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11. Februar 2021

Mail aus Venedig


Aldo Pallaro - Website


Fotos aus Venedig kamen an, geschickt von Danilo Reato, der schon mit Fotos vom
Venedig in der Zeitenwende und Mails vom Hochwassersturm am 12.11.2019 berichtete. 

Die Zeiten wenden sich weiter - im Gegensatz zur Zwischenphase im Spätsommer und Herbst steht der Tourismus auf Null, trotz 'gelber Zone' im Veneto sind Hotels, Restaurants, Geschäfte mangels Kundschaft weitgehend geschlossen und wer die Durststrecke übersteht, wird sich zeigen - irgendwann. 

Das Beispiel der Kunstaktion "OFF/ON presenze - assenze" zieht in kleinen Schritten weitere Kreise. Kunst als Intervalle zwischen herabgelassen Rollgittern geschlossener Geschäfte. 
Dem verheerenden Leerstand auf dem Markusplatz tritt jetzt u.a. die State Property Agency entgegen und bietet per Auktion Schaufenster der teuersten Geschäftsräume an der Piazza als Ausstellungsräume an, zum phantastischen Preis von ab z. B. 300 €/Jahr. Im Monat 25 € für eine 8 qm große Schaufläche unter dem napoleonischen Flügel und dem Museo Correr ist ein Angebot, das niemanden arm oder reich macht, aber kurzfristig Leben auf die Piazza bringt und langfristig bei einer Konzession von 6 Jahren die Aufmerksamkeit der wieder eintreffenden Besucher*innen im Herzen Venedigs garantiert.

OFF/ON eröffnete gestern, 10.2. in der Calle de la Mandola (San Marco 3772/A, 4002 und 4004) und in der Calle dei Fuseri (San Marco 4459) neue Schaufensterpräsentationen mit Werken von Ivana Burello, Gualtiero Dall'Osto, Paolo Franzoso, Aldo Pallaro, Giovanni Pulze, Marco Rizzo und Luciana Zabarella. 


Hier neue Fotos der Schaufensterkunstaktion mit herzlichem Dank an Danilo Reato (Quellenangaben von Danilo Reato).




Mascherino von Gualtiero Dall'Osto - Website


Fotografie von Marco Rizzo - Website

Ivana Burello - FB-Seite


Paolo Franzoso - FB-Seite



Gualtiero Dall'Osto


Paolo Franzoso


Luciana Zabarella- Website

Giovanni Pulze - Website


Gualtiero Dall'Osto
'L'urlo muto' der stumme Schrei - 
aus dem Manifesto der Kunstaktion OFF/ON


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1. September 2020

3 restaurierte Kirchen in San Marco und ein Fund auf Torcello

San Bartolomeo, Salizada Pio X am Fuß der Rialtobrücke.
Portal zwischen Schaufenstern 

Mehr als 30 von ca. 100 Kirchen in Venedig stehen ungenutzt, die Immobilien  wie auch der dort vorhandene Schatz an Kunstwerken und Belegen venezianischer Geschichte rotten unbewundert langsam vor sich hin. Auch wenn sie profaniert wurden, gehören die Kirchen noch dem Patriarchat Venedig, das mit der Pflege dieses Eigentums materiell und fachlich überfordert ist.
2017  beschloss man die Konservierung und Umnutzung der Kirchen Schritt für Schritt. Siehe 2.2.17 La Nuova: "Chiese abbandonate?: Diventiono luoghi di lavoro adottati dalle imprese" und 7.4.17 Veneto e Economia: "Venezia, nuovi usi per 30 chiese abbandonate: cultura, carità ed eventi". 

Die wissenschaftliche Unterstützung des Projekts wird von der Universität IUAV bereitgestellt, finanzielle Unterstützung ist in Venedig, wie wir wissen, breit gestreut durch Stiftungen (siehe die Liste von Venedig-Förderer-Stiftungen im Eintrag vom 27.10.2016: L'Aqua Granda 1966-2016). Auch die öffentliche italienische Kulturförderplattform Artbonus, die auch Bürger*innen gegen Steuererleichterung die Beteiligung an der Kunstrettung ermöglicht, wurde diesem kirchlichen Projekt geöffnet. (Artbonus hat sich zuletzt an der Restaurierung der königlichen Gärten beteiligt und unterstützt derzeit die Restaurierung der Longhenatreppe auf S. Giorgio Maggiore).
Von den staatlichen Mitteln, die nach dem Hochwassersturm vom 12.11.19 Venedig von den Brugnaro-zitierten "Knien" wieder auf die Beine helfen soll, blieben auch vergleichsweise beachtliche Summen bei Restaurationsprojekten hängen. 

Start ups wie Serendpt nutzen mittlerweile Kirchen als Firmensitz (siehe Eintrag vom 30.12.2018 "Neueste Führung für Fortgeschrittene - postindustrielle Giudecca".
Die Restaurierung von San Lorenzo wurde zunächst von Mexico als Biennale-Pavillon gestartet, dann von der TBA21-Academy übernommen, beeindruckend gestaltet und wird seit 2019 als Stiftungssitz und Veranstaltungsraum genutzt. Zwei Beispiele, die mir ganz besonders gefallen.


