Voraussetzungen: 1. gute Kenntnis der italienischen Sprache (nur passiv wäre kein Problem) 2. Interesse an Details der venezianischen Geschichte (Vorkenntnisse wären von Vorteil)
Iacopo Palma Giovane, Fegefeuerzyklus (im Versammlungsraum der Scuola Grande di San Fantin) Quelle: Venipedia
Ich habe am 22.9. mit gut 20 weiteren Interessierten an der Führung "La storia dell' Ateneo Veneto: dalla "Buona Morte" al Risorgimento veneziano" (Die Geschichte der Hochschule des Veneto: von der Bruderschaft "Guter Tod" zum venezianischen Risorgimento) teilgenommen. Da sie am 25. November wieder angeboten wird, will ich die Gelegenheit nutzen, sie in hohem Ton zu loben und zu empfehlen. Das Angebot kommt von VENIPEDIA, das ursprünglich ein Projekt zur Enzyklopädie Venedigs war, sich in den letzten Jahren aber mit einem Verlag und neuerdings Führungen erheblich erweitert hat, dank eines engagierten Teams und, wie ich hoffe, starken Interesses der internationalen Gemeinde von Venedig-Bewunder*innen. Auch die Führung wird von diesem Team bestritten, im September waren das mehrere (während des Ganges ansprechbare) Personen, während eine Historikerin (sehr kompetent und in ausgezeichnet verständlichem Italienisch) die Führung leitete und ein Schauspieler an verschiedenen Schauplätzen der Führung beeindruckend Originaldokumente wie Reden historischer Protagonisten, Testamente, Gerichtsurteile etc. vortrug.
Mitglied der Bruderschaft 'Buona Morte'
Die Führung hat verschiedene historische Ebenen. Die Geschichte des Ateneo Veneto einerseits (auf italienisch detaillierter auf der Seite von Venipedia) als Sitz der Scuola Grande di San Fantin mit ihrer reichen künstlerischen Ausstattung auf beiden Etagen und der wichtigen Funktion der Bruderschaft von San Fantin. Das war die Vorbereitung von zum Tode Verurteilten auf den Übergang vom Leben zum Tod - mit weltlichen Fragen wie z. B. Schreiben des letzten Willens und spirituellen wie z. B. der Reue über die Tat, erforderlich für die Rettung ins Fegefeuer vor der ansonsten sicher bevorstehenden Hölle. Das Thema der venezianischen Rechtsprechung, besonders Kapitalstrafen und ihre Exekution ist ein spannender Bestandteil der gesamten Führung, die mit mindestens 2 Stunden angekündigt ist, aber im September über 3 hochinteressante Stunden dauerte. Die Bruderschaft wurde mit fast allen anderen mit dem Ende der Republik Venedig (1797) aufgelöst und es folgen, noch in den Räumen des Ateneo Veneto, die Ebenen der venezianischen Medizingeschichte und vor allem des venezianischen Risorgimento mit Protagonisten wie Niccolò Tommaseo und Daniele Manin. Dann wandert die Führung in großen Schlenkern und vielen weiteren Informationen durch das Sestiere San Marco zu Schauplätzen, Gedenktafeln und Denkmälern und endet nach dem Gefängnis an den beiden Säulen am Ufer der Piazzetta, zwischen denen früher das Gerüst für öffentliche Hinrichtungen aufgestellt wurde.
Die Führung im September war von hoher Qualität - jede Minute und jeden Cent wert. Es gibt noch einen besonderen "Mehrwert": am Tag vor dem Termin erhielt ich per Mail Texte zur Vorbereitung (sehr hilfreich, um die Führung gut verstehen zu können) und während der Führung wurde ein Password bekanntgegeben, mit dem man für 30 Tage online-Zugriff auf Dateien (z. B. Scans von Dokumenten) erhielt, die mit den Inhalten der Führung in Zusammenhang stehen. Ein toller Service. Wer am 25. November in Venedig ist, sollte sich (unter den genannten Voraussetzungen) die Tour nicht entgehen lassen. Anmeldung. Das Hilfsangebot von Venipedia gilt. Bei Fragen oder Bitten um Unterstützung bei der Anmeldung kommt erfahrungsemäß sehr schnelle freundliche Unterstützung per Mail.
Dritter Baustelleneintrag in Folge! Und obwohl es rein äußerlich keine Veränderung gibt an der Baustelle von S. Lorenzo seit meinem Eintrag vom 10.6. 'Neue Arbeiten an San Lorenzo', siehe Foto unten, geht es innerlich hoch her, wie ich gestern erfahren habe.
