10. November 2015

2015 - Venedigs Feier der Madonna della Salute...


... beginnt in den nächsten Tagen und zieht sich mit Pilgergruppen, massenweise Gottesdiensten von frühmorgens bis spät in die Nacht und dem Höhepunkt: Bau der Pontonbrücke vom Giglio-Ufer in San Marco nach Dorsoduro und Wallfahrt der VenezianerInnen. 
Die Madonna in der Salutekirche wurde 1669 bei der Übergabe Candias (heutiges Iraklion, Kreta) an die osmanischen Truppen mit nach Venedig evakuiert (siehe Eintrag vom 28.3.2009: Die Mesopandítissa in Santa Maria Salute).

Die VenezianerInnen sehen das als 'ihr' Fest, und es hat auch bis auf den wunderbaren Süssigkeitenmarkt (köstliche sizilianische Mandelplätzchen für den Weihnachtstisch!) hinter der Kirche, die Kerzenverkaufsstände davor und vielleicht noch die 'pittoreske' Segnung der Boote am Sonntag, 15.11. um 10:45 Uhr wenig Touristisches. Der Einzug des Patriarchen mit Gefolge in die Salutekirche zur Hauptfeier am 21.11. geht völlig im Gedränge der LokalmedienvertreterInnen und Gläubigen unter.

Also: Salute allerseits und einen gesunden Winter!

Siehe auch Label Salute.

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4. November 2015

Biennale 2015 zum Letzten

"Country"
Vor Toresschluss in weniger als 3 Wochen habe ich noch ein paar Empfehlungen. Viele Nebenausstellungen sind schon zu, es ist gut zu prüfen, ob man aktuelle Pläne und Listen verwendet bei der Planung der Runden durch die Stadt. Ein paar Angebote sind weit vom Schuss, riskieren übersehen zu werden und sollen deshalb hier besonders empfohlen sein.


"Country"
Als erstes: Country, eine Nebenausstellung der Gervasuti Foundation, die jahrelang in dem schönen heruntergekommen Handwerkerhof am Ende der Via Garibaldi ausstellte. Sie hat eine neue ziemlich wilde Location am Ende der Fondamente Nove, im Bereich der Tankstelle links in der Calle lunga Santa. Catarina 4998. Die Ausstellung besteht aus mich sehr beeindruckenden ethnographischen Tondokumenten, Graphiken und persönlichen Gegenständen vor allem aus dem sozialen Umfeld von Frauen-Müttern-Großmüttern australischer Aborigines und berührt im rohen Umfeld dieser Räume umso mehr.


Santa Catarina "An Archeologist's Collection"
Direkt um die Ecke, in der ehemaligen Klosterkirche Santa Catarina, ist "An Archeologist's Collection" von Grisha Bruskin zu sehen. Im März hatte ich schon die Ausstellung "Alefbet" dieses Künstlers empfohlen. Die Kirche ist Teil einer Schule und seit langem außer Gebrauch, zeitweise waren hier Klassencontainer untergebracht, jetzt jedenfalls ist im stockdunklen Kirchenschiff eine historisch-politische Grabung installiert. Wieder einmal eine interessante Nutzung einer dekonsektrierten Kirche! Fondamenta Santa Catarina 4941.


"Food is God"
Noch ein paar Meter weiter, bis zur Fondamenta Zen 4924, im Palazzo Zen, wird als Nebenausstellung der Expo 2015 "Food is God" gezeigt. Es geht um Design von Speisetischen und -gedecken, ein Thema, das mich nicht im Mindesten interessiert. Aber einmal drin, konnte ich mich weder der Ästhetik der Exponate noch der Appetitlichkeit der dazugehörigen Filme entziehen. Nicht mein Thema, aber ein Rausch. Reines Glück, dass ich nicht hungrig war. Es sind außerdem schöne Werkzeuge der Lebensmittel- und Essensherstellung zu sehen, und die Sache ist eine tolle Übung für FotografInnen, extrem ästhetische unbewegliche Motive aufzunehmen.


