10. Oktober 2007

San Francesco della Vigna



















Das Kloster San Francesco della Vigna liegt im ruhigen Nordosten Venedigs, zwischen dem städt-
ischen Krankenhaus und dem Arsenale, an der Vaporettohaltestelle Celestia. Vom Wasser
aus sieht man es direkt links der Gasbehälter. Es grenzt an die Laguna Nord und hat noch ein altes Wassertor in der Gartenmauer. Aktuell ist eine Renovierung an der Gartenmauer zur Lagune per Bauschild angekündigt, ich vermute, die Mauer selbst ist das Objekt der Renovierung.

Hier ist die Stelle, an der San Marco ein Engel im Schlaf erschien mit den Worten PAX TIBI MARCE EVANGELISTA MEUS, dem Satz, der auf vielen Darstellungen im geöffneten Buch steht, das der geflügelte Löwe mit seiner rechten Tatze hält. Die Geschichte beweist den frühen genialen Sinn der Venezianer für Marketing, gut erfunden und gut verwertet bis auf den heutigen Tag!

Campanile San Francesco della Vigna,
der überragende Turm am Nordufer Venedigs

























Frisch mit dem Alilaguna-Boot vom Flughafen ankommende Reisende werden ab Murano ganz aufgeregt 'der Markusplatz!!' weil sie den Campanile von San Francesco della Vigna für den Campanile von San Marco halten. Die beiden Türme sehen ähnlich aus, wenn auch San Marco natürlich viel größer ist.

Einzelheiten über die Kirche San Francesco
finden sich in jedem Führer, insbesondere über die schöne, von Palladio entworfene Fassade. Zu ergänzen ist, dass die Person, die die Kirche schmückt, eine Schwäche für weisse Lilien hat. Bei bisher jedem Besuch empfing mich eine entrückende Wolke Lilienduftes von frischen Sträußen, die im rechten Chorbereich stehen. Im linken Chorbereich ist die wunderbare Badoer-Kappelle der Lombardos.


Fassaden San Francesco (links) und Palazzo Gritti (rechts) im Hintergrund Säulenreihe und Brücke über den Rio di San Francesco











Wohngasse hinter San Francesco









Wie man auf der Satellitenaufnahme sehen kann, liegt rund um den Campo della Confraternita ein Gebäudeensemble von Kirche, Kloster, zwei Kreuzgängen und einem großen Garten sowie dem Palazzo des Dogen Andrea Gritti. (Dieser Palazzo ist TV-Glotzern bekannt als "Questura" in Verfilmungen von Donna Leon - Venedig-Krimis, inklusive zugehöriger Gruppe von braun-weissen Säulen und Brücke über den Rio di San Francesco.)


In die Kreuzgänge kommt man nur durch die Tür vorne links in der Kirche. Zunächst betritt man die Kapelle mit der gerühmten Bellini-Madonna (Münzautomat für die Beleuchtung). Dann links in den ersten Kreuzgang, dahinter liegt der zweite, etwas größere Kreuzgang mit einer Statue von San Francesco. Beide sind Räume der Stille, besonders am frühen Morgen, wenn man sich dort alleine aufhält.






2. Kreuzgang (oben)
Die weiteren Fotos: 3. Kreuzgang zur Lagune hin mit Klostergarten












Rechts der beiden Kreuzgänge liegt der Klostergarten, dessen Pforte ich bei meinem ersten Besuch an einem sehr frühen Maimorgen weit offen fand. Es gibt dort einen dritten (halben) Kreuzgang und eine Tür zum Refektorium, aus der freundliches Geschirrklappern zu hören war.

Der Garten
ist so gepflegt und üppig, wie man es von einem Kloster-
garten erwartet:
Kräuter, Zwiebeln, Rüben, Kartoffeln, Paprika, Artischo-
cken, Tomaten, Zucchini, Bohnen, Salat, Beeren- und
Blumensträucher, Obstbäume aller Arten, einen kleinen Weingarten (Vigna!), Blumen, Zypressen, Palmen, Vögelgezwitscher. Er endet an der Mauer (mit dem alten Wassertor) zur Laguna Nord.