Ich hatte im Vorfeld der Konferenz in einem Mail um ein kurzes Gespräch mit Francesca von Habsburg über das Projekt in San Lorenzo gebeten (wer würde nicht versuchen, eine solche Gelegenheit zu nutzen!) und keine Antwort erhalten - naja, erwartungsgemäß. Die Überraschung traf mich deshalb ganz unerwartet, als sie zwischen der letzten Diskussionsrunde und der Filmsession das neue Projekt ihrer Stiftung in Venedig verkündete: World Ocean Space Venice in San Lorenzo als, wenn ich das richtig verstanden habe, Niederlassung der TBA21 Academy. Es folgen Fotos, die ich mit meinem Handy (dessen Kameraqualität keine Priorität hat) von den Projektionen gemacht habe. Also qualitativ schlechte Fotos, aber interessant.
Vorstellung des Projekts, selbst die Diskussionsgruppe guckt überrascht, wie auch das Publikum. V.l.n.r.; Markus Reymann, Anne-Marie Melster, Lisa Rave, Litia Kirwin, Mark Spalding, Francesca von Habsburg
In der Klosterkirche aus dem 16./17. JH, die ja längs in zwei riesige Hallen geteilt ist mit dem Altar zwischen den beiden Hälften, werden mit der Restaurierung Räume geschaffen für Kunstinstallationen und Kunstausstellungen, Geräusch- und Vergrößerungsinstallationen, Performances, Filmvorführungen, Bildungs- und Forschungsangebote der Academy und ihr Archiv.
Nach dem Ende der Konferenz erfuhr ich noch unter Anderem, dass die Archäologie abgeschlossen sei (während der letzten Biennale-Ausstellung Mexikos klafften im Boden noch die riesigen Grabungslöcher), also Boden zu, auch das Dach dicht, an dem im Mai gearbeitet wurde, und die Arbeiten an der Zentralhalle begonnen hätten. Mit dem Abschluss der Arbeiten rechnet man in ca. 1,5 Jahren, der Start des World Ocean Space Venice könnte demnach im Sommer 2019 stattfinden. Wenn alles nach Plan läuft, was zu hoffen und wünschen ist. Und dann lassen wir uns von Frau Habsburg mit dem Ergebnis überraschen.
Nächste Baustelle: die Alten Prokuratien an der Piazza San Marco, seit 1831 Sitz und seitdem peu à peu Besitz des Versicherungskonzerns Generali (der auch die zuvor beschriebene Restaurierung der Giardini Reali sponsort). Es wird hier bereits seit Monaten quasi ohne Aufhebens gearbeitet (siehe den kurzen Film veröfentlicht in der NUOVA vom 4.10.) - nur ein kleines Baugerüst, ein kleiner Bauzaun auf der Piazza - bis Generali vor einem Monat eine Medienkampagne zur Gründung seiner gemeinnützungen (sprich steuersparenden) Initiative "The Human Safety Net" veranstaltete. Aus meiner Sicht ist das viel Lärm um sehr sehr wenig - 30.000 Kinder armer Familien, die in ihren ersten 6 Lebensjahren kostenlos medizinisch versorgt werden, Finanzierung von 500 Start-up.Projekten ehemaliger Flüchtlinge, 1000 Neugeborene (insgesamt oder auf eine Bezugsgröße ist unklar), die dank der Weiterbildung von medizinischem Personal vor Sauerstoffnot während der Geburt bewahrt werden sollen. Bescheidene Ziele für ein weltweites Programm eines enorm reichen internationalen Konzerns. Aber im Wesentlichen zielt "The Human Safety Net" wohl darauf ab, die gegenseitige (ehrenamtliche?) Unterstützung von Menschen und Gruppen untereinander in Schwung zu bringen. Ist das wohltätig? Ein Steuersparmodell? Marketing? Oder dies alles und Weiteres? Diese kritische Anmerkung steht als kleiner Kontrapunkt zu den Lobeshymnen der Generali Medienkampagne und der teils leider unkritischen Übernahme der Textvorlage durch die verbreitenden Medien (deren Weiterbreitung ich eigentlich nicht betreiben will). Siehe als deutschsprachiges Beispiel: Presseportal: Generali Group plant Restaurierung des Zentrums von Venedig im Rahmen der globalen, gemeinnützigen Initiative "The Human Safety Net".
