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1. September 2020

3 restaurierte Kirchen in San Marco und ein Fund auf Torcello

San Bartolomeo, Salizada Pio X am Fuß der Rialtobrücke.
Portal zwischen Schaufenstern 

Mehr als 30 von ca. 100 Kirchen in Venedig stehen ungenutzt, die Immobilien  wie auch der dort vorhandene Schatz an Kunstwerken und Belegen venezianischer Geschichte rotten unbewundert langsam vor sich hin. Auch wenn sie profaniert wurden, gehören die Kirchen noch dem Patriarchat Venedig, das mit der Pflege dieses Eigentums materiell und fachlich überfordert ist.
2017  beschloss man die Konservierung und Umnutzung der Kirchen Schritt für Schritt. Siehe 2.2.17 La Nuova: "Chiese abbandonate?: Diventiono luoghi di lavoro adottati dalle imprese" und 7.4.17 Veneto e Economia: "Venezia, nuovi usi per 30 chiese abbandonate: cultura, carità ed eventi". 

Die wissenschaftliche Unterstützung des Projekts wird von der Universität IUAV bereitgestellt, finanzielle Unterstützung ist in Venedig, wie wir wissen, breit gestreut durch Stiftungen (siehe die Liste von Venedig-Förderer-Stiftungen im Eintrag vom 27.10.2016: L'Aqua Granda 1966-2016). Auch die öffentliche italienische Kulturförderplattform Artbonus, die auch Bürger*innen gegen Steuererleichterung die Beteiligung an der Kunstrettung ermöglicht, wurde diesem kirchlichen Projekt geöffnet. (Artbonus hat sich zuletzt an der Restaurierung der königlichen Gärten beteiligt und unterstützt derzeit die Restaurierung der Longhenatreppe auf S. Giorgio Maggiore).
Von den staatlichen Mitteln, die nach dem Hochwassersturm vom 12.11.19 Venedig von den Brugnaro-zitierten "Knien" wieder auf die Beine helfen soll, blieben auch vergleichsweise beachtliche Summen bei Restaurationsprojekten hängen. 

Start ups wie Serendpt nutzen mittlerweile Kirchen als Firmensitz (siehe Eintrag vom 30.12.2018 "Neueste Führung für Fortgeschrittene - postindustrielle Giudecca".
Die Restaurierung von San Lorenzo wurde zunächst von Mexico als Biennale-Pavillon gestartet, dann von der TBA21-Academy übernommen, beeindruckend gestaltet und wird seit 2019 als Stiftungssitz und Veranstaltungsraum genutzt. Zwei Beispiele, die mir ganz besonders gefallen.


Jetzt wird durch den Verantwortlichen für das Kulturerbe der Kurie, GianMatteo Caputo, für die nächsten Wochen die Wiedereröfnnung dreier weiterer Kirchen angekündigt: San Beneto, San Fantin und San Bartolomeo. Alle drei im Sestiere San Marco gelegen.
Wobei die Eröffnung von San Beneto nicht ganz frisch ist: schon im Dezember 2018 wurde sie feierlich für kulturelle Zwecke übergeben (11.12.18: San Beneto restauriert und geöffnet), aber eine regelmäßige Nutzung war zunächst nicht drin (siehe Leserkommentare unter dem Eintrag) - es ging um die Holzwurmbehandlung vor allem der Bänke! Die dann in der Hochwassernacht in im Salzwasser versanken und aufs Neue behandelt werden mussten. Die neue Ankündigung lässt Hoffnung schöpfen, dass dort demnächst (covid-19-angepasst...) Kunstveranstaltungen mit entsprechenden Öffnungszeiten genossen werden können.

San Fantin ist die Kirche gegenüber dem Haupteingang des Teatro La Fenice, zu dem auch die ehemalige Scuola San Fantin, das heutige Ateneo Veneto, gehört. Siehe Eintrag vom 23.11.17 "Neue Führung für Fortgeschrittene: Ateneo Veneto". Sie war in den letzten Jahrzehnten dauerhaft geschlossen, auch die Webseite, auf der San Fantin von der Biennale als Ausstellungsraum angeboten wird, zeigt kleinlich quasi nichts. Zweimal wurde San Fantin vermietet: für die Biennaleausstellung der Ukraine 2011: Oksana Mas' Orgie buntbemalter Eier im ansonsten abgedunkelten Kirchenraum und 2019 ein Theater/ Film/ Ausstellungsprojekt "There is a Beginning in the End" des Pushkin Museums. Eine Veranstaltung (auch diesmal im abgedunkelten Raum), die zum Teil leider an mich verschwendet war - hat mich nicht gepackt. 

San Bartolomeo ist die berühmte Kirche der deutschsprachigen Venezianier*innen und der Gäste im Fondaco Tedesco, ein paar Schritte weiter. Man geht leicht am Holzportal ohne eigene Fassade innerhalb einer Schaufensterreihe vorbei, aber das Innere, ehemals überreich ausgestattet, z. B. mit dem Auftragswerk der deutschen Kaufleute "Rosenkranzfest" von Albrecht Dürer, muss immer noch sehr beeindruckend sein.
Nach der eingehenden Restaurierung fand hier 1994 eine kleine Tintorettoausstellung mit Werken aus venezianischen Kirchen statt und 2011 eine internationale Konferenz zum Gebäude und zur deutschen Kirchengemeinde, außerdem wenige Konzerte. Keine weiteren Ausstellungen meines Wissens. 
Marcianum Press hat in seiner Reihe Chiese di Venezia auch ein Buch zu San Bartolomeo veröffentlicht. Dazu gibt es eine gute Besprechung von Tobias Daniels in den "Sehepunkten".

(Der Vollständigkeit halber: die protestantischen deutschsprachigen Kaufleute nutzten für ihre Gemeinde zunächst einen Raum im Fondaco Tedesco und erwarben später, ein paar Schritte weiter, die ehemalige Scuola San Angelo Custode als ihre Kirche. Siehe auch Eintrag vom 5.2.17 "Lutherjahr - Venedig ist Reformationsstadt Europas".