Jetzt wird durch den Verantwortlichen für das Kulturerbe der Kurie, GianMatteo Caputo, für die nächsten Wochen die Wiedereröfnnung dreier weiterer Kirchen angekündigt: San Beneto, San Fantin und San Bartolomeo. Alle drei im Sestiere San Marco gelegen.
Wobei die Eröffnung von San Beneto nicht ganz frisch ist: schon im Dezember 2018 wurde sie feierlich für kulturelle Zwecke übergeben (11.12.18: San Beneto restauriert und geöffnet), aber eine regelmäßige Nutzung war zunächst nicht drin (siehe Leserkommentare unter dem Eintrag) - es ging um die Holzwurmbehandlung vor allem der Bänke! Die dann in der Hochwassernacht in im Salzwasser versanken und aufs Neue behandelt werden mussten. Die neue Ankündigung lässt Hoffnung schöpfen, dass dort demnächst (covid-19-angepasst...) Kunstveranstaltungen mit entsprechenden Öffnungszeiten genossen werden können.

San Fantin ist die Kirche gegenüber dem Haupteingang des Teatro La Fenice, zu dem auch die ehemalige Scuola San Fantin, das heutige Ateneo Veneto, gehört. Siehe Eintrag vom 23.11.17 "Neue Führung für Fortgeschrittene: Ateneo Veneto". Sie war in den letzten Jahrzehnten dauerhaft geschlossen, auch die Webseite, auf der San Fantin von der Biennale als Ausstellungsraum angeboten wird, zeigt kleinlich quasi nichts. Zweimal wurde San Fantin vermietet: für die Biennaleausstellung der Ukraine 2011: Oksana Mas' Orgie buntbemalter Eier im ansonsten abgedunkelten Kirchenraum und 2019 ein Theater/ Film/ Ausstellungsprojekt "There is a Beginning in the End" des Pushkin Museums. Eine Veranstaltung (auch diesmal im abgedunkelten Raum), die zum Teil leider an mich verschwendet war - hat mich nicht gepackt. 

San Bartolomeo ist die berühmte Kirche der deutschsprachigen Venezianier*innen und der Gäste im Fondaco Tedesco, ein paar Schritte weiter. Man geht leicht am Holzportal ohne eigene Fassade innerhalb einer Schaufensterreihe vorbei, aber das Innere, ehemals überreich ausgestattet, z. B. mit dem Auftragswerk der deutschen Kaufleute "Rosenkranzfest" von Albrecht Dürer, muss immer noch sehr beeindruckend sein.
Nach der eingehenden Restaurierung fand hier 1994 eine kleine Tintorettoausstellung mit Werken aus venezianischen Kirchen statt und 2011 eine internationale Konferenz zum Gebäude und zur deutschen Kirchengemeinde, außerdem wenige Konzerte. Keine weiteren Ausstellungen meines Wissens. 
Marcianum Press hat in seiner Reihe Chiese di Venezia auch ein Buch zu San Bartolomeo veröffentlicht. Dazu gibt es eine gute Besprechung von Tobias Daniels in den "Sehepunkten".

(Der Vollständigkeit halber: die protestantischen deutschsprachigen Kaufleute nutzten für ihre Gemeinde zunächst einen Raum im Fondaco Tedesco und erwarben später, ein paar Schritte weiter, die ehemalige Scuola San Angelo Custode als ihre Kirche. Siehe auch Eintrag vom 5.2.17 "Lutherjahr - Venedig ist Reformationsstadt Europas".



Die Wiedereröffnung der Kirchen war allerdings nur eine zusätzliche Information bei der Pressekonferenz am 24.7. des Patriarchats zur eigentlichen Sensation: der Entdeckung karolingischer Fresken bei den archäologischen Forschungen auf Torcello! Wow! Als eine der Folgen des Hochwassersturms vom 12.11.2019. Da!
Die Grabungen finden unter Verantwortung des Patriarchats und weitgehender Finanzierung von Save Venice statt. 
Das wissenschaftliche Wunder bleibt natürlich nicht undiskutiert, ist darüberhinaus dem Publikum erstmal nicht zugänglich, aber ich wollte nicht darauf verzichten, darüber zu berichten.

Ich habe wenig Deutschsprachiges dazu gefunden: 
* 24.7.20 Nach-Welt Venedig hat karolingischen und nicht-byzantinischen Ursprung. Dies zeigen die heute gefundenen Fresken aus dem 9. Jahrhundert.
* 24.7.20 Vatican News Restaurierung nach Venedig-Hochwasser bringt Fresken zutage

Italienische Medien berichten ausführlicher und mit vielen Illustrationen (hier nur eine kleine Auswahl!): 
* 24.7.20 La Repubblica Venezia ha origine karolinge en non bizantine. Lo rivelango gli affreschi del IX secolo ora ritrovati
* 24.7.20 Ca' Foscari News La scoperte degli affreschi di Torcello
* 27.7.20 metropolitano.it Gli affreschi medievali di Torcello riscrivono la storia di Venezia
* 28.7.20 Storica National Geographic Rinvenute a Venezia affreschi del IX e X secolo
* 5.8.20 #contagio arte cultura Gli affreschi scoperti a Torcello: una Venezia carolingia?






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26. Januar 2020

Neues von San Marco




Wie kann es sein, dass sich angesichts des entsetzlichen Brandes des gotischen Herzens von Paris, der Notre Dame de Paris, Menschen weinend versammeln und Medien weltweit geschockt tagelang und mit immer mehr Filmdokumenten über das Desaster berichten?
       Aber die Hochwasserkatastrophe, die San Marco traf, eine der wenigen uns gebliebenen Erinnerungen an das byzantinische Kaiserreich, nicht beweint, sondern als einzigartige Reiseerfahrung ahnungsloser Touristenvölker erlebt wird und von ebenso ahnungslosen Journalist*innen als einer von vielen Katastrophenberichten in wenigen Tagen und ohne tiefer gehende Recherchen abgewickelt wird?

