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24. Juli 2017

Noch einmal: Villa Cornaro, Piombino Dese

Quelle: Regione del Veneto 2016

Am 7. September 2007, also vor 10 Jahren, fuhr ich von Venedig nach Piombino Dese, eine kleine Bahnstrecke von der Dauer der Vaporettofahrt von Giudecca Palanca bis Fondamente Nove, um auf Einladung des stolzen Besitzerpaares Sally und Carl Gable die Villa Cornaro, Werk Andrea Palladios, zu besuchen.

Meinen Bericht vom Oktober 2007 kann man hier lesen: 
Villa Cornaro - ein Ausflug aufs Festland.

Der Eindruck war nachhaltig: in der Folge las ich viele Bücher über Andrea Palladio und vor allem seine "Vier Bücher zur Architektur", besuchte diverse Ausstellungen zu Palladio in Venedig und andernorts, pflegte noch einige Jahre den gelegentlichen Mailkontakt mit den Gables aber kehrte nicht mehr nach Piombono Dese zurück. Wollte eigentlich schon, hat sich aber nicht 'ergben'.


Im Februar 2017 fand ich die Villa Corner auf der Webseite von Sotheby's - Preis auf Nachfrage. Da die Gables schon vor 10 Jahren zwar bei bester Gesundheit, aber beide betagt waren, gab es einen nahe liegenden Schreckgedanken. 
Die Widmung in "Palladian Days - Finding a New Life in a Venetian Country House" lautet: 


"For Ashley, Carl and Lisa, Jim and Juli. 
Hoping they will understand why we embarked on this adventure, learn about the Veneto and the Renaissance, and grow confident in their own ability to seize dreams. 
And so they will know where the money went."

Meine Befürchtung hat sich zum Glück nicht bestätigt - nicht die Erben verkaufen das Haus, sondern aus Altersgründen das Besitzerpaar selber. Auf 2 Kontinenten zu leben, ist auch eine Frage der Kondition.

Vor 10 Tagen berichtete die New York Times in einem sachkundigen, lesenswerten Artikel (in Anlehnung an die Website der Gables) über das sensationelle Angebot einer Palladio-Villa: 


wow, inklusive 7 beeindruckenden Fotos (natürlich habe ich bei meinem Besuch der Villa weder im Haus fotografiert, noch die (Schlaf- und Arbeits-)zimmer der oberen Etage gesehen). Nachdem die Sache groß raus ist, kann ich meine Zurückhaltung aufgeben und auch auf die Sensation hinweisen.
Eine Immobilienfirma klinkt sich mit einer Art Schein-Exposé ein, aber die Fotos sind sehenswert (wenn auch ein Foto der Rückseite des Hauses extrem in die Höhe gezogen ist, geklaut bei Guide touristiche Padova). 

In den 10 Jahren seit meinem Besuch der Villa verzichten erstaunlicherweise Reiseführerautor*innen durchgängig weiterhin darauf, auf dieses Juwel aufmerksam zu machen. Es gibt ein paar Tips von/für Tourist*innen online, und die Tourismus-Seite von Padua empfiehlt den Besuch der Villa mit Besuchshinweisen.

Dieses Besuchsangebot beruht auf der Gastfreundlichkeit des Ehepaars Gable, ohne Zaudern und kostenlos seinen Besitz dem interessierten Publikum zugänglich zu machen. Und man wandert nicht nur durch die Räume, die Palladio für die Präsentation konzipierte, sondern auch durch Küche, Bad, Wohn- und Arbeitsräume des Erdgeschosses. Ob das nach dem Verkauf und unter neuen Besitzer*innen noch der Fall sein wird, kann niemand wissen. Wer 45.000.000 € in ein Haus investiert, hat sicher ziemlich exklusive Nutzungsvorstellungen. Realitischerweise würde ich also befürchten, dass man künftig keine Chance mehr hat, die Villa zu besichtigen. 

Also: die möglicherweise letzte Gelegenheit nützen, bis Ende September Samstagnachmittag einen Ausflug nach Piombino Dese machen. (Oder danach telefonisch einen Termin abmachen. Ein junger Mann aus der Nachbarschaft ist zuständig, für vereinbarte Gruppenbesuche die Türen und Fensterläden zu öffnen. Solange das Haus nicht den Besitzer gewechselt hat.) 

Auf der Gable-Webseite finden sich Informationen zu Palladio und seinem Werk.
Auch das Vorbesitzerpaar der Villa, Richard H. und Julia Rush, berichtete sehr lesenwert über "Our Purchase and Restauration of the Villa Cornaro". 




Alle Einträge mit dem Label Palladio


Nachtrag 16.7.2017
Das scheint schneller zu gehen als erwartet: 
Il Mattiono di Padova: Villa Cornaro cambio proprietari

Nachtrag 3.9.2018
Aha. Nach der Gerüchteküche: die Villa Cornaro hat jetzt wohl chinesische Eigentümer
Il Mattino di Padova: Villa Cornaro "parla" cinese, acquistata per 22 milioni

Nachtrag 6.2.2019
Eine weitere Villa von Palladio hat den  Besitzer gewechselt. Ein "unbekannter chinesicher Magnat" hat die Villa Emo gekauft, berichtet die Artribune: "Il caso della vendita della Palladiana Villa Emo a un magnato straniero".




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26. Januar 2014

4 Wochen auf San Giorgio Maggiore

Von links: Darsena Verde, Hallenschwimmbad, Campus Vittore Brana, darunter das Borges-Labyrinth, Ex-Dormitorium jetzt Manica Lunga, Zypressenkreuzgang, außen rechts ein Teil des palladianischen Cenacolo
Den Monat Oktober 2013 verbrachte ich auf der Insel S.Giorgio Maggiore. In Sichtweite des Massengewimmels vor dem Dogenpalast läuft hier wie auf manchen anderen Laguneninseln ein ganz anderes Programm.

Vorne die großartige Palladio-Kirche, entlang der Marina temporär funktionierende Ausstellungsräume und dazwischen eine Terassenbar kennen viele VenedigbesucherInnen. Dahinter und abgesperrt, zu sehen nur beim Blick vom Campanile S. Giorgio und den Wochenendführungen durch den Gebäudekomplex steht eines der ältesten Klöster Venedigs, in dem nach über 1000jähriger Geschichte immer noch eine Gemeinschaft von Benediktinern lebt, betet und arbeitet, dessen Räume aber zum größten Teil die Bibliotheken, Archive und Verwaltung der Fondazione Cini beherbergen. 