Die Wiedereröffnung der Kirchen war allerdings nur eine zusätzliche Information bei der Pressekonferenz am 24.7. des Patriarchats zur eigentlichen Sensation: der Entdeckung karolingischer Fresken bei den archäologischen Forschungen auf Torcello! Wow! Als eine der Folgen des Hochwassersturms vom 12.11.2019. Da!
Die Grabungen finden unter Verantwortung des Patriarchats und weitgehender Finanzierung von Save Venice statt. 
Das wissenschaftliche Wunder bleibt natürlich nicht undiskutiert, ist darüberhinaus dem Publikum erstmal nicht zugänglich, aber ich wollte nicht darauf verzichten, darüber zu berichten.

Ich habe wenig Deutschsprachiges dazu gefunden: 
* 24.7.20 Nach-Welt Venedig hat karolingischen und nicht-byzantinischen Ursprung. Dies zeigen die heute gefundenen Fresken aus dem 9. Jahrhundert.
* 24.7.20 Vatican News Restaurierung nach Venedig-Hochwasser bringt Fresken zutage

Italienische Medien berichten ausführlicher und mit vielen Illustrationen (hier nur eine kleine Auswahl!): 
* 24.7.20 La Repubblica Venezia ha origine karolinge en non bizantine. Lo rivelango gli affreschi del IX secolo ora ritrovati
* 24.7.20 Ca' Foscari News La scoperte degli affreschi di Torcello
* 27.7.20 metropolitano.it Gli affreschi medievali di Torcello riscrivono la storia di Venezia
* 28.7.20 Storica National Geographic Rinvenute a Venezia affreschi del IX e X secolo
* 5.8.20 #contagio arte cultura Gli affreschi scoperti a Torcello: una Venezia carolingia?






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18. Juni 2020

Quarantäne und venezianische Lazzaretti



ehem venezianisches Lazzaretto Monembasía (Malvasia)

Seit ca. 2 Monaten werden die Einträge zu den Lazzaretti in der Lagune verstärkt aufgerufen. Das mögen alles Googlesuchen nach "Quarantäne" sein, die auf diesem Blog landen und nicht nur mich, sondern auch die Suchenden überraschen. Kaum ein Artikel zum Thema Quarantäne verzichtet auf die Information, dass sie von den Venezianern erfunden wurde. Aber selbst wer über sein Suchergebnis staunt, findet das Thema interessant, warum also nicht?

Hier die Links zu allen Lazzarett-Einträgen:

17.02.19 Lazzaretti in der venezianischen Lagune
11.10.16 Die venezianischen Lazzarette - Saisonende 2016
21.10.15 Saisonende auf den venezianischen Lazzarettinseln
23.03.12 Lazzaretto Nuovo ab 1. April
28.03.10 Lazzaretto Nuovo

ehem. Lazzaretto Monemvasía (Malvasia)

Dass der für die Lazzaretti verantwortliche Archeoclub in diesem Jahr noch Besuche anbietet, halte ich für unwahrscheinlich, da die Führungen durch Ehrenamtler*innen und auf Spendenbasis erfolgen. Die hektischen (und aus meiner Sicht: leichtsinnnigen) allgemeinen Öffnungen in Venedig haben ja rein wirtschaftliche Gründe, die im Falle der Führungen nicht gegeben sind. Auch das jährlich stattfindende archäologische Sommercamp auf einer der Inseln wurde abgesagt.

Die Nutzung des Lazzaretto Vecchio durch das Biennale Filmfestival wie in den letzten Jahren als Aufführungsort von Virtual Reality-Produktionen (siehe Venice Virtual Reality 2018  Venice Virtual Reality 2019) ist 2020 nicht vorgesehen.

Neuigkeiten, und zwar erfreuliche, gibt es dennoch: das seit 2 Jahrzehnten von venezianischen Archäologieenthusiast*innen geplante Archäologiemuseum der Lagune bekommt durch neue Mittel, die das Franceschini-Ministerium über die verarmte italienische Kultur rieseln lässt, 11 Mio. für den Ausbau des Lazzaretto Vecchio als Museum (Museum der Stadt und der Lagune). An Artefakten zur Dauerausstellung mangelt es nicht, temporäre Ausstellungen sollen geboten und ein Teil der riesigen Räumlichkeiten regelmäßig von der Biennale genutzt werden. Auch die Kunstbiennale war bereits auf dem Lazzaretto Vecchio lmit dem Außenprojekt der niederländischen Ausstellung 2015. Bei meinen bisher 3 Besuchen bzw. Führungen hatte ich im Rahmen meiner Möglichkeiten immer ordentlich gespendet, beeindruckt von der Hartnäckigkeit, mit der sich die Leute vom Archeoclub in ihr Archeologiemuseumprojekt verbissen haben, aber eigentlich nicht an die Zukunft dieses Projekts geglaubt. Irrtum, wie schön.

Noch im Herbst 2019 war ein Dach eingestürzt über den Räumen, die für Nutzung durch die Biennale renoviert wurden. Zum Glück nach den Filmfestspielen, ein Gerüst wurde sofort aufgestellt und die Renovierung kurzfristig begonnen. Der Stadtrat hatte daraufhin 120.000 € beschlossen für den Aufbau des Stegs, der vom nahen Ufer ins Lazzaretto Nuovo führen und die bisherigen Bootsüberfahrten überflüssig machen soll.
Man kann also hoffen, dass die vorhandenen 11 Mio. kurzfristig und zielführend ausgegeben werden und mit dem Geld ein guter Teil der geplanten Renovierungen verwirklicht werden kann. Vielleicht kommt unter den Umständen auch der Spendenfluss kräftig Gang, dank wohlhabender Appassionati der venezianischen Geschichte? Mithilfe internationaler Stiftungen? 


ehem. venezianisches Lazzaretto auf Zákynthos (hellblauer Pfeil)

Die britische Stiftung Venice in Peril beteiligte sich bereits 2007 an den Kosten der Restaurierung der Graffiti im Teson Grande, dem großen Warenlagerhaus, auf Lazzaretto Nuovo (siehe auch Bücherhinweise unten). 
Am 23.6. bietet Venice in Peril über Zoom einen Online-Vortrag der Historikerin Jane Stevens Crawshaw an, Autorin von "Plague Hospitals. Public Health for the City in Early Modern Venice". Der Vortrag: "If walls could talk; the Lazzaretti of Venice, plage and quarantine" findet um 18:30 BST, 17:30 MEZ statt und ist kostenlos; eine Spende wird erbeten, siehe Link unten, wie auch der Link zur Anmeldung zur Zoom-Sitzung (die installierte Software vorausgesetzt), eine Bestätigung erfolgt kurzfristig, die Freischaltung am 23.6. erfolgt erfahrungsgemäß zum angekündigten Zeitpunkt.