Das Projekt der Restaurierung und Neugestaltung der Alten Prokuratien ist dem bisher eigentlich hoch geschätzten David Chipperfield anvertraut, der in Venedig die Erweiterung des Friedhofs S. Michele und die Architekturbiennale 2012 verantwortete. Sie beinhaltet die Innenräume (die in 500 Jahren häufige Veränderungen erlebt haben), die Öffnung von Innenhöfen, die Verbindung dieses nördlichen Teils der Piazza mit dem südlichen Teil durch den Zugang zu den Königlichen Gärten mittels Durchgang durch die procuratie nuove und die restaurierten Zugbrücke (oder Klappbrücke), alles schön zu sehen in den Projektbeschreibungen. Generali, das alle Räume 'The Human Safety Net' überlässt und seine Büroräume aufs Festland nach Mogliano transferiert hat, verspricht Öffnung des Gebäudes "zum ersten Mal in 500 Jahren", öffentliche Ausstellungs- und Veranstaltungsräume, also Zugang für die Öffentlichkeit. NICHT für die Öffentlichkeit, sondern nur für die 'interne' Nutzung geplant ist die bei der Baubehörde beantragte Genehmigung einer "Mega"-Dachterrasse analog der Terrasse auf dem Fondaco dei Tedesci. Kein Thema der Medienkampagne von Generali bzw. 'The Human Safety Net', aber bereits im August ein Aufreger der Lokalpresse (NUOVA vom 11.8.). Die Verhandlungen zwischen Generali und der 'Sopraintendenza', der obersten Baubehörde, sind weiterhin Thema (NUOVA vom 8.10.). Es wird berichtet, dass die Behörde unentschlossen sei. Die Argumente sind divers angefangen von den hohen Summen, die Generali in die Restaurierung der königlichen Gärten und der Prokuratien investiert (und die Genehmigung einer Dachterrasse zur rein privaten Nutzung quasi kaum ablehnbar und ein Gegengeschenk sei?), über die fatale Genehmigung der Terrasse auf dem Fondaco dei Tedeschi, die künftige Ablehnungen derartiger Anträge erschwert, über die schon vorhandenen kleinen Altane auf dem Dach, die mit der geplanten großen, erhöhten Dachterrasse mit Brüstung nur "zusammengeführt" werden sollten, bis zur fragwürdigen privaten Nutznießung eines historischen Erbes und Gemeingutes aller Bürger. Die Präsidentin der italienischen NGO Italia Nostra, die Historikerin Dr. Lidia Fersuoch, fragt in einem Schreiben an die Baubehörde: "Soll diese überdimensionierte Terrasse über dem Markusplatz eine Messingbrüstung bekommen? Oder bevorzugt Chipperfield Zementbaluster? Installiert vor oder hinter der Mauerkrone aus istrischem Marmor, die 1517 Giuglielmo de Grigis genannt il Bergamasco, laut Beleg des Archivs der Prokuratoren von San Marco de Supra dort anbringen ließ? Zittert der Person, die diese Genehmigung unterschreibt, dabei nicht die Hand?" Sie merkt an, dass Generali das erste venezianische Großunternehmen war, das schon vor Jahren komplett auf Festland zog "in den Jahren, als der Tourismus noch maßvoll war und die Lagune dringend den Erhalt von Wirtschaftskräften benötigte. Jetzt kommt Generali zurück mit einem Heiligenschein und verwandelt den historischen Standort in einen Ort seiner Repräsentation. Was für einen enormen Wert schenken wir Generali mit der Genehmigung einer atemberaubenden Terrasse über der Piazza, die jedes Land ablehnen würde, das sein kulturelles Erbe schützt?"
Auch schön: Generali-Niederlassung in Brüssel mit Markuslöwen und Street Art
Ergänzung 19.12.2018 Lange Jahre in Vorbereitung, jetzt vollendet: seit dieser Woche hat die Stiftung Ermitage Italia eine Sitz in Venedig: laut Associazione Piazza San Marco mietkostenfrei (bei Übernahme von Nebenkosten bzw. Verbrauch) in den restaurierten Räumen der Procuratie Vecchie, mit einem zunächst 9jährigen Vertrag. (Auch der Vertrag für S. Lorenzo zur Nutzung durch die TBA21-Academy läuft zunächst nur 9 Jahre, das scheint venezianischer Standard zu sein.) Information der Stadt Venedig und bei RAI News. Auf 140 m2 gibt es je einen Präsentations- und Konferenzraum sowie 2 Arbeitsräume für bis zu 12 europäischen Stipendiaten, nicht opulent, aber wer kann schon an der Piazza San Marco studieren und forschen?! Das Kooperationsprojekt der Staaten Italien und Russland hat seinen Hauptsitz in Ferrara, jetzt das Standbein an der Piazza S. Marco und soeben die erste Koperations- bzw. Austauschausstellung in der Ermitage St. Petersburg und dem Palazzo Fortuny in Venedig (19.12.-24.3.2019) und dem Centro Culturale Candiani in Mestre (18.12.-24.3.2019). Ergänzung 10.06.19 Ein neuer Artikel von Artribune stellt das Projekt zum internen Umbau der Procuratie Vecchie vor, als sei es eine ganz aktuelle Sache und als würde nicht seit mindestens 2 Jahren daran gearbeitet: "Venezia, al via il rilancio delle Procuratie Vecchie di Chipperfield Architects". Der Text ist in erster Linie Public Relations und quasi unkommentierte Widergabe einer Presseveröffentlichung. Während der Biennale. 8.5.-24.11., ist in fertig gestellten Räumen der 1. Etage, die nach Abschluss des Umbaus als Büroflächen vermietet werden sollen, die Ausstellung "Diversity for Peace!" zu sehen. Eine Sammelausstellung junger internationaler Künstler*innen von Karuizawa New Art Museum und Venice Art Factory. (Informationen zur Ausstellung.)