"Food is God"
Diese 3 Ausstellungen erreicht man in wenigen Minuten von der Haltestelle Fondamente Nove. Ebenfalls von hier ist man schnell am Palazzo Pisani zwischen den Kirchen Miracoli und SS. Giovanni e Paolo, am Ponte delle Erbe. Im obersten Stock liegt (mit sehr schönen Rundblick auf die Nachbarschaft) der Pavillon von Kroatien "The Third Degree. Studies on Shivering". Die Ausstellung ist es wert, vier Etagen hochzuklettern, mit Installationen, Objekten, Filmen, Gedichten. Zum Beispiel:
Then
the picture was taken
where the mountain ridges
surround the resort
at the relaxed side
The picture was taken
of the red Sky
descending
One man said to another:
no gunfire is heard
it is hard to hear anything
the mountain is too high.
I keep the future in the freezer
preserved in the shape
of ice cubes
until the first hot day
I'll keep it there
No gunfire heard.
The sunset was great
The picture was taken
of an ice cube
melting

"The Third Degree. Studies on Shivering"
Vom Palazzo Pisani sind es nur 3 Brücken zum Campo Santa Maria Formosa und von dort nur 1 Brücke zum Palazzo Grimani, den ich jährlich mindestens einmal besuche und unermüdlich empfehle, und trotzdem bin ich immer allein in den wunderbar restaurierten Räumen des 1. Piano nobile. Die Restaurierung wurde seit der Eröffnung 2008 weiter vervollständigt, die wenigen mobilen Ausstellungsstücke (Antiken aus der Sammlung von Giovanni Grimani) werden schon mal umgestellt, aber es sind die prächtige Ausstattung des Palastes, die Marmorportale, die Wand- und Deckengestaltung, die Fußböden, die aus Schimmel und Verrottung gerettet und restauriert wurden und mich begeistern.
(Eintritt 4 €, durch den Bookshop und dann das großartigeTreppenhaus hinten links in die 1. Etage.)


Raumportale im 1. Piano nobile Palazzo Grimani
Ich wusste, dass die Arbeiten auch im 2. Piano nobile vor sich gingen, aber in diesem Jahr gibt es dort die erste Ausstellung, deshalb der Hinweis in diesem Blogeintrag. 

Die Ausstellung "Frontiers Reimagined" ist kostenlos und zu erreichen durch das Treppenhaus vorne links. Schon im Innenhof sind einige Gonginstallationen zu sehen, aber nicht zu hören. Die VenezianerInnen sind geduldig, aber bei den akustischen Begleiterscheinungen der Biennale hört regelmäßig der Spaß auf. Dafür gongt es lieblich und irgendwie interaktiv in der Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der Tagore Foundation sehr verschiedene spannende Exponate von Gegenwartskunst zeigt und außerdem den Blick schenkt auf die umgebenden Dächer. Und ausserdem wieder: phantastische Leistungen des Restaurierungsteams, vor allem wunderbare Deckenausschmückungen. Bisher erst 2 Flügel der Etage, die Arbeit an den beiden anderen Seiten lässt hoffen. 


Chun Kwang Young "Aggregation 15"
Wer das ehemalige Kloster San Gregorio noch nicht besuchen konnte (nur geöffnet zu seltenen Ausstellungsterminen), hat wieder einmal eine Chance, und ich empfehle, sie wahrzunehmen. Auch wegen der Ausstellung "Marni" die zwar einerseits Marketing für ein Modelabel betreibt, aber andererseits ganz witzig ist und zeigt, wie Kreativität auf einer einfachen, fröhlichen Ebene glücklich machen kann. Auch wegen des 'vorübergehenden' Restaurants "Gusto in Abbazia" das für die Dauer der Biennale hier eingerichtet wurde, im Eckzimmer zum Canal Grande und zur Salute hin. Ist nicht mein persönliches Budget, verleiht aber den bunten Farben der Ausstellung und ihrem begleitenden Meeresrauschen noch einen dritten Sinnesreiz: es duftet gut nach Essen. Und es ist allemal eine ungewöhnliche (und vielleicht nicht zu wiederholende) Lokalität und ein besonderer Rahmen, in Venedig zu speisen. 

Aber man sollte das ehemalige Kloster auch gesehen haben wegen seines schönen Kreuzgangs, wegen einiger schöner Restaurierungsdetails (und eines sehr überflüssigen - der Altana auf der Dachinnenseite, pffff!) und wegen des außergewöhnlichen Blickes auf die Salutekirche und die Mündung des Canal Grande.
Haltestelle Salute.


