Posts mit dem Label Santa Maria della Misericordia werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Santa Maria della Misericordia werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

19. Januar 2017

Jubiläum



Im Januar 2007 bat ich meinen privaten Berater in Kommunikations- und informationstechnischen Fragen, mich mal zu Nutzungsoptionen von Social Media für meine beruflichen Zwecke rundum zu informieren. Social Media waren das große Thema und professionelle Optimierung immer gut. 

Ich bekam keine Erklärungen, sondern die Aufforderung, ALLES auszuprobieren. Social Media seien nur Werkzeuge, jede*r müsse eigene Nutzungsweisen und -möglichkeiten für sich herausfinden und zwar selbsttätig. Und dann entscheiden, ob, wie und in welchem Umfang jedes einzelne Medium ür seine jeweiligen Zwecke geeignet seien. 

Habe ich so gemacht. Die Versuchsreihen waren viel Arbeit, nebenbei, privat, aber nach einem halben Jahr war klar, welche Angebote ich für meine Berufstätigkeit nützen würde. Bloggen war ausprobiert, wurde aber aussortiert. 
"Fang einen  Blog an. Such dir ein Thema, das du spannend findest, in dem du dich auskennst und was zu sagen hast, sonst bleibst du nicht dabei. Jede Woche ein Eintrag, diszipliniert, glaubwürdig, mindestens ein halbes Jahr. Dann weisst du, ob das was ist oder nicht." Hatte der private Berater gesagt. Es war was, aber nicht für den beruflichen Bedarf. 

Dem schlichten ersten Eintrag am 21.1.2007 folgten anweisungsgemäß wöchentliche Blogs. Recherchen zu Themen und Kontakte zu Bloggern, Autor*innen und anderen Expert*innen entwickelten sich schnell. Nach dem Probehalbjahr war der Blog ein schönes kleines Privatprojektchen, das Spaß machte und aus meiner Sicht unter jedem Radar im großen www flog. 

Nach 10 Jahren und über 550 Einträgen macht es immer noch Spaß. Viele Texte verlieren ihre Aktualität, viele Links ihren Anschluss und sind damit irreparabler Schrott, aber manche Einträge haben über die Jahre ihren Informationsgehalt und ihre Lesbarkeit erhalten, manches Foto hat Dokumentationswert. Und ich fliege nicht mehr unter dem Radar. Es gibt einfach zu wenige deutschsprachige Blogs zu Venedig - aber jede Menge italienische, englische, französische. Jeder Reiseführer empfiehlt mittlerweile "Unterwegs in Venedig", Reiseseiten von Tages- oder Wochenzeitungen auch mal.

Was aber wirklich unschätzbar ist, sind die Antworten auf meine Arbeit und die Kontakte, die beim Bloggen entstehen. Die Freundlichkeit und die Aufmerksamkeit von Korrespondent*innen treffen mich immer wieder überraschend. Die Anfragen zu venezianischen Details von Menschen, die ein Buch oder eine Examensarbeit (Architektur, Geschichte, sogar Philologie!) schreiben und meiner Expertise trauen, sind so eine schöne Herausforderung. Die gemeinsame Leidenschaft für Venedig schenkte wunderbare und unerwartete Begegnungen und Erfahrungen, schuf in 10 Jahren spannende Kooperationen, ja sogar dauerhafte Freundschaften, auch über diverse Arten von Grenzen hinweg  und hinüber. 

Ich bin für all das dankbarer, als ich ausdrücken kann. Das rettet mich bisher aus meinen Venedigkrisen, wenn mir die Zukunft der schönsten Stadt mal wieder unrettbar erscheint. Herzlichen Dank allen, die auf ihre Weise 10 Jahre mit diesem Blog und mir unterwegs in Venedig waren.





.