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Restmauer des ehem. Lazzaretto auf Zákynthos

Venezianische Lazzaretti gab es auch jenseits der Lagune: im Herrschaftsgebiet oltre mare, in dem gerade die Hafenstädte für die Versorung der Dominante und die Kaufmanns-, Pilger*innen- und Militärreisen eine wichtige Rolle spielten. In den Häfen eintreffende Schiffe mussten bis zum Reiseziel komplette Belege der angefahreren Etappen vorlegen - beim Verdacht auf mögliche Ansteckung erfolgte die Überweisung von Mann, Maus und Cargo ins Lazzaretto.

Seit einigen Jahrzehnten klettere und krabbele ich urlaubsmäßig in (nicht nur) venezianischen Festungsanlagen entlang der Adria und der Ägäis herum, die zum Teil gut erhalten und geschützt sind. Schwere Befestigungsstrukturen wie Türme, Kurtinen, Großzisternen können gut konserviert sein, während die einfacheren Bauwerke der Lazzaretti den Weg ins Recycling von Baumaterial fanden. Zu den vernichteten Lazzaretti existieren zum Glück Dokumentationen in den Archiven. 2015 fand in Venedig eine Konferenz "Lazzaretti veneziani in Grecia" statt. Ein Plan der venezianischen Lazzaretti zeigt, wenn man auf die jeweiligen Orte klickt, Archivdokumente zum jeweiligen Lazzarett. Die Ruinen selbst können sehr verschieden sein, hier 2 Beispiele:

Auf Zante (dem heutigen Zákynthos) ist neben schönen erhaltenen venezianischen Kirchen und einem gut studierbaren Kastell eine einzige Mauer des Lazzaretts, außerhalb der Stadt direkt am Meeresufer, übrig geblieben.

Aber in Malvasia (dem heutigen Monemvasía) blieb das Lazarett am Fuß des Felsen, an der Brücke zum Festland, entfernt von der ummauerten Unterstadt und von der Oberstadt sowieso, gut erhalten. Denn Malvasia wurde quasi aufgegeben und am Festlandufer eine neue Ortschaft gebaut - das ehemalige Lazzarett wird jetzt als ein originelles, ja pittoreskes, Hotel "Lazareto" genutzt.


Einer der ehem. Krankensääle auf Lazzaratto Vecchio, Venedig, renoviert

Hier gibt es noch weitere Links und Hinweise zur Vertiefung dieses spannenden Themas:
"Peste e Lazzaretti" ein kurzer Youtube-Film des Archivio di Stato Venezia

"Venezia nel 1576 privilegi`gli interessi economici alle misurie sanitarie ... e fu pandemia!" aktueller Artikel der venezianischen Gesundheitshistorikerin Nelli Elena Varzan Marchini
"Il Modello Sanitario della Serenissima ai tempi della peste" Vortrag/Powerpoint von Nelli Elena Varzan Marchini
Venipedia "La peste, le epidemie del passato a Venezian e i lazzaretti come efficiente soluzione di prevenzione"
Atlas Obsura "The Black Death in Venice and the Dawn of Quaratine"
"Il Lazzaretto Nuovo di Venezia - Le scritture parietali" von Francesca Malagnini. Wissenschaftliche Studie des Lazzaretto Nuovo, besonders der erhaltenen Graffitti.
"Isola del Lazzaretto Nuovo" Hrsg Gerolamo Fazzini, Archeovenezia 2004

Ufer der Insel Lazzaretto Vecchio

Neuere YouTube Filme zu den Lazzaretti:
Interview Eric Bertherat über Quarantäne auf Lazzaretto Nuovo
Lara Meneghini - eine der ehrenamtlichen Führer*innen auf Lazzaretto Nuovo
Marco Paladini - einer der ehrenamtlichen Führer*innen auf Lazzaretto Nuovo
Alice Doro - eine der ehrenamtlichen Führer*innen auf Lazzaretto Nuovo
Gerolamo Fazzini - eine der ehrenamtlichen Führer*innen auf Lazzaretto Nuovo

Ergänzung 3.11.
Vortrag der venezianischen Gesundheitshistorikerin Nelly-Elena Vanzian-Marchini im Ateneo Veneto am 26.10.2020: S. Rocco e l'informazione sanitaria di masse.



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17. Dezember 2019

Weihnachtsüberraschung - Eröffnung der Giardini Reali!


Quelle: La Nuova 15.12.19

Wirklich. Wer eröffnet eine Woche vor Weihnachten einen öffentlichen Park? Doch nicht die Stadt Venedig? Besonders nach den Schrecken des Acqua alta vom 12.11. und den folgenden zwei Wochen? Und den besorgten Blicken von Kulturminister Franceschini und Bürgermeister Brugnaro im Tweet vom 15.11., bei ihrer Besichtigung der Baustelle, die unter Wasser stand und aus Sicherheitsgründen gesperrt wurde?
Bei diesem Anblick rechnete ich mit der Verschiebung der Eröffnung mindestens bis Sommer 2020. Umso größer ist die Freude, dass das Werk heute (! 17.12. !) vollendet, übergeben und abgenommen wurde, genau 5 Jahre minus 1 Woche nach der öffentlichen Ankündigung des Projekts. 

Die Venice Gardens Foundation, einst eigens für die Restaurierung der verlotterten Giardini reali gegründet, hatte mit einem schönen Projektplan und finanzieller Unterstützung durch die Generali Versicherungen, die auch die Renovierung der Procuratie Vecchie finanziert, ihrem zentralen Firmensitz an der Piazza San Marco, hohe Erwartungen geweckt.



