2013

Biennale & Venezia minore

 

Fondazione Gervasuti, Austellungsräume 1. Etage


Die Vorstellung venezianischer Architektur sind die Prachtbau-
ten überall in der Stadt aber vor allem entlang des Canal Grande. Mit großen Räumen, frei schwingenden Terrazzo-
böden, vergoldeten Kassettendecken oder Fresken, hohen Fenstern, Land- und Wassertoren. Man kann sie betreten beim Besuch der darin untergebrachten Museen, oder anlässlich von Konzerten, Karnevalsbällen oder Ausstellungen der Biennale.


Nicht im touristischen Venedigbild enthalten sind die Häuser, die unterhalb der Kategorie 'großartig' rangieren, aber für das Stadtbild wie für das Leben einer Stadt unverzichtbar sind, "Venezia minore" genannt. Wohnsiedlungen, Geschäftszeilen, Handwerksbetriebe, die auch immer stärker den Bedürfnissen der Tourismusindustrie angepasst werden als Eigentums-
wohnungen, B & B, Ferienwohnungen, kleine Hotels, und dem Stadtbild und der Bevölkerung verloren gehen.


Auch in der Venezia minore finden Biennale-Ausstellungen statt, und diese sehr speziellen Venedig-Eindrücke jenseits von Palästen und Vaporetto d'Arte sollte man nicht auslassen. Den wunderbaren Palazzo Grimani kann man inzwischen immer besuchen, die Häuschen der kleinen Leute nur zur Biennale.

Säulenrest in der Ausstellung Montenegro

zum Beispiel die Mogel-
packung, die als Ad-
resse Palazzo Malipiero nennt, wo immer mehrere Ausstellungen stattfinden, aber nicht etwa im Androne (Halle des Eingangs- oder Wassergeschosses), oder im Piano nobile, sondern im 'Gebäude-
komplex' drumherum. Zu betreten durch diverse Seiten- oder Hintertüren. Über Treppen, bei denen mir jedesmal der Zungenbrecher diekatzetrittdietreppekrumm einfällt, und ich mich freue wenn nur die Zunge bricht und sonst nichts. In diesen Anbauten befanden sich früher vielleicht Wirtschaft- oder Versorgungsräume, oder Zimmer von Hausangestellten.


Derselbe Säulenrest von der anderen Seite, Treppen-
aufgang zur Ausstellung Zentralasien






In diesem Jahr gibt es hier die Nationalausstellungen von Estland, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, und 'Zentralasien'. Jede der 4 Ausstellungen ist auf ihre Weise sehr sehenswert, die sommerlichen Temperaturen  in den teils win-
zigen, niedrigen, oder sogar fensterlosen Räumen gehören dazu. (Als der Iran hier ausstellte, hatte man eine herrlich erfrischende Klimaanlage installiert, die wunderbaren Duft ausatmete. Orientalischer Luxus im venezianischen Kleine-Leute-Haus!) 

Sehr tief sitzend im Eingangsraum der Montenegro-Ausstellung und am Treppenaufgang zur Zentralasien-Ausstellung kann man ein Mauerteil bzw. eine Säule sehen, die noch aus dem ursprünglichen Bau des 11. Jahrhunderts stammen könnte.


Whithey McVeigh, Hunting Song
Auf die alten Handwerks-
höfchen der Stiftung Gervasuti habe ich schon öfter hingewiesen. Sie beher-
bergen wieder besondere Ausstellun-
gen in ihren verfallenden zwei Etagen mit rohen Holzfuß-
böden, zerfetzten Tapeten und vernagelten Fensteröffnungen als Projektionsflächen für Videos und der unvergleichlich stimmungsvollen kleinen Bar im offenen Hinter-
hof unter rankenden Klettertrompeten. In diesem Jahr leider ohne Hängematte, dafür gibt es ein paar Tischlein mehr.


Unter dem Link der Stiftung finden sich unter 'Projects/current weiterführende Links zu den derzeitigen Ausstellungen. 
Einbezogen sind zum ersten Mal auch die angrenzenden Räume des Ex-Wohnheimes für unverheiratete Frauen aus dem 16. Jahrhundert ( Whitney McVeigh, Hunting Song. Eine unglaubli-
che Kuriositätensammlung, die auch in den "Palazzo encyclo-
pedico" gepasst hätte.)


