15. März 2009

Koloniale Mitbringsel 1 - die Nikopió in San Marco

Venedig ist voller "Beutekunst" - jahrhundertelang schleppten die Venezianer aus den Gegenden um das östliche Mittelmeer alles heran, was der Zierde und dem höheren Lob ihrer Stadt diente. Besonders in und um San Marco herum kann man großartige Funde und Einzelstücke bewundern, am besten mit Hilfe eines Opernguckers um Einzelheiten zu erkennen.


Die Ikone der Nikopió, (Παναγια Νικοποιο), die Venezianer nennen sie Nikopea wegen der weiblichen Endung, wird seit Jahrhun-
derten in Venedig unter den Schätzen von San Marco besonders verehrt.

Auf dem allgemeinen Rundgang durch San Marco vom Eingangsportal an der Westseite aus kann man sie kaum richtig wahrnehmen. Deshalb tritt man besser durch das Nordportal (das Gottesdienstportal) ein und ist in der Nordecke des Querschiffs direkt neben der Capella San Isidoro. Hier ist sie auf dem Altar die Ikone ausgestellt.
Samstags, wenn in San Marco geheiratet wird, machen die Bräute beim Auszug aus der Kirche alleine einen kleinen Schlenker und legen ihren Strauss (heutzutage eine für die Nikopió zusätzliche besorgte Version, der echte Brautstrauss muss natürlich mit zum Fotografen) auf den Altar.

Die Nikopió ist eines der vielen Beutestücke des 4. Kreuzzuges, bei dem Konstantinoupolis, die Hauptstadt des byzantinischen Kaiserreiches, von den Kreuzfahrern, angeführt von den Venezianern, erobert wurde. Sie war dort neben der berühmten Ikone der Odigitria die "wichtigste" Ikone, weil militärisch wundertätig gemäß ihres Namens "Siegmacherin", Siegbringerin. Die byzantinischen Kaiser ließen sie in Kriegen den Truppen voraustragen, die auf die Wunderkraft der Ikone vertrauend in den Kampf zogen, was sollten sie auch tun...
Da die Siegmacherin noch während der Belagerung Konstantinopels als "Geschenk" des künftigen Kaisers Alexius V. eingesackt werden konnte, waren die Venezianer wohl guter Hoffnung, wem mit Hilfe der Ikone die Siege künftig zufallen würden.

Die Ikone stammt aus dem 11. Jahrhundert und gehört zu den sogenannten "nicht von (Menschen-)hand gemachten" Ikonen, d. h. sie wird legendenmäßig der Künstlerhand des Apostels Lukas zugeschrieben. Rechnerisch ist das nicht drin, und die 'Beweisketten' aus späteren Jahrhunderten zur Unterstützung solcher Legenden beweisen vor allem die Bedeutung ihrer Funktion in den christlichen Kirchen dieser Zeit. Es gibt noch eine "Lukas"-Ikone in Venedig, über die ich ein anderes Mal berichten werde.

Die Ikone erreichte Venedig Anfang des 13. Jahrhunderts zusammen mit vielen anderen Schätzen aus Konstantinopel, wurde aber nie in der Schatzkammer von San Marco verstaut, sondern zunächst in der Sakristei ausgestellt, später zu besonderen Festen auf dem Hauptalter und sehr viel später fest installiert im Norden des Querschiffs. Weitere ungewöhnliche Hochachtung wurde ihr gezollt, in dem der Doge sie anläßlich von Festen speziell zum Gebet aufsuchte.

Die Venezianer übernahmen mit der Errichtung Ihrer Überseekolonien u. a. auch neue religiöse Rituale, als innen- und außenpolitsche Machtbelege. Die wöchentlichen Dienstagsprozessionen in Konstantinopel der Ikone der Odigitria, der berühmtesten "nicht von (Menschen-)hand" der orthodoxen Kirche, wurden umgesetzt in Prozessionen der Nikopió auf dem Markusplatz an Marienfeiertagen (z. B. 25.3. Verkündigung und Gründungstag der Republik Venedig, 15.8. Himmelfahrt der Maria) und Weihnachten.
Sie wurde aber auch zu anderen wichtigen Anlässen durch die Stadt paradiert, z. B. in Bittprozessionen gegen die häufigen Pestepidemien (z. B. 1630 an 15 aufeinander folgenden Samstagen), und sogar zur Baustelle der Salutekirche anläßlich der Grundsteinlegung dort.