Der Weingarten














Es ist hier wie so oft in Venedig: man tritt durch eine Tür und ist in einer anderen Welt. Während ich eine glückliche Stunde der Kontemplation auf dem Mäuerchen des Kreuzgangs sass, arbeitete ein weisshaariger Mönch in einiger Entfernung gebeugt im Gemüse und ich glaube, er hat mich überhaupt nicht wahrgenommen.Oder es war venezianische Höflichkeit...


Wassertor in der Gartenmauer zur Laguna Nord
















Aktuell bis zum 21. November stellt im Rahmen der
52. Kunst-
biennale Syrien in San Francesco della Vigna aus.






5. Oktober 2007

52. Kunstbiennale Venedig - noch 6 Wochen


Nicht verpassen!

Am 21. November schließt die 52. Kunstbiennale. Sie ist wie immer eine tolle Wundertüte aktueller Kunst, aus der man sich Überraschungen aller Arten und Mengen fischen kann.

Am Eingangscafé der Giardini "La
Grande Catalina" (KünstlerIn leider nicht notiert)

Es gibt wie immer die zwei zentralen großen Ausstellungsbereiche, die sonst nicht öffentlichlich zugänglich sind: die Giardini und ein kleiner Teil des Arsenale. Dafür zahlt man einen moderaten Eintritt von 15 € (Ermäßigungen siehe die Website der Biennale, unten).




Giardini

Österreich, Herbert Brandl Griechenlandpavillon

Die Aus-
stellungen in den Länder-
pavillions und -ber
eichen sind übersichtlich (auch die damit verbundenen Fusswege), und mit dem kostenlos verteilten grün-roten Ausstellungsheft findet man sich gut zurecht, sogar im Italienischen Pavillon der Giardini, der das etwas labyrinthische Herzstück der von Robert Storr zusammengestellten Schau ist. (Es gibt seit diesem Jahr noch einen zweiten Italienischen Pavillon im Arsenale.)



Pavillon Rumänien aussen

Pavillon Japan, Masao Okabe









Arsenale

Blick in die Austellung der Corderie

Guillermo Kuitca, Argentinien)


Ausstellungsgelän
de Arsenale












Ausstellungsorte in der Stadt

Neben den Giardini und dem Arsenale gibt es, und das ist das Besondere und Spannende an der Biennale di Venezia, überall in der Stadt zusätzliche Ausstellungen und "Collaterale Events" von Ländern, die über keinen (tradionellen) Pavillon verfügen und von Einzelkünstlern.


Pavillon Mexico (zum ersten mal dabei) im Palazzo Soranzo van Axel. Hinterer der beiden Innenhöfe und Blick aus dem 2. Piano Nobile. Eine vielleicht einmalige Gelegenheit, diesen Palast zu besichtigen. Er steht zum Verkauf...)

Die Teilnahme an der Biennale wird von den teilnehmenden Ländern organisiert und bezahlt. 'Man' kann aber auch per Teilnahmebeitrag von 20.000 € + Miete einer Lokalität + Einstellung von Ausstellungspersonal, z. B. Studierende, sich die Teilnahme selber organisieren. Man sollte ca. 100.000 € einplanen für die Zeit Juni-November...

Der Eintritt in diese Ausstellungen ist frei, geht einfach rein, wo immer das quadratische rote Biennale-Logo im Stadtbild, an einem Hauseingang zu sehen ist, und sucht die Überraschung!