14. Juli 2016

Santa Maria della Misericordia

Kirchenraum, vor einer Goethe-Veranstaltung
Nach fast genau einem Jahr war ich am 28.5.2016 wieder in der ehemaligen Kirche Santa Maria della Misercordia. Die beiden Besuche am 9. und 14.5.2015 hatten einen längeren Blogeintrag ('Kunst oder echtes Leben? Die "Moschee" in Venedig') mit Ergänzungen zur Folge. 
Die Frage, was nun aus dieser eigentlich funktionsfähigen Moschee wird, wurde mir von kompetenter Seite schnell beantwortet: jeweils sofort nach Biennaleschluss im November müssen die Pavillons geräumt und der nachfolgenden Crew quasi 'besenrein' übergeben werden - es sind ja nur 5-6 Monate Zeit für die Installation der nächsten Ausstellung. 

Für die Architekturbiennale wurde S. M. della Misericordia als 'Dependance' des deutschen Pavillons angemietet für Performance- und Bildungsveranstaltungen des Goethe-Instituts in der letzten Mai- und der dritten Oktoberwoche. Gute Gelegenheit, wieder einen Blick hineinzuwerfen. Und endlich heute einen Blogeintrag zu schreiben, da aus gegebenem Anlass, mal wieder eine venezianische Hochzeit, die Kirche unerwartete Medienaufmerksamkeit erleben darf. 


Hauptaltar
Der erste Klosterbau auf dieser Insel Valverde am Nordrand Venedigs inmitten von Salzwiesen und Röhricht entstand in der Mitte des 10. JHs und hiess Santa Maria della Valverde Madre di Misericordia, daher die beiden bis heute benutzten zwei Bezeichnungen S. M. della Misericordia und S. M. Valverde - aber VenezianerInnen nennen sie ausschließlich 'L'abbazia' (Betonung auf dem i). Obwohl Venedig voller Klöster und Ex-Klöster ist, ist 'L'Abbazia' ein eindeutiger Begriff. 
Die ansässigen Orden wechselten, Augustiner, Dominikaner, Serviten; auch die Anzahl der Bewohner (Pestepidemien!); die Kirche wurde mehrfach erneuert, das Kloster erweitert, und während die angrenzenden Inseln bevölkert und die Fondamente Nove in die Lagune gebaut wurden, blieb das Kloster in seinen weitläufigen Gärten einsam und sein Nordufer unberührt - bis heute, davon abgesehen, dass die Sacca della Misercordia mittlerweise eine Marina ist.

Mit Beginn des 14. JH. wurde an der Westseite des Campo dell'Abbazia die Scuola della Santa Maria della Valverde Madre di Misericordia von der Bruderschaft der Misericordia gegründet, später Scuola vecchia genannt, die zusätzlich zur Bruderschaftsinfrastruktur, also Versammlungs- und Gebetsräume etc., ein Hospiz für mittellose Frauen und einen Friedhof (zur Linken der Kirche) einrichtete. 

Die Geschichte der Scuola della Misericordia und ihres Wohlstands dank wohlhabender Mitglieder geht weiter mit dem Bau der riesigen Scuola Grande della Misericordia, die hier nicht unbedingt dazu gehört Nachzulesen unter 'Scuola Grande della Misericordia in neuem Glanz'; 'Ein Palladio...'; 'Scuola Grande della Misericordia'. 


Dach und beschriftetes Gebälk
Die ehemaligen Gärten der Scuola und des Klosters sind weitgehend erhalten, sehr gepflegt aber leider nicht öffentlich. Sie liegen hinter hohen Mauern an der Sacca della Misericordia und sind zum größten Teil Lager und Restaurationswerkstatt für Skulpturen etc. der städtischen Museen Venedigs. Der zugängliche Teil ist die Kooperative "Laguna Fiorita", Pflanzen, Gartenbedarf, Gewächshäuser... wo VenezianerInnen im Centro Storica ihren Pflanzenbedarf per Boot decken können.  

