8. Dezember 2015

Venezianisches Tagebuch 8.-12.12.1649

S. Nicolò di Lido

Im Sommer fand ich im Kloster von S. Giorgio Maggiore, im kleinen Verkaufsraum vor dem Fahrstuhl zum Turm, ein Buch, das es nur dort (auch nicht online) zu kaufen gibt: Diario veneziano 1649-1650. Eine ganz besondere Leseempfehlung an historisch interessierte Venedig-Appassionati mit Italienischkenntnissen. 

Berichte von Zeitzeugen gehören zum Spannendsten überhaupt. In diesem Fall schreibt der Benediktinerpater Gabriel Bucelin des Klosters Weingarten über seinen anderthalbjährigen Aufenthalt in Venedig. Als Wissenschaftler forschte und schrieb er in diesem Monaten u. a. an der Geschichte der heilig Gesprochenen des Benediktinerordens, aber z. B. auch, im Auftrag von Ernst August von Braunschweig und Lüneburg, an der Genealogie der Herzöge von Braunschweig, und kümmerte sich gleichzeitig um den Druck seiner Werke. Regelmäßig fuhr er mit dem Boot vom Benediktinerkloster S. Nicolò di Lido zu seinem Stampatore, Drucker, in die Stadt, um die Druckarbeiten zu betreuen und zu kontrollieren. Er notiert in seinem Tagebuch Bemerkenswertes, wie z. B. in diesen Tagen vor 366 Jahren ein adventliches Ritual im Männerkloster und den viertägigen Aufenthalt venezianischer Kriegsschiffe vor seinem Zellenfenster. Kein Thema 'nächtlicher Ruhestörung' für ihn... 


Kreuzgang Kloster SS. Nicolò di Lido

8. Dezember 1649
Kloster S. Nicolò di Lido, Venedig.
Dieweil ich hierhin und dahin renne und mit dem Boot fahre, nehme ich fast nichts von der winterlichen Kälte wahr.
Ich arbeite unaufhörlich an der Geschichte der Heiligen unseres Ordens und  verkürze auf die Zusammenfassung der bemerkenswertesten Punkte.


9. Dezember 1649
Venedig.
Fünf Triremen (*), die aus der Stadt stammen oder besser aus der Reede der Stadt, überaus geschmückt und voll beladen mit Soldaten, warfen ihre Anker vor S. Nicolò di Lido und meiner Zelle für eine Rast.
Gemäß dem jährlichen Brauch haben im Konvent S. Nicolò die Oberen, unter ihnen der Ehrwürdige Herr Abt, ihre Gewänder ihrer Vorrangstellung abgelegt und zeigen sich für drei Tage gemäß dem Status ihres Berufes, als ungewöhnliche Demonstration ihrer Demut.


10. Dezember 1649
Venedig, Kloster S. Nicolò di Lido.
Mit allergrößtem Erstaunen - niemals dergleichen bis zu diesem Moment gehört, nicht einmal im Palast des Kaisers und anlässlich der Krönung des Königs und der Kaiserin - höre ich mitten in der Nacht die Trompeter der fünf Triremen der venezianischen Flotte, die auf den Schiffen wetteifern mit Trompetenstößen von solcher Kunstfertigkeit, dass ich sofort in Verzückung bin.
Durch die Windstille und die Ruhe des Meeres ganz besonders klar, wiederholen das nahe Ufer des Lido und seiner beiden Festungen die Töne nicht nur einmal, sondern unendliche Male (was ich so noch nie an einem anderen Ort gehört habe).


11. Dezember 1649
…


12. Dezember 1649
Die fünf venezianischen Triremen, voll besetzt mit Soldaten, die genau vor meiner Zelle im Kloster S. Nicolò vor Anker lagen, holten nach Mitternacht mit großem Kanonendonner die Anker ein und hissten die Segel, fuhren hinaus aufs offene Meer um sich gegen die Türken (**) zu wenden.

(* Trireme)

(** Krieg um Kreta)

Übersetzung des Tagsbuches aus dem Lateinischen ins Italienische: Gianna Cazzagon, aus dem Italienischen für diesen Eintrag: ebbonn.