Einzelausstellung Jan Fabre im Palazzo Benzon; Exponat im Androne und Blick vom Piano Nobile auf den Canal Grande









Die Überraschung ist doppelt, denn man landet z. T. in Gebäuden,
die sonst verschlosssen sind (Ausstellung Mexico im Palazzo Soranzo Van Axel bei der Miracoli Kirche), die nur für Veranstaltungen zur Miete stehen, zu denen ein Normalbürger normalerweise keinen Zutritt hat (Ausstellungen Armenien, Schottland, Lateinamerika im Palazzo Zenobio, Bildungsinstitut der armenischen Mechitaristen am Rio d. Carmini in Dorsoduro) oder von außen bestens bekannt, aber strikt privat sind (Ausstellung Luxemburg, Ca' del Duca am Canal Grande).


Verschiedene Länder- und Einzelausstellungen im Palazzo Zenobio: Garten mit Bibliothekgebäude, Blick auf den Carmini-Campanile; Ballsaal mit 1 (!) Exponat (Guatemala)


Doppelte Überraschungen bieten auch Verbindungen von Kunstwerken mit dafür ursprünglich nicht vorgesehenen Räumen, z. B. Kirchen oder Klöstern (Ausstellung Syrien in San Franceso della Vigna) Krankenhäusern oder konvertierten Anlagen (Vedova-Ausstellung auf Sant' Erasmo, Torre Massimiliana).



Das sind einige Beispiele von insgesamt 87 Events, die sich über Stadt und Inseln verteilen.


Man kann also, neben dem massenhaften und spannenden aber auch ziemlich erschöpfenden Kunstkonsum an den beiden zentralen Stellen, insgesamt locker eine Woche damit verbringen, die Stadt zu durchwandern und durch das Wundertütenangebot neue Perspektiven zu gewinnen, insbesondere auch jetzt im Herbst. Die Öffnungszeiten sind an allen Ausstellungsorten nur 10:00-18:00 Uhr, was, wenn man nur wenige Tage hat, zu logistischen Problemen führen kann. Deshalb lieber ein bisschen mehr Zeit nehmen!


Torre Massimiliano, Sant' Erasmo




Hier ist die offizielle Site der Biennale di Venezia
Hier gibt es einen fotografischen Rundgang durch die wichtigsten Länderpavillons
(und gute Ausstellungsplan- und Stadtplanauszüge, die die Orientierung erheblich erleichtern!)
Hier gibt es einen vollständigeren Rundgang, der viele Videos, teils von den ausstellenden Künstlern selbst hergestellt, und Interviews mit den Künstlern bietet, zum Teil aber auch Blicke auf die Ausstellungsorte (für Venedig-Freaks...)

Im November bieten die ersten Hotels schon ihre Winterermäßigung an, während der letzten beiden Biennale-Wochen kann man zum Teil recht preisgünstig wohnen. Die Sache kann fast um die Hälfte billiger werden als im Oktober, ist also auch für schmale Budgets finanzierbar. Beispiel: das sehr einfache, bahnhofsnahe aber preisgünstige Hotel Guerrini,zwischen Bahnhof und Canale di Cannaregio; das überaus angenehme und sehr freundlich familiengeführte Hotel Boccassini in der Nähe der Fondamente Nove; und etwas teurer, aber nur wenige Schritte vom Piazzale Roma das Hotel Canal mit Blick auf die neue Brücke. (In diesen Hotels habe ich schon gewohnt bzw. wohne regelmäßig dort, aber per Internetrecherche finden sich weitere Angebote unterschiedlicher Preis- und Luxusstufen.)




26. August 2007

Kirchen in Venedig

Ich habe in meine Linkliste die Website www.churchesofvenice.co.uk aufgenommen, die auch für den 'fortgeschrittenen' Venedig-Besucher ausgesprochen hilfreich ist. Der Inhaber dieser Website, Jeff Cotton, bittet ausdrücklich um den Hinweis, dass sich diese Site noch im Aufbau befindet und alle aufgelisteten Kirchen mit der Zeit beschrieben werden.
Auch seine Site www.fictionalcities.co.uk hat einen ausführlichen und informativen Venedig-Teil.