Park auf S. Giorgio M.
Diese Stiftung schreibt im Rahmen ihres Vittore Branca Zentrums für das Studium der italienischen Kultur jährlich mehrere 3monatige Post Doc- und 6monatige Promotions-stipendien aus (Bewerbungsschluss jeweils Ende Januar), darüber hinaus können sich freie ('independent') WissenschaftlerInnen jederzeit um ein Aufenthaltsstipendium bewerben. Das geht unkompliziert per Formular, Lebenslauf, Beschreibung des jeweiligen Arbeitsthemas-Studienprojekts-Veröffentlichungsprojekts; Dauer und Zeitpunkt des geplanten Arbeitsaufenthalts darf man sich wünschen. 

Zypressenkreuzgang im Nebel
Bewerbungen der 'Freien' werden in 4-6 Wochen begutachtet und beantwortet. Der Aufenthalt ist nicht kostenlos, orientiert sich aber zum Teil auch an den Mitteln des/der Bewerbers/in und liegt unter dem Preis eines einfachsten Hotelzimmers in Venedigs. Die Zimmer in Centro Branca sind klein aber funktional-komfortabel mit Bad und Küchenecke (Mikrowelle, Induktionsplatte etc.), die Gebäude sind klimatisiert (gut im Sommer) mit Fußbodenheizung (gut im Winter) und so struk-
turiert, dass (die von mir befürchtete nervige) Wohnheim-
atmosphäre weitgehend verhindert wird.


Ich glaube, so zentral in Venedig gibt es keinen ruhigeren Ort als S. Giorgio M.
Der Park im südlichen Teil der Insel ist überraschend groß, in seiner jetzigen Form erst in den 1950er Jahren angelegt, mit breiten Wegen, es geht aber auch quer durch, gepflegt und beschnitten, aber auch mit Unterholz, diversen alten Nadel- und Blattgehölzen, Gras und Wildblumen und einer überraschenden Vielfalt und Menge von Pilzen im nassen Oktober 2013.

Der Park ist praktisch immer leer, man kann sich ungeniert allen Arten von Herumhopserei, Uferrundlauf oder lautem Gesang hingeben sowie der Kontemplation auf Bänken oder Ufermäuerchen, Meditation mit Blick auf die Lagune und die umliegenden Inseln S. Servolo, S. Lazzaro, La Grazia, S. Clemente und den Canale Orfano, in dem zu Zeiten der Serenissima Urteile zum Tod durch Ertränken vollstreckt wurden.

Ausstellung in der Piscina (Rolex Arts Weekend)

Das Teatro Verde und die Piscina (ein großes Hallenbad mit Sprungturm und allem Zip und Zap) die die Fondazione Cini in den 50er Jahren bauen ließ, werden leider nicht mehr genutzt. Ersteres nur für 1-2 Konzerte pro Jahr, wenn überhaupt, letzteres trockengelegt, einmal während meines Aufenthalts für eine Architekturausstellung im Pool, in den man über eine Leitertreppe kletterte. Schade, aber wohl gewollt.
 
Herbstmorgen an der Südspitze von S. Giorgio M.

Die kleine, an das Schwimmbadgebäude anschließende Marina "Darsena Verde" dient einem anliegenden Segelclub mit eigenem Gebäude für Segelfreizeiten, u.a. Segelunterricht für kleine Kinder in winzigen Booten. Sehr putzig, wenn 5 Segelchen hinter einem Motorboot herjuckeln, in dem der Lehrer mit dem Megaphon quakt. 

Die 'Nicht-Residenti' auf der Insel kennt man schnell, die Bibliothekare, die Rezeptionisten, die Gärtner, die Haus-
techniker, die Verwaltungsbürofrauen die sich um das Centro Branca und das Eventmanagement kümmern, den Campus-
master, die Zimmerfrau, die Nachtwächter kommen täglich auf die Insel. Man grüßt sich freundlich, und trifft man sich zufällig in der Stadt, grüßt man auch freundlich. Inselgemeinschaft, wenn auch nur vorübergehend. 

Mönche sieht man selten, von weitem in ihrem Gemüsegarten oder in der Kirche, hinter dem Altar in ihrem Chorgestühl.

Branca-Mitarbeiter auf dem Weg zur Arbeit im morgendlichen Kreuzfahrtverkehr

Die "Residenti" wechseln häufig und sind völlig mit ihren Projekten beschäftigt. Man sieht sich allenfalls beim offiziellen 'Spritz' zu dem die Stiftung donnerstags nach Bibliotheks-
schluss einlädt, damit man sich gegenseitig vorstellen kann, ansonsten per Zufall in der Bibliothek (schweigend), im Gym (schweigend), am Waschautomaten oder auf dem Nacht-
vaporetto bei der Heimfahrt, wenn nur 5 Fahrgäste an Bord sind. Ansonsten ist Initiative gefragt, will man die hochinteressanten MitbewohnerInnen und ihre Arbeit näher kennenlernen.


Eines der Nebengebäude für Veranstaltungen

Ich war morgens als Erste allein auf dem Campanile um den Morgennebel steigen zu sehen, ich war abends die Letzte allein im stockdunklen Kirchenschiff von S. Giorgio, ein einzelner Lichtkreis beleuchtete die Stufen zum Altarraum, aus der dunklen Apsis klang die Komplet der Mönche wie jenseits von Zeit und Raum. (Kleine Panik: man sieht mich nicht, komme ich raus bevor die die Tür geschlossen wird?!) 

Vor meinem Zimmerfenster durchquerten im Morgengrauen täglich 3-5 Riesenkreuzfahrtschiffe das Bacino, in der Abenddämmerung bzw. schon im Dunkeln (Ende Oktober!) fuhren sie in die andere Richtung wieder aus. Die Autofähren vom und zum Lido ziehen in dichtem Takt vorbei, die großen Personenfähren von S. Zaccaria nach Punta Sabbioni tuten bei der Ein- und Ausfahrt, dagegen hilft keine Doppelver-
glasung.