Noch erhalten: eine der beiden Festungen des Lido-Eingangs, Forte S. Andrea


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5. Dezember 2015

Exzellent! Wasser und Nahrung in Venedig

Gabriel Bella, Jagd der Adeligen im Canal Orfano
Die Rede ist nicht von der teils zweifelhaften Gastronomie in Venedig, sondern von der Ausstellung im Dogenpalast (englische Website-Version) "Water and Food in Venice"; italienische Website-Version, etwas erweitert) "Acqua e cibo", "Geschichten der Lagune und der Stadt". Bis 14.2.2016 und ich hoffe sehr, dass die Laufzeit weit in den Sommer verlängert wird. 
Unter all den bisher gesehenen historischen Sonderausstellungen im Dogenpalast ist sie von herausragender Qualität, gleichermaßen lehrreich und spannend. Die Kooperation von WissenschaftlerInnen der Stiftung Städtischer Museen Venedigs, der Universitäten Foscari und IUAV Venedig, Padua und Lausanne, des Staatsarchivs Venedig u. A. zeigt, wie sich über die Jahrhunderte die Lebensmittelversorgung in Venedig und der Lagune entwickelte. 


Häuser, Gärten und Leerflächen beim ponte piccolo der Giudecca 1474
Da die Ausstellung unter der Schirmherrschaft der EXPO 2015 firmiert (deren Thema die Welternährung war), hatte ich eher eine Hochglanzveranstaltung erwartet, mehr Marketing als Inhalt, mehr "Show" als Ausstellung. Aber es ist eine wirklich tolle Sammlung von kostbaren alten Landkarten z. B. der Lagune und der Gebirgsflüsse, die hier münden; von Originaldokumenten z. B. zu Fisch- und Fleischmärkten, z. B. Ernährungsplänen in öffentlichen Einrichtungen; von Originaldarstellungen von z. B. Obst- und Gemüsegärten in der Stadt und auf den Inseln, den Transportwegen und -mitteln inkl. Beispielen von Versorgung durch die griechischen Kolonien. Es geht natürlich auch um die Berufe der Lebensmittelproduktion, ihre Selbstdarstellung und Bruderschaften, ausgestellt sind viele der genauen HandwerkerInnenzeichnungen und Aquarelle von Giovanni Grevembroich und natürlich auch eine Originalanleitung für eine venezianische Zisterne und weiterer Wassertechnik wie Mühlen oder Schleusen. Viele Exponate zeigen die Bedeutung der selbstversorgenden Klöster in der Stadt und auf den Inseln, herrliche Klostergärten, von denen auch heute noch die letzten existieren (Redentore, S. Francesco della Vigna etc.). 


Kloster, Gärten und Weingärten S. Andrea auf der Insel La Certosa, 17. JH
Die Kunst der KuratorInnen bestand vermutlich darin, aus den Mengen der zur Verfügung stehenden Materialien aus venezianischen Archiven und Museen auszuwählen und WEGZULASSEN. Aber auch, die Höhepunkte zu setzen in Form einer ganzen Reihe der detailfreudigen Gemälde von Gabriel Bella aus der Stiftung Querini Stampalia, wo sie z. T. extrem ungünstig hängen; und durch Werke der Meister Vittore Carpaccio (Zwei venezianische Damen, Doge Leonardo Loredan), Iacopo Tintoretto (Die Erschaffung der Tiere), Francesco Guardi (Sprechzimmer von S. Zaccaria), Pietro Longhi (Die Polenta u. a.) u. v. a., die hier auf Augenhöhe und Nasenlänge hängen, dass man sich kaum von ihnen lösen kann. Einmalige Gelegenheit physischer Nähe und Detailwahrnehmung!