19. August 2007

Ponte Calatrava - Rohbau


Die vierte Brücke wurde vor einer Woche im Rohbau installiert. Das 3. Fertigteil, die Mitte, wurde von oben über die beiden Brückenköpfe eingeklinkt - nachdem das Mittelteil wieder in einer spektakulären nächtlichen Aktion durch den Canal Grande zur Baustelle transportiert worden war.

Andreas Götz hat mir wieder beeindruckende Fotos gemailt, die mich mit z. T. ungewöhnlichen Perspektiven und/oder Einbezug der Zuschauer die Stimmung gut nachempfinden lassen. Er lebt ja (zum Teil) in Venedig und hält es mit den Brückengegnern, während ich (aus der Ferne) mich schon auf die erste Brückenüberquerung freue und hoffe, dass der elegante Schwung dieser roten Wirbelsäule künftig die Blicke von der Gewöhnlichkeit des Piazzale Roma ablenken wird.


"Der Transport über den Canal Grande war schon ein ziemliches Ereignis. Die Einfahrt bei der Salute war ziemlich zügig (was für ein effekvolles Foto sorgte) und je enger es wurde desto langsamer wurde es. "






Transport kurz vor Rialto







"Das Ganze beleuchtet und mit hunderten Helfern versehen (Polizia Municipale, Protezione Civile, Polizia di Stato etc..)"





"Leider waren die besten Orte zum Fotografieren abgesperrt (aus "Sicherheitsgründen", will heißen, es gab eine Gegendemonstration, wegen "Geldverschwendung"). Ich war aber zum Schluß ganz zufrieden mit dem Platz, den ich mir erdrängelt habe, auf einem Balken zwischen zwei pali."




An der Herberia (Gemüsemarkt) gegenüber der Hauptpost

















"Insgesamt verlief alles sehr viel schneller als im angekündigten Zeitplan. Es war offensichtlich, daß man auf jeden Fall die Zeiten einhalten wollte und so waren sie großzügig angegeben. "












"Auch die Montage war nach vier Stunden abgeschlossen, angekündigt waren dreißig (damit man vier mal Hochwasser hat). "




















"Aber diese Bilder zeigen sehr gut die Hydraulikstempel, mit denen die Brücke bei Flut auf die provisorischen Auflager gehoben wurde. Jetzt müssen die drei Brückenteile "nur noch" verschweißt werden."
















"Jetzt zeigen sich die Qualitäten der
Brücke, die mir bewußt sind, auch wenn ich aus
urbanistischen Gründen dagegen bin und sie mir zu"unvenezianisch" ist. Ich meine damit nicht, daß ich keine moderne Architektur in Venedig haben will, sondern daß ich mir eine moderne Architektur wünsche, die im Bewußtsein des Ortes gestaltet wird, für den sie entsteht. Jetzt kann man natürlich argumentieren, daß Venedig ja am Piazzale Roma längst zu Ende ist, aber das zählt für mich nicht. Also lassen wir das."








"Bei den Fotos des Rohbaus habe ich mir erlaubt einige der vielen Werbebanner digital abzuändern. Jedes analoge oder digitale Foto ist irgendwo
verändert aber durch meine Eingriffe ist der Dokumentcharakter etwas stärker eingeschränkt. Sie gefallen mir aber so besser.
Cordiali saluti, ciao,
Andreas "


















4. August 2007

Canal Grande - die vierte Brücke

Historisches tut sich in diesen Wochen. Die vierte Brücke über den Canal Grande wird errichtet, nach jahrelangen Differenzen der Beteiligten.

Der Spanier Santiago Calatrava ist der brückenerfahrene Architekt der neuen Kanalüberquerung, seit seinem Bau des Olympstadions in Athen (Foto vom Flug nach Athen im Mai) ist er auch dem Laienpublikum bekannt. Seine Bauten wirken leicht und elegant mit einem kräftigen Schuss Bionik.