Am 7. September 2007, also vor 10 Jahren, fuhr ich von Venedig nach Piombino Dese, eine kleine Bahnstrecke von der Dauer der Vaporettofahrt von Giudecca Palanca bis Fondamente Nove, um auf Einladung des stolzen Besitzerpaares Sally und Carl Gable die Villa Cornaro, Werk Andrea Palladios, zu besuchen. Meinen Bericht vom Oktober 2007 kann man hier lesen: Villa Cornaro - ein Ausflug aufs Festland. Der Eindruck war nachhaltig: in der Folge las ich viele Bücher über Andrea Palladio und vor allem seine "Vier Bücher zur Architektur", besuchte diverse Ausstellungen zu Palladio in Venedig und andernorts, pflegte noch einige Jahre den gelegentlichen Mailkontakt mit den Gables aber kehrte nicht mehr nach Piombono Dese zurück. Wollte eigentlich schon, hat sich aber nicht 'ergben'.
Hoping they will understand why we embarked on this adventure, learn about the Veneto and the Renaissance, and grow confident in their own ability to seize dreams.
And so they will know where the money went."
Meine Befürchtung hat sich zum Glück nicht bestätigt - nicht die Erben verkaufen das Haus, sondern aus Altersgründen das Besitzerpaar selber. Auf 2 Kontinenten zu leben, ist auch eine Frage der Kondition. Vor 10 Tagen berichtete die New York Times in einem sachkundigen, lesenswerten Artikel (in Anlehnung an die Website der Gables) über das sensationelle Angebot einer Palladio-Villa:
wow, inklusive 7 beeindruckenden Fotos (natürlich habe ich bei meinem Besuch der Villa weder im Haus fotografiert, noch die (Schlaf- und Arbeits-)zimmer der oberen Etage gesehen). Nachdem die Sache groß raus ist, kann ich meine Zurückhaltung aufgeben und auch auf die Sensation hinweisen. Eine Immobilienfirma klinkt sich mit einer Art Schein-Exposé ein, aber die Fotos sind sehenswert (wenn auch ein Foto der Rückseite des Hauses extrem in die Höhe gezogen ist, geklaut bei Guide touristiche Padova). In den 10 Jahren seit meinem Besuch der Villa verzichten erstaunlicherweise Reiseführerautor*innen durchgängig weiterhin darauf, auf dieses Juwel aufmerksam zu machen. Es gibt ein paar Tips von/für Tourist*innen online, und die Tourismus-Seite von Padua empfiehlt den Besuch der Villa mit Besuchshinweisen. Dieses Besuchsangebot beruht auf der Gastfreundlichkeit des Ehepaars Gable, ohne Zaudern und kostenlos seinen Besitz dem interessierten Publikum zugänglich zu machen. Und man wandert nicht nur durch die Räume, die Palladio für die Präsentation konzipierte, sondern auch durch Küche, Bad, Wohn- und Arbeitsräume des Erdgeschosses. Ob das nach dem Verkauf und unter neuen Besitzer*innen noch der Fall sein wird, kann niemand wissen. Wer 45.000.000 € in ein Haus investiert, hat sicher ziemlich exklusive Nutzungsvorstellungen. Realitischerweise würde ich also befürchten, dass man künftig keine Chance mehr hat, die Villa zu besichtigen. Also: die möglicherweise letzte Gelegenheit nützen, bis Ende September Samstagnachmittag einen Ausflug nach Piombino Dese machen. (Oder danach telefonisch einen Termin abmachen. Ein junger Mann aus der Nachbarschaft ist zuständig, für vereinbarte Gruppenbesuche die Türen und Fensterläden zu öffnen. Solange das Haus nicht den Besitzer gewechselt hat.) Auf der Gable-Webseite finden sich Informationen zu Palladio und seinem Werk. Auch das Vorbesitzerpaar der Villa, Richard H. und Julia Rush, berichtete sehr lesenwert über "Our Purchase and Restauration of the Villa Cornaro".