Vor meinem Zimmerfenster
Man legt weite Wege auf 2 Etagen zurück auf Fluren, Treppen, durch Verbindungsräume, Kreuzgänge; spannend immer wieder die unterschiedlichen Ausblicke aus den Fenstern des Klosterkomplexes. Morgens hängt der Nebel in den beiden Kreuzgängen, manchmal so dicht, dass der Campanile darin verschwindet. Bei warmem Wetter steht nachmittags beim Verlassen der Bibliothek der Duft der Zypressen wie ein Körper im hinteren Kreuzgang. Überall in den Außenbereichen rieselt es von den Wänden, jeden Morgen gibt es neue kleine Sand- und Putzhäufchen im Winkel zwischen Wänden und Boden, die in den Kreuzgängen aufgefegt werden. Wie lange dauert es, bis so ein Mauerwerk zerrieselt ist?

Unten: Teil des Daches der Manica Lunga, darüber der Gemüsegarten der Mönche, die Terassenbar, Ausstellungsräume der Cini-Stiftung, oben rechts Darsena Verde
Einen beträchtlichen Teil meiner Tage verbrachte ich in den Bibliotheken, eine Freude, die ich nicht angemessen beschreiben kann. Der außergewöhnliche Raum der Manica Lunga mit seinen hohen Regalen, dem Gewölbe darüber mit den alten Dormitoriumslampen, die lange Reihe von Arbeits-
tischen (von denen immer nur wenige besetzt sind), die kleinere Struktur der ehemaligen Mönchszellen, die warme Athmosphäre des Holzes, dessen Duft mittlerweile leider verflogen ist, das Klima der Fußbodenheizung unter dem neuen Parkett. (Und die Vorstellung der alten Steinplatten, die unter dem Parkett erhalten sind: im Sommer morgens frisch und kühl, im Winter das eiskalte Grausen unter nackten Fuß-
sohlen...! Hatten die Mönche Winterteppiche oder gingen sie mit Socken zu Bett?)

Longhena Bibliothek 2007, vor dem Umbau des Dormitoriums

In der Longhena-Bibliothek, die immer im Kino auftaucht, wenn eine Barock-Bibliothek gebraucht wird, deren geschnitzte Regale während der französischen Besatzung 1797 ausgela-
gert und gerettet wurden, gibt es kein Parkett, sondern die typischen rot-weißen Steinquadrate und keine Heizung. Der Raum ist still und kühl und enthält in seinen vergitterten Wandschränken die Bücher zur Geschichte Venedigs. Mir stockt immer der Atem, wenn ich den Raum betrete, immer allein, die quietschenden Gittertüren öffne, die gesuchten Büchr hole und an ihrer Stelle die Entnahmezettel hinterlasse. Mein Bücherstapel an meinem Arbeitsplatz in der Manica Lunga hält mich ohne Mittagessen fest bis um 16:30 einer der Bibliothekare Feierabend bimmelt, manchmal gibt es 2 Stunden Sonderverlängerung für Branca-StipendiatInnen. Selten ziehen Besuchergruppen mit dozierendem/r Guide durch die Manica Lunga, oben rein, an den Regalen entlang bis ganz unten zum Triforen-Fenster am Bacino, wieder rauf, das sind insgesamt 250 m.


Ganz hinten rechts - Treppenaufgang zu den Bibliotheken

Die 'Residenti" sind jeweils eingeladen zu öffentlichen Veranstaltungen der Fondazione Cini, Lesungen, Konzerten, anderen Aufführungen in den vielen Veranstaltungsräumen der Insel, immer wieder Räumen, die man noch nicht kennt. Es gibt auch geschlossene Veranstaltungen wie Konferenzen, Kongresse, Privatfeiern, die man aber z. B. auf dem Weg zur Bibliothek durchquert mit der Cini-Chipkarte um den Hals.
Im Oktober fanden eine ganze Reihe solcher Veranstaltungen statt (weshalb dann die Wochenendführungen auf der Insel abgesagt werden), z. B. einen internationalen Kardiologen-
kongress mit ca. 400 Teilnehmern, der mir die Erkenntnis bescherte, dass der Kardiologe tatsächlich männlich ist. Viel männlicher jedenfalls als die Bundeswehr, vermutlich auch männlicher als der Vatikan, der ja eine Menge Nonnen beschäftigt. Ich habe vielleicht ein Dutzend weiblicher Kongressteilnehmerinnen gesehen, junge gut aussehende. (Studieren Frauen erst seit kurzem Kardiologie? Sie müssen vermutlich nicht nur sehr gut sein, sondern auch noch weibliche Qualitäten wie Schönheit explizit vorweisen, um in der Männerdomäne erfolgreich zu sein?) Alte oder durchschnittlich aussehende Frauen jedenfalls waren nicht dabei. 


Am allerletzten Tag zufällig entdeckt: Führung durchs Kloster.
Anfragen an der Kasse zum Campanile-Fahrstuhl. Beim nächsten Mal.
Zur 2tägigen geschlossenen Veranstaltung Rolex Arts Weekend, das im Rahmen eines MentorInnenprogramms für junge KünstlerInnen jährlich stattfindet, wurden auch die 'Residenti' eingeladen. Ich gehöre nicht zur Rolex-Zielgruppe und hatte nie davon gehört. Eigentlich handelt es sich dabei um ein hochklassiges Marketingevent, zu dem 500 interna-
tionale Kunstmenschen und MultiplikatorInnen kostenlos von Rolex nach Venedig eingeflogen, 3 Tage lang in **** und ***** - Hotels untergebracht wurden, unterhalten mit Arts Weekend und geschlossener Aufführung im Fenice. Für mich war das Programm eine sehr spannende Erfahrung mit der Arbeit junger KünstlerInnen und paralleler theoretischer und philosophischer Auseinandersetzung mit Kunst und künstlerischem Ausdruck auf hohem und dichtem Niveau. Und, zusätzlich, interessanter Begegnungen, z. B. als ich mich beim abschließenden Essen mit meinen Begleitern, 2 jungen Doktoranden von Cambridge und Princeton, an einem Tisch mit 3 bekannten KuratorInnen aus Seoul, Mexico City und New York City fand. Eine Zufallsgruppierung, eine sehr animierte Tischgesellschaft, ein wunderbares Menu von Meeresfrüchten...