Die Planung für die Brücke begann vor über 10 Jahren, der Bau wurde durch Genehmigungs-, Prüf- und sonstige Verfahren, Finanzierungskonflikte sowie diverse Bürgerproteste aus verschiedenen Gründen, z. B. der mangelnden Ausrüstung für die Nutzung durch 'behinderte' Menschen, bisher nicht verwirklicht. Lediglich zwei Brückenköpfe aus Stahl und Beton (Fotos siehe weiter unten) stehen seit Jahren am Knick des Canal Grande zum Piazzale Roma, durch Bauzähne nur schlecht verhüllt.
In den deutschen Medien war von diesem dauerhaften Konflikt in Venedig nichts zu merken, auch im www gab es bis vor kurzem wenige und nur Jahre alte Informationen, abgesehen von z. B. einem etwas reißerischen Bericht des Focus.

Nun aber, mit äußert kurzfristiger Ankündung auf der Website der Comune Venezia, wird zur Tat geschritten, in den beiden Nächten des letzten Juliwochenendes sollten die Anschlussstücke der beiden Brückenköpfe angeliefert und installiert werden.

Andreas Götz hat in dieser Woche Fotos gemailt und dazu Erläuterungen geschrieben:


Brückenkopf mit gut
sichtbaren langen Zapfen, die die Brücke auch etwas größeren Verände-
rungen im Untergrund anpassen sollen.












Brückenkopf mit neuem Zwischenmodul





Man kann gut die rote Unterkonstruktion der Stufen sehen, die rechts uns links über die Brücke führen, in der Mitte der Bereich der künftigen Rampe für die rollende Brückenüberquerung (Kinderwagen, Rollstühle, Transportkarren etc.).
Am schmalen grauen Streifen am Rand soll wohl die 'Ovovia', die Kabinenbahn, befestigt werden.


Unterkonstruktion der Stufen


Beide Anschlüsse fertig installiert











Auf meine Frage, wie die "Ovovia" funktionieren soll, die ich mir mit den bisherigen geringen Informationen wie eine Art Seilbahn vorstelle, schreibt Andreas Götz:

"Ich habe zwar mal ein schlechtes Foto vom Projekt der Ovovia gesehen, aber Genaues weiss ich nicht. Es sind wohl glaeserne Kapseln, die auf einer Schiene hin und her fahren. Damit man sie mit einem Rollstuhl benutzen kann muessten sie ziemlich gross sein. Gedacht ist das Ganze wohl so, dass die Menschen, die schlecht zu Fuss sind, die ovovia benutzen und die Rollstuhlfahrer die mittlere Rampe. Wobei die Rampe fuer Rollis ohne Hilfe mit Sicherheit sehr gefaehrlich sein wird. Zudem duerfte die Bruecke bei groesserem Andrang zur Qual werden, wenn man es nicht von Anfang an schafft, strickt Rechtsverkehr einzufuehren. Mit der Rampe in der Mitte sind die Stufenbereiche relativ schmal."


Morgen, Dienstag 7.8. erfolgt laut Website der Comune Venezia die Anlieferung des Mittelteils der Brücke, wieder wird der Canal Grande gesperrt sein und der ÖPNV um die Stadt herumgeleitet werden. Ab 22:30 Uhr soll im Internet mit zwei Webcams die Aktion zu verfolgen sein. Und am Wochenende wird dann die 4. Überbrückung des Canal Grande beendet.

Dieses historische Ereignis wird wohl so schnell nicht wieder geboten werden, wer in Venedig ist, sollte sich das Spektakel nicht entgehen lassen und ich bin schon sehr gespannt, Anfang September die Brücke zu besichtigen, nachdem ich seit Jahren bei jedem Besuch nur seufzend die beiden Baustellen bewundernd durfte...