Es geht in diesem 35-Minuten-Film um die Restaurierung des Palazzo Papadópoli am Canal Grande. Ich fand ihn zufällig bei einer Recherche und da wir uns gerade über die schöne Restaurierung des Teatro Italia freuen, ist er sicher ein Genuss für Venedig-Appassionati - italienischer Text, englische Untertitel egal - allein schon die Aufnahmen von den Arbeiten sind hoch beeindruckend. Der Film wurde veröffentlicht von der ausführenden Firma Dottor Group, damit ist keine Werbung auf diesem werbefreien Blog beabsichtigt, auch nicht für das Hotel, das seit der Restaurierung dort seinen Sitz hat. Beides gehört zur Information. Wir wissen, in Venedig wird restauriert mit der Absicht, Geld zu verdienen. Ausnahmen davon sind die Stiftungen (aufgelistet im Eintrag zum 50. Jahrestag des Hochwassers von 1966). Ich konnte das Haus komplett besichtigen während der Kunstbiennale 2011, die Ausstellungen des Future Generation Art Prize belegten alle Räume vom Androne bis in die Bibliothek und die Nebenräume im obersten Geschoß. Direkt anschließend begannen die Restaurationsarbeiten. Heute kann jeder in diesem Haus übernachten, sofern er/sie über ein angemessen stattliches Budget verfügt. Zu Beginn des Films spricht der Eigentümer des Palazzo, Giberto Arrivabene, von einem Gemälde Paolo Veroneses, der "Madonna der Familien Coccina", das in der Gemäldegalerie in Dresden hängt. In der rechten Ecke unteren Ecke ist der Palazzo zu sehen, um den es hier geht. Ein spannender Einblick in das Innenleben einer venezianischen Baustelle, die Details der Arbeit der Restaurierungsspezia- list*innen von den Ledertapeten, Fresken und Gemälden über Muranoglaslüster bis hin zu den Terrazzoböden und dem Dach. So geht das also - faszinierend zuzugucken.
Die Bloggerin im Glanz des unrestaurierten Palazzo 2011
Ca' Farsetti (linke Bildhäfte) Rathaus & Standesamt Venedig, vom Balkon des Palazzo Papadopoli
... und eines amerikanischen Filmschauspielers am 29.9.2014 im venezianischen Rathaus Ca' Farsetti am Canal Grande wäre eigentlich kein Anlass für einen Blogeintrag. Allerdings finden angeblich 3tägige (!) voreheliche Feierlichkeiten statt, im Hotel Cipriani auf der Giudecca und im Hotel Aman Canal Grande, schräg gegenüberliegend am anderen Ufer. Ein paar Ruderschläge mit der Hochzeitsgondel, sozusagen. Der Sitz des Aman ist der Palazzo Papadopoli, den ich während der Kunstbiennale 2011 besuchen konnte und der nach dem Ende der 2 Monate dauernden damaligen Ausstellung Future Generation Art Prize sofort geschlossen und 2 Jahre lang renoviert wurde. Eine Blitzrenovierung im Vergleich mit manchen anderen, z. B. dem Palazzo Soranzo van Axel, an dem seit 5 Jahren gearbeitet wird. In der 3-teiligen Arte-Serie "Verborgenes Venedig" wird u. a. darüber berichtet (ab 11:23 Min.) Jetzt ist das Haus für Men- schen meines Budgets für alle Zeiten off limits. Ich fragte mich seither, ob ich mit 60 Fotos des Gebäudes im Zustand des Sommers 2011 wohl jemals mehr machen könnte als sie ansehen. Da kommt mir die Hochzeit und die PR, die das Haus dadurch erfährt, gerade recht, ich hänge mich dran und zeige, was ich habe.
Löwenköpfe im gesamten Treppenhaus. Die Mäuler dienen dem Halt von Kordeln als Geländer
Die offiziellen Fotos zur Hoteleröffnung im Frühsommer 2013 gingen durch die hochklassige Reiseberichterstattung, sprich Werbung. Zu solchen Anlässen werden Fachjournalisten zu einem Aufenthalt eingeladen (Blogger nicht, wir sind und haben keine angemessene Zielgruppe(n). Aber da bin ich neidlos und verlinke einige der vielen Berichte, ausschließlich mit schön langen Fotostrecken, nur zum Teil identisch. Man bekommt also einen Eindruck von Klasse und Ambiente dieses Hotels und kann mit meinen unrenovierten Eindrücken vergleichen.