"Marni" Ex-Abbazia San Gregorio

Kleiner Exkurs in die Giardini, Zentralgebäude, in die "Arena". Wer einmal dort durchläuft (und es herrscht den ganzen Tag reger Durchgangsverkehr), und es passiert gerade nichts, könnte falsche Schlüsse ziehen. Es passiert hier nämlich sehr viel, nach einem festen Programm. Zu Beginn der Biennale lag es gedruckt aus, jetzt gibt nirgendwo mehr ein Blatt Papier. Das Programm steht im www. Auch das jeweilige Tagesprogramm (Datum auswählbar) kann man aufrufen. Weiter kann man  Informationen anklicken über die einzelnen Programmpunkte, deren Aufführungstermine mit Uhrzeiten, sehr wichtig. Als Beispiel hier der Link zu Worksongs, eine musikalische Performance mit 1-2 KünstlerInnen, die ich sehr empfehle, mehrfach gehört/gesehen. Das Werk ist bei jeder Aufführung das gleiche, wird aber durch die SEHR unterschiedlichen ausführenden KünstlerInnen zu jeweils neuen Kunsterlebnissen. Wenn man die Wahl hat, lohnt es sich, wegen dieser 40minütigen Veranstaltung den Besuch der Giardini auf DoFrSaSo zu legen. 


Lisa R. Harris singt "Work Song"


Die Informationen zum jeweiligen Tagesprogramm laufen auch auf einem Monitor im ersten runden Raum des Zentralgebäudes, links oben an der Wand.
Alle diese Veranstaltungen sind im Biennaleeintritt enthalten.



Eine kleine, herausragende Ausstellung möchte ich noch besonders empfehlen, die nichts mit der Biennale zu tun hat, aber auch am Stichtag 22.11. endet:
"GARDENAL" in der Fondazione Bevilacqua La Masa am Markusplatz. Ganz hinten links in der Ecke, wenn man mit dem Rücken zur Basilika S. Marco steht. Neuere abstrakte Werke des Künstlers Luigi Gardenal aus Mestre, die (in den Parterreräumen) von der Laguna Sud inspiriert sind, dessen Umgang mit Farbe umwerfend ist. Die Bilder in der oberen Etage berichten von den Asienreisen Cardenals, sie sind weniger venezianisch, aber nicht weniger beeindruckend. 
Eintritt frei.


Eines der kleinen Formate: Rosso Laguna, 2013
Luigi Gardenal

Wer noch nicht die obere Etage des Palazzo Loredan am Campo S. Stefano mit einer Führung besuchen konnte, hat jetzt die Möglichkeit, auch wenn leider nicht der große Saal in die Ausstellung von Portugal einbezogen ist. In den Bibliotheksräumen zeigt Joao Louro die sitespezifische Installation "I Will Be Your Mirror - Poems and Problems", die wunderbar - kontemplativ und beunruhigend zugleich - in ihr Umfeld passt. 
Der Titel bezieht sich auf ein Stück von Velvet Underground aus den 60er Jahren und es ist schade, dass es nirgends einen kleinen Monitor gibt, auf dem das Stück vorgestellt wird, deshalb hier bitte (auf die oberste Zeile klicken, um in die YouTube-Ansicht zu gelangen):






Die letzte Empfehlung für diese Biennale soll der Pavillon Azerbaijan im Palazzo Garzoni Mora sein. Meines Wissens zum ersten Mal findet eine Ausstellung unmittelbar nach einer großen Renovierung/Restaurierung statt, anstelle der üblichen Vermietung VOR den Renovierungsarbeiten (um nur 2 Bespiele zu nennen: Papadopoli und Soranzo van Axel). Hat sicher auch mit dem Marketing für den anstehenden Verkauf von 8 Apartments im Haus zu tun; zu sehen sind aber nur 2 Etagen der Wohnungen zum Canal Grande, ein kleiner Teil des Eingangsbereiches und eines der Nebentreppenhäuser (die Prachttreppe steht für die 10tausende Füsse der Biennalegäste nicht zur Verfügung). Die Renovierung scheint meiner Laienmeinung von unterschiedlicher Qualität zu sein, aber es sind schöne Balkendecken, Stuck, Freskos zu sehen und natürlich atemberaubende Ausblicke auf die nachbarlichen Dachgärten und den Canal Grande bis hin zu den derzeitigen Baustellen am Rialto. 