YouTube-Video des Transportes vom 7./8.07

Mittlerweile gab es eine Pressemitteilung des Büros Calatrava, das entschieden auf Details des Brückendesigns (Materialien, Beleuchtung etc. ) eingeht, aber kein Wort über die 'Ovovia' verliert, die doch ein wichtiger Punkt in den Dissenzen um die Brücke in den letzten war. Zusammen mit einer älteren Pressemitteilung vom Mai hinterläßt diese Art der Öffentlichkeitsarbeit bei mir einen etwas merkwürdigen Eindruck.


Nichtdestotrotz, der mittlere Teil der Brücke wurde inwischen (gestern 11.8.) eingefügt, eröffnet werden soll die Brücke im Dezember.

5. Mai 2007

San Giorgio dei Greci - die Kirche der Griechen in Venedig




Der schiefste Turm der Stadt, seit Jahren unter Kontrolle von elektronischen Messgeräten und in diesem Frühling renoviert, gehört zu S. Giorgio dei Greci. Dramatisch schräg nach links gebeugt sieht man ihn von der Riva degli Schiavioni und von der Marina der S. Giorgio-Insel gegenüber, die Kirche liegt eher versteckt in der '2. Reihe'.
Man findet sie, wenn man rechts der 'Vivaldi-Kirche' S. Maria della Visitazione die Calle della Pietà nimmt, an der Salizzada dei Greci links, an der Calle della Madonna wieder links und dann VOR! der Brücke Ponte dei Greci scharf links einbiegt. Wenn man den wunderbar grünen stillen Innenhof des Ensembles von Kirche und ehemaligen Bruderschaftsgebäuden betritt, scheint der Trubel der Riva degli Schiavoni meilenweit entfernt.


Der Bau der Kirche wurde erst nach
wiederholten Anläufen der griechischen Gemeinde und mit deren eigenen Mitteln (im wesentlichen der in Venedig lebenden und arbeitenden griechischen Intellek-
tuellen, Künstler, Söldner zur See und wirtschaftlich besonders erfolgreichen Drucker) von 1539-
1573 erbaut. Zu diesem Zeitpunkt waren die wechselhaften Beziehungen Venedigs zu Byzanz durch die ottomanische Eroberung 1453 bereits beendet.
Venedig hatte zu diesem Fall seinen schlimmen eigenen Teil beigesteuert durch die Eroberung Konstantinopels mithilfe des Kreuzzuges 1204 unter Anführung des Dogen Enrico Dandolo.

In den historischen Entwicklungsjahren war das Veneto und damit das künftige Venedig als Teil von Westrom an Ostrom übergangen und wurde Teil des byzantinischen Kaiserreiches, als Exarchat am westlichen Rand. Byzantinische Architektur und
Kultur ist bis heute nachzuvollziehen z. B. in einigen Kirchen (siehe Torcello), in den alten Teilen von einzelnen Palästen entlang des Canal Grande (siehe Foto Ca da Mosto) und in Museen (z. B. Museo Correr).

Das sich langsam entwickelnde Venedig wurde aus der Ferne mittels Statthaltern, den Vorläufern der Dogen, verwaltet. Es diente politisch aus byzantinischer Sicht als Puffer nach Westen, handelte auch Verträge mit den Karolingern aus, mit dem Ziel, das deutsche Kaiserreich auf Abstand und Venedig den Rücken frei zu halten und damit auch Byzanz/Konstantinopel.

Während Venedig sich politisch un
d wirtschaftlich etablierte, stand Emanzipation von der "Mutter" auf der Agenda, Handel wurde zum Schwerpunkt der Beziehungen zwischen Venedig und Konstantinopel.
Griechen lebten und arbeiteten in Venedig als Handwerker, Künstler, in der Seefahrt, als Intellektuelle mit reichem historischen Hintergrund. Venedig führte ein ganzes Handelsviertel in Konstantinopel mit einer großen Zahl venezianischer Kaufleute, die sich dort niedergelassen hatten, und einer entsprechenden Infrastruktur, die den Handel im östlichen Mittelmeer und weit über das Schwarze Meer und über die Seidenstrasse hinaus ermöglichte.