Sehr beeindruckend der erste Biennaleauftritt der Malediven mit einer ganzen Reihe internationaler UmweltkünstlerInnen. Mir gefielen besonders die Videos von Stefano Cagol und Ursula Biemann

Einer der kleinen Handwerker-Innenhöfe der Stiftung Gervasuti

Diese Biennale zeigt insgesamt offen-
sichtlich, dass Öko-
themen endgültig in der Kunst angekommen sind und. Nach einem beeindruckenden An-
lauf weniger ökologisch orientierter Künstler-
Innen in den 80er Jahren, der ebenso beeindruckend zum Jahrtausendwechsel abbrach (was auch die Fördermittel für Kunst-
projekte in der Umweltbildung in meinem beruflichen Umfeld betraf), ist sie wieder da, die Umwelt in der Kunst, natürlich vor allem in Bedrohungsszenarien.



Auch die Elfenbeinküste stellt in der Venezia minore aus, auch in Castello, wenn auch nicht in derart pittoresker Umgebung. Immerhin im Parterre, Innenhof und Hinterhaus eines normal bewohnten Häuschens gegenüber von S. Martino. Von einem Ausstellungsraum zum nächsten wandert man unter den Wäscheleinen durch und kann, wenn man nicht diskret genug ist, die Unterhaltungen von Fenster zu Fenster mit anhören. Auch Cote d'Ivoire nimmt zum ersten Mal an der Biennale teil, als Nation und mit dem Künstler Frédéric Bruly Bouabré im Rahmen des Palazzo encyclopedico im Arsenale. 

Franck Fanny, Abidjan la nuit 4

Die Fotos von Franck Fanny stehen den Fotos des Gewinners des Goldenen Löwen, Ango-
la (Foto-
graf Edson Chagas), in nichts nach. Und da sie in schlichtester Umgebung präsentiert werden, beeindrucken sie mich persönlich tiefer als die Präsentation Angolas im edlen Ambiente des Palazzo Cini. Wobei die Kombination Palazzo Cini + toskanische Kunst des 14.-15. Jahrhunderts + angolanische Kunst des 21. Jahrhunderts wohl ein wichtiges Motiv der Auszeichnung ist. Naja, Geschmäcker...



Gehört ein ehemaliges Handelshaus, vielleicht nur ein Waren-
lager, zur Venezia minore? Ich weiß nichts Näheres über den Fondaco Marcello, außer dass er seit vielen Jahren Ausstellungen dient und ein Traghetto vor der Tür hat, mit dem man sich über den Canal Grande übersetzen lassen kann.


Dort stellt in diesem Jahr Irland aus, mit einem Videoprojekt, das einem den Boden unter den Füssen wegziehen kann. Nicht für Kinder geeignet. Der Kriegshorror des Kongo, zerstörte Städte und Landschaften, Flüchtlingslager, Leichenhäuser, Kindersoldaten, auf mehreren Projektionswänden, überwältigender Tongestaltung, infrarot gefilmt in rosa-grauen Bildern, die den Schrecken verfremden aber nicht mildern. Ich habe mich schon einige Male nach einem Kunstvideo erleichtert gefreut, vor der Tür Venedig wiederzufinden. Nach diesem tröstet auch Venedig nicht. 

Frédéric Bruly Bouabré



In diesem Zusammenhang empfehle ich sehr die kleine und informative Broschüre "Venice. Venetian domestic architecture" von Egle Trincanato und Renzo Salvadori. 12,50 € in jeder venezianischen Buchhandlung, auch in italienisch und franzözisch (in der französischen Buchhandlung bei Zanipolo). Auf 69 Seiten werden auch Bauten der Venezia minore in den Sechsteln Dorsoduro und Castello vorgestellt.
(Bei Amazon wird eine deutsche Übersetzung zum Preis von 400 € angeboten, ein Kommentar dazu erübrigt sich wohl.)

25. September 2011

Mehr eintrittsfreie* Biennale


* siehe auch Eintrag vom 24.8. 'Biennale ohne Ticket' und insgesamt unter dem Label 'Biennale 2011'



Fresko in der Apsis von San Samuele

Immer verschlossen und wenn offen, dann nur zur Biennale (siehe auch Eintrag Biennale 2009) ist die Kirche San Samuele.