Laura Ford "Penguins"
Der Auftritt von Azerbaijan in Venedig ist wieder üppig, berichtet habe ich am 17.7. über "The Union of Fire and Water" im Palazzo Barbaro, nicht berichtet über "Beyond the Line" im kleinen Palazzo Lezze am Campo S. Stefano, wo 8 azerbaijanische Künstler ausstellen. Im Palazzo Garzoni finden sich unter dem Titel "Vita Vitale" 29 (!) internationale KünstlerInnen zusammen, unter ihnen auch 2 Frauen aus Azerbaijan. Verbindendes Thema ist die Umwelt, dazu arbeiten heute viele KünstlerInnen, während vor 20 Jahren für ein deutsches Projekt "Art d'Eco", an dem ich mitarbeitete, nur wenige Überzeugte zu finden waren. Das Publikum war damals hoch interessiert, der Markt und die Kritik rümpften noch die Nasen. Auf dieser erfreulich politischen Biennale gehören Umweltthemen zum Standard, nicht zu den Randerscheinungen. 
Auch nicht zu den Randerscheinungen gehört der Kauf eines Biennaleauftritts für EinzelkünstlerInnen über Galerien und KuratorInnen in Gruppenausstellungen und sogar Nationalpavillons. Es gab im Vorfeld einigen Ärger und Skandälchen und im laufenden Betrieb den Rückzug von einzelnen nationalen Auftritten und vorzeitige Schließungen; kritisiert werden (vor allem etablierte italienische) KuratorInnen wegen der Platzierung von (vor allem chinesischen) KünstlerInnen zum Zwecke der Erhöhung ihres Marktwertes in Asien; Namen von KuratorInnen, KünstlerInnen und betroffenen Nationen wurden in diesem Jahr z. T. offen genannt, bzw. man bekannte sich freimütig dazu. 

Hintergründe hin oder her - die Exponate im Palazzo Garzoni sind sowohl schlichten Geistes als auch witzig, dramatisch und interessant, die Ausstellung war und ist noch ein paar Tage ein Publikumsrenner. Obwohl man sich eine (großzügig ausgelegte) Mittagspause gönnt, die vielleicht schon manche/n BesucherIn vor verschlossener Tür in enger Gasse veranlasst hat, auf die Besichtigung zu verzichten.
Öffnungszeiten 10-13:30, 14-17:30 Uhr (letzter Einlass)
Haltestellen S. Samuele (Linie 2) und S. Angelo (Linie 1)


Stephanie Quayle "Jenga"


1. November 2015

Kurzer Tipp zum Mittagstisch

Ergänzung Oktober 2017

Das Restaurant existiert nicht mehr. Bereits im September fiel mir im Vorbeigehen auf, dass es nicht geöffnet war. Check im Oktober ergab: vorbei - warum auch immer...




Normalerweise gebe ich keine Restauranttipps - ich kann nur meinen eigenen Geschmack abdecken, den ich nicht für repräsentativ halte. 

Ich bin dieser Woche allerdings einem persönlichen Tipp von kompetenter Seite gefolgt, der Autorin des Nr. 1 deutschsprachigen Taschenbuchreiseführers (Reise Know-How, CityTrip Venedig, Dr. Birgit Weichmann. ) und hier habe ich Lob zu verteilen: superzentrales Lokal, extrem günstiger Menüpreis, gute und solide Küche, sehr freundliches Personal, Zeitaufwand vom Rein- bis gesättigt Rausgehen 1 Stunde: 

Alla Basilica.