Rolex Arts Weekend, Theaterarbeit des Warschauer Ensembles mit Blick auf das Hotel Cipriani

Es war vor allem ein Höhepunkt meines Aufenthaltes auf S. Giorgio M., weil das Essen im PALLADIANISCHEN Cenacolo (normalerweise in Klöstern Refektorium genannt) stattfand, wovon weder meine Kollegen noch ich je zu träumen gewagt hätten. (Die Jungs fotografierten sich gegenseitig, als Beweis für die Eltern.) Das Cenacolo steht zwar immer offen, mit neuem Parkett, Wandtäfelung und vor 7 Jahren wieder gekrönt mit der "Hochzeit zu Kana" von Veronese, dessen Original im Louvre hängt und dank Computertechnik originalgetreu reproduziert wurde. Reingehen und ansehen, ja - aber darin essen?!  Und es stellte sich heraus, dass das alte klösterliche Schweigen bei den Mahlzeiten, begleitet nur von Lesungen, seinen Sinn hatte: nachdem die Konversation an den Tischen in Schwung war, stieg der Geräuschpegel derart, daß man sich mit den TischgenossInnen nur noch rufend verständigen konnte. Es herrschte einfach ein Wahnsinnslärm bei diesem Essen.



Das Cenacolo liegt erhöht, man betritt es über eine schöne breite Treppe zwischen zwei Marmorwaschbecken, und als BewohnerIn der Insel weiß man, dass es draußen hinter der Wand mit dem Veronese eine ebenerdige Tür gibt: sie führt in die niedrige ehemalige Klosterküche unter dem Cenacolo. Die dürfte auch hier die früher übliche Wärmequelle für den Speisesaal gewesen sein, Fußbodenheizung sozusagen. Heute darf diese Küche aus Brandschutzgründen nicht mehr genutzt werden, sie dient aber noch als Anrichteküche. 
Bei allen Veranstaltungen mit Kocherei reisen nicht nur die passenden Tische, Stühle, Geschirr, Dekoration etc. per Boot an, sondern auch das Cateringteam durch das Wassertor an der Südwestseite der Insel, das nur ein paar Meter vom Cenacolo entfernt liegt. Es wird ein großes Zelt rechts des Speisesaalhauses aufgebaut, darin 10-15 große Gasflaschen und Klapptische für mobile Herde. Dort wird das Essen brandsicher frisch zubereitet, die Töpfe in die Anrichteküche gebracht und von dort über eine schmale Treppe unterhalb des Veronese, verdeckt durch einen Holzpanelwand, in den Speisesaal.

So geht das also. Und ich - wer bin ich! - durfte in Palladios Speisesaal essen. Einmal im Leben.

Zu Tisch im palladianischen Speisesaal


Siehe auch Archiv Blogeinträge Oktober 2013, enthält das eine oder andere zum Thema S. Giorgio M.
  


26. Dezember 2013

Accademia - Renovierung vollendet

S. Maria della Carità Oktober 2012 frei von Einrüstung
Fast 3 Wochen ernsthaft stillgelegt durch eine Infektions-
krankheit, kann ich diese hocherfreuliche Nachricht erst mit Verspätung melden. Am 18. Dezember wurden die neuen Ausstellungsräume der Accademia und die Ergebnisse der 6 Jahre dauernden Renovierung vorgestellt. Bisher anscheinend nur von den lokalen und regionalen Medien zur Kenntnis genommen (venezia net; La Nuova); nicht einmal auf der Website der Accademia findet sich das Ereignis bisher.


Die Vergrößerung der Ausstellungsflächen ist vor allem zu danken dem Umzug der Kunsthochschule 2004 in den Komplex des ehemaligen Klosters und Hospitals der Incurabili an den Zattere (Haltestelle Santo Spirito, Linie 6; Zutritt nur gestattet anlässlich der ArtNight am Mittsommersamstag).
Dadurch wurden Räume im ehemaligen Kloster S. Maria della Carità frei, einem Werk Andrea Palladios, das nun nach der 6 Jahre dauernden Renovierung wieder zu bewundern ist.

Goethe lässt in seiner "Italienischen Reise" seiner Begeisterung für dieses Gebäude freien Lauf:

" Den 2. Oktober 1786.
Vor allem eilte ich in die Carità: ich hatte in des Palladio Werken gefunden, dass er hier ein Klostergebäude angegeben, in welchem er die Privatwohnung der reichen und gastfreien Alten darzustellen gedachte. Der sowohl im Ganzen als in seinen einzelnen Teilen trefflich gezeichnete Plan machte mir unendliche Freude, und ich hoffte ein Wunderwerk zu finden; aber ach! es ist kaum der zehnte Teil ausgeführt; doch auch dieser Teil seines himmlischen Genius würdig, eine Vollkommenheit in der Anlage und eine Genauigkeit in der Ausführung, die ich noch nicht kannte. Jahrelang sollte man in Betrachtung so eines Werks zubringen. Mich dünkt, ich habe nichts Höheres, nichts Vollkommeneres gesehen, und glaube, daß ich mich nicht irre. Denke man sich aber auch den trefflichen Künstler, mit dem innern Sinn fürs Große und Gefällige geboren, der erst mit unglaublicher Mühe sich an den Alten heranbildet, um sie alsdann durch sich wiederherzustellen. Dieser findet Gelegenheit, einen Lieblingsgedanken auszuführen, ein Kloster, so vielen Mönchen zur Wohnung, so vielen Fremden zur Herberge bestimmt, nach der Form eines antiken Privatgebäudes aufzurichten.