Quelle: Assicurazioni Generali Italia


Tatsächlich gab es bereits Anfang Dezember eine Pressemitteilung der Venice Gardens Foundation (hier: Artikel vom 3.12. im 'Metroplitano'), gelangte aber nicht zu kurzfristiger Priorität. 
Die 'Nuova' meldete am 15.12. und heute Morgen, wie auch der Gazzettino. Artribune berichtete heute ausführlich (hier die Google-Übersetzung) mit 28 Fotos (nach unten scrollen).
Die Stadtverwaltung Venedig informierte erst heute auf ihrer Website und ließ mit einigen Tweets am Nachmittag wissen, dass 22 hochstämmige Bäume gepflanzt wurden, 832 Sträucher, 6550 Grasgewächse, 3150 Zwiebelgewächse und 68 Klettergewächse. Die botanische Restaurierung verantwortet Paolo Pejrone, der der Lagunenbotanik angepasste Pflanzen einsetzt, die aber auch wenig Bewässerung verlangen.  

Erneuert in vollem Glanz ist die 90 m lange ehemals ruinierte Pergola, wieder erstanden der ehemalige Wintergarten, die Serra, als "The Human Garden" von Carlo Aymonimo und Gabri Barbini, in der Kunst ausgestellt werden soll, und das glitzernde neue Illycaffè im ehemaligen Cafépavillon, erbaut 1816 von Lorenzo Santi. Und natürlich das Beste (aus meiner Sicht), die Restaurierung der Zugbrücke und ihres Originalmechanismus über den Rio della Zecca. Sie führt aus dem Garten quasi als Unterführung (Sottoportego) durch die Procuratie Nuove, unter dem Museo Correr und der Bibliothek des Museo Correr. Ein flotter Weg von den Vaporettohaltestellen Vallaresso und San Marco ohne sich durch die Massen auf der Piazzetta und der Calle Vallaresso kämpfen zu müssen. Wunderbar!

Auf der Website der Venice Gardens Foundation sind alle Details zur Restaurierung nachzulesen.

Der ehemalige Springbrunnen ist jetzt eine Trinkwasserfontäne mit Löwenkopf. Die Zahl der Sitzbänke in schönem venezianisch-dunkelgrün, nicht rot, wird in den warmen Monaten wohl kaum reichen, aber daran kann man ja etwas machen. Den Bäumen muss man ein bisschen Zeit geben, in 15 Jahren sind die Giardini reali wieder ein Park mit echtem Baumschatten und die Anlage wird dann in ihrer geplanten grünen Üppigkeit beeindrucken. Eine wahre Bereicherung des Markusplatzes und der venezianischen Garten- und Parklandschaft

Die Kosten des Projekts sind höher als ursprünglich geplant, niemand wundert sich. Laut Artbonus des Kulturministeriums, das heute einen Bericht über die bisher 6jährigen Kultursponsoringaktionen veröffentlichte, (bereits einmal in diesem Blog erwähnt anlässlich der Finanzierung der Nase Richard Wagners), hat die Finanzierung mit einem Minus von 2 Mio. € wohl auch nicht ganz geklappt. Der Hauptsponsor Generali kann seine engagierte Projektfinanzierung bei den Steuern geltend machen, und niemand hindert die Sponsor*innen unter uns, freundlich ein Scherflein dazuzulegen (so geht das), sozusagen in die weihnachtliche Krippe. Auch wenn das auf das deutsche/ österreichische/ schweizerische Finanzamt nicht zutrifft.

Ergänzung 20.7.2020
Die 30jährige Baustelle des Ponte della Zecca wurde zum Redentorewochenende geschlossen und die restautierte Brücke eröffnet. Damit sind die Arbeiten am Ufer des Bacino am Eingang des Canal Grande abgeschlossen. Ich hatte, wegen Covid 19, bisher leider noch nicht das Vergnügen, aber die Fotos sind überzeugend.


Ergänzung 22.12.2020
In den beiden Wintergärten werden derzeit Bibliotheken zur kostenlosen Nutzung durch die Gartenbesucher*innen ab der Gartensaison 2021 eingerichtet. Im großen Wintergarten soll es naturwissenschaftliche Werke geben sowie Bücher zu Gartenbau, Landschaftsplanung und ähnlichen Themen; im kleinen Wintergarten Bücher zur Unterhaltung für alle Altersgruppen, die auch zur Lektüren auf den Bänken im Garten mitgenommen werden dürfen. 


Zugbrücke von den Giardini reali zur Piazza San Marco (bei Flut)
Quelle: Twitter Comune Venezia


Alte Einträge zum Thema:

5.11.2017 "Baustellen in Venedig - Giardini Reali"
30.10.2018 "Kleine Zwischenmeldung zu den Baustellen"


Ergänzung 4.6.20

Die Preise im schönen neuen Café der Giardini Reali entsprechen offensichtlich den Preisen der Cafés auf dem Markusplatz. 1 Cappuccino + 1 Saft 21 € 😬 Aber dafür darf man im Garten sein Mitgebrachtes auspacken und verzehren. Das machen wir dann mal.

Ergänzung 16.7.
L'acqua bassa in Venedig: Blumenpracht in den Giardini Reali hinterm Markusplatz



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28. September 2019

Herbstliche Gärten in Venedig 2019

Venissa-Garten auf Mazzorbo September 2019

Auch in diesem Herbst bietet der Wigwam Club Giardini Storici Venezia, der sich um die Pflege des historischen Gartenerbes in Venedig bemüht, sein jährliches Festival dei Giardini an, am 4., 5. und 6. Oktober.  Das Programm führt z. T. in Gärten, die bisher noch nicht besucht wurden. Anmeldung ist Pflicht über prenotazioni.giardinivenezia.gmail.com (Mail schicken und Antwort abwarten), wer vorher nach freien Plätzen fragen möchte, bitte SMS an +39 328 841 674 8. Letzteres empfiehlt sich, denn der Wigwam Club ist eine einzelne engagierte Frau, Mariagrazia Dammicco (siehe Eintrag zu ihren Veröffentlichungen: 20.4.2013: "Glyzinienrausch - April in Venedig"). Und es gibt genügend interessierte Venezianer*innen und Mitglieder des Wigwam Clubs, die sich jedes Jahr um Teilnahme an den Führungen bemühen. Also: man hat eigentlich keine Chance.