Erste Gasse links nach den Prigioni an der Riva degli Schiavoni (Calle Albanesi, dort ist es ein etwas unscheinbarer (aber rollstuhlfähiger) Eingang auf der linken Seite. Das Gebäude gehört zum ehemaligen Kloster Sant'Apollonia (und damit der "Kirche"), war wohl ursprünglich ein Speiseangebot für PilgerInnen und arbeitet, glaube ich, immer noch auf non- oder wenig-Profit-Basis (deshalb so günstig). Ohne Reservierung gibt es um 12 Uhr keine Chance auf einen Tisch, aber zur 2. Runde, ab ca. 13:30 Uhr, klappt es schon eher. (Bei mir beim 2. Versuch.) Abendessen gibt es nur für Gruppen nach vorheriger Bestellung.

Das Menü mit verschiedenen Vor-, Hauptspeisen und Beilagen zum festen Preis von 14 € bietet frisch und sehr gut Zubereites (keine Mikrowelle, keinen verbrannten Fisch...!) zum Sattwerden. Getränke und Extras wie Dessert werden extra berechnet (Flasche Wasser 1,50 €). Es gibt eine kleine Extrakarte mit einem veganen Menü zum gleichen Preis.
Als Alleinreisende wurde ich von den beiden KellnerInnen fast fürsorglich platziert und bedient.

Der Speiseraum ist einfach gestaltet und ein bisschen laut (gut gelaunte Reisegruppen, denen lange Tische zusammen geschoben werden). Aber er dient ja auch nicht stundenlangem Speisen, sondern der mittaglichen Stärkung aktiver TouristInnen. Es gibt saubere Sanitätsräume, je 1 Damen-, Herren- und rollstuhlfähiger Raum.

Meine Empfehlung.
(Und ein bisschen Werbung für die freundliche Autorin des kompetenten, präzisen Reiseführers!)






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21. Oktober 2015

Saisonende auf den venezianischen Lazarettinseln

 

Das 20-Personenboot vor den restaurierten Mauern des Lazzaretto Vecchio

Wie jedes Jahr endet die Saison der von mir viel und unbedingt empfohlenen Führungen auf Lazzaretto Nuovo mit dem Ende des Monats Oktober und beginnt erst wieder im April 2016. Wer also jetzt nach Venedig kommt, sollte die nächsten beiden Samstage nutzen. Alle Details sind unter dem Link oben zu finden.

Das Lazzarretto Vecchio war nach langen und teuren Restaurierungsarbeiten (27 Millionen) in diesem Jahr an 6 Terminen dem Publikum zugänglich. Das Boot, das die kleine Strecke vom Lido, Riva Corintho, zur Insel pendelte, war zu jeder Fahrt rappelvoll. Die VenezianerInnen und auch einige TouristInnen nahmen die Gelegenheit auf der Stelle war und ich hatte das Glück, am 18.10. in einer der letzten Gruppen zu sein, die durch das ehemalige Lazarett und über die Insel geführt wurden.


Im Vergleich zur "Großen Scheune" auf Lazzaretto Nuovo sind die endlos langen und dunklen Hallen auf Lazzaretto Vecchio eine unfassbar riesige Anlage, deren Verwendung zum jetzigen Zeitpunkt anscheinend ganz unklar ist. Ursprünglich hatte man wohl eine Art archäologisches Zentrum konzipiert, dann war die Rede von einem historischen Museum der Stadt Venedig bzw. der Serenissima - jetzt, nach Abschluss der Restaurierung, scheint man nicht mehr zu wissen, was tun mit dem Riesenschuppen. 


Und dann stellt sich mir auch sofort die Frage, wie man ihn erhalten soll. Die Mauern wurden rundum erneuert, aber schon jetzt sieht man das Salz im Backstein zum Teil bis unters Dach, da offensichtlich nicht der übliche Absatz aus istrischem Stein o. ä. eingebaut wurde, der den Aufstieg des Salzes verhindern soll. Die neuen Dächer und vor allem das neue Holzgebälk, das mit den traditionellen Gebälktechnologien gebaut zu sein scheint, sind sehr beeindruckend, aber wie lange halten sie über feuchten salzigen Mauern ungenutzter, unbewohnter Gebäude?