Vittore Carpaccio, Doge Leonardo Loredan
Es gibt Interaktives zum Blättern und Zoomen, es gibt Videos (z. B. traditionelle Kochrezepte) und aus Originaldokumenten entwickelte 'Trickfilme', die komplexere Arbeitsvorgänge aufschlüsseln. Und es gibt z. B. eine Reihe von 3D-Modellen, die mit Licht- und Videounterstützung die Entwicklung der Klosterinsel S. Secondo darstellen, einst wichtig auf der Zollstrecke des Warenaustausches und der Lebensmittelversorgung zwischen Venedig und dem Festland und erst kürzlich für einen Blogeintrag am 11.9.15 von mir recherchiert. Hier fand ich begeistert weitere Details und das Originalgemälde "Ansicht der vereisten Lagune von San Giobbe Richtung der Insel San Secondo und Marghera an der Einmündung des Rio di Cannaregio. Sie blieb vereist vom 27. Dezember 1788 bis 11. Januar."  (Detailfoto am Ende des Eintrags.)



Ausschnitt aus dem Beitrag der Universität IUAV Venedig (für die vergrößerte YouTube-Version bitte auf die Überschrift im Bild klicken)

Wer die Ausstellung besucht, sollte sich Zeit nehmen, vor allem, wenn Kinder dabei sind. Auch wenn im Ticket der ganze Dogenpalast enthalten ist: sausen lassen und in Ruhe alle Details dieser wunderbaren Ausstellung mitnehmen! Es lohnt sich auch, den Katalog zu kaufen (29 €), obwohl mir ein Rätsel ist, wieso man ihn nicht (mindestens) zweisprachig (wie die Ausstellung: italienisch/englisch) angelegt hat. Es ist einfach bescheuert, bei 60.000 Einwohnern derartige Veröffentlichungen nicht mehrsprachig herauszugeben, damit die Auflage zu erhöhen und fremdsprachige BesucherInnen auch vom ausgezeichnet edierten Katalog profitieren zu lassen. 


Venezianische Salzgewinnung auf S. Maura (heute Lefkada)
Die Ausstellung findet statt in den Räumen des Dogenapartments. Für die Manet-Ausstellung 2013 wurde hier eine gute Ausstellungsinfrastruktur installiert, also Speziallicht, Vorsatzwände, Hängevorrichtungen etc., was einerseits gut ist, andererseits ist dadurch der Wandschmuck in den Dogenräumen nicht mehr zu sehen und das Tageslicht weitgehend ausgeschlossen. Von den Wohnräume der Dogen sieht man jetzt deutlich weniger als früher. Man kann nicht alles haben... ein Trost ist vielleicht, dass das Fotoverbot (außer der Nutzung von Blitzen) aufgehoben wurde und man also ENDLICH im Dogenpalast fotografieren darf, wenn man möchte.  

Seit kurzem gibt es qualifizierte Führungen für den Rundgang und die Sonderausstellungen des Dogenpalastes (neben den beiden Führungen, die es außerhalb des Rundgangs gibt). Sie dauern jeweils ca. 2 Stunden und kosten 100 € für bis zu 25 Personen. Zusätzlich zur Eintrittskarte.

Ich verlinke hier für Interessierte
Allgemeine Informationen zu Führungen (italienisch)
Allgemeine Informationen zu Führungen (englisch))
Führung Acqua e cibo, Details und Link zur Online-Anmeldung

San Secondo - Tanz auf dem Eis
Detail aus: "Ansicht der vereisten Lagune...", unbek, Künstler

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30. November 2015

Weihnachten 2015 in Venedig

Eisbahn Campo S. Polo
Der Suchbegriff "Weihnachtsmarkt Venedig" landet in diesen Tagen wieder alarmierend häufig bei mir, deshalb ist die Information fällig: in Venedig gibt es schon seit einigen Jahren nicht mehr das, was man in deutschsprachigen Ländern (und vielleicht auch Nachbarländern, das weiss ich nicht so genau) unter einem Weihnachtsmarkt versteht. Also viele kleine Buden mit Glitter, Kunsthandwerk, Glühwein, Süsskram, Gebratenem und Frittiertem. Wer das mit einer vorweihnachtlichen Reise verbindet, sollte nicht nach Venedig kommen.