Wie kann es sein, dass sich für die Rettung der Ruine von Notre Dame de Paris umgehend weltweit die bekanntesten Kapazitäten von Kunstgeschichte, Restaurierungswissenschaft, Architektur etc. mit qualifzierten, aber auch abgedrehten Vorschlägen zu Worte melden und die Optionen leidenschaftlich diskutieren?
       Aber zum venezianischen Desaster schlicht die altbekannten Argumente der üblichen Verdächtigen wieder ausgetauscht werden zu den Beschädigungen der Lagune im 20. JH und allen gescheiterten technischen und wissenschaftlichen Rettungsbemühungen über einen Zeitraum von Jahrzehnten - und das alles aus rein wirtschaftlichen Gründen, zum Erhalt und zur Maximierung der Gewinne? Während die Tourismusindustrie den wirtschaftlichen Schaden der Katastrophe bejammert und Hotelstornierungen von 50 % die Venedigschlagzeilen in den Medien dominieren, statt des Schadens, den Bevölkerung und Stadt erlitten haben?

Wie kann es sein, dass für den Wiederaufbau der verbrannten Notre Dame de Paris umgehend eine Milliarde Euro zur Verfügung steht? Von potenten Menschen wie den Luxuskonzerninhabern Francois Pinault, der in Venedig zwei große Häuser zur Ausstellung seiner Kunstsammlung unterhält, und Louis Vuitton, zu dessen Konzern LVHM der Fondaco dei Tedeschi gehört und der in seinen Luxusladen in Venedig einen feinen Kulturraum für Gegenwartskunst integriert hat?
       Aber wo sind die großherzigen Millionen zur Rettung einer der kostbarsten Kirchen der Welt, dem Schatten und Schimmer von Byzanz und dem Herzen der Serenissima? Die Restaurierungskosten der aktuellen Hochwasserschäden werden auf 3 Millionen €uro geschätzt. Peanuts für Pinault, Vuitton, die venezianischen Stiftungen, griechischen Stiftungen wie Onassis oder Niarchos, die die Restaurierung von S. Giorgio dei Greci finanziert hat, die Milliardär*innen des gesamten Planeten, die mit Sicherheit alle die Schönheit Venedigs erlebt haben! Taschen zugenäht? Besitz mit ins Grab nehmen? Während die Venezianer*innen mit Putzlappen das Salzwasser von den über 1000 Jahre alten Bodenmosaiken wischen?


In den letzten Tagen gibt es Berichte über Maßnahmen als Reaktion auf die Novemberkatastrophe, die anscheinend in der Planung schon so fortgeschritten sind, dass sie bis zum Ende des Jahres umsetzbar zu sein scheinen. Die das Problem der Bedrohung der Basilica (und ganz Venedigs) nicht lösen, aber belegen, dass sich die Schockstarre löst.

15.000 Besucher*innen täglich (geschätzt, immer noch nicht gezählt!) werden kurzfristig (vor dem Sommer?) elektronisch organisiert, wofür man noch nach einem geeigneten IT-Partner sucht. 
Touristische Besichtigung wird nur noch nach online-Anmeldung möglich sein. Und zwar wahlweise kostenpflichtig mit Vergabe eines exakten und direkten Besuchstermins jederzeit im Voraus (für Besuchergruppen oder Einzelpersonen) oder per kostenloser online-Anmeldung am geplanten Besuchstag mit der Vergabe einer Nummer, mit deren Hilfe an außerhalb von San Marco aufgestellten Automaten Eintrittkarten gezogen werden können. Die führen ans Ende einer möglichen Schlange inkl. Wartezeit. Ohne Onlinebeleg betritt jedenfalls niemand mehr San Marco. Auf diese Weise erwartet man die elektronische Zählung der Besucher*innen und weniger Schlangen durch die kostenpflichtige Voranmeldung.
Diese Einnahmen wandern in die Finanzierung der Restaurationen, reichen natürlich bei Weitem nicht aus. (Quelle)


Das zweite Projekt geht derzeit durch Presse und social media, der Antrag liegt der Verwaltung und der Wasserbehörde vor; geplant ist eine Ummantelung der Kirche mit Glasplatten von 1,20 m Höhe, die Schutz bis 2 m Hochwasser bieten (die Piazza liegt auf 0,85 m Höhe). Kosten ca 3,5 Mio Euro. 
Der Glasschutz würde auch das Ufer hinter der Basilica einbeziehen, da über den Rio della canonica Hochwasser in die Kirche dringt. Die Kirchenportale sollen von Glasmodulen versiegelt werden, die nur im Notfall eingesetzt werden. Ich vermute, dass unter dieser Voraussetzung die vor einigen Jahren installierten Pumpen den Kryptabereich wieder vor Hochwasser schützen könnten, die am 12.11.völlig  überbelastet versagten. Die Glaswände würden die derzeitigen Abgrenzungen aus Eisen ersetzen, die derzeit die Kirche umgeben.
Siehe dazu in deutscher Sprache:
FAZ 22.2. Markusdom in Venedig soll von Glaswall umgeben werden
SZ 24.1. Venedig rüstet sich gegen die Flut


Etwas detaillierter sind die Berichte der 
Nuova vom 21.1. und der 
Repubblica vom 21.1. 
(ich empfehle bei ungenügenden Sprachkenntnissen wie immer die Dienste des Google Übersetzers, auch wenn es da manchmal Formulierungen on the woodway gibt).