Deutschsprachige Berichte kamen etwas später, im Dezember 2013 der Kurier "Zu Gast beim Grafen in Venedig" und erst im September 2014 derStern "Venedigs pompösester Palast". So ein Pech, man wusste noch nichts von der geplanten Hochzeit 4 Wochen später, es hätte ein brandaktueller Bericht sein können... Ich freue mich, dass ich die Gelegenheit hatte, das Haus zu sehen. Bei der Biennale 2009 stellte hier die Ukraine aus und ich kam nicht rein. Man sieht, dass viel Sinn und Aufwand in der Renovierung des Hauses steckt und es bleibt, ihm einen langen Bestand zu wünschen. Wie auch der Ehe, die geschlossen werden soll.
Parterre, Androne mit Treppenaufgang, Steinskulpturen der Ausstellung. Die Schiffslaternen sind weiter Teil der Ausstattung
Androne mit Wassertor zum Canal Grande
Treppenhaus von unten und oben
Trep- penhaus Fresken und Beleuch- tung
Piano nobile, Portego zum Canal Grande mit eingebautem Kunstwerk
Räume im Anbau zur Gartenseite. Asiatische Dekorations- motive, schöne Terrazzoböden und viel Stuck. Klein und sehr niedrig im Vergleich mit den Prunkräumen des Palazzo
Räume im Dachgeschoss,
2011 Bibliothek, in der Kunstvideos gezeigt wurden. Heute sind dies wohl die privaten Räume der Besitzerfamilie
Fondaco dei Tedeschi - derzeit noch hinter Gerüst und Plane mit Fassadenaufdruck
... gibts schon mal eine Überraschung. Ich hoffe das Beste aber erwarte das Schlimmste für den Tag, an dem das Gerüst des Fondaco dei Tedeschi niedergeht. Und es wird nichts zu verheimlichen sein, denn es wird ja ein "Kaufhaus" im weite- sten Sinne, wir dürfen alle rein. Ich zeige hier Fotos von 4 Fassaden, deren Renovierung gerade abgeschlossen wurde und hinter die wir leider nicht sehen dürfen. Die mich, offen gestanden, nicht umhauen, aber das war auch sicher nicht beabsichtigt. Vermutlich sind die Restriktionen der Bau- oder Denkmalbehörden in Venedig streng, wenn auch vielleicht nicht unumgänglich, wenn man das mal so sagen darf. Aber ein bisschen weniger schlicht bzw. mutiger dürften die BesitzerInnen und Verantwortlichen schon sein.
Mietshaus S. Basilio, Dez. 2006
Das große alte Miets- haus an der Halte- stelle San Basilio fiel mir seit Jahren auf, weil es äußerlich einen brutal herun- tergekommenen Eindruck machte. Es war von einer verwilderten Schön- heit mit seinen dun- kelgrünen Fenster- läden in weißen Steineinfassungen und dem gescheckten abgeblätterten Putz in verschiedensten Ockertönen. Soviel Charakter kann man nur bewundern, aber meine Phantasien, wie eine Renovierung dem Erhalt des Hauses und der Schönheit dienen könne, führten leider zu keinem Ergebnis.
11. Oktober 2013
25. Oktober 2013
Als im letzten Oktober das Gerüst aufgestellt wurde, war ich hochgespannt und musste dann im Juni leider feststellen, dass die Fach- leute auch nicht schlauer waren als ich.
Juni 2014
LANGWEILIG! Chance vertan! Na gut, die wunderbare Struktur der Fassade, der Rhythmus der Fensteröffnungen kommen weiterhin zur Geltung. Aber weiß?! In Venedig? Vielleicht, weil das sonst niemand hat...? Untenrum ist es noch nicht fertig, und im Juni waren gerade die beiden Seiten und die Rückseite eingerüstet, aber was soll da noch kommen. Die Farbe und die Rahmung der Fenster - vorbei! Schönheit besiegt von Schniegeligkeit. Ach!
Scuola del SS. Crocifisso oder di S. Marcula, alle Fotos Juni 2011, klicken zum Vergrößern
Juli 2013
Die alte Scuola del Santissimo Crocifisso hinter der Kirche San Marcuola ist offensichtlich seit vielen Jahren geschlossen. Wobei man nie weiß, ob bei verrammelten Haupteingängen sich nicht hinter Nebeneingängen doch was tut. Aber es gab in den letzten 10 Jahren zumindest nie eine Ausstellung oder dergleichen. Im Internet findet sich nicht viel, siehe Link oben. An der rechten Ecke befindet sich ein kleines Denkmal mit der Jahreszahl 1668, das ist ein Jahr, bevor Venedig die Insel Candia (Kreta) endgültig an die Osmanen verlor, nach beispielloser 25jähriger Belagerung der Hauptstadt Candia, heute Iraklion.