Der Überfall des Kreuzzuges 1204, die Massaker und Plünderungen, und die darauf folgende Aufteilung des byzantinischen Kaiserreiches unter die führenden Kreuzzugsteilnehmer waren ein erschütternder historischer Einschnitt ohne Beispiel. Venezianische Kolonien entstanden in der Ägäis und auf der Peloponnes, ganz Kreta wurde venezianisch, erhielt seinen eigenen von Venedig gesandten Dogen, Großen Rat und eine Aufteilung in Sestiere wie die Serenissima selbst. Die Insel wurde durch von Venedig ausgewählten Auswanderern kolonisiert, die ein Lehen auf dem Land und eine Handvoll einheimische Leibeigene zur dessen Bearbeitung erhielten. Sie mussten im Gegenzug sich und einen weiteren Ritter ausrüsten, d. h. mit Waffen, Rüstung und Pferd und waren verpflichtet, in einer der "Burgen" (heute die regionalen Hauptstädte Kretas) zu residieren, um jederzeit dem Dogen zur Verteidigung zur Verfügung zu stehen. Vor allem die Kolonialisierung Kretas durch Venedig ab 1204 lieferte Vorbild und Erfahrungswerte für alle weiteren Kolonisierungen, die in den kommenden Jahrhunderten ab der Besatzung der Amerikas ab 1492 stattfinden sollten.

Das lateinische Konstantinopel wurde 1453 endgültig von den Osmanen erorbert, nachdem die erbetene Unterstützung durch Venedig ausgeblieben war, und Tausende von Venezianern und Griechen flüchteten nach Vened
ig, eine Bewegung nach Westen, die sich mit dem Fall kolonisierter Inseln wie Zypern und Kreta und der Siedlungen in der Morea (Peloponnes) fortsetzte. Die griechische Bevölkerung in Venedig wuchs an Zahl und Wohlstand, und vervollständigte also Mitte des 16. Jahrhunderts ihre eigene Kirchen, Schule und Sozialversorgung.

Das war allerdings zu einem Zeitpunkt, an dem Venedig bereits klar zur EHEMALIGEN Weltmacht abgesunken war und der Reichtum der Stadt sich nicht mehr durch umfassenden Handel, sondern durch eine umfassende Blüte der Künste darstellte. Die Griechen verpflichteten für ihreBauten zwei der besten Architekten ihrer Zeit (Longhena, Lombardo) und für die Aus
schmückung der Kirche die berühmtesten (kretischen) Ikonenmaler (Damaskinos u. a., deren Ikonen im Museum neben der Kirche zu bewundern sind.

Longhena-Fassade des Istituto Elleniko. Eingang zur Bibliothek (im Parterre) und zum Ikonenmuseum (1. Etage)


Das Griechische Institut für Byzantinische und Postbyzantinische Studien bietet neben der Bibliothek Studien- und Fördermöglichkeiten für Fachwissenschaftler, die aus aller Welt kommen. Es erfährt Förderung durch verschiedene griechische Stiftungen, vor allem die Alexander Onassis Stiftung und die Stavros Niarchos Stiftung.
Es befindet sich in der ehemaligen Scuola der Griechen links von der Kirche San Giorgio. Im Gebäude rechts der Kirche hat die Verwaltung der gr.-orthodoxen Kirche in Italien ihren Sitz, sowie der gr.-orth. Bischof für Italien.


Ikone im Ikonenmuseum vom Typ "Allheilige des Leidens". In der typischen Darstellung halten Kind und Mutter sich an den Händen, während das Kind den Kopf von der Mutter ab- und seinen künftigen Aufgaben zuwendet, dargestellt durch zwei Engel.