Die Glaswände sollen nach der Genehmigung möglichst schnell im Laufe des Jahres installiert werden und vor dem nächsten Novembervollmondhochwasser (Sonntag, 15.11.!) schützen. Kurzfristig für venezianische Verhältnisse, und auch nur von kurzfristiger Wirkung. Dass die Lagune in diesem Jahrhundert geflutet wird, steht außer Frage, langfristige Lösungen müssen her, aber das ist das Thema eines der nächsten Einträge.





Ich weise wiederholt Menschen mit Sponsor- und Retter*innenabsichten auf das italianische Artbonus Fördersystem hin, mit erheblichen Steuervorteilen, falls man über eine italienische Steuernummer verfügt. (Ein gutes Werk ohne materielle Vorteile schenkt immerhin erhebende Gefühle.)
Aktuelles zum Artbonus.


Zum Thema von Interesse:
Süddeutsche Zeitung, 9.2.20 Schäden in Venedig


Ergänzung 14.03.20
Die Fondazione di Venezia veröffentlicht heute die Liste der Institutionen, die Mittel aus dem Fonds Acqua Alta erhalten.

Ergänzung 9.4.
In der Folge der COVID 19-Schließungen wurden auch die Restaurierungsarbeiten in San Marco eingestellt. (Keine entsprechende Meldung in venezianischen Tageszeitungen gefunden.)



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17. Dezember 2019

Weihnachtsüberraschung - Eröffnung der Giardini Reali!


Quelle: La Nuova 15.12.19

Wirklich. Wer eröffnet eine Woche vor Weihnachten einen öffentlichen Park? Doch nicht die Stadt Venedig? Besonders nach den Schrecken des Acqua alta vom 12.11. und den folgenden zwei Wochen? Und den besorgten Blicken von Kulturminister Franceschini und Bürgermeister Brugnaro im Tweet vom 15.11., bei ihrer Besichtigung der Baustelle, die unter Wasser stand und aus Sicherheitsgründen gesperrt wurde?
Bei diesem Anblick rechnete ich mit der Verschiebung der Eröffnung mindestens bis Sommer 2020. Umso größer ist die Freude, dass das Werk heute (! 17.12. !) vollendet, übergeben und abgenommen wurde, genau 5 Jahre minus 1 Woche nach der öffentlichen Ankündigung des Projekts. 

Die Venice Gardens Foundation, einst eigens für die Restaurierung der verlotterten Giardini reali gegründet, hatte mit einem schönen Projektplan und finanzieller Unterstützung durch die Generali Versicherungen, die auch die Renovierung der Procuratie Vecchie finanziert, ihrem zentralen Firmensitz an der Piazza San Marco, hohe Erwartungen geweckt.



Quelle: Assicurazioni Generali Italia


Tatsächlich gab es bereits Anfang Dezember eine Pressemitteilung der Venice Gardens Foundation (hier: Artikel vom 3.12. im 'Metroplitano'), gelangte aber nicht zu kurzfristiger Priorität. 
Die 'Nuova' meldete am 15.12. und heute Morgen, wie auch der Gazzettino. Artribune berichtete heute ausführlich (hier die Google-Übersetzung) mit 28 Fotos (nach unten scrollen).
Die Stadtverwaltung Venedig informierte erst heute auf ihrer Website und ließ mit einigen Tweets am Nachmittag wissen, dass 22 hochstämmige Bäume gepflanzt wurden, 832 Sträucher, 6550 Grasgewächse, 3150 Zwiebelgewächse und 68 Klettergewächse. Die botanische Restaurierung verantwortet Paolo Pejrone, der der Lagunenbotanik angepasste Pflanzen einsetzt, die aber auch wenig Bewässerung verlangen.  

Erneuert in vollem Glanz ist die 90 m lange ehemals ruinierte Pergola, wieder erstanden der ehemalige Wintergarten, die Serra, als "The Human Garden" von Carlo Aymonimo und Gabri Barbini, in der Kunst ausgestellt werden soll, und das glitzernde neue Illycaffè im ehemaligen Cafépavillon, erbaut 1816 von Lorenzo Santi. Und natürlich das Beste (aus meiner Sicht), die Restaurierung der Zugbrücke und ihres Originalmechanismus über den Rio della Zecca. Sie führt aus dem Garten quasi als Unterführung (Sottoportego) durch die Procuratie Nuove, unter dem Museo Correr und der Bibliothek des Museo Correr. Ein flotter Weg von den Vaporettohaltestellen Vallaresso und San Marco ohne sich durch die Massen auf der Piazzetta und der Calle Vallaresso kämpfen zu müssen. Wunderbar!

Auf der Website der Venice Gardens Foundation sind alle Details zur Restaurierung nachzulesen.

Der ehemalige Springbrunnen ist jetzt eine Trinkwasserfontäne mit Löwenkopf. Die Zahl der Sitzbänke in schönem venezianisch-dunkelgrün, nicht rot, wird in den warmen Monaten wohl kaum reichen, aber daran kann man ja etwas machen. Den Bäumen muss man ein bisschen Zeit geben, in 15 Jahren sind die Giardini reali wieder ein Park mit echtem Baumschatten und die Anlage wird dann in ihrer geplanten grünen Üppigkeit beeindrucken. Eine wahre Bereicherung des Markusplatzes und der venezianischen Garten- und Parklandschaft

Die Kosten des Projekts sind höher als ursprünglich geplant, niemand wundert sich. Laut Artbonus des Kulturministeriums, das heute einen Bericht über die bisher 6jährigen Kultursponsoringaktionen veröffentlichte, (bereits einmal in diesem Blog erwähnt anlässlich der Finanzierung der Nase Richard Wagners), hat die Finanzierung mit einem Minus von 2 Mio. € wohl auch nicht ganz geklappt. Der Hauptsponsor Generali kann seine engagierte Projektfinanzierung bei den Steuern geltend machen, und niemand hindert die Sponsor*innen unter uns, freundlich ein Scherflein dazuzulegen (so geht das), sozusagen in die weihnachtliche Krippe. Auch wenn das auf das deutsche/ österreichische/ schweizerische Finanzamt nicht zutrifft.