Der Archeoclub hat für die Führungen auf der Insel die Verantwortung, wie auch für Lazzaretto Nuovo, stellt Informationen zur Insel online zur Verfügung und gibt sicher auch bald ein schönes Buch heraus wie schon für das Lazzaretto Nuovo. Vor allem stellt er kompetente und engagierte Menschen, die als BürgerInnen den interessierten MitbürgerInnen ihr Wissen ehrenamtlich (!) weitergeben. Aber was aus der Riesenanlage werden soll, wissen auch sie nicht und über die politischen Hintergründe, die Millionen im Lagunenschlamm versinken lassen, schweigt erstens meine Ahnungslosigkeit und zweitens, falls doch nicht ganz ahnungslos, meine ausländische Höflichkeit. Es sind ja nicht die ersten Millionen bzw. Milliarden, die sich im Lagunenwasser 'aufgelöst' haben.

Auf jeden Fall ist trotz aller Zukunftzweifel der Besuch des Lazzaretto Vecchio dringend zu empfehlen, und obwohl die Saison des Archeoclubs für dieses Jahr zu Ende ist, gibt es die gute Nachricht: 
NOCH befindet die die "Außenstelle" des niederländischen Biennalebeitrags auf Lazzaretto Vecchio (und nicht auf Lazzaretto Nuovo, wie ich in meinem Eintrag vom 31.5.2015 behauptet habe). 
Hermann de Vries hat auf der Insel ein Sanktuarium, einen heiligen Ort eingerichtet, mit wenigen Denkmälern, die zur Kontemplation einladen. Diese Denkmäler auf der ehemaligen Krankeninsel, die die Überreste von mehr als 1.500 menschlichen Pestopfern frei gab, die düsteren Sääle, in denen die Kranken litten, und der Blick auf die fast greifbaren Türme Venedigs hinterlassen einen unvergesslichen Eindruck. Der Besuch per Bootsfahrt zur Insel (mit dem Boot des Archeoclub) wird kostenlos angeboten und geführt.


Man geht im Pavillon der Niederlade zum/zur Aufpasser/Aufpasserin und fragt nach dem Boot zum Lazaretto Vecchio. Man bekommt einen Platz, aber erst ein paar Tage später, so groß ist die Nachfrage noch. Solange das Wetter hält, fährt das offene, unbedachte Boot weiter täglich, aber bereits etwas früher als im Sommer, wegen der kürzeren Tage (derzeit ist die Abfahrt um 13:50 Uhr, nach dem Ende der Sommerzeit ändert sich das wahrscheinlich weiter). Man wird in die Liste eingetragen und erhält eins von 20 möglichen Tickets. Der Ausflug dauert ca. 2 Stunden, die Biennale endet bekanntlich am 22.11. - aber die Bootsfahrten vermutlich früher.

Einmaliges Erlebnis - wärmstens zu empfehlen.



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7. Oktober 2015

Fluglotsenstreik in Italien am 8.10.2015


Für morgen, 8.10. ist ein 4-stündiger nationaler Fluglotsenstreik angekündigt.

Lavoro 7.10.
La Nuova 7.10.

Der Streik betrifft alle italienischen Flughäfen, aber der Flughafen Marco Polo ist derzeit, um es freundlich zu formulieren, ohnehin sehr herausgefordert durch die Umbau- und Erweiterungsmaß-
nahmen während des laufenden Betriebes. Die Schlange für den Sicherheitscheck stand in der letzten Woche bis hinaus auf die Straße der Abflugsetage. Trotz Bemühungen des freundlichen Personals lagen einige Nerven bei den Abreisenden nicht mehr im grünen Bereich.


Es empfiehlt sich:

  • die Fluggesellschaften anzurufen, sich beraten zu lassen und nach geänderten Flugterminen zu fragen
  • frühzeitig zum Flughafen zu fahren und sich mental auf etwas Stress einzustellen
  • die gute Laune nicht zu verlieren :-)


Es gibt außerdem eine nächste Streikankündigung für den 24.10.

Da wir gerade von Streik sprechen: Streiktermine der Bahnen im Oktober 2015.


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3. Oktober 2015

Giardini - Coronation Park




Im Eingangbereich der Giardini stehen 9 schwarze Postamente, 7 tragen weiße Statuen, die Könige repräsentieren, eine Statue kniet neben dem Postament, ein Postment ist leer. Alle Statuen sind unvollständig. An den Postamenten sind Tondi befestigt, die nicht die Statue identifizieren, sondern jeweils einen Satz tragen wie "In the end he could not stand it any longer and went away."