Die Kirche stand schon, aus ihr tritt man in ein Atrium von korinthischen Säulen, man ist entzückt und vergißt auf einmal alles Pfaffentum. An der einen Seite findet man die Sakristei, an der anderen ein Kapitelzimmer, daneben die schönste Wendeltreppe von der Welt, mit offener, weiter Spindel, die steinernen Stufen in die Wand gemauert und so geschichtet, dass eine die andere trägt; man wird nicht müde, sie auf- und abzusteigen; wie schön sie geraten sei, kann man daraus annehmen, dass sie Palladio selbst für wohlgeraten angibt. Aus dem Vorhof tritt man in den innern großen Hof. Von dem Gebäude, das ihn umgeben sollte, ist leider nur die linke Seite aufgeführt, drei Säulenordnungen übereinander, auf der Erde Hallen, im ersten Stock ein Bogengang vor den Zellen hin, der obere Stock Mauer mit Fenstern. Doch diese Beschreibung muß durch den Anblick der Risse gestärkt werden. Nun ein Wort von der Ausführung.

Nur die Häupter und Füße der Säulen und die Schlußsteine der Bogen sind von gehauenem Stein, das übrige alles, ich darf nicht sagen von Backsteinen, sondern bon gebranntem Ton. Solche Ziegeln kenne ich gar nicht. Fries und Karnies sind auch daraus, die Gleider der Bogen gleichfalls, alles teilweise gebrannt, und das Gebäude zuletzt nur mit wenig Kalk zusammengesetzt. Es steht wie aus  e i n e m  Guß. Wäre das Ganze fertig geworden, um man sähe es reinlich abgerieben und gefärbt, es müßte ein himmlischer Anblick sein.

Jedoch die Anlage war zu groß, wie bei so manchem Gebäude der neuern Zeit. Der Künstler hatte nicht nur vorausgesetzt, daß man das jetzige Kloster abreißen, sondern auch anstoßende Nachbarshäuser kaufen werde, und da mögen Geld und Lust ausgegangen sein. Du liebes Schicksal, daß du so manche Dummheit begünstigst und verewigt hast, warum ließest du dieses Werk nicht zustande kommen!"

30 neue Ausstellungsräume machen aus der erweiterten Accademia das größte staatliche Kunstmuseum Italiens. Die architektonische Restaurierung  ist vollendet, an der internen Technik wird 2014 noch weiter gearbeitet. Immerhin konnte ich im Oktober schon ein großräumiges neues Treppenhaus, zeitgemäße Sanitärräume und insgesamt die bisher in der Accademia vermisste Barrierefreiheit zur Kenntnis nehmen. Die Räume werden nun Schritt für Schritt kuratorisch bearbeitet und ausgestattet, das wird dauern. Der Kreuzgang wird für termporäre Ausstellungen und Konferenzen zur Verfügung stehen.

Für Venedig-LiebhaberInnen der erste Gang beim nächsten Besuch, wie auch der zur wieder eröffneten Scuola Grande di San Marco. Kompliment und Glückwünsche an die schönste Stadt, die es versteht, ihre Schätze zu pflegen und uns BesucherInnen immer wieder zu beglücken.

Artribune 12.12.2013

Blogeinträge zum Thema Palladio

Anekdote aus der Renovierungszeit: S. Maria della Carità Juni 2009






29. Februar 2012

Ein Palladio...! Scuola dei Mercanti

Scuola dei Mercanti, Biennale 2011


Ein Zufallsfund.


Bei einer Google-Recherche stolperte ich über eine Magi
ster-
arbeit, die auf einen Bau von Andrea Palladio hinweist, den ich bisher noch nirgends erwähnt fand, nicht in Literatur (auch nicht Palladio-L.), Internet, Reiseführern.

(Rachel D. Erwin, The Scuola Dei Mercanti: Social Networking and Marital Mobility in Sixteenth-Century Venice. Georgia State University 2010. http://digitalarchive.gsu.edu/art_design_theses/65)


Madonna della Misericordia, 15. Jahrhundert über dem Palladio-Portal des 16. Jahrhunderts





Die Hin
terlassenschaften Palladios in Venedig sind ja quasi an einer Hand aufzuzählen: die Kirchen San Giorgio Maggiore und Il Reden-
tore
, die Fassaden von San Francesco della Vigna, den Zitelle und San Pietro di Castello, sowie ein
Rest des ehemaligen Carita-Klosters innerhalb des Accademia-Gebäudekomplexes. Wer mehr Palladio will, muss aufs Festland fahren. (Siehe auch frühere Einträge: Palladio)
Die Scuola dei Mercanti steht am Campo della Madonna dell'Orto und wird erstens von der beeindruckenden Kirchen-
fassade überstrahlt und deshalb vielleicht nicht würdigend genug wahrgenommen. Zweitens wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass das ein Palladio sein könnte, keine 'typischen' Strukturen, ke
ine Andeutungen von Antike, sondern eher ein Beispiel für Zurückgenommenheit. Die Proportionen und Maße allerdings doch sehr palladio: ausgewogen und auf einander bezogen.

Versamm-

lungsraum im Erdgeschoss
8 Säulen,
hinten links Treppen-
aufgang zum Ober-
geschoss
Biennale 2009



Die Website der Pfarrgemeinde Madonna dell' Orto weist darauf hin, dass Palladio an der "Erneuerung der Scuola 1570 mitgearbeitet" habe, aber Rachel D. Erwin belegt darüber hinaus in ihrer Arbeit (S. 3, Anm. 3), dass Palladio für Planung und Bauüberwachung verantwortlich war.

Bis zum Jahr 1570 war die Scuola dei Mercanti, eine 'piccola scuola', auf ihrer heutigen Grundfläche ein
einstöckiger Bau in dem die Bruderschaft der Mercanti gemeinsame Gebete und Treffen abhielt und ansonsten der Kirche der Orto nebenan sehr verbunden war.

Obergeschoss, Kassettendecke, Biennale 2011

Nachdem die Bruder-
schaften von San Rocco und San Teodoro von 'kleinen' zu 'großen' Bruderschaften aufgewertet wurden, strebten auch die Mercanti 1570 den sozialen Aufstieg an, und zwar durch die Vereinigung mit der Scuola Grande della Misericordia, ein paar hundert Meter östlich liegend. Für die diese F
usion zwar sozial nicht gleichwertig, aber finanziell die Rettung war, denn man hatte sich mit dem Neubau der Scuola Grande della Misericordia sehr übernommen. Das Geld war alle, die Baustelle ruhte. Die Bruderschaft der Misericordia war darüberhinaus in den Ruf der Protzerei geraten, sehr peinlich in Venedig.