Das offizielle venezianische Weihnachtsprogramm mit Eisbahnen, Konzerten, Aufführungen aller Art etc. vom 4.12.-6.1.2016 ist aber auch nicht ohne. Es gibt auch eine Website für das Programm zum Jahreswechsel, derzeit noch leer. Nach all den Marketingkinkerlitzchen des letzten Jahrzehnts (Küssparties auf dem Markusplatz, Jahreswechsel in weiß ebenda, und zuletzt Feuerwerk auf der Riva) und den derzeitigen Sicherheitsfragen bei Massenveranstaltungen muss man abwarten, wie sich der Jahreswechsel 15/16 in Venedig gestalten wird. 

Die italienische Tradition der Weihnachtskrippe (presepio, presepe) wird auch in Venedig gepflegt, wer will, kann von Kirche zu Kirche pilgern. Das ist nicht die hohe Kunst, die in vielen Kirchen sowieso hängt, sondern volkstümliches Kunsthandwerk. Siehe unten: S. Trovaso 2014.



Auf Murano gibt es vom 5.-23.12. ein Weihnachtsprogramm, einen Beleuchtungswettbewerb, und vermutlich auch geschenkorientierte Sonderpreise, letztere auch noch in der ersten Januarwoche, auch Dreikönig, der 6.1., ist ein Geschenkeanlass in Italien. (PDF zum Ausdrucken des Programms unten auf der Seite). 

Ergänzung 7.12. 
Weihnachtsprogramm Mazzorbo, Burano, Torcello
Weihnachtsprogramm Jesolo: Sand Nativity mit Sandskulpturen von 12 KünstlerInnen. Mediterran?

Ergänzung 9.12.
20.12. 10:30-20 Uhr Mercantino dei Granai. Kunsthandwerkermarkt, beliebt bei VenezianerInnen, die besondere lokale/regionale Produkte suchen. Kein Flohmarkt! Findet mehrfach jährlich in den Getreidespeichern (ital. granaio) auf der Giudecca neben dem Hotel Cipriani statt, diesmal beim Fischmarkt am Rialto. Im Oktober habe dort z. T. sehr schönen Schmuck aus verschiedensten Materialien gesehen, handgearbeitete Schuhe und Bekleidung teilweise ungewöhnlichen bis schrägen Stils, eine große Auswahl italienischer (natürlich, aber das sagt alles!) Brillenfassungen,  Kunst- und Vintagekram, dekoratives Kunsthandwerk und regionale Edelfressprodukte (Schinken, Käse, Honige, Liköre, Gebäck...) auch zum Probieren, sparsam aber.

Ergänzung 11.12.
Weihnachtsprogramm Lido
12./13.12., 10-20 Uhr traditioneller Weihnachtsmarkt auf dem Piazzale S. M. Elisabetta (Hauptanleger der Vaporetti und zentrale Bushaltestelle)
13.12. 16 Uhr Öffnung des Tempio Votivo (normalerweise immer verschlossen), ab 17 Uhr Weihnachtskonzert, Eintritt frei.

Ergänzung 16.12.
Nochmal: Inselprogramm der Laguna Nord Weihnachten bis Dreikönig

Weihnachtsprogramm des Teatro La Fenice (nach zurück gegebenen Reservierungen vormittags am Tag der Aufführung fragen - werden sogar günstiger verkauft)

Geschenke aus Venedig betreffend, weise ich wieder auf die Produkte von Rio Terà dei Pensieri hin, vor allem auf die Taschen und Rucksäcke aus recyceltem Material, jedes einzelne Teil ein Unikat, preiswert, originell, venezianisch, mit einem schönen großen Knastlabel von Malefatte außen und innen. Man bekommt sie am Kiosk am Campo S. Stefano (neben dem Zeitungskiosk, Öffnungszeiten bitte beachten, siehe Foto unten). Außerdem im Designgeschäft neben S. Antonin (zwischen Campo della Bragora und Scuola degli schiavoni in Castello) und bei den Frari über die Brücke, dann geradeaus im Sportartikelgeschäft. 

Ansonsten: meine Geschenketipps für VenedigliebhaberInnen von 2014 gelten auch in diesem Jahr.