Die Installation heißt "Coronation Park" und ist ein Werk des Raqs Media Collective (1992 gegründet von Jeebesh Bagchi, Monica Narula, Shuddhabrata Sengupta). 'Raq' bezeichnet auf persisch, arabisch und urdu eine Meditationsphase, hat aber auch die Bedeutung von "rarely asked questions" (analog zu faq - frequently asked questions). 

Den Erläuterungen der Gruppe im Video oben wäre wenig hinzu-
zufügen, von der Hybris der Macht haben wir alle eine Vorstel-
lung und die Furcht vor Machtverlust, der Machterhalt um jeden Preis, erscheint uns oft als die stärkste Antriebskraft der Mächti-
gen. Die verstümmelten Statuen als Repräsentanten befristeter, gebrochener, auswechselbarer Macht sind offensichtlich und passen in den politischen Aspekt von Okwui Enwezors "Alle Zukünfte der Welt". 


Aber: worauf genau bezieht sich "Coronation Park"? Britisch-in-
dische Kolonialgeschichte. Von der ich bisher keine Ahnung habe. 

Ein riesiges Areal in Delhi, auf dem 1877, 1903 und 1911 'Hoftage' zur Krönungsfeierlichkeiten der britischen Kaiser von Indien stattfanden. Der Kaiserin/dem Kaiser zu huldigen (in An- oder Abwesenheit) waren alle indischen Fürsten aufgefordert. Der Aufwand, die Kosten, der Pomp (trotz zweijähriger Hungers-
not während des ersten Hoftages) und die Präsentation kolonia-
ler Macht waren überwältigend und werden im englischen Wiki-
pedia
ausführlicher geschildert. Zum zweiten, 14tägigen Hoftag wurde eine Infrastruktur von Zelten und Wasser- und Abwasser-
versorgung, Elektrizitäts-, Telefon- und Bahnanschluss des Ge-
ländes eingerichtet. Es gab Feuerwerke, Ausstellungen, Musik- und Tanzveranstaltungen, Sonderbriefmarken, tägliche Militär-
paraden, Polowettkämpfe. Es sollen 100.000 Personen teil ge-
nommen haben. 

Beim dritten Hoftag war der vor 50.000 ZuschauerInnen zu pro-
klamierende und feiernde Monarch/Kaiser zum ersten Mal in Per-
son anwesend, Glitter und Pomp wurden ein weiteres Mal gestei-
gert, Delhi zur neuen Hauptstadt ernannt (vorher Kalkutta) und ein Krönungsdenkmal errichtet. 


Coronation Park verfiel nach dem Ende der Kolonialzeit. Ge-
schützt von einem Stahlzaun stehen die Denkmäler der Hoftage in einem öden Gelände, das jährlich mindestens 3 Monate unter Wasser steht. Weitere Denkmäler und Statuen des vergangenen kolonialen Empires wurden hier entsorgt, ein Schrottplatz abge-
wickelter Unterdrückung und Macht. "Coronation Park" in den Giardini ist eine kritische Replik des Coronation Parks in Delhi, der zum indischen Kulturerbe gehört; es gibt eine Website für den touristischen Besuch der Anlage und ohne viel Aufwand ist man seit wenigen Jahren um ihren Erhalt bemüht.   



Bleiben die Texte auf den Tondi, den runden Scheiben auf den Postamenten in den Giardini. Sie sind von George Orwell, der in Indien geboren später als Mitarbeiter der Indian Imperial Police eigene Erfahrungen in der kolonialen Verwaltung sammelte. In seiner Entwicklung zum Antiimperialisten und Sozialisten und seinem Werk finden sich diese Erfahrungen wieder. Die Zitate auf den Tondi stammen aus "Einen Elefanten erschießen". 

Originaltext "Shooting an Elephant" in englischer Sprache.



Krönungshoftag 'Great Coronation Durbar' 1911, Huldigungen der indischen
Fürsten. Eindruck des Coronation Parks in Delhi.


Biennale-Ausstellungen haben manche spannende Hinter-
grundgeschichten.

Bei Interesse an einer Begleitung in Giardini oder Arsenale führt der Weg zu meiner Mailbox über einen Klick ganz oben rechts in der dunkelgrünen Spalte.

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