Scuola del SS. Crocifisso ge- und verputzt, alle 3 Fotos vom Juni 2014
Das Gebäude ist stabil und nicht heruntergekommen. Ich fand es im Juli 2013 eingerüstet und es wurde offensichtlich be- scheiden renoviert. Aufgrund des Anstrichs ist jetzt (für mich) erkennbar, dass es mit einigen Nachbargebäuden ein Ensemble bildet. Deshalb fiel mir auch jetzt erst auf, dass es auch mit dem dahinter stehenden Haus über einen Durchgang auf dem 1. Stock verbunden ist. Es steht zu hoffen, dass das Gebäude wieder genutzt wird (und ich es bald von innen sehen kann).
Ca' da Mosto, Mai 2006
Dass die Renovierung der Ca' da Mosto am Canal Grande in Arbeit genommen war, merkte ich im Juni 2013 mehr oder weniger zufällig und schrieb einen Eintrag darüber im September.
Ca' da Mosto, Oktober 2013
Und schon scheint die Sache fertig zu sein, zumindest wenn man per Vaporetto geschwind daran vorbei geschippert wird. Ist dann aber doch nicht so, eher ein bisschen vorne hui und hinten pfui. Oder es dauert halt noch, bis der Sottoportego fertig ist, die Rückseite und die Etagen, und überhaupt das Haus wieder genutzt werden kann, wenn es denn wieder ge- nutzt werden soll. Man weiss es einfach nicht...weiß ist das Stichwort, auch hier ist der Anstrich weiß oder weißlich, seltsamerweise, oder sitzt gerade jemand im Denkmalschutz, der/die auf weiß steht?
Ca' da Mosto Juni 2014
Tja. Schön geworden, sieht proper aus, die Friese, Patere, Wappen und Reliefs wurden verschont vom weiß und ver- mutlich auf dem neuesten Stand der Wissenschaft dauerhaft stabilisiert, was man nicht hoch genug schätzen kann. Jeder kann jetzt auch mit einem Blick sehen, dass das Haus ursprünglich aus 2 Etagen bestand, wie alle frühen veneto-byzantinischen Wohn- und Handelshäuser entlang des Canal Grande. Die beiden oberen Etagen wurden nachträglich aufgesetzt, und zwar in verschiedenen Jahrhunderten, das wird durch die Renovierung ehrbar-sichtbar. Schade finde ich auch hier, dass die Rahmung der Fenster als gestaltende Struktur wegfällt. Und bin gespannt, wie es weitergeht mit der Ca' da Mosto.
Palazzo Soranzo van Axel, Vorder- und Hinterbau, Juni 2009, kurz vor dem Baugerüst
Das Gerüst ist runter beim Palazzo Soranzo van Axel, aber auch im 5. Jahr des Umbaus und Verkaufs in Einzelappart- ments ist die Sache nicht abgeschlossen, der Baukran steht und arbeitet noch. Im August 2008 schrieb ich einen Eintrag, nachdem ich dieses großartige Haus 2007 besuchen konnte. 2009 stand das Gerüst. Bei jedem Besuch in Venedig habe ich seitdem nachgesehen, was man eben so sehen kann, auf jeden Fall war die Baustelle immer aktiv.
Oktober 2013
Juli 2011
Im Juni hat mein altes Adlerauge jetzt die Überraschung erspäht: ein winziger Rest eines bunten Freskos unter dem gotischen Fenster des Eingangsturms! Das ist ein Ding. Im Haus selbst gibt es teilweise Stuck, aber ich kann mich nicht erinnern, Fresken gesehen zu haben. Und nun aussen. Ich stelle mir den gesamten Palazzo außen bunt bemalt vor, vor allem die beiden Innenhöfe! Was für eine Pracht wäre das gewesen!
Wir wissen ja von Darstellungen des 15. und 16. Jahrhunderts, dass (in der Salzluft leicht verderbende) Fresken zum Außen- schmuck venezianischer Häuser gehörten (z. B. Bellinis "Wunder der Kreuzesreliquie"), wir wissen, dass die jungen Maler Tizian und Giorgione den Fondaco dei Tedeschi mit Außenfresken schmückten, von denen Reste in der Ca' d'Oro und im Palazzo Grimani aufbewahrt werden. Und vereinzelte Reste sind im Stadtbild erhalten, z. B. im Hof der Ca'Foscari, z. B. an einem Gebäude gegenüber von S. Stae am Canal Grande. Sie sind blass, aber man kann sie gut sehen, wenn man mit dem Vaporetto daran vorbei fährt. Aber dieses Fizzelchen Fresko war vor der Renovierung nicht zu sehen, von mir jedenfalls nicht.