Ergänzung 20.7.2020
Die 30jährige Baustelle des Ponte della Zecca wurde zum Redentorewochenende geschlossen und die restautierte Brücke eröffnet. Damit sind die Arbeiten am Ufer des Bacino am Eingang des Canal Grande abgeschlossen. Ich hatte, wegen Covid 19, bisher leider noch nicht das Vergnügen, aber die Fotos sind überzeugend.


Ergänzung 22.12.2020
In den beiden Wintergärten werden derzeit Bibliotheken zur kostenlosen Nutzung durch die Gartenbesucher*innen ab der Gartensaison 2021 eingerichtet. Im großen Wintergarten soll es naturwissenschaftliche Werke geben sowie Bücher zu Gartenbau, Landschaftsplanung und ähnlichen Themen; im kleinen Wintergarten Bücher zur Unterhaltung für alle Altersgruppen, die auch zur Lektüren auf den Bänken im Garten mitgenommen werden dürfen. 


Zugbrücke von den Giardini reali zur Piazza San Marco (bei Flut)
Quelle: Twitter Comune Venezia


Alte Einträge zum Thema:

5.11.2017 "Baustellen in Venedig - Giardini Reali"
30.10.2018 "Kleine Zwischenmeldung zu den Baustellen"


Ergänzung 4.6.20

Die Preise im schönen neuen Café der Giardini Reali entsprechen offensichtlich den Preisen der Cafés auf dem Markusplatz. 1 Cappuccino + 1 Saft 21 € 😬 Aber dafür darf man im Garten sein Mitgebrachtes auspacken und verzehren. Das machen wir dann mal.

Ergänzung 16.7.
L'acqua bassa in Venedig: Blumenpracht in den Giardini Reali hinterm Markusplatz



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28. September 2019

Herbstliche Gärten in Venedig 2019

Venissa-Garten auf Mazzorbo September 2019

Auch in diesem Herbst bietet der Wigwam Club Giardini Storici Venezia, der sich um die Pflege des historischen Gartenerbes in Venedig bemüht, sein jährliches Festival dei Giardini an, am 4., 5. und 6. Oktober.  Das Programm führt z. T. in Gärten, die bisher noch nicht besucht wurden. Anmeldung ist Pflicht über prenotazioni.giardinivenezia.gmail.com (Mail schicken und Antwort abwarten), wer vorher nach freien Plätzen fragen möchte, bitte SMS an +39 328 841 674 8. Letzteres empfiehlt sich, denn der Wigwam Club ist eine einzelne engagierte Frau, Mariagrazia Dammicco (siehe Eintrag zu ihren Veröffentlichungen: 20.4.2013: "Glyzinienrausch - April in Venedig"). Und es gibt genügend interessierte Venezianer*innen und Mitglieder des Wigwam Clubs, die sich jedes Jahr um Teilnahme an den Führungen bemühen. Also: man hat eigentlich keine Chance.

Was aber Gartenfreund*innen ermuntern sollte, venezianische Gärten auf eigene Faust zu erkunden, z. B. mit Hilfe meines Eintrags vom 30.5.2018


Die beschriebenen Gärten sind alle auch in diesem Jahr bis mindestens Ende der Biennale (24.11.) geöffnet -  mit Ausnahme des Gartens Soranzo Capello und des Giardino della Misericordia, die jeweils nur zu Sonderöffnungszeiten einladen. 



Achtung aktuelle Ergänzung! 

Der Garten des Palazzo Soranzo Capello (Sitz der oberen Behörde für Archeologie, Kultur und Landschaft) öffnet (mit kurzfristigster Information) am 4., 10. und 18.10. jeweils von 10-14 Uhr, mit kostenlosen Führungen um 10:30 und 11:30 Uhr. Keine Hinweise zur Voranmeldung. Haltestelle Ferrovia, kurzer Fußweg zum Rio Marin siehe Karte Googlemaps.



Der Park der Insel S. Giorgio Maggiore ist (mit einer Erweiterung) wie immer mit den stündlichen Führungen zu besichtigen und (ich wiederhole mich) sehr empfehlenswert, leider bieten die Führungen nicht genügend Muße, die reiche wilde Pilzflora des alten Klostergartenbereichs ausführlich zu studieren. 


Giardino delle Vergini Herbst 2019

Den Garteneintrag des letzten Jahres möchte ich mit weiteren Empfehlungen ergänzen, die den venezianischen Herbst gerade frühmorgens und spätnachmittags genießen lassen. 
An oberster Stelle steht für mich der öffentliche Gartenteil des Arsenale, in dem sich früher das Kloster der Vergini befand. Der große Park ist zu erreichen über den erst einige Jahre alten Ponte dei Pensieri (siehe auch Eintrag vom 26.6.2009 "Biennale Venezia - betrifft Brücke") und ich finde die Anlage so wunderbar, dass ich vor einem Jahr einen Eintrag dazu geschrieben habe: "Piet Oudolf-Garten in Venedig". Ich war vorletzte Woche da und wieder begeistert von der Stimmung (und der Blüte der Borstigen Krötenlilie s. u. in vollem Gange). LEIDER gibt es keine einzige Bank (bis auf derzeit eine Biennalebank, die ist Kunst!). Gerade hier, wo Sitzgelegenheiten an verschiedenen Punkten spezielle Ausblicke ermöglichen könnten und einen kontemplativen Gartengenuss, der die Besonderheit des Gartens noch steigern würde! Sehr schade.