Was aber Gartenfreund*innen ermuntern sollte, venezianische Gärten auf eigene Faust zu erkunden, z. B. mit Hilfe meines Eintrags vom 30.5.2018


Die beschriebenen Gärten sind alle auch in diesem Jahr bis mindestens Ende der Biennale (24.11.) geöffnet -  mit Ausnahme des Gartens Soranzo Capello und des Giardino della Misericordia, die jeweils nur zu Sonderöffnungszeiten einladen. 



Achtung aktuelle Ergänzung! 

Der Garten des Palazzo Soranzo Capello (Sitz der oberen Behörde für Archeologie, Kultur und Landschaft) öffnet (mit kurzfristigster Information) am 4., 10. und 18.10. jeweils von 10-14 Uhr, mit kostenlosen Führungen um 10:30 und 11:30 Uhr. Keine Hinweise zur Voranmeldung. Haltestelle Ferrovia, kurzer Fußweg zum Rio Marin siehe Karte Googlemaps.



Der Park der Insel S. Giorgio Maggiore ist (mit einer Erweiterung) wie immer mit den stündlichen Führungen zu besichtigen und (ich wiederhole mich) sehr empfehlenswert, leider bieten die Führungen nicht genügend Muße, die reiche wilde Pilzflora des alten Klostergartenbereichs ausführlich zu studieren. 


Giardino delle Vergini Herbst 2019

Den Garteneintrag des letzten Jahres möchte ich mit weiteren Empfehlungen ergänzen, die den venezianischen Herbst gerade frühmorgens und spätnachmittags genießen lassen. 
An oberster Stelle steht für mich der öffentliche Gartenteil des Arsenale, in dem sich früher das Kloster der Vergini befand. Der große Park ist zu erreichen über den erst einige Jahre alten Ponte dei Pensieri (siehe auch Eintrag vom 26.6.2009 "Biennale Venezia - betrifft Brücke") und ich finde die Anlage so wunderbar, dass ich vor einem Jahr einen Eintrag dazu geschrieben habe: "Piet Oudolf-Garten in Venedig". Ich war vorletzte Woche da und wieder begeistert von der Stimmung (und der Blüte der Borstigen Krötenlilie s. u. in vollem Gange). LEIDER gibt es keine einzige Bank (bis auf derzeit eine Biennalebank, die ist Kunst!). Gerade hier, wo Sitzgelegenheiten an verschiedenen Punkten spezielle Ausblicke ermöglichen könnten und einen kontemplativen Gartengenuss, der die Besonderheit des Gartens noch steigern würde! Sehr schade.


Giardino delle Vergini Herbst 2019 - Borstige Krötenlilie

Dafür wurden im Uferpark auf S. Elena in diesem Jahr weitere der schönen roten Bänke aufgestellt, die wahre Entspannung erlauben mit Blick durch die Pinien auf sportlich aktive Menschen und den Verkehr in der Weite des Bacinos mit den grünen Inseln San Lazzaro degli Armeni, San Servolo und San Giorgio Maggiore. Und den früheren herbstlichen Sonnenuntergang, der in Venedig ja oft dramatisch, rot, überwältigend sein kann. Rote Bank - erste Reihe fürs tägliche Naturereignis! 


Parco delle Rimembranze, Sant' Elena Herbst 2019

Erfreulich! Die Universität Ca'Foscari öffnet den Garten der Ca' Bembo, einen neuen öffentlichen Park im Stadtteil Dorsoduro im September (ich habe die Öffnung bisher nicht überprüft) für Studierende, Schüler*innen der angrenzenden Grundschule Renier Michiel und das allgemeine Publikum. Schöner alter Baumbestand, Glyzinien, eine Wiese! Details zur Ca' Bembo. Öffnungszeiten sind März-Oktober Mo-Frei 8-12:15 und 15-18:30 Uhr; November-Februar Mo-Frei 8-12:15 und 15-17:30 Uhr. (Die Mittagspause dient der ausschließlichen Erholung der Grundschüler*innen.) Sehr nah bei der Kirche San Trovaso zentral in Dorsoduro ist das ein guter Ort, auf der Wanderschaft durch Venedig im Grünen eine Pause mit belegtem Brötchen oder Pizzastück einzulegen, ohne von der rigiden venezianischen Enjoy-Respect-Polizei gescheucht oder gar mit einer Knolle betraft zu werden. Eingang ist Ca' Bembo, Fondamenta Sangiantofetti 1074. Haltestelle Zattere, und weiter.


Sant' Elena, Parco delle Rimembranze, Herbst 2019

Weiter erfreulich: die schönen alten Giardini Papadopli, in den letzten Jahren sehr heruntergekommen, wurden im Sommer nach Rundum-Restauration und gärtnerischer Pflege wieder dem Publikum übergeben. Vom Bahnhof Santa Lucia und vom Piazzale Roma sind es nur jeweils eine Brücke in den Garten (Plan), eigentlich Privatbesitz des Hotels Papadopoli, das aber die Öffnung des Parks beibehält. Sehr schöner alter Baumbestand, die leicht hügelige Gartenplanung, die in Venedig einmal en vogue war, Bänke zu Füssen des Denkmals für Pietro Paleócapa - mehr als ein guter Ort, sich vor dem Bahn- oder Kreuzfahrtanschluss im Grünen zu entspannen.


Baustelle Giardini Reale Herbst 2019

Die unerfreuliche Nachricht dieses Eintrags ist, dass nach mehrfacher Öffnungsterminverschiebung die "Königlichen Gärten" zwischen Piazza San Marco und Bacino weit davon entfernt sind, im September eröffnet zu werden. Zu Beginn der Biennale kündigten die Medien den Termin 15.9. an, noch im Juli (!) war vom Herbst die Rede, versehen mit einem Baustellenfoto, das keine Frage offen ließ. 