Auch der Palazzo Soranza van Axel ist verdächtig blass, vielleicht wird Venedig im Laufe der Restaurierungen des 21. Jahrhunderts immer weißer? Das werde ich kaum erleben, aber über die Fertigstellung des Soranzo van Axel werde ich hoffentlich bald berichten können.
There is something so different in Venice from any other place in the world, that you leave at once all accustomed habits and everyday sights to enter an echanted garden.
Carlo Fruttero:
Perché nessun' altra città al mondo è immersa come questa non già nell'acqua ma nel tempo. È il tempo che circola nei canali, lambisce i palazzi, scivola tra piccoli ponti, cupole, erosi gradini di pietra; è il tempo che impregna persino gli umili souvenir in vendita per i turisti.
Feldbauer, Peter/Morrissey, John; Weltmacht mit Ruder und Segel - Geschichte der Republik Venedig 800-1600; Magnus 2004
Fenlon, Iain; Piazza San Marco; Profile Books 2010
Fenlon, Iain; The Ceremonial City - History, Memory and Myth in Renaissance Venice; Yale University Press 2007
Fletcher, C. & Da Mosto, J: The Science of Saving Venice. Umberto Allemandi 2004
Gable, Sally & Carl I.; Palladian Days - Finding A New Life In A Venetian Country House; Random House 2005
Georgopoulou, Maria; Venice's Mediterranean Colonies. Architecture and Urbanism, Cambridge University 2001
Goy, Richard; Venice. The City and its Architecture; Phaidon 1997
Gregorovius, Ferdinand; Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter; DTB bibliothek 1980
Grund Egon; Die städtebauliche Struktur Venedigs und die Übertragbarkeit ihrer Prinzipien unter besonderer Berücksichtigung des Systems der Verkehrserschließung; Diss. TU München, Lehrstuhl für Städtebau und Regionalplanung 1991
Hopf, Kart; Veneto-Byzantinische Analekten; A. M. Hakkert, 1964, Nachdruck der Ausgabe Wien 1856
Huse Norbert; Venedig. Von der Kunst, eine Stadt ins Wasser zu bauen; becksche reihe 2008
Huse, Norbert; Venedig - Von der Kunst, eine Stadt im Wasser zu bauen; C. H. Beck 2005
Igel, Regine; Das andere Venedig - Wahre Kriminalgeschichten aus der Lagunenstadt; Lamuv 2004
Janson Alban, Bürklin Thorsten; Auftritte - Interaktionen mit dem architektonischen Raum: die Campi Venedig; Birkhäuser 2002
Kretschmayr, Heinrich; Geschichte von Venedig (3 Bd.), Scientia 1986
Haustedt, Birgit; Mit Rilke durch Venedig. Literarische Spaziergänge; insel tb 2006
Haustedt, Birgit; Mit Rilke durch Venedig; Insel Taschenbuch 2006
Hennig,Christoph; Venedig; Dumont direkt 2004
Honour, Hugh; Venedig; Prestel 1966
Kaminski, Marion; Venedig - Kunst & Architektur, Tandem 2005
Machatschek, Michael; Vendig; Michael Müller Verlag 2008
Manno, Venchierutti, Codato; Venedig; National Geographic Art Guide 2004
Mark, Hermann E.; Geschichte und Geschichten vom Canal Grande. Ein illustrierter Führer durch Politik und Kunstgeschichte; Ibera/European University Press 2002
Mc Gregor, James H. S.; Venice from the Ground up; Harvard University Press 2006
McGregor, James H. S.; Venice from the Ground Up; Harvard College 2006
Mehling, Marianne (Hg.); Knaurs Kulturführer in Farbe -Venedig und Venetien;Weltbild 1998
Merian; Venedig; 1955
Merian; Venedig; März 1988
Merian; Venedig; September 1974
Michele Buonsanti, Alberta Calla; Candia Veneziana. Venetian Itineraries through Crete; Mystis Heraklion
National Geographic Explorer; Venedig; Gruner und Jahr 2005
Reyes, Heather; Venice. Perfect gems of city writing; Oxygen Books 2010
VenedigBilder in der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts; Katalog, Stadt Karlsruhe - Städt. Galerie und Michael Imhof Verlag 2010
Venezia! Kunst aus venezianischen Palästen. Sammlungsgeschichte Venedigs vom 13. bis 19. Jahrhundert; Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland 2002
Venice and the Islamic World 828-1797; The Metropolitan Museum of Art N. Y. 2007
Venice through Canaletto's eyes; Katalog, National Gallery Company 1998
Venzia scomparsa; Alvise Zorzi, 2 Bde., Banca Cattolica del Veneto
Vidal in Venice; Gore Vidal; Summit Books 1985
Von Tizian bis Tieopolo, Venezianische Zeichnungen; Städel Museum; Michael Imhof Verlag 2006