Ergänzung 1.12.: 
Herzlichen Dank an KorrespondentInnen, die per Mail weitere Geschenkevorschläge schickten!
Member Card für die Peggy Guggenheim Collection
Member Card für die Sammlung Pinault im Palazzo Grassi und der Dogana
Man kann natürlich auch einen CHORUS-Pass für den einmaligen Eintritt in mittlerweile 18 Kirchen als Geschenk online kaufen. (Siehe auch Eintrag vom 6.4.12.)
Der aktuelle Link zur Bestellung einer MUVE-Friend-Card (falls sich etwas geändert haben sollte).

Ergänzung 17.12.: 
Im Mai durfte ich bei einer privaten Tour ein Grüppchen von Opernappassionati am Tag nach ihrem Besuch einer Fenice-Aufführung in Cannaregio und Castello begleiten. Für mich eine inspirierende Begegnung mit interessanten Menschen, für eine Teilnehmerin ebenfalls eine Inspiration: in ihren soeben veröffentlichten Roman "Das Geheimnis des Gondoliere" (E-Book) sind einige der besuchten Sehenswürdigkeiten unserer Tour als Locations eingegangen. Toll... noch nicht gelesen, aber hiermit sehr gerne weiterempfohlen!  

Öffnungszeiten des Rio Terà dei Pensieri - Kiosks am Campo S. Stefano
Donnerstag etwas rätselhaft :-)


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27. November 2015

Allerletztes Wort zur Biennale 2015

Eingang Zentralpavillon Giardini (Oscar Murillo)
Muss sein, denn: mein Preis "War wohl nix" für meinen größten Ärger der Biennale (bisher: 2009, 2011, 2013) wird in diesem Jahr nicht vergeben. Was mich sonst vielleicht geärgert hätte, winke ich angesichts dieser starken Biennale als banal durch und ziehe das Resümee, dass "All the World's Futures", also die Arbeit Okwui Enwezors, die für mich beeindruckendste Biennale war von allen, die ich gesehen habe. Nicht in allen Details natürlich, aber das Konzept, viele KünstlerInnen einzuladen, über den Status quo der Welt nachdenken, führte a) zu Ergebnissen, deren Sicht ich häufig teile und b) zur Nutzung kreativer Talente, die weit über Ästhetik, Provokation, Marktgängigkeit etc. hinausführt. 


Jenseits der Kunst. Dienstfahrrad im Arsenale
Dass diese Biennale zu politisch sei, zu düster und pessimistisch, war eine häufig geäußerte Kritik, für mich war das ihre Stärke. Was können die Themen dieser Zeit sein, wenn nicht Gier in allen ihren Erscheinungsformen - Krieg, Gewaltherrschaft, Kolonialismus, Ausbeutung und Missbrauch der Menschen und des Planeten? Natürlich ist Kunst da, uns glücklich zu machen, uns vorübergehend aus der Banalität des Alltags zu retten, uns Visionen zu schenken und zu sensibilisieren- aber auch, Klage zu führen über Leid, Bedrohung und Zerstörung, auch durch radikale Darstellung und extreme Ausdrucksformen. 


Entschleunigungsmaschine (4 Runden/Stunde) Giardini (Carsten Höller)
Zur 'politischen' Biennale Okwui Enwezors, des ersten afrikanischen Biennaledirektors, gehörten mehr schwarze KünstlerInnen als jemals zuvor, 35 um genau zu sein. Das ändert den Blick der Kunst auf die Welt, und es hat meine Wahrnehmung in einem Bereich geschärft, über den ich als Europäerin bisher nicht genug nachgedacht hatte (z. B. im Genderbereich, als Frau, schon!). Themavertiefung mit vielen Namen und Links zu KünstlerInnen. Mit diesem Blick fiel mir vor 1 Woche z. B. ein Artikel auf "Five Ways to disrupt White Supremacy in the Mainstream Art World", Link für Interessierte.