Giardino delle Vergini Herbst 2019 - Borstige Krötenlilie

Dafür wurden im Uferpark auf S. Elena in diesem Jahr weitere der schönen roten Bänke aufgestellt, die wahre Entspannung erlauben mit Blick durch die Pinien auf sportlich aktive Menschen und den Verkehr in der Weite des Bacinos mit den grünen Inseln San Lazzaro degli Armeni, San Servolo und San Giorgio Maggiore. Und den früheren herbstlichen Sonnenuntergang, der in Venedig ja oft dramatisch, rot, überwältigend sein kann. Rote Bank - erste Reihe fürs tägliche Naturereignis! 


Parco delle Rimembranze, Sant' Elena Herbst 2019

Erfreulich! Die Universität Ca'Foscari öffnet den Garten der Ca' Bembo, einen neuen öffentlichen Park im Stadtteil Dorsoduro im September (ich habe die Öffnung bisher nicht überprüft) für Studierende, Schüler*innen der angrenzenden Grundschule Renier Michiel und das allgemeine Publikum. Schöner alter Baumbestand, Glyzinien, eine Wiese! Details zur Ca' Bembo. Öffnungszeiten sind März-Oktober Mo-Frei 8-12:15 und 15-18:30 Uhr; November-Februar Mo-Frei 8-12:15 und 15-17:30 Uhr. (Die Mittagspause dient der ausschließlichen Erholung der Grundschüler*innen.) Sehr nah bei der Kirche San Trovaso zentral in Dorsoduro ist das ein guter Ort, auf der Wanderschaft durch Venedig im Grünen eine Pause mit belegtem Brötchen oder Pizzastück einzulegen, ohne von der rigiden venezianischen Enjoy-Respect-Polizei gescheucht oder gar mit einer Knolle betraft zu werden. Eingang ist Ca' Bembo, Fondamenta Sangiantofetti 1074. Haltestelle Zattere, und weiter.


Sant' Elena, Parco delle Rimembranze, Herbst 2019

Weiter erfreulich: die schönen alten Giardini Papadopli, in den letzten Jahren sehr heruntergekommen, wurden im Sommer nach Rundum-Restauration und gärtnerischer Pflege wieder dem Publikum übergeben. Vom Bahnhof Santa Lucia und vom Piazzale Roma sind es nur jeweils eine Brücke in den Garten (Plan), eigentlich Privatbesitz des Hotels Papadopoli, das aber die Öffnung des Parks beibehält. Sehr schöner alter Baumbestand, die leicht hügelige Gartenplanung, die in Venedig einmal en vogue war, Bänke zu Füssen des Denkmals für Pietro Paleócapa - mehr als ein guter Ort, sich vor dem Bahn- oder Kreuzfahrtanschluss im Grünen zu entspannen.


Baustelle Giardini Reale Herbst 2019

Die unerfreuliche Nachricht dieses Eintrags ist, dass nach mehrfacher Öffnungsterminverschiebung die "Königlichen Gärten" zwischen Piazza San Marco und Bacino weit davon entfernt sind, im September eröffnet zu werden. Zu Beginn der Biennale kündigten die Medien den Termin 15.9. an, noch im Juli (!) war vom Herbst die Rede, versehen mit einem Baustellenfoto, das keine Frage offen ließ. 

Meinen älteren Einträgen kann man entnehmen, wie sich die Dinge entwickelten:
5.11.2017 "Baustellen in Venedig - Giardini Reali"
30.10.2018 "Kleine Zwischenmeldung zu den Baustellen"



Steht schon mal: die Pergola wie geplant an neuer Stelle

Die ersten Versprechungen sind also 5 Jahre alt, so lange bin ich gespannt auf die Restaurierung des Gartens und die Öffnung der Zugbrücke mit dem Durchgang auf die Piazza. Aber der Blick aus den "Gemächern der Kaiserin Sissi" im September zeigt, dass man weiter Geduld haben muss. 


Baustelle Giardini Reale September 2019

Die Kommentarlosigkeit ärgert mich schon, vor allem weil es in der Gegend um die Piazza herum keinerlei Sitzgelegenheiten für müde Menschen gibt außer in Bars, Restaurants, Vaporettohaltestellen (mit gültigem Fahrschein!). Erst wieder in den Kirchen entlang der Riva - San Zaccaria, San Giorgio dei Greci, San Giovanni della Bragora - kann man sich setzen, ohne vom bereits erwähnten Enjoyrespectpersonal vom Acker gejagt zu werden. Und auf den Steinblöcken, die ab der Haltestelle Arsenale zum Sitzen einladen. Und dann weiter in die menschenfreundlichen Gefilde der Gärten der Marinaressa, der napoleonischen Allee Viale Garibaldi und noch weiter auf die einladenden roten Bänke von Sant' Elena. 

Giardini della Marinaressa. Biennale Herbst  2019

Wer zur Zeit auf den Besuch venezianischer Gärten verzichten muss, tröstet sich vielleicht mit der Doku des Bayerischen Fernsehens "Die Gärten Venedigs".
  

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12. November 2018

Aurora Terza Colonna

Piazetta September 2018

Nach dem letzten Eintrag zur Archäologie der Baustellen an der Piazza und den Giardini Reali bleiben wir noch einen Moment bei der Archäologie. Denn der schöne Titel dieses Textes bezieht sich auf ein weiteres archäologisches Projekt am Ufer des Bacino. Die dritte Säule, la terza colonna. Die man gerne ans Licht der Morgenröte heben würde... wenn man sie denn findet.