Meinen älteren Einträgen kann man entnehmen, wie sich die Dinge entwickelten:
5.11.2017 "Baustellen in Venedig - Giardini Reali"
30.10.2018 "Kleine Zwischenmeldung zu den Baustellen"



Steht schon mal: die Pergola wie geplant an neuer Stelle

Die ersten Versprechungen sind also 5 Jahre alt, so lange bin ich gespannt auf die Restaurierung des Gartens und die Öffnung der Zugbrücke mit dem Durchgang auf die Piazza. Aber der Blick aus den "Gemächern der Kaiserin Sissi" im September zeigt, dass man weiter Geduld haben muss. 


Baustelle Giardini Reale September 2019

Die Kommentarlosigkeit ärgert mich schon, vor allem weil es in der Gegend um die Piazza herum keinerlei Sitzgelegenheiten für müde Menschen gibt außer in Bars, Restaurants, Vaporettohaltestellen (mit gültigem Fahrschein!). Erst wieder in den Kirchen entlang der Riva - San Zaccaria, San Giorgio dei Greci, San Giovanni della Bragora - kann man sich setzen, ohne vom bereits erwähnten Enjoyrespectpersonal vom Acker gejagt zu werden. Und auf den Steinblöcken, die ab der Haltestelle Arsenale zum Sitzen einladen. Und dann weiter in die menschenfreundlichen Gefilde der Gärten der Marinaressa, der napoleonischen Allee Viale Garibaldi und noch weiter auf die einladenden roten Bänke von Sant' Elena. 

Giardini della Marinaressa. Biennale Herbst  2019

Wer zur Zeit auf den Besuch venezianischer Gärten verzichten muss, tröstet sich vielleicht mit der Doku des Bayerischen Fernsehens "Die Gärten Venedigs".
  

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19. September 2019

Die Bäume in der Lagune

Küchenfensterblick auf die abgebaute Haltestelle Celestia

Aktuelle Information aus dem Eintrag "Venedig Fahrpläne 2019 - Stadt und Lagune":

16.-24.9.
Haltestelle Celestia außer Betrieb. Der schwimmende Teil des Anlegers wurde komplett abgebaut und das Wartehäuschen aus Glas und Metall abtransportiert. Alternativen sind die Haltestellen Ospedale oder Bacini oder der ein wenig längere Fußweg durch die 'dünnste' Nord-Süd Stelle von Venedig zur Haltestelle Arsenale. Dies betrifft auch die Besucher*innen des Litauen-Pavillons, die Mittwoch und Samstag in Scharen durch Castello pilgern!

Per Zufall hatte ich am 18.9. ein Gespräch mit dem Kommunalbeamten, der für diese Art von Arbeiten zuständig ist und erfuhr, dass entgegen meiner Vorstellung keineswegs die Haltestelle repariert werden muss, sondern es hier um den Ersatz der Holzpfähle geht, die wie ein kleiner Wald rechts und links des Haltestellenpontons die Funktion von "Parkplätzen" für die Anwohner*innen der Nachbarschaft haben. Der große Teil der 12 m langen Pfähle, die 6 m tief im Schlamm stecken und aus Wäldern nahe der Dolomiten stammen und traditionsgemäß der Stadt Venedig gehören, ist so morsch, dass sie ausgetauscht werden müssen. 
Während ihrer Lebensdauer werden die Pfähle auch häufig umgesetzt, weil sich Größe und Stellung von Bootsparkplätzen ändern. Auch das trägt zum Verschleiß der Baumstämme bei.
Also wenn, dann alle, und es rechnet sich anscheinend, dafür die Haltestelle aufzuheben und der gesamten Anwohnerschaft viel weitere Fußwege und Brücken zuzumuten.



Jeder neue Stamm kostet 6000 € und die Arbeit selber - Pfosten mit Bagger aus dem Schlamm ziehen, danach neuer Pfahl mit Spezialgerät wieder in den Schlamm rammen - ist langwierig, lärmintensiv und vor allem nicht nachhaltig. Jeder neue teure Stamm muss irgendwann ersetzt werden und wieder steckt ein Stück Fichtenwald in der Lagune. Die Lagune ist voll mit morschen Baumstämmen, die oft sogar brechen, bevor sie ersetzt wurden und dann als Gefährdung des Bootsverkehrs im Wasser treiben.

Es gibt überall in Venedig bereits solche langen Pfosten, die aus Plastik hergestellt, also gegossen, sind. Sie werden als unästhetisch empfunden und nicht der Tradition des Welterbes Venedig und der Lagune entsprechend. Denn die Stadt ruht auf unendlich großen Wäldern, die im Laufe von 1000 Jahren die Lagune so stabilisiert haben und noch stabilisieren, dass dieser einzigartige städtische Lebensraum entstehen konnte. 
Ich bin bei den ersten, die die Werte und Aufgaben des Denkmalschutzes wertschätzen und verteidigen. Aber ich finde, man könnte mal damit aufhören, Bäume in den Himmel wachsen zu lassen, um sie dann ich den Schlamm zu hauen, wenn es dafür, im Gegensatz zu den letzten 1000 Jahren, Alternativen gibt. In Zeiten des Klimawandels bzw. der anstehenden Klimakatastrophe sind unästhetische Plastikpfosten die nachhaltige und angemessenere Lösung. Oder?






Ergänzung 23.9.19

Nachdem Christoph bereits einen informativen Kommentar zur Nutzung von Bäumen hinterlassen hat (klicke unten, Kommentare), danke ich Wolfgang für einen weiteren Kommentar + Fotos per Mail (und für die Erlaubnis, beides hier einzufügen):
"...ich nehme Bezug auf deinen Blog mit den Baumstämmen.
Ich war vor Kurzem bei Freunden in Südtirol und schicke dir 2 Bilder
wie dort der Wald momentan in großen Teilen aussieht.
Schuld war der Sturm im letzten Oktober. Es gibt also Holz in Hülle und Fülle…"

Quelle: Wolfgang

Quelle: Wolfgang

Ergänzung 10.04.2020
Ein Fund auf der Seite der Stadtführerin Luisella Romeo:



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4. September 2019

Bettenboom in Mestre - Luxuslogis in Venedig

Baustelle Ca' di Dio

Ein Hotelbett in Mestre steht in der Stadt Venedig. Das ist ein zentraler Punkt des Hotelmarketings von Mestre. Wer Venedig nicht kennt und die Information "in 20 Minuten am Markusplatz" in die Vorstellung umsetzt, ein sehr günstiges Hotel zentral in Venedig zu buchen, erlebt wahrscheinlich eine Enttäuschung. 