Anthony Mills singt "Work Songs",  'Arena' Zentralpavillon
Zur 'politischen' Biennale Okwui Enwezors gehörte auch die 'Arena' im Zentralpavillon in den Giardini, wo 7 Monate lang mehrfach täglich "Das Kapital" von Karl Marx vorgelesen, "performt" wurde, von Begeisterung, Unverständnis, Spott der Kunstkritik begleitet, im Bookshop wurden die 3 Bände verkauft. Ich habe mir mehrfach ein bisschen Zeit genommen, anstatt wie die meisten einfach durchzulatschen. Ich war beeindruckt von der Lesung, und zwar nicht nur seligen Angedenkens der absolvierten "Kapitalkurse" junger Jahre, sondern auch von der Leistung der LeserInnen und der Professionalität der Veranstaltung inkl. Fußnoten auf den beiden Screens rechts und links des Zuschauerraums.
2 englischsprachige Bloggerkollegen gehörten zum VorleserInnenteam, ihre Hintergrundberichte verlinke ich, spannend zu lesen!

Blog 'The Venice Project', Eintrag 29.6.2015 The Capital-ists
Blog 'Venezia Blog', Eintrag 14.10.2015 Of Capital Importance? Marx at the 56. Venice Biennale
und 17.10.2015 How I Came to Be in the Venice Biennale  


Security, Pavillon VR China
In der Arena, als permanenter Veranstaltungsort während der Biennale ein völlig neues Angebot Okwui Enwezors, gab es wechselnde Performances (Filme, weitere Lesungen, Musik, z. T. unter Partizipation der ZuschauerInnen). Mir hat sich vor allem Isaac Juliens Film "Black Face, White Mask" über Frantz Fanons Leben und Werk eingepägt, die erste und vermutlich einmalige Chance, den Film überhaupt zu sehen, hier. Eine wunderbare Arbeit. (Für Interessierte: Text Frantz Fanons 'Black Face, White Mask' in engl. Übersetzung.)
Ebenso die sehr beeindruckende Performance "
Work Songs", ausdrücklich empfohlen in einem meiner Einträge. Für den Bloggerkollegen von Venezia Blog war es "My Favorite Work of Art" und sein Hintergrundbericht dazu ist sehr lesenswert. (Enthält einen Sound-Link zu einer Vorstellung von 'Work Songs' von Anthony Mills.)

Drache (Xu Bing) im nebligen Arsenale (Giaggandre) 
Bleibt die Frage nach dem Widerspruch von 'politischer', ja 'linker' Biennale und Kunstmarkt, der in der Kritik regelmäßig auftauchte. Er schien gerade in diesem Jahr Blüten zu treiben, die ich allerdings nicht nach Gerücht und Tatsachen unterscheiden kann. Wurden die 8 Baselitzschen Selbstportraits im Arsenale parallel zur Biennale an Francois Pinault verkauft und wer hat die Transportkosten bezahlt? Haben 'arme' Länder ihre Nationenpavillons italienischen KuratorInnen überlassen, die dort chinesische und italienische Künstler ausstellen, gegen gutes Geld, deren Marktwert auf diese Weise gesteigert wird? (Die 'syrische' Ausstellung im ehemaligen Kino neben dem Redentore auf der Giudecca war z. B. rein chinesisch.) 
Dieses venezianische Hickhack interessiert mich wenig, die Frage, wie der Wert von Kunst entsteht, schon eher, dazu gab es erst gestern wieder einen lesenswerten Artikel von Philipp Meier in der NZZ "Vom Wert der Kunst". Auch die Rubrik 'Kunstmarkt' der ZEIT lässt manchmal Schlüsse zu für SelbstdenkerInnen. Aus meiner Sicht tut man gut daran, Kunst und Markt striktest, aber sensibel für Details, auseinander zu halten. Kein Problem, wenn man wie ich AusstellungskonsumentIn und nicht KunstkäuferIn und/oder -KunstbesitzerIn ist. 

Zum Schluss noch das Resümee der Biennale selbst: "Great Audience Success"

Und, nebenbei, ein interessanter Termin: 1.12.2015, 19 Uhr, Köln, Museum Ludwig: Okwui Enwezor im Gespräch mit Kasper König "Ist Westkunst Weltkunst?"


Am Ende der Kunst: Venezianischer Sonnenuntergang

Biennale 2015: 31 Einträge

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16. November 2015

Was wird das, wenn es fertig ist?


Eine Art asiatisches Teehaus?
Und was schwebt da? Eine Treppe?