Die beiden Säulen am Ufer der Piazzetta gehören unverzichtbar zum Gesamtpanorama des Bacino S. Marco und den Wahrzeichen der Stadt Venedig. Sie tragen die beiden Heiligen Venedigs. Rechts auf rotem Granit der erste Stadtheilige San Theódoros (venezianisch Tòdaro), ein orthodoxer Soldatenheiliger aus den byzantinischen Anfängen Venedigs, der auf dem besiegten Drachen steht, siehe auch Eintrag vom 11.11.16 "Neue Restaurierungs-Cam: der Tòdaro". Links auf grauem Granit der Patron der Serenissima Repubblica und jetzt der Stadt Venedig, San Marco, bzw. sein Symbol, der Markuslöwe

Die beiden Granitmonolithe landeten im 12. JH in Venedig, vermutlich in der Amtszeit des Dogen Domenico Michiel. Es gibt keine Dokumente über die Ankunft dieser Säulen und deshalb ist bis heute strittig, woher sie kamen - aus Konstantinopel oder aus dem sog. Heiligen Land, das zu diesem Zeitpunkt bereits von zwei Kreuzzügen überfallen und geplündert worden war. Venedig war an diesen Kreuzzügen nur auf privatwirtschaftlicher Ebene beteiligt, vor allem in der maritimen Versorgungstechnik mit Materialien, die vor und nach den Eroberungen gebraucht wurden, z. B. Holz für Belagerungen und als Baumaterial. Konstantinopel und sein Umfeld wurde erst mit dem 4. Kreuzzug 1204 ausgeraubt, an dem die Venezianer allerdings führend teilnahmen. In Konstantinopel hätte man im 12. JH für die Säulen bezahlen müssen - in Palästina konnte man sie "nehmen", weshalb ich diese Vermutung für wahrscheinlicher halte. 
Umso mehr, als es sich um DREI Säulen gehandelt haben soll, wie Francesco Sansovino ca. 350 Jahre später diese Überlieferung zum ersten Mal schriftlich dokumentiert. Für den Transport seien drei Schiffe eingesetzt worden, und eine der drei Säulen sei beim Versuch, sie an Land zu schaffen, ins Wasser gefallen. Es gab keine Möglichkeit, den schweren Granit dieses Formats wieder rauszufischen, ebenso wenig war es technisch möglich, die beiden anderen Riesendinger an Land hinzustellen, weshalb sie zunächst einige Jahrzehnte am Ufer liegen blieben. 

Erst der Doge Sebastiono Ziani, der das Gelände westlich und südlich von San Marco, damals ungepflastert und teils Gemüsegarten der Nonnen von S. Zaccaria, teils  Befestigung des Dogenpalastes und Hafenanlage, als Piazza und Piazzetta stadtplanerisch gestalten liess, fand im Architekten Nicolò Barattiero den fähigen Mann, der die beiden Säulen an der heutigen Stelle aufrichten konnte. (Ich habe einen italienischen Text gelesen, der das Verfahren beschreibt, aber ihn nicht wirklich kapiert. Beteiligt waren lange dicke Seile (aus dem Arsenale) und viel Wasser, um Reibungstemperaturen niedrig zu halten.) Die Sockel wurden dekoriert mit heute kaum noch erkennbaren Darstellungen venezianischer Handwerker. Als Lohn für seine Arbeit erhielt Barattiero auf seinen Wunsch die Genehmigung, Glücksspiele auf den Sockelstufen der Säulen zu betreiben (und bis hin zu Canaletto und Guardi sieht man die Darstellung von Spielern unter den Säulen). 
Erst zu Beginn des 14. JH wurden die beiden Heiligen auf den Säulen installiert (und damit sind alle Fotomontagen, auf denen die im 12. JH  'verlorene' 3. Säule mit einer Statue auf ihrem Kapitell zu sehen ist, Quark per se).



Von Glücksspielen abgesehen unterlag der Bereich zwischen den Säulen bald einem Tabu unter der Bevölkerung, denn die finalen öffentlichen Exekutionen von Kapitalstrafen, die zuvor an anderen Uferstellen stattfanden (vor S. Giorgio Maggiore und bei S. Giovanni in Bragora) wurden ans Ufer der Piazzetta zwischen die Säulen verlegt. Kapitalstrafen waren in Venedig (wie anderswo im Mittelalter) eine ritualisierte zeitaufwändige Prozedur, die in der Regel am Tatort des Verbrechens begann mit Abtrennen der rechten Hand und anschließender Präsentation des Delinquenten, mit der Hand um den Hals gehängt, per Boot und mit einem Ausrufer durch die gesamte Länge des Canal Grande bis zum 'Palco', dem Gerüst, das für jede Hinrichtung zwischen den beiden Säulen aufgebaut wurde.  (Auf dem de' Barbari Stadtplan von 1500 ist die Stelle zwischen den Säulen, ohne Gerüst, gut sichtbar markiert.) Venezianer*innen vermeiden bis heute, zwischen den Säulen durchzugehen. Auch bei der Führung im Ateneo Veneto bzw. der Scuola Grande di San Fantin fand der Abschlussvortrag des Rundgangs nicht etwa zwischen den Säulen, sondern mit einer schnellen Handbewegung "...bleiben wir doch hier stehen..." links der San-Marco-Säule statt. 
Trotzdem ist der Bereich zwischen den Säulen wie um die Säulen herum immer rappelvoll, dafür sorgen dankenswerterweise wir Tourist*innen, denn wir übertreffen die Zahl der Einheimischen ja bei weitem und wissen in der Regel wenig von historischen Details. 