Die Stadt Mestre wurde 1926 nach Venedig eingemeindet. Als quasi proletarische Vorstadt der petrochemischen Industrie am Ufer der Lagune, mit ca. halb so vielen Einwohner*innen als damals im 'Centro Storico', also in Venedig, lebten. Die Bevölkerungsstatistik vom Dezember 2018 zählt 260.520 Bürger*innen im gesamten Stadtgebiet (inkl. aller Eingemeindungen), davon  52.996 Bürger*innen in Venedig (ohne Inseln der Lagune) und 116.996 Bürger*innen in Mestre/Marghera. 
Dieser Bevölkerungszuwachs und -wandel ist mit ein Grund für die Kommunalwahlergebnisse (Lega und weitere rechte Konsorten!) und die sich rasant ändernde Rolle Venedigs, die immer mehr als "Museumsviertel" der "Metropolitanstadt Venedig" bestimmt wird: das der finanziellen Verwertung dienende Touristenzentrum am anderen Ende der Brücke. Dessen räumliche Kapazitäten ihre natürlichen Grenzen haben und deshalb einträglicher genutzt werden müssen (Luxussegment!). Aber darüber hinaus leicht erweitert werden können, im "Venedig" an der Landseite der Brücke, in Mestre. Verkehrstechnisch kein Problem mit den Trenitalia-Bahnen vom Bahnhof Mestre nach Venedig-Santa Lucia ohne Zwischenstopp und Bussen von ATCV und ATVO, und, so der Verkehr die Nutzung der Schiene erlaubt, mit der Tram

Mestre entwickelt sich seit Jahren im preiswerten Standardhotelsegment. Die Anzahl der Tagestourist*innen, die mit Reisebussen, Kreuzfahrtschiffen und Ausflugsbooten die Basis des für die Stadt angeblich wirtschaftlich impotenten Rein-und-Raus-Tourismus darstellen, wird damit verstärkt. Das Amt für Tourismus gibt in Kürze einen Flyer heraus, der verstärkt Tourist*innen nach Mestre 'dirigieren' soll. 

Wenige Beispiele illustrieren die Entwicklung: 
zwei AO Hostels existieren seit 2017, 2 Riesenklötze direkt am Bahnhof (und mitten im 'Bahnhofsviertel') von Mestre (lies Absätze "Im günstigen Hostel die Vielfalt Venedigs erleben " und "Unsere AO Hostels in Venedig: Ihre Unterkünfte zum besten Preis").
In direkter Nachbarschaft entlang der Via Ca' Marcello, wurde im Frühling das neue Hotelviertel eröffnet, das nicht-italienische Hotel- und Restaurantketten unter sich aufteilen, deren Segment vor allem Reisegruppen (große Gruppen aus asiatischen Ländern) sind. Ein Hotel neben dem nächsten, zu weit unter venezianischen Zimmerpreisen und das zu Recht, denn hier ist alles Mögliche, aber nicht das 'Traumziel' Venedig.  

In Venedig (also: Centro Storico) wurden weitere alte Gebäude (verkauft und) umgebaut in mehr oder weniger stilvolle Herbergen des Luxussegments. So trennt man die Spreu vom Weizen. Werfen wir einen kleinen Blick!

Soeben, zu Beginn September, eröffnet an den Zattere das Hotel Palazzo Experimental der französischen Hotelkette Eperimental Group. Der spätgotische Palazzo Molin des 15. JH, vormals im Besitz der Unternehmerfamilie Stucky, war seit 1932 Sitz der ehemaligen Compagnia Adriatica di Navigazione. Wunderbare Fotos des Palazzo zeigt BlueOscar auf seinem Blog.
Ergänzung 30.0.: Dezeen berichtet in der heutigen Ausgabe über die Innenausstattung des Experimental.

Ebenfalls in französische Hände wechselt das traditionelle 5* Hotel Cipriani auf der Giudecca. Es wird von der Gruppe LVMH übernommen, die in Venedig bereits mit Luxusgeschäften wie Louis Vuitton vertreten ist, aber besondere Bedeutung vor allem für Shopping-Tourist*innen hat durch den "T-Fondaco" im ehemaligen Fondacco dei Tedeschi.

Auf dem Gelände der Ex-Gasometers westlich von San Francesco della Vigna plant die Immobiliengruppe MTK (Wien) Luxusapartments "im Stil von Londons King's Cross". Ursprünglich war die Idee, ein Luxushotel zu bauen, zusätzlich aufgewertet durch die Marina an der Laguna Nord direkt vor der Hoteltür und mit dem Vorzug einer luxuriös-ruhigen Lage ohne Durchgangslauferei des Tagestourismus. Informationen dazu sind von 2018, ich finde keine neueren Informationen, ob es definitiv Apartments oder vielleicht doch ein Hotel geben wird.
Das Kloster und ein Gymnasium als Nachbarn und ein bisher noch relativ privates venezianisches Viertel im Hintergrund müssen die neue Nachbarschaft hinnehmen, wenn es soweit ist. In der Planung ist deshalb enthalten die vertragliche Vereinbarung, der Schule eine bisher nicht vorhandene Sporthalle zu bauen. Damit hat die Schule nicht nur die ehemalige Kirche S. Giustina als herausragende Aula, sondern auch eine Sporthalle mit vermutlich allem Zipp und Zapp. Auch die barrierefreie Renovierung der Brücke über den Rio di S. Giustina gehört zur Planung der Luxusanlage.
Vor einem guten Jahr wurde der Vertrag zur ökologischen Sanierung des Areals geschlossen. Bei den Arbeiten wird man vermutlich auf menschliche Überreste stoßen, denn auf diesem Gelände bestattete zu Zeiten der Serenissima die Bruderschaft der 'Picai', die Scuola di San Fantin, die Körper der Hingerichteten.
Ergänzung 11.3.20: 
Bei den Bauarbeiten wurde auf dem Geländer der Gasometer die Vera da Pozzo wiedergefunden, die früher vor der Kirche stand (Google Übersetzung möglich).