Die Mercanti konnten erhebliche Mittel in die Fusion einbringen und bewie
sen dies auch, indem sie den berühmten Palladio anheuerten um ihr bisheriges kleines Bruderschaftshaus in den Zustand einer scuola grande zu versetzen: acht neue Säulen im Versammlungsraum, darauf eine zusätzliche Etage für feierliche Versammlungen mit einer wunderbaren Kassettendecke, die Integration eines Albergo und eine schöne Treppe zwischen den beiden Stockwerken.

Ausserdem wurden für die Ausstattung der Innenräume mit Bilderzyklen Künstler gewählt, die einerseits dem Ruf des Architekten entsprachen, andererseits die Verbindung zur Kunst der Orto Kirche herstellten: die Tintorettos, Veronese (soweit erhalten, heute in der Accademia).

Obergeschoss, Kassettendecke und verstellter Treppenabgang
Biennale 2011

Alles von bester Qualität bei gleichzeiti-
gem Verzicht auf jeden Anschein von Protz, mit dem sich die Kolle-
gen der Misericordia bereits unmöglich gemacht hatten, keine sansovinischen
Detail-
freudigkeiten wie an ihrem bis heute nicht vollendeten Gebäude, sondern zurückhalten-
de Bescheidenheit. Weshalb man der Scuola dei Mercanti den Palladio eben nicht ansieht, man muss es wissen.

Die Scuola wird bis heute für Veranstaltungen der Pfarrgemeinde genutzt (siehe Website oben und den Aushang am Gebäude), außerdem fanden 2009 und 2011 Biennale-Ausstellungen auf beiden Etagen statt. Mit ein bisschen Timing kann man das Gebäude also besichtigen.

Der begehrte Aufstieg der Mercanti zur Scuola grande passierte letztlich nicht die Bürokratie der Serenissima, man blieb 'klein'. Die Scuola grande della Misericordia hat trotzdem abgesahnt, dafür gibt es archivarische Belege. Nach 400 Jahren kann man darüber die Schulter zucken.



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23. Oktober 2010

San Fancesco della Vigna...


...hat die einzige Palladio-Fassade von dreien in Venedig, die in ihren Proportionen aus der Nähe gut anzusehen ist - sie ist einerseits 'klein' genug, andererseits gibt es Platz einige Schritte rückwärts zu gehen, ohne ins Wasser zu fallen. Die beiden großen Palladiokirchen San Giorgio und Redentore sind ja eigentlich optisch nur vom Wasser aus zu erfassen.

Wer dann allerdings erwartet auch ein überwältigend palladianisches Kircheninneres vorzufinden, ein Gesamtkonzept, geplante Licht- und Schattenwirkungen usw., hat sich geirrt. Eher scheinen sich hier eine gute Handvoll qualifizierter Seitenkapellen zufällig getroffen und sich gemeinsam untergestellt zu haben, Hauptsache Dach!


Hinterer Kreuzgang, links zu Zeiten der Cavalieri di San Marco (Schild im mittleren Bogen) 2008, rechts Mai 2010











A. Vittorio, SS Rocco, Sebastian, Antonio Abate
Der einschiffige Kirchenraum wirkt kahl, die Apsis besteht aus verhängten Fenstern und einer Art Triumphbogen als Hochaltar (immerhin von Longhena), der Blick fällt durch, nicht darauf. Trotzdem ist dies eine Kirche die einen sorgfältigen Blick wert ist, geduldiges und neugieriges Schlendern von einem der Solitäre zum anderen, auch in mehreren Besuchen (ich in vielen, über die Jahre).
Umso mehr als das Gebäude immer einladend weit offen ist, Haupt- und Seitentür, kein Eintritt erhoben und man immer von Blumenduft und leisen Orgelkonzerten von der CD empfangen wird. Hier kriegt man den Empfang, den man sich in vielen venezianischen Kirchen wünschen würde. Ich weiß nicht, ob diese Freundlichkeit (auch) daran liegt, dass San Francesco aus der Sicht der Wimmelpfade weit draussen liegt, und diese ruhige Ecke Venedigs auf den Karten der "Ein Wochenende in Venedig"-Führer und der Zeitungsartikel "36-Stunden-in-Venedig" schon mal gar nicht erscheint.


Madonna in byzantinischem Stil (Odigitria) in der Fassadenrückseite

Die Seitenkapellen sind zum Teil sehr beeindruckend, wie auf der linken Seite die von Alessandro Vittoria, mit den Heiligen Rocco und Sebastiano in ihrer jeweils typischen Körperhaltung, dazwischen den Heiligen Antonio, der die Sinnlichkeit im Zaum hält. Oder die Capella Sagredo - ein Taum in weißem Marmor mit dem Grab des Heiligen Gerardo Sagredo (die Familie Sagredo hatte ihren großen Palazzo früher in der Nachbarschaft, geblieben ist einzig der große freistehende Torbogen auf dem Weg zur Vaporettostation Celestia).Pietro Lombardo, Altar der Capella Badoer-Giustiniani

Oder links neben der Apsis die Capella Badoer-Giustiniani, eines der kostbaren venezianischen Meisterwerke der Lombardi, auf die man immer wieder in den Kirchen Castellos und Cannaregios trifft.
Oder auf der rechten Seite die Familienkapellen und -grablegen der Contarini und der Bragadin. Und natürlich das bezaubernde Madonnenbild von Antonio da Negroponte, direkt am Seiteneingang. Negroponte ist der venezianische Name der griechischen Insel Evia (deutsch Euböa) und soweit ich weiß, gibt es keine weiteren Werke dieses Griechen.
Und die Sacra conversazione von Bellini in der Sakristei und viele weitere Kunstwerke und G
rabdenkmäler, die aus dem fehlenden künstlerischen Gesamtkonzept insgesamt dann doch mehr als die Summe der Einzelteile machen.