Heute wird die Nikopió nicht mehr herumgetragen. Es gibt aber trotzdem, nach 800 Jahren, weiter jeden Sonntag eine Prozession zu ihren Ehren innerhalb San Marco. Zum Ende der Marienvesper, die im Hauptschiff gesungen wird, ziehen Priester und Gemeinde durch die Kathedrale mit Weihrauch und Gesang und beenden die Vesper in der Cappella San Isidoro vor der Ikone.
Auch für nicht Katholische oder sogar nicht Religiöse ist die Teilnahme ein beeindruckender Einblick in die religiösen Traditionen der Venezianer.


Zu diesem Thema gibt es ein hervorragendes, aber teures Buch: Maria Georgopoulou, Venice's Mediterranean Colonies. Immerhin gibt es davon eine 28seitige Leseprobe im Internet.






6. März 2009

Venedig im Coca Cola Stress?


Konzernfrei -
ästhetisch -
hoffentlich wirksam -
private Werbung in Venedig



Eigentlich wollte ich mich aus dem Coca Cola-Streit raushalten. Oder doch zumindest mit griechischer Gelassenheit abwarten, wie sich die Sache entwickelt.

Eine kleine Korrespondenz mit Peter Krakowizer von heute will ich reinstellen, damit das heiß umkämpfte Thema hier nicht übergangen wird:


Ich hätte da wieder einmal einen Beitrag für den Venedig-Blog, falls nicht eh schon bekannt:

Kein Ausverkauf Venedigs an Coca-Cola

Unter dem Druck heftiger Proteste beschloss Bürgermeister Massimo Cacciari, auf ein Angebot des Getränkeherstellers Coca Cola nun doch zu verzichten. Coca Cola hätt der Stadt in den nächsten fünf Jahren 2,1 Mill. an „Sponsorgeldern“ ausbezahlt. Im Gegenzug wollte der US-Konzern im gesamten Stadtgebiet Getränke- und Imbissaustomaten aufstellen. Nun meint Cacciari, das Angebot sei „als unzulänglich bewertet worden“. Nunmehr soll eine Ausschreibung folgen, die bessere Sponsorangebote bringen soll.

Die Stadtverwaltung hatte versichert, dass diese Automaten nur an jenen Orten aufgestellt werden hätten sollen, wo sie nicht allzu stark auffielen: etwa an Anlegestellen der Vaporetti. Auslöser des Protests waren Vertreter der Gastronomie, die um ihre eigenen Pfründe fürchteten.

Quelle: printmedium Salzburger Nachrichten 4. März 2009

Schöne Grüße
Peter

Guten Morgen Peter,
vielen Dank!

Ich habe das Coca-Cola-Trara verfolgt und noch nix dazu geschrieben, weil ich mir dachte, abwarten! Zuviel Geplärre! Es war sehr früh klar, dass die Coca-Cola-"Gegner" nicht gegen Coca-Cola-Automaten waren, sondern gegen die Verschleuderung der guten Geldquelle, es war von mindestes dem Doppelten die Rede, das Cacciari hätte rausschlagen sollen.

Es ist ausserdem so, dass ich zwar Venedig-Liebhaberin bin, aber keine Venedig-Romantikerin.
Heißt, die Stadt muss doch an der Zeit partizipieren und ihre Bürger und Besucher im notwendigen Umfang normal versorgen, solange Überflüssiges rausgelassen wird. Sonst gäbe es weder Vaporetti noch Strassenbeleuchtung. Und unter "Überflüssiges" würde ich noch nicht mal die potthässlichen Gerüstverkleidungen verstehen, die in den letzten Jahren überall zu sehen sind, denn die hängen da ein paar Jahre und sind dann wieder weg. Auf die lange venezianische Geschichte gesehen ein Nadelstich.

Die Cola-Automaten hätten angeblich keine Cola-Aufmachung gehabt (ich stelle mir vor: nicht dieses aggressive Rot mit dem Schriftzug), und wären nicht "überall in der Stadt", sondern da aufgestellt worden wo VIELE Leute sind, sonst rechnet sich die Sache ja nicht. Also an den Stellen, an denen es sowieso wimmelt von Touristenläden, Fressis etc., die ebenfalls als Geldquelle akzeptiert sind.
Ich bin die Letzte, die einem amerikanischen Großkonzern ein Ticket nach Venedig kaufen würde, (und trinke San Benedetto), aber wenn der sich ordentlich an der Finanzierung der Erhaltung dieser wunderbaren Stadt beteiligt ... und auf protzige Selbstdarstellung und Imagewerbung verzichtet!
Die Benachteiligung der lokalen kleinen Händler ist zwar problematisch, aber man sollte die erstmal hören, wenn die Steuer erhöht würde, um solche Sponsorverträge zu vermeiden.

Bist Du einverstanden, wenn ich diese kleine Korrespondenz unter Verlinkung auf Deine Website in mein Blog setze?

Zu ergänzen ist vielleicht noch, dass die Marketingagentur, die den Vertrag zwischen Coca Cola und der Comune Venezia eingefädelt hatte, dafür mit 400.000 € entlohnt werden sollte. Bei dem Preis ist der Vertrag von zweieinhalb Millionen dann wirklich kein Schnäppchen!

Entscheidend ist, die Kulturschätze zu erhalten, die bisher in Venedig die Zeit überdauert haben, mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen. Und sich für dieses Ziel Zimperlichkeiten und eitle Streitereien zu verkneifen.

Ich trauere um den Verlust des Historischen Archivs der Stadt Köln.


25. Februar 2009

Brücken in Arbeit

Ponte Donà in der Stahlklammer, August 2008 (rosa dahinter: Palazzo Donà)
Foto unbedingt vergößern!
Die große Brücke Ponte Donà über den Rio dei Gesuiti in Cannaregio zwischen den verschiedenen Anlegestellen der Vaporettostation Fondamente Nove ist schon seit 2007 in Reparatur. Die Brücke wurde von aussen geklammert und die ganze Treppe abgetragen und neu aufgebaut.

Ich übernachte normalerweise in dieser Gegend und habe als begeisterte Baustellenguckerin die Bauarbeiten zur Renovierung und Erhöhung der Fondamente beobachtet und fotografiert.

Restau-
rierung der rechten Seite des Ponte Donà, März 2007.

Linkes Foto Blick durch den Bauzaun von unten, rechtes Foto Blick durch den Bauzaun von der anderen Seite oben.

Ponte Donà im August 2008:
linkes Foto: die rechte Hälfte der Brücke ist fertig gestellt.
Rechtes Foto: Blick durch den Bauzaun auf die linke Hälfte, die jetzt in Arbeit ist.

Die Fondamente Nove sind neben Piazzale Roma und den Anlegestellen in der Nähe des Markusplatzes der dritte Hauptverkehrspunkt der Stadt. Hier kommen morgens Massen von Schülern an, alle Friedhofsbesucher, Touristen in die Laguna Nord nach Murano, Burano, Torcello, und Reisende vom und zum Flughafen werden hier durchgeschleust. Es gibt hier einen Ruheraum für die Vaporettofahrer der ACTV-Verkehrsbetriebe und zwei Restaurants direkt am Wasser, nicht zu vergessen die beliebte Pizza- und Eisbude an der Ecke der Calle dei Buranelli. Nach vier?? Jahren mit Engpässen und Staus wird diese schöne Ecke Venedigs in diesem Jahr hoffentlich baustellenfrei und in restaurierter Pracht ungehindert nutzbar für den Trubel an den Anlegestellen, Jogger, Friedhofsbesucher...

Die viel begangene Brücke Ponte dell' Accademia sollte laut Vorschlag der Comune Venezia ab 2007 restauriert werden, wofür zwei Jahre Bauzeit und über 2 Millionen Euro nötig gewesen wären. Zu teuer, wie nun entschieden wurde. Im Newsletter von Venice Word war zu lesen, dass es jetzt Pläne der Stadt gäbe, die Brücke neu bauen zu lassen, und zwar "ohne öffentliche Gelder auszugeben", sprich den Ersatz der Brücke sponsern zu lassen. Der Bau soll 4,5 Millionen kosten, die Bauzeit ebenfalls zwei Jahre dauern. Mehr kann ich darüber momentan nicht in Erfahrung bringen und bin entsprechend skeptisch.

Die Renovierung der beiden Brücken auf Torcello kommt dagegen gut voran. Ich verlinke den Blog Allogi Barbaria (des gleichnamigen kleinen Hotels in Castello), der über den Ponte del Diavolo berichtet (Achtung, englische Computerübersetzung!). Die zweite ist die Brücke kurz vor der Piazza, an der Locanda Cipriani. Von Mitte Januar an war der Weg entlang des Kanals noch einmal für 3 Wochen wegen der Gefahren für Fussgänger gesperrt, sollte inzwischen aber wieder begehbar sein.

Anlässlich der 53. Biennale wird demnächst eine neue Brücke gebaut, wie spannend! Sie soll von Castello in das neue Gelände innerhalb des Arsenales, genannt "Padiglione Italia" führen. Der neue Padiglione Italia, der letztes Jahr eröffnet wurde, wird erweitert um das bisher brach liegende Grüngelände Tese delle Vergini. Der neue Eingang ins Arsenale über die neue Brücke wird nach meiner Einschätzung am Rio delle Vergine liegen, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass eine neue Brücke von der Insel San Pietro zum Arsenale geschlagen wird.

Unter Live Search Maps ('Venedig' als Suchadresse eingeben, ein direkter Link ist leider nicht möglich) kann man am östlichen Ausgang des Arsenales (unterhalb der beiden Türme) das Gelände gut einsehen, inkl. links davon die chinesichen Exponate der 51. Biennale 2005 auf der Wiese (Vogelperspektive anklicken!)

Die Tese delle Vergini sind Teile des Gartens des ehemaligen Frauenklosters Santa Maria delle Vergini. Vom Kloster selbst existiert nichts mehr ausser einem Bogen mit Madonna, Kind, S. Marco und S. Augustinus sowie einer Tafel von 1557, eingelassen in die Arsenaleaussenmauer (zu sehen s. o. am linken Ende der Arsenalemauer). Es war eines der Klöster, in denen zur Zeiten der Serenissima Upper-Class-Töchter entsorgt wurden, um die Aussteuer zu sparen und so den Familienbesitz zusammenzuhalten.
Es gibt über die Rolle der venezianischen Klöster ein ganz spannendes Buch, das ich wirklich sehr empfehle: "Die Jungfrauen von Venedig. Gebrochene Gelübde - das wahre Leben hinter Klostermauern". Leider ein überflüssig dämlicher Titel der deutschen Übersetzung für ein informatives Buch.



Der frühere Padiglione Italia (bis zur Biennale 2005) in den Giardini wird übrigens umgewidmet und umbenannt in "Padiglione delle Esposizioni" und soll künftig ganzjährig und nicht mehr nur zur Biennalezeiten für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt werden.

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8. Februar 2009

Und wieder Torcello

Pfad zur Casa d'artista Lucio Andrich auf Torcello
Wer (noch) nicht die Casa d'artista Lucio Andrich besucht hat, das kleine Museum im ehemaligen Wohnhaus des Professors für Mosaizistik auf Torcello, kann jetzt im Internet einen Blick auf die Exponate werfen.
Hier gibt es einen Eindruck der wunderschönen Ausstellung "Seta, Terra e Aqua" (Seide, Erde und Wasser) im 2. Halbjahr 2005 in der Torre Massimiliana auf S. Erasmo.



Falls der Link unter Blogger nicht funktioniert, dann evtl. unter YouTube: http://youtu.be/4veaptpKm_Y


Darüber hinaus habe ich die erfreuliche Nachricht aus Torcello, dass das einfache, aber sehr persönliche B&B im Künstlerhaus seit Ende letzten Jahres wieder Gäste aufnimmt.
Paolo Andrich, Landschaftsplaner an der Universität Venedig, nutzt das Haus multifunktionell als Museum, ökologische Lehrfarm und kleines Gästehaus.


Blick vom Campanile auf die Casa d'artista
(Foto Paolo Andrich)

Hier im Künstler-
haus kann man umgeben
von Wasser und Artischockenfeldern einen ganz besonderen persönlichen Eindruck vom Leben in der nördlichen Lagune gewinnen.
Es gibt keine Website der Casa d'artista, Kontakt kann man aufnehmen über pandrich(at)yahoo.com, oder über einen Vermittler buchen.