Die Gebäude, auch der schattige Sottoportego, sind entlang des Rio della Sensa zu sehen, die Gärten leider nur durch wenige Gitter. Auf dem Campo zu bewundern: eines der wenigen erhaltenen Beispiele der ersten Ziegelpflasterung Venedigs im Fischgrätmuster (wie auch nicht weit davon auf dem Campo Madonna dell' Orto). Und ein wunderschöner Brunnenkopf (vera da pozzo) aus dem 13. JH mit den Reliefs von Mönchen an 3 Seiten, das Aussehen der 4. Seite lässt einen früheren Anbau vermuten. Wenn hier nicht geheiratet oder um Moscheen bzw. Kunst gestritten wird, ist dies ein wunderbar still und authentisch erhaltener Ort.


Fassade und 'gequetschte' linke Seite
Zu dem auch die schöne dreiteilige barocke Kirchenfassade mit ihrer gequetschten linke Ecke gehört, erneuert 1650 von Clemente Moli, Schüler Berninis und Mitarbeiter Longhenas (ebenfalls gequetscht: eine Tür zum dahinter liegenden Garten, immer standhaft verschlossen). Neben das Kirchenportal hat Moli allegorische Skulpturen der Beständigkeit und der Barmherzigkeit gestellt, darüber eine Büste von Gaspare Moro, der die Fassade bezahlte. Das Relief am rechten Nebengebäude, eine byzantinisch betende Madonna mit Kind, wird dem 13. JH zugerechnet.

Die Kirche selbst ist nach ihrer Schließung im 19. JH, dem Verkauf inkl. des Campanile an aufeinander folgende Privatpersonen, der Nutzung als Lagerraum bzw. für Wetter- und Sternenbeobachtungen, und der Dekonsekration 1973 unter dem Patriarchen Albino Luciani, ziemlich frei von sakraler Kunst. Mit dem großen Kunstausverkauf Venedigs 1868-1882 verschwanden nicht nur die großen Altarbilder, sondern auch alle Kunstwerke, die aus bereits früher geschlossenen Kirchen hier untergebracht worden waren: aus S. Matteo di Murano, S. Elena, S. Maria dell' Arsenale, S. Maria Maggiore - Werke von Cima da Conegliano, Francesco Ribera, Palma Giovane, Padovanino, Hans Holbein, Alessandro Longhi, Giovambattista Tiepolo und anderen. Geblieben ist das Grabmal von Alvise Malipiero (mit dem schönen Hahnenlogo) an der linken Wand; die Mosaike an Stelle einiger früherer Tafelbilder hat man in der 2. Hälfte des 19. JHs neu eingefügt, als die Kirche zuletzt restauriert und einige Jahre wieder genutzt wurde. 

Beeindruckend ist der Fries hoch oben unter dem Dach, das selbst aus schlichten Kassetten besteht und über die ganze Fläche goldene Sterne auf blauem Grund zeigt. (Einige Kirchen in ehemaligen venezianischen Festungen auf der Peloponnes haben einen ähnlich zauberhaften blau-goldenen Sternenhimmel.) Schön ist auch die geschnitzte Empore auf Marmorsäulen an der Innenwand der Fassade.   


Innenseite, Empore
Nachdem der längst nicht mehr sakrale Kirchenraum, immer noch Privatbesitz, vor der Moschee-Installation von einem verlotterten in einen nutzbaren und präsentablen Zustand versetzt wurde, steht er - wie viele restaurierte Gebäude oder Sääle in Venedig - zur Miete für Events unter dem Stichwort "kulturelle Verwertung". Wohlgemerkt: sieht aus wie eine Kirche, ist aber eine Ex- wie viele andere in Venedig.


Nächste Besuchsmöglichkeit von S. M. della Misericordia bzw. Valverde bwz. l'Abbbazia und ein spannendes Projekt als Nebenveranstaltung der Architekturbiennale: The Veddel Embassy. 18.-22.10., Di-Fr 12-15 und 18-22 Uhr des Goethe Instituts Italien n Kooperation mit dem Deutschen SchauSpielHaus Hamburg und dem Evangelisch Lutherischen Kirchenkreis Hamburg-Ost. Eintritt frei.