Überall an den Gebäuden des Campo S. Francesco: das Symbol der Franziskaner Ein Konzept gab es ursprünglich schon, von Sansovino, das die ehemalige Kapelle für den Heiligen Francesco im Weingarten ersetzen sollte. Man muss sich das wohl so vorstellen, dass die Franziskaner von der Insel S. Francesco del deserto in der Lagune 'nomadisierten' und in Venedig auf Betteltouren gingen, und in dieser franziskanischen Inselkapelle am unbewohnten nördlichen Rand Venedigs bei Bedarf übernachteten. (Was die Basis der Legende des hier übernachtenden und träumenden S. Marco sein mag, irgend woher muss die Idee ja stammen.)

Die Präsenz des Minoritenordens ist hier im Weingarten belegt seit 1232. 1253 gibt es eine testamentarisch belegte Schenkung des Grundstücks von Marco Ziani an die Minoritenbrüder. In der Entwicklung dieser Ecke von Castello kamen dann im 15. und 16. Jahrhundert weiter ins Spiel die Grimani (Antonio und Domenico), (siehe auch Eintrag Palazzo Grimani), der Doge Andrea Gritti und Zweige der Familien Badoer und Bragadin, und eben der Architekt Jacopo Sansovino, der nach dem Sacco di Roma seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Venedig wählte und u. a. die Bibliotheca Marciana baute. Eine andere Geschichte.

Am 15.8.1534 legte der Doge Andrea Gritti den Grundstein für den Neubau der Minoriten nach dem Plan Sansovinos, der aber im Verlauf des Baus verändert wurde aus diversen Gründen bau- und verwaltungstechnischer, aber auch religiös-theologischer Art. Der große Einmischer war der Minoritenbruder Francesco Zorzi, der schon sehr jung in dieses Kloster eintrat, Zeit hatte sich zu bilden und kabbalistische, hermetische, neuplatonische und andere Aspekte in die Architektur einbrachte, die meine Vertiefung in das Thema weit überschreiten. Wen es näher interessiert: in der Kirche wird seit letztem Frühjahr ein Buch (italienisch, preisgünstig) verkauft, das dieses Thema breiter behandelt. (Silvano Onda: La chiesa di San Francesco della vigna e il convento dei frati minori; Storia, arte, architettura.)

Früherer Kirchhof S. Francesco, jetzt Bolzplatz neben dem Campanile

Im Hinterhof der Kirche, neben dem Campanile, wo sich früher der Friedhof befand und jetzt ein Basketball- und Bolzplatz wie hinter einigen venezianischen Kirchen, gibt es jedenfalls bis heute ein Hüttchen, das die Ur-Kapelle symbolisieren soll (Calle del cimitero, an der Kreuzung kurz vor dem Sagredo-Torbogen nach links abbiegen und durch die kleine Holztür gehen. Sie ist tagsüber nicht verschlossen, damit die Kinder rein können.)

Vorderer Kreuzgang an einem Nebelmorgen
Aber mit der Kir
che ist es ja längst nicht getan, ich habe schon über die wunderbaren Kreuzgänge von San Francesco della Vigna und ihre kontemplative Atmosphäre berichtet. Daran hat sich in den letzten Jahren auch nichts geändert.
Im vorderen Kreuzgang wurden allerdings im letzten Jahr die Bodengrabmäler an der Seite zur Kirche und zum hinterem Kreuzgang geöffnet. Es wurde recht
geheimnisvoll hinter Gerüsten und Planen gebuddelt und diskutiert, an anderen Tagen wieder die Deckel geschlossen und ordentlich versiegelt. Ich habe (leider) nicht gewagt, in die Baustelle zu trampeln und die Arbeiter und die Archäologin (vermute ich mal) zu befragen.

Der hintere Kreuzgang war einige Jahre dem Publikum verschlossen und von den Cavalieri di San Marco genutzt, jetzt ist der Kreuzgang wieder zugänglich und geschniegelt, und in den Gebäuden sit
zt die Bibliothek und das Archiv der Franziskaner (siehe dazu den Film am Ende des Eintrags).
Denkmal für eine Bombe des 1. Weltkriegs am Seiteneingang

Die Cavalieri di San Marco haben ihren Sitz jetzt zwischen Kirche und ehemaliger Scuola delle sante stimmate am Campo della Fraternità. Die kleinen Reliefs von zwei gekreuzten Armen, die überall an der Kirche und in ihrer Umgebung zu sehen sind, sind das "Logo" der Franziskaner, das den (mit dem Ärmel eines Habits) bekleideten Arm eines Franziskaners und den nackten Arm des gekreuzigten Christus in Verbindung zeigt. Die ehemalige Scuola ist das weiße Gebäude rechts vom Seiteneingang von S. Francesco, und trägt im Obergeschoss schlecht leserlich den Namen "delle sante stimmate" (der heiligen Stigmata), die Kennzeichen sowohl des Christus als auch des Heiligen Francesco sind.
Gebäude der ehemaligen Scuola delle sante Stimmate, aussen und Ergeschoßraum, linker Treppenaufgang ins Obergeschoß




Anläßlich von
'Brunetti'-Dreharbeiten im Mai fand ich sie zum ersten Mal offen und warf einen kurzen Blick hinein: Parterre ein Versammlungs-/Gebetsraum und zwei Treppen rechts und links ins Obergeschoß, wo sich vermutlich, wie in allen venezianischen Scuole, ein zweiter prunkvollerer Versammlungsraum befindet.Grabplatte im vorderen Kreuzgang
J. C. Rößler bezeichnet in seiner Darstellung des Campo S. Francesco als Ensemble die Scuola anders, ich habe nicht recherchiert warum. Der Gesamtaspekt dieses Campo mit allen Gebäuden ist wichtig, ein einzelnes Detail mag sich irgendwann genauer klären. Klar ist: ich würde dieser schönen Ecke Venedigs wünschen, dass sie interessierte Besucher findet, die nicht im Stundenrhythmus Höhepunkte abhaken, sondern die Zeit und Offenheit haben, den Geist des Ortes zu erleben.