Piazzetta und Piazza, De' Barbari 1500
Zwischen den Säulen,  De' Barbari 1500

Die dritte Säule, la terza colonna, liegt nach über 800 Jahren Überlieferung im Schlamm, ist bisher eine schöne Legende und verlangt nach Beweisen. Es wurde im trüben Wasser des Bacino getaucht, es wurde mit Satellitenaufnahmen nach Objekten mit spezifischer Dichte gesucht. Seit einiger Zeit werden Suchaktionen mit Spezialkameras und/oder Computertechnik angekündigt:

Laut La Nuova vom 29.6.2016 wird die 3. Säule in 7 m Tiefe vermutet.
Laut La Nuova 20.12.2016 sollen die Untersuchungen im Februar beginnen.
Laut Nuova am 27.7.2017 sollen die Untersuchungen im September beginnen und ein Fernsehbericht vom April 2017 nennt Details wie Kosten von 350 Mio €, die komplett von Sponsoren übernommen werden.
Im Januar 2018 verdichten sich die Medienmeldungen, unter anderem bei Venezia Today 29.1.2018 dank einer Einladung des Ateneo Veneto zur Projektvorstellung Aurora Terza Colonna.

Über Venipedia TV wird die Präsentation des Projekts am 30.1.2018 ins www gestellt und wer italienisch kann und eine Stunde Zeit hat, kann sich trotz der unprofessionellen Filmqualität (Mikro nicht an die Kamera angeschlossen, die projizierten Charts nicht sichtbar) diesen Film ansehen, den ich hier der Vollständigkeit halber verlinke. Der große Saal des Ateneo Veneto war bis auf den letzten Platz besetzt, wie man sehen kann. Auf dem Podium saßen neben Vertreter*innen von Venipedia, des Ateneo Veneto, der oberen Behörde für Archäologie Friaul Venedig auch die Projektmitarbeiter*innen Marco Bortoletto (Archäologe), Barbara Chiozzotto (tomografische Untersuchungen) und die künstlerischen Mitarbeiter Nicola Baratto und Yannis Mouravas. Interessant ist der Beitrag von Marco Bortoletto ab Minute 40, der die bisherigen restaurativen Eingriffe im Bereich der Piazza wie Basis des Campanile, Erhöhung des Ufers, Uhrturm etc. schildert und die archäologischen und historischen Kenntnisse, die daraus gewonnen werden konnten. Und er stellt die dem Auditorium bekannten Überlieferungen, sprich Legenden, dem archäologischen und durch Dokumente gesicherten Wissen über die Geschichte der Piazza und der sie umgebenden Gebäude gegenüber. Leider spricht er ab Minute 50 im Stehen und mit einem Handmikrofon, und damit ist es leider ziemlich vorbei mit der ohnehin schlechten Verständlichkeit. Schade. 

Untersucht werden soll der Bereich des Molo ab der Linie Dogenpalast und über das Ufer hinaus in gleicher Tiefe (also vor allem das Becken, in dem die Gondole stationiert sind), in der Breite von der Biblioteca Marciana bis zum Rio della Canonica, der zwischen Dogenpalast und Gefängnis unter dem Ponte die Paglia und der Seufzerbrücke fließt. Das ist eine große Wasserfläche plus eine heute bebaute bzw. befestigte Fläche (von insgesamt 7.000 m2), die im 12. JH vor den städtebaulichen Maßnahmen des Dogen Sebastiano Ziani zum Teil noch zum Hafenbecken gehörten, was aber mangels Dokumenten bisher nicht zu belegen ist. 
Von den Untersuchungen mit Tomografie und anderen elektronischen Hilfsmitteln erhofft man sich valide archäologische Erkenntnisse über diesen Zeitraum venezianischer Geschichte. Ob man dabei wirklich eine dritte Säule entdeckt, wird sich zeigen. Dass man sie nach der Dokumentation heben würde, möchte ich persönlich nicht hoffen. Der Schlamm ist, falls dem so ist, ihr Platz seit 800 Jahren, wozu sollte sie im Jahr 2018 am Ufer des kulturellen Welterbes Venedig und Lagune dienen? Als Werbepfeiler für eine gigantische Rolex?

Für die Projektfinanzierung stehen die Musso Holding, Save Innovations, und zwei weitere Namen, die ich mit Suchmaschinen nicht finde: Ilcorest und Morgan. 
Im Herbst (Oktober?) soll das Suchprojekt starten, aber Terminankündigungen gab es bisher ja diverse. Die letzten Medienberichte sind immer noch Vorankündigungen, wie der geschwätzige Text von Atlas Obscura vom 7.3.18 und der kurze, aber seriöse Beitrag von ANSA.it am 22.6.18, sowie eine gute Zusammenfassung des aktuellen Stands im Mai von venezia.italiani.it und ein weiterer TV-Bericht vom 17.7.18

Sind wir also gespannt auf die Forschungsergebnisse. Berichte, die irgendwann veröffentlicht werden sollten, werden hier als Nachträge angefügt.


Molo der Piazzetta März 2018



Nachtrag 13.11.
Schneller als gedacht kommt der erste Nachtrag: der Corriere delle Alpi verlinkt ein Video von 2017 mit dem Zusatz "al via le ricerce", auf dem Weg. Könnte bedeuten, dass die Untersuchungen gerade beginnen/begonnen haben. 



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