Venipedia Campo dell' Abbazia mit einem guten Lageplan. Haltestelle Madonna dell' Orto und Ca' d'Oro.

Rundumführender Fries unter dem Dach



.

14. Mai 2015

Kunst oder echtes Leben? Die "Moschee" in Venedig


S. M. della Misericordia, früherer Hauptaltar
Es gab ja schon ein bisschen Zoff im Vorfeld des isländischen Pavillons.
Nämlich wegen des Schweizers Christoph Büchel, der Island repräsentieren soll, was manche IsländerInnen nicht ange-
messen fanden, obwohl der Mann seit Jahren Wahlisländer und mit einer Isländerin verheiratet ist. Diese Art Scheuklappen haben auch andere Nationen - Kenia zog seine offizielle Prä-
sentation zurück, weil nur chinesische Künstler im keniani-
schen Pavillon ausstellen, was einen Riesenstreit auslöste. 


Erst kurz vor der Eröffnung der Biennale wurde bekannt gegeben, dass es sich beim isländischen Pavillon um eine voll funktionierende Moschee in der seit 40 Jahren geschlossenen Kirche S. Maria Valverde handelt, die erste Moschee über-
haupt in den Mauern Venedigs, die venezianischen Moslems und moslemischen TouristInnen als Gebets- und Gemeindehaus dienen soll und darüber hinaus der weltweiten Kooperation des Islam. Oha! 


Gebet, gemischte Geschlechter
Am Tage der Biennaleeröffnung waren die lokalen Blättchen voll von Bedenken, vor allem Stadtobere und Polizei gebär-
deten sich sehr alarmiert. Gleichzeitig erste Freudenäuße-
rungen der betroffenen Gläubigen, die sich den Erhalt der Moschee über den 22.11. hinaus wünschen. Das würde ich auch, wenn ich zur Gemeinde gehören würde. Ich habe mir die Sache also noch am Eröffnungstag angesehen, man weiß ja nie.


Vor der Kirche Geschrei. Einerseits geschockte Venezianer-
Innen (ich unterstelle: ChristInnen), die die Konversion der Kirche als unmöglich empfinden, bis zur Eroberung Konstan-
tinopels zurück diskutieren (1453 durch die Osmanen wohlgemerkt, nicht 1204 durch die Venezianer unter Enrico Dandolo!)
. Andererseits MoslemInnen, die erklären, um Verständnis werben, sich um das bemühen, was man wohl interreligiösen Dialog nennt. 

Empore, Marmorsäule, Fries, besterntes Dach
Drinnen ist es ruhig, im Eingangsbereich unter der Empore sammeln sich BiennalebesucherInnen, die mal gucken, aber nicht ihre Schuhe ausziehen, um in den Gebetsbereich zu gelangen. Dort betet gerade eine Gruppe von Männern, der Vorbeter spricht leise, im Hintergrund Frauen und unbeschuhte Besucher, man hört fast nichts von dort, der Raum ist groß. Entspannte Atmosphäre. 

Die Kirche ist sehr alt, der Teppichboden ist nagelneu und grün, christliche Kunst wurde schon vor langer Zeit entfernt (vermutlich während des venezianischen Kunstausverkaufs nach der napoleonischen Auflösung der Kirchen Anfang des 19. JH). Keine Altarbilder, nackte Backsteinflächen über dem Hauptaltar und den Seitenaltaren. Ein schöner aber beschä-
digter Fries rund um alle Wände hoch unter dem besternten Kassettendach. Überall sind große schwarze Tondi (Rund-
bilder) mit goldenen arabischen Schriftzeichen angebracht. Ich kenne Moscheen nur von Bildern, und diese sieht im Gebets-
bereich authentisch aus, wenn auch die Mischung der Geschlechter, vor allem der Anblick unbeärmelter, minibe-
rockter junger Frauen, ungewohnt ist. Das ist wohl der Biennale-Anteil.


Kunst oder Funktion oder beides?