Dort stellt
Andorra aus, zum ersten Mal, mit Fotos von Helena Guàrdia und einem Triptychon des Malers Francisco Sánchez Sánchez. Die Kirche sollte man nicht auslassen, nicht nur wegen der dort aufbewahrten orthodoxen Ikone der Orthokostá, sondern auch wegen der wunderbaren Fresken in der Apsis restauriert von Save Venice.
Haltestelle San Samuele.

Blick auf San Samuele aus dem Palazzo Malipiero


Am gleichen
Campo liegt der Palazzo Malipiero, wie immer voller Länderpavillons im hinteren Gebäude-
teil. Kleine b
eengte Ausstellungsräume, in niedrigen Zwischen-
etagen, schlecht belüftet, was man z. T. riecht, aber in der sehenswerten
Ausstellung des Iran wird mit der Airconditionmaschine nicht nur angenehme Kühle, sondern auch ein zarter, ganz bezaubernder Duft verteilt... die heißen Tage sind vorbei, aber trotzdem danke für diese physische Freundlichkeit.

Für die Austellung von Zentral Asien (und die zentralasiatischen Beiträge sind immer spannend) muss man durch das häßlichste Treppenhaus von ganz Venedig in die 3. , 4. oder 5. Etage (Zwischenetagen!), aber von oben hat man dann neben der Kunst einen tollen Ausblick auf Dach und Campanile von San Samuele.

Innen-
höfchen der Ausstel-
lung Estland, Palazzo Malipiero, San Marco 3079


In einem Anbau in der nächsten Seiten-Sackgasse wie immer die Ausstellung von Estland, auf der 1. Etage, mit einem der wackeligsten Treppengeländer von ganz Venedig und einem der kleinsten Innenhöfchen, aber einem ordentlichen Pozzo. Auch diese Räume sind nicht gut für Leute mit Klaustrophobie, aber die Austellung von Liina Siib 'A Woman takes little Space' lohnt die Mühe.

San Fantin Eier-Kunst vor dem Hauptaltar mit ansteigender Rampe
Noch eine Kirche
, die immer geschlossen, aber für eine Biennale-Ausstellung geöffnet ist: San Fantin, gegenüber dem Opernhaus La Fenice.
Es ist das erste Mal, dass ich San F
antin offen finde, also eine wirklich seltene Gelegenheit. Blöd ist die totale Verdunkelung der Kirche für die Ausstellung der Ukraine, man sieht quasi nix außer der Kunst, und die Wege um die Kunst herum sind abgesperrt. (Man muss sich aber nicht von jeder Absperrung beeindrucken lassen.)
Die Kunst ist von Oksana Mas, titelt 'Post-vs-Proto Renaissance' und besteht aus ungefähr Milliarden von bemalten Holzeiern.
Haltestelle S. Maria Giglio.
Ein anderer Teil des Projekts steht auf dem Campo vor der Kirche San Stae, bereits vom Vaporetto aus nicht zu übersehen.

Squero Tramon-
tin, San Trovaso, moldavi-
sches Ex
ponat und eine neue Reparatur-
lieferung


Wer schon öfter, wie ich, bei San Trovaso auf der Kanalmauerbrüstung gegenüber dem Squero Tramontin hing und sich wünschte, einmal in diese Gondelbauwerkstatt reinzukommen, hat jetzt die möglicherweise einmalige Gelegenheit! Die Tür auf der Rückseite des Squero, vor der Kirche, steht offen und erlaubt Zutritt zur Ausstellung von Moldova der Art Group MOE. Titel 'Transnistria', und, naja... Priorität ist hier eindeutig der Besuch der Werkstatt. Haltestellen Zattere, San Biagio oder Accademia.

Riss in der Nordostecke der Scuola grande della misericordia

Ein Gebäude bei dem man JEDE Öffnung für einen Besuch, immer wieder, nutzen sollte, ist die Scuola Grande della Misericordia. Das Gebäude ist so riesig, dass es vom Festla
nd gesehen aus der Stadt herausragt und innen so überwältigend, dass man zwischen Faszination angesichts dieser Architektur inklusive ihres Verfalls und Grausen vor dem Protz und der Hybris hin- und hergerissen ist.
Seit Jahren wird an der Restaurierung/Reanimierung gearbeitet, auch den Fortschritt zu sehen, lohnt jeder weitere Besuch.
Die Ausstellung im unteren Raum ist 'Pietas' von Jan Fabre, ein Künstler, der zu jeder Biennale aufschlägt mit immer riesigeren Projekten und dessen künstlerisches Gesamtkonzept definitiv nicht mein Ding ist. Die obere Etage war im Juni nicht bespielt, aber jetzt gibt es dort eine Ausstellung mit Installationen von Pierre Casè bis allerdings nur 10.10., so dass man glücklicherweise bis dahin auch diesen Raum besichtigen kann. Weiteres auch im Eintrag von der Biennale 2009.