Weitere Fotos in meinem Blog
http://venedig.jc-r.net/kirchen/san-francesco-della-vigna.htm http://en.wikipedia.org/wiki/San_Francesco_della_Vignahttp://www.museumplanet.com/thumbnails.php/venice/vig




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18. März 2010

Führungen - San Giorgio Maggiore

Kreuzgang von Palladio
Führungen sind Glücks-
sache. Geht es gut, ist der/die FührerIn inhaltlich kompetent, sprachlich und methodisch auf
der Höhe und ein sympathischer Mensch. Hat man Pech, ist der/die FührerIn ein nervender Selbstdarsteller, der die Aufmerksamkeit seiner/ihrer Gruppe ausbeutet und nicht kapiert, dass die Zuhörer am Thema interessiert sind und nicht an ihm/ihr.
Aber es geht eben manchmal nicht ohne. Und man kann durchaus davon profitieren, besonders wenn man ein einziger Teilnehmer ist und die Sache deshalb einen interaktiven Charakter annimmt. (Siehe z. B. Eintrage Museo Grimani, Museo del Manicomio).
Meine sympathische Führerin (Einzelführung) auf S. Giorgio war witzigerweise hauptberuflich wissenschaftliche Übersetzerin vom Deutschen ins Italienische. Führte aber englisch und weigerte sich entschieden, deutsch zu sprechen. Der Perfektionsmus! Glücklich, wer gelassen Fehler macht und gebrochen kommuniziert im Interesse des mündlichen Spracherwerbs!

Zwischen Zypressen- und Palladio-Kreuzgang


Beim Besuch der Insel S. Giorgio Maggiore empfehle ich unbedingt eine Führung im ehemaligen Benediktinerkloster. Ich habe schon über einen Besuch berichtet am 18.11.2007, und über die Schwierigkeiten, einen Zeitplan für den Inselbesuch hinzukriegen. Damals war das Refektorium nicht zu besichtigen, weil das Faksimilie von Veroneses Hochzeit zu Kana dort installiert wurde.

In diesem Winter wurden die Führungen ausgesetzt und die beiden Kreuzgänge renoviert. Die Longhena Bibliothek befindet sich noch in Restaurierung, aber das ehemalige Dormitorium, das ebenfalls 2009 von der Führung ausgenommen war, kann wieder besucht werden. (Die historische Bibliothek und der lange Flur mit den Mönchszellen ist uns ja allen bekannt aus diversesten Produkten der Filminstrie von Donna-Leon-Brunetti-Folgen über Casanova (von 2005) bis In Memoria di me, um nur einige zu nennen.) Vor allem bin ich gespannt auf die Veränderungen in diesem Bereich, denn das frühere Dormitorium ist nun als Nuova Manica Lunga Teil der Bibliothek, bzw. des Medienservices, der Stiftung Cini.
Einen ersten Eindruck gibt es auf diesem Titelfoto des Newsletter der Stiftung.

Der bekannte Flur des Dormitoriums vor Einbau der Bibliotheksregale
Die Führung beinhaltet
- den Kreuzgang von Palladio (Bauzeit bis frühes 17. Jahrhundert
- den Zypressenkreuzgang aus der Renaissance von Giovanni und Andrea Bora

- das Refektorium (Speisesaal des Klosters) von Palladio (spätes 16. Jahrhundert)

- das Trppenhaus von Longhena (1643)

- die Nuova Manica Lungao, der ehemalige Zellentrakt des Benediktinerklosters
-
die
Longhena Bibliothek (1671, mit gschnitzten Bücherregalen von Franz Pauc) zur Zeit nicht

Eine private Feier im Zypressenkreuzgang ist vorbereitet

Führungen kann man Samstags/Sonntags zu den festgelegten Zeitenohne Anmeldung besuchen, man muss aber immer damit rechnen, dass aufgrund einer Veranstaltung alle Führungen ohne Ankündigung abgesagt werden. Das können wissenschaftliche Kongresse der Stiftung sein, aber auch einfach nur eine venezianische Hochzeit, bei der alle Gäste mit Taxibooten in das Wassertor des Klosters rauschen und neugierigen Blicken des Publikums entzogen sind. Deshalb ist es empfehlenswert, mit einem kleinen Anruf oder zu klären, ob Führungen stattfinden: Codess Cultura, tel. +39 041 5240119, visiteguidate.cini@codesscultura.it

Treppenhaus von Longhena
(Ich habe ber
eits im ersten Beitrag zur Insel S. Giorgio erwähnt, dass die Bibliothek öffentlich ist. Man meldet sich im Empfang rechts hinter dem Gittertor zum Palladio-Kreuzgang an, wo die Identität festgestellt wird und vermutlich archiviert.)

Wie die Kirche von Palladio ohne Führung, aber nicht zu auszulassen, sind die vor einigen Jahren eröffneten großen Kunstausstellungräume der Fondazione Cini links von der Kirche S. Giorgio, an der Seite der Marina, die sich bis zum östlichen Ende der Insel ziehen.
Im Sommer 2009 gab es dort eine tolle Präsentation von Werken des Pop-Art Malers John Wesley.

Vom 24.4. bis 11.7.
2010 wird Sebastiano Ricci ausgestellt unter dem Titel 'The Triumph of Invention in the Venetian Settecento". Ein Ausstellungs-
schnäppchen, ich bin sehr gespannt.

Bibliothek von Longhena, derzeit noch in Restaurierung befindlich
Der Rest der Ins
el, wie das Theatro Verde, sind privato und weder mit noch ohne Führung zugänglich. Aber dafür bietet das kleine Cafè mit erhöhter Terasse zwischen den Ausstellungsgebäuden einen wunderbaren Blick auf die Marina und die gegenüber liegende Riva, ein ruhiges Plätzchen für eine Ruhepause, an dem man wirklich was zu gucken hat.


Auch hier sind in Venedig Führungen unabdingbar:

Insel S. Georgio d. Armeni

Insel S. Servolo, Museo del Manicomio

Insel Lazaretto Novo

Insel S. Franceso
d. Deserto
Museo Palazzo Grimani
Opernhaus Fenice

Richard Wagners Wohnung im Palazzo Vendramin-Calergi

Uhrenturm an der Piazza

Teile des Dogenpalastes

Bibliothek des Sansovino an der Piazzetta

Die Synagogen im Ghetto
Ospedaletto (nahe SS. Giovanni e Paolo)

Zitelle-Kirche


Über Führungen auf S. Giorgio d. Armeni, S. Servolo, und dem Palazzo Grimani habe ich schon berichtet. Demnächst berichte ich über die Führung auf Lazaretto Novo, weitere später, nach meiner Teilnahme.

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