Der Eingangsbereich enthält viele Schuhregale, Fußwasch-
becken, Verkaufstände von Devotionalien, Büchern, Zehenschlappen... und, was ich in die Schublade "Kunst" einsortieren würde: Ein Getränkeautomat mit Mecca-Coke, der elegant in eine gotische Wölbung platziert wurde, eine rotglühende Höhle. Und der Altar einer Seitenkapelle, auf dessen Stufe die heilige Dreifaltigkeit der mülltrennenden farbigen Tonnen verehrt werden kann. Aber vielleicht ist das auch absichtlos und der Spott liegt in meinem Blick und nicht in den reinen Gedanken des Künstlers Büchel.


Anbetung der Götter des vollzogenen Konsums?
Das Geschrei vor der Kirche legt sich, einige Gemeinde-
mitglieder kommen rein, ich höre, wie einer zum anderen sagt: "Also ein Dialog war das eher nicht." 


Am nächsten Tag, Sonntag, ruft ein italienischer Religions-
wissenschaftler kampfbereit die Polizei in die Ausstellung, die feststellen soll, dass er eine Kunstinstallation sehr wohl mit Schuhen betreten darf, in allen ihren Teilen. Und falls dies keine Kunstinstallation sondern eine Moschee ist, soll sofort die behördliche Genehmigung für deren Betrieb vorgelegt werden. Die Polizei verweist auf den Sonntag, Behörden zu, die Situation sei hier und jetzt so, wie sie ist. 

Das wird in den letzten Tagen weiter bestritten, laut Lokal-
presse vor allem durch die katholische Kirche (deren Inter-
vention mir schleierhaft ist, die Kirche S. M. della Misericordia ist Privatbesitz, außerdem seit 40 Jahren nicht als Kirche in Gebrauch). Täglich wird Papier bedruckt mit informationsfreien und unbelegten Behauptungen, die Moschee würde geschlos-
sen, heute, in einer Woche, spätestens am 20.5.; und die Moschee wird täglich voller. Natürlich. Die internationalen Medien schreiben derartig unqualifiziertes Zeug, selbstdar-
stellerisches JournalistInnengeschwurbel, dass ich darauf verzichte, hier die Artikel zu verlinken. (Bei Interesse: suchen unter Stichworten Venedig-Moschee-Biennale-Büchel u. ä.)


Nach dem Gebet

Ich selbst halte es in der Gretchenfrage mit Karl Marx und habe kein Bedürfnis, mich jenseits der Kunst in die lokale religiöse Versorgung einzumischen. Aber glaube, dass sich die Frage der venezianischen Moschee erledigt hat: wer wird wirklich nach 7 Monaten Ende November ein funktionierendes Gebetshaus und Gemeindezentrum so vieler Gläubiger wieder SCHLIEßEN? Unmöglich aus meiner Sicht. Die MoslemInnen brauchen und wollen sie, die Religionspolitik der historischen Serenissima liegt in den Archiven, die Macht der katholischen Kirche ist nicht die mehr die alte - und es triumphiert die Kunst: sie kann mehr als Kunst. Sie gestaltet die Welt mit.


Santa Maria della Misericordia o. Valverde nach dem Streit
und kurz vor dem Maigewitter am 9.5.

Ergänzung am 15.5.:
Schon passiert. Am 13.5. marschierten Beauftragte der Stadt in die Ausstellung, respektive Moschee, kontrollierten die Mülltonnen in der Seitenkapelle und sprachen ein Verbot (dieser Kunstinstallation!) aus. Unsäglich, während Herr Meese seinen Hitlerarm im Namen der Kunst heben darf. Ebenfalls verboten wurden die Einschränkungen der BiennalebesucherInnen (also das Gebot, den Gebetsteppich ohne Schuhe zu betreten) sowie kultische Handlungen, also das gemeinsame Gebet. 
Venezia Today, 14.5.2015

Ich ging gestern, 14.5., kurz am Campo dell'Abazia vorbei und stellte fest: die Mülltonneninstallation wurde entfernt, aber nicht die Schilder, die das Betreten des Gebetsbereich mit Schuhen verbieten, sie gehören schließlich zur Kunstinstalla-
tion der Moschee. Und niemand betrat den Teppich mit Schuhen. Offizielle gemeinsame Gebete finden anscheinend nicht statt, einzelne Personen beten und singen die Gebete offen und unbehindert. Die Atmosphäre ist leider hinüber. Es herrschte Anspannung, im Eingangsbereich drängten sich viele BesucherInnen, aber es gab keine Gruppen oder Gespräche im Innenraum der Moschee. Das kann es ja wohl nicht gewesen sein... 