Haltestelle Ca' d'Oro, auch Madonna
dell'Orto oder Fondamente Nove.


.

28. August 2009

Am Campo S. Samuele...


...gibt es noch drei Ausstellungen der Biennale.

Und zwar im Palazzo Malipiero, gegenüber dem Palazzo Grassi: Zypern, Estland und Iran. Alle drei befinden sich im hinteren Teil des Hauses (San Marco 3079) in jeweils sehr kleinen, niedrigen Wohnungen, die man über schmale steile Treppen erreicht. Zusätzlich hat Zypern seine Ausstellungsräume komplett mit frischen Holzplatten verkleidet, was zwar gut riecht, aber doch sehr rätselhaft ist. Wollte man Renovierungskosten umgehen und hat in Kauf genommen, Ausstellung und Besucher in ein Schächtelchen zu quetschen? Man sieht also definitiv nichts von der Pracht dieses Hauses, obwohl man sich darin befindet.
Dafür steht dann ein großer (der schönere) Teil des Palazzo Malipiero zur Miete zur Verfügung, die dann aber nicht mit dem Durchschnittsbudget zusammen geht. Ein schönes Beispiel dafür, dass man nicht alles haben kann!

Die Ausstellungen sind sehr unterschiedlich.

Zypern zeigt Socratis Socratous "Gerüchte" über den Import von Palmen aus dem nahen Osten nach Zypern und die seit 35 Jahren von Gerüchten und erfolglosen Verhandlungen geprägten Beziehungen der zyprischen Ethnien. Und eine tote Palme, d
ie nach und durch Venedig in diese winzigen Ausstellungsräume geschleppt wurde und die an diesem ihrem Grab von nordeuropäischem Weichholz beduftet wird. Das Thema ist spannend, die Umsetzung leider nicht gelungen.


Der Pavillon des iranischen Ministerium für Kultur und islamische Führung (Visual Arts Center Iranian Ministery of Culture & Islamic Guidance) irritiert mich. Im Iran geht gerade (im Juni) politisch die Post ab und hier sitzt ein junger iranischer Aufpasser, der die Besucher keines Blickes würdigt. Darf er nicht? Will er nicht? Vielleicht spricht er einfach nur persisch und kann deshalb nicht? Ich fühle mich jedenfalls verunsichert und nicht motiviert, ihn anzusprechen. Es gibt keine Information, nicht einmal die übliche DIN A 4-Seite Pressemitteilung über den/die ausstellende/n Künstler/innen liegt aus. Die Kunst gefällt mir, aber ich habe keine Ahnung, ob sie in politischen Zusammenhängen steht (muss sie ja auch nicht) oder vielleicht das Angepassteste ist, was man derzeit aus dem Iran sehen kann?


Kristina Norman im estnischen Pavillon bezieht dagegen sehr konkret Stellung mit sehr beein-
drucken-
den, geradezu explosiven Videos zum Konflikt in Tallinn über eine Statue eines Rotarmisten und die unterschiedliche historische Rezeption der verschiedenen (estnischen/ russischen etc.) Bevölkerungsteile Estlands. Eine Nachbildung der Skulptur schwebt zwecks persönlichen Augenscheins im Raum.
Eine spannnende und sehenswerte Präsentation, wenn man es denn durch das romantische Innenhöfchen mit Werkstatt über die Hühnerleiter mit dem bereits seit Jahren sekündlich vom Abbruch bedrohten Geländer in die Ausstellungsräume geschafft hat.

Innen-
höfchen mit Pozzo und Werkstatt

Im Spiegel das Gäss-
chen mit dem Eingang zum estni-
schen Pavillon



Ich frag
e mich, wie das ein Teil des Palazzo Malipiero sein kann? Vielleicht ein 'eingemeindeter' Nachbarbau, oder ein ehemaliges 'Gesinde'-Höfchen? Aber auch das gehört eben zum Gesamtbild Venedigs.