Der Umbau des Fondaco dei Tedeschi, seit über 2 Jahren im Gange, endet langsam, die Eröffnung des Supersupergeschäftsbaus ist für 2016 versprochen. Da man in Venedig Eröffnungen gerne zusammenlegt, tippe ich mal auf den Beginn der Architekturbiennale am 28. Mai.

Seit kurzem gibt es eine neue Seite des OMA (Office for Metropolitan Architecture), das den Fondaco dei Tedeschi umbaut. Wir werden schon mal vorsorglich auf Überraschungen bezüglich der Authentizität vorbereitet, denn "the Fondaco has constantly reshaped itself, accumulating many layers of 'authenticity': its preservation is a history of change" der Erhalt des Gebäudes ist eine Geschichte von Veränderungen.



Was hier also fliegt, ist eine Rolltreppe, die man auf der OMA-Seite diskret im Hintergrund sehen kann, und das 'Teehhaus' wird die Krönung der Dachterrasse, für die 2 Seiten des bisherigen Daches entfernt wurden ("a terrace with rare views of the Grand Canal will be created by removing two sides of the existing roof"). Mir schwant Schlimmes, meine Vorurteile blühen, aber noch habe ich mein Messer nicht gewetzt. 

Im nächsten Sommer wissen wir mehr.

(Wer neugierig ist und die Sache im Auge behalten will, hält sich an diese neue Webcam.)

Ergänzung 25.12.2015
Laut Moodie Report von gestern soll der Laden im Oktober 2016 eröffnet werden. Der Name wird T Fondaco dei Tedeschi by DFS sein, ich rechne mit einer griffigen Abkürzung die die Mehrzahl der internationalen Kundschaft aussprechen kann. Berichterstattung wird fortgesetzt...

(Fotos am 6.11. vom Palazzo Garzoni Moro aufgenommen)


Siehe auch Eintrag vom 21.8.2016 


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15. November 2015

Pinacoteca Manfrediniana


Zur passenden Gelegenheit des Salutefestes kann ich freudig berichten, dass ich ENDLICH nach diversen Versuchen während der Venedigaufenthalte dieses Jahres die Tür des Seminario Patriarcale und damit der Pinacoteca Manfrediniana geöffnet vorgefunden habe. Am Samstagnachmittag vor einer Woche, per Zufall. Vor der geöffneten Tür stand ein großes Schild mit den Öffnungszeiten, die kein Mensch raten kann, und das sich bei geschlossener Tür leider im Gebäude befindet:



In Büchern zur Geschichte und Kunstgeschichte Venedigs wird regelmäßig auf das Seminario Patriarchale verwiesen, erbaut wie die Salutekirche von Baldassare Longhena. Hier haben sich einerseits Schätze und Spolien aus offen gelassenen und verschwundenen Kirchen versammelt; andererseits die Kunstsammlung aus dem Nachlass des Marchese Federico Manfredini. (Ich habe einen Blog zu Manfredini mit interessanten Einträgen in italienischer Sprache gefunden.)


Alessandro Allori, 1580: Lucrezia Minerbetti
(als Symbol ihres frühen Todes mit 3 Jahren hält sie eine Schlange in der Hand)
Die Manfredini-Sammlung in 3 Räumen, einer davon 2stöckig, enthält fast ausschließlich sakrale Kunst. Die meisten Namen waren mir bisher nicht bekannt (was nichts heißt), aber es gibt auch Werke von Vivarini, Bellini, Vittorio, Tizian u. a. und eine kleine Madonna mit Kind von Cima da Conegliano, nicht weniger sensibel als ein Werk von Bellini. 
Zusätzlich zu diesen neu gestalteten Räumen kann man im Kreuzgang des Seminario viele Grabplatten und weitere Skulpturen aus z. B. San Matteo und S. Cipriano di Murano, aus dem Kloster der Vergini u. a. bewundern. Das Treppenhaus von Longhena kann man sehen, aber nicht betreten. (Was aber auch an den Vorbereitungen zum Salutefest gelegen haben mag, lange Reihen von Holztischen für Pilgergruppen im Kreuzgang etc..)