Artribune, 15.5.
Der Artikel weist darauf hin, dass die Kirche S. M. d. Misericordia zwar seit 1973 Jahren nicht als Kirche genutzt und darüberhinaus in Privatbesitz sei, aber nie von der katholischen Kirche dekonsekriert wurde. Die Zustimmung, im höchsten Fall des Vaticans, zur Nutzung der Kirche sei also erforderlich und muss bis zum 20. Mai vorgelegt werden. Andernfalls kann die Kirche geschlossen werden. Diese Situation sei vorhersehbar gewesen, das Ziel des Künstlers Christoph Büchel, auf die fehlende/n Moschee/n in Venedig und in Italien überhaupt hinzuweisen, würde aber auch in diesem Fall erreicht.

Artnoise, 20.5. La Moschea della Misericordia 

Icelandic Art Center, 21.5.2015 Offener Brief der Direktorin Björg Stéffandóttir

Comune Venezia, 21.5.2015 Entscheidung und Gründe für die Schließung der Ausstellung.

NZZ, 22.5.2015 Polizei schliesst Kunstprojekt. 

Hyperallergic, 22.5.2015 Eine Kritik von Hrag Vartanian: "Why I Don't Buy the Premise of Christoph Büchel's Icelandic Mosque Pavilion."

The Art Newspaper, 23.5.2015 Ein weiterer kritischer Kommentar von Anna Somers Cocks: "Büchel's 'Mosque' played frivolusly with fire"

La Nuova, 3.6.2015 Discoteca nell' ex chiesa della Misericordia.
Erstaunlich. Pavillon geschlossen oder nicht: kann der Privatbesitzer der ehemaligen Kirche den Raum inkl. Kunstausstellung während der Biennalelaufzeit für andere Veranstaltungen abgeben? Welche Folgen hat das für den Rechtsstreit um die evtl. Wiedereröffnung der Ausstellung?


17.7.2015: das Icelandic Art Center will die Biennale verklagen und ggfs. Schadenersatz verlangen. Das angebliche Argument Frau Stefánsdóttirs, die Polizei hätte nicht zu entscheiden was Kunst sei, scheint mir aber sehr unqualifiziert - es ging ja (und ist vermutlich ein vorgeschobener Grund) um die Frage, ob die erforderlichen Genehmigungen für den religiösen Betrieb der Moschee beantragt wurden und vorlagen. Die venezianische Behörde hatte für die Befriedigung der Bürokratie 60 Tage eingeräumt, die in ca. 1 Woche ablaufen. 


The Art News Paper, 27.7.2015: Am 29.7. soll über die Klage des IAC (Icelandic Art Center) auf Wiedereröffnung der Kunstausstellung Moschee und Schadenersatz für die Schließung beschlossen werden.

Iceland Monitor, 11.8.2015: IAC zieht Klage gegen Schließung der Ausstellung Moschee zurück, hält Klage auf Schadenersatz aufrecht.

La Nuova, 4.2.2016: In aller Stille mitten im Carnevale verhängt die Comune Venezia für den "Missbrauch" der ehemaligen Kirche S. M. Valverde eine 'multa', eine Geldstrafe gegen die Kuratorin des isländischen Pavillons. Keine Angaben zur Höhe der Strafe. Venedig leistet sich eine provinzielle Posse, die hoffentlich in der Kunstwelt zur Kenntnis genommen wird. 


14.5., 17:30 Uhr



.