Ein weiteres Hilton-5*-Luxushotel soll auf dem Gelände des ehemaligen botanischen Gartens hinter S. Giobbe entstehen, das dann zusammen mit dem Hotel Molino Stucky auf der Giudecca und dem Hotel Sagredo am Canal Grande den venezianischen 5*-Hilton-Pool bilden soll. 
Für den riesigen, lange stillgelegten botanischen Garten war eine Nutzung von 130 Apartments und Wohnungen, 20 % ausschließlich für venezianische Familien, geplant. Vorgesehen war auch die Erhaltung eines Teils des Parks und ein Gebäude zur öffentlichen Nutzung, z. B. für eine Schule. Daraus wird nichts, das Gelände wurde von Unternehmen aus Apulien und Kalabrien gekauft und soll nun ertragreicheren Zwecken zugeführt werden. So soll man sich das vorstellen
Im April noch liessen Stadtverwaltung und Bürgermeister Brugnaro wissen, dass es für das geplante 230-Zimmer-Projekt keine Sondergenehmigung gäbe, bzw. wenig Spielraum dafür... aber die x-fache Erfahrung lehrt ja, wie das mit den Genehmigungen geht in Venedig, wenn alle Interessen endgültig abgewogen wurden. 
Der Rektor der Universität Ca' Foscari meldet Interesse am ehemaligen botanischen Garten an, der ja direkt neben der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät (im ehemaligen Schlachthaus bei San Giobbe) liegt. Er würde dort gerne eine Business School einrichten... Ob ihm die apulischen und kalabrischen Besitzer das Gelände wohl günstig verkaufen?! Warten wir die Sache ab.

Ein weiterer Palazzo zwischen Guggenheim und Salute ist mit dem Axel Hotel Venice seit Beginn dieses Jahres Teil der U.S. amerikanischen Sonders and Beach Hotelgruppe. Geboten ist 'nur' 4*Luxus, aber ihre Axel-Hotels nur für Erwachsene sind an die anspruchsvolle internationale Zielgruppe LGBTQ gerichtet, gehört also auch zum Luxussegment. 

Auch Murano hat seit Mai ein 4.5*Hotel, das Hyatt Centric. 119 Zimmer in einer der ehemaligen, stillgelegten Glasbläsereien. Die Konvertierung und der vielen alten Industriestrukturen auf Murano folgen (siehe auch Eintrag vom 13.1.16: "S. Chiara in Murano").

Bereits für Ende 2018 hatte die italienische Salute Hospitality Group die Eröffnung des 5*-Hauses Gran Meliá Ca' di Dio der spanischen Hotelkette Meliá an der Riva Ca' di Dio angekündigt, es gab ziemlich rege Medienbegleitung, da hier ein Altenheim in eine touristische Struktur (mit Schwimmbad!) konvertiert werden sollte. 
Das Gebäude war seit dem 13. JH das vom Kloster San Giorgio Maggiore unterhaltene Hospiz/Herberge für Pilger (später auch Pilgerinnen) ins Heilige Land, die auf ihre Einschiffung zur 'Pauschalreise' warteten. Die Wartezeit war lang, der Aufenthalt ging ins Geld, manche Reise musste deshalb abgebrochen und manch andere konnte wegen Krankheit oder Tod nicht angetreten werden. In unmittelbarer Nähe des Ca' di Dio gab es quasi als Ersatz Kirche und Kloster San Sepolcro (Kirche ist abgerissen, Kloster ist die heutige Kaserne Caserma Cornoldi). Auch San Zaccaria, eine Brücke weiter, bot als Ersatz für den wirklichen Besuch des Heiligen Grabes in Jerusalem ein "Sepulcrum Domini" an, das leider nicht mehr existiert. 
Im Juni war die Baustelle aber noch eingerüstet. Recherche ergibt, dass im September 2018 war die Arbeiten ruhten, Rechnung ungezahlt waren, die Stadtverwaltung besorgt. Neuere Informationen sind derzeit nicht zu finden. (Siehe Foto oben.)

Vor 10 Jahren verkaufte die Universität IUAV ihr Gebäude Palazzo Pemma Zambelli am Campo San Giacomo dall' Orio für über 7 Mio. €, das Gebäude wurde renoviert und die Eröffnung des 4*-Hotels Aquarius der Choice Hotelkette ist wohl demnächst zu erwarten. Auch ein Haus mit nur 28 Zimmern und 5 Apartments dürfte dem bis jetzt noch volkstümlichen Campo (von Schulklassen bepflanzte Baumscheiben, viel Kinderspiel und Nachbarschaftsleben um die Kirche herum) eine empfindliche Veränderung zufügen.

Der wunderbare, aber erschreckend heruntergekommene Palazzo Donà Giovanelli bei Santa Fosca wurde von New World China Land gekauft. Bis vor ca. 10 Jahren hatte im Garten des ewig leerstehenden Palazzos noch ein Bildhauer/Steinmetz seine mit Ausstellungstücken vollgestopfe Werkstatt, bis auch er aufgab.
Für 2022 ist (nach anstehender Restaurierung) die Eröffnung des Rosewood Venice geplant, das zur Luxushotelkette Rosewood gehört. Man darf gespannt sein, denn die Pressemeldung wurde im www mit diversen Öffnungsterminen von 2020-22 veröffentlicht - und bisher gibt es keine Anzeichen von Renovierungsarbeiten (siehe unten Foto vom Juni 2019). 

Palazzo Donà Giovanelli


Es gibt weitere, z. T. ziemlich hochfliegende Planungen und Projekte im Luxushotelbereich, die sich via Twitter oder Newsletters in meinem Computer angesammelt haben. Mehr davon demnächst.

(Ich möchte betonen, dass dieser Eintrag nicht als Werbung verstanden werden soll. Ich habe keinen Kontakt zu diesen Häusern und war nicht, wie von Reiseblogger*inen oder -journalist*innen manchmal zu lesen ist, kostenlose Nutznießerin des tollen Luxus.)

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