Man kann einerseits um eine Führung (in italienischer oder englischer Sprache) bitten, die bei Tripadvisor gelobt werden. Man kann auch um Zugang zu nicht ausgestellten Kunstwerken bitten, wenn man weiss, was man sehen will. Ich war auf diese Option nicht vorbereitet, werde sie aber beim nächsten Besuch nutzen. Die Seminaristen an der Kasse sind sehr freundlich und hilfsbereit. 
Der penibel wissenschaftlich erstellte Katalog (aufgedruckter Preis 21 €, Verkaufspreis 14 €) ist sehr zu empfehlen, schon für den Besuch der Sammlung.
Eintritt: gestaffelt von 1 € für KunststudentInnen bis voller Preis 6 €.
Haltestelle Salute


Grabplatte (1428) aus dem zerstörten Kloster der Vergini
(jetzt als Giardino delle Vergini Teil des Biennalegeländes des Arsenale)

Vespri d'Arte 2015/2016
Anlässlich des katholischen Jubeljahres Oktober 2015 bis September 2016 zur päpstlichen Bulle Misericordiae Vultus bietet das Seminario Patriarchale an allen Sonntagen um 15:30 einstündige kostenfreie Orgelvespern in der Salutekirche an. Thema ist jeweils eine musikalische Einleitung zu einem Kunstwerk, das sich in der Pinacoteca Manfrediniana befindet und zu dem es im Anschluss um 16:30 Uhr eine Führung zum ermäßigten Preis von 3 € gibt. 
6.12.15: Giovanni Lanfranca, Immacolata
3.1.16:   Maestro dei mesi di Ferrara, Adorazione dei magi
14.2.16: Carlo Dolci, Maria allatta Gesù
6.3.16:   Domenico Puligo, Deposione di Christo dalla croce
3.4.16:   Conrad Laib, Dormitio Virginis
1.5.16:   Tizian, La discesa dello Spirito Santo...
5.6.16:   Seguace dei Carracci, Giovanni Battista...
3.7.16:   Scuola del Reni, Madonna col Bambino...
7.8.16:   Tizian, Davide e Golia
11.9.16: Tizian, Abramo sacrifica Isaaca


Kreuzgang des Seminario Patriarchale, Baldassare Longhena


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11. November 2015

Carnevale 2016


Ja, dieses Foto zeigt den Campo SS. Giovanni e Paolo, aber nein, es zeigt nicht die venezianischen Rot-Blauen Funken. (Funken = Köln, alaaf zum 11.11.!) Es ist auch nicht heute am 11.11. entstanden, sondern am 18.10., anlässlich der Feier des Sieges der vereinten christlichen Seekräfte über die osmanische Marine in der Seeschlacht von Lepanto 1571. Als geschichtsbewusster und neugieriger Mensch habe ich mir das angekündigte Spektakel angesehen. Was für ein Mist.


Hier marschierten in Karnevalskostümen venezianische 'Separatisten' auf, die bildungsfrei für 'venezianische Kultur' zu kämpfen meinen und einen separaten Staat auf Basis der Serenissima propagieren, die Trennung vom vereinten Italien. Die Gruppen, um die es hier geht, verlinke ich NICHT. Jede/r VenezianerIn, den/die ich kenne, rollt mit den Augen bei dem Thema, den meisten ist es einfach peinlich.

Wem es nicht peinlich ist (und hier sagen VenezianerInnen, die ich kenne: "Was wäre schon peinlich genug, dass es IHM peinlich wäre...?") ist der neue Bürgermeister Luigi Brugnaro. Wie auch, diese Leute gehören zu seinen WählerInnen. Und so nahm er am Sonntagmorgen um 11 Uhr an dieser gruseligen Veranstaltung teil, stieg auf die Bühne, applaudierte den venezianischen Funken und gratulierte ihnen zu ihrem Anteil an der venezianischen Kultur. Tatä.


Um auf den Carnevale zurück zu kommen (nicht ganz mein Ding, wie man weiss): gestern gab es die Präsentation des neuen künstlerischen Leiters des venezianischen Karnevals. Und hier die Programmwebsite für den 23.1.-9.2.2016. 

Siehe auch Label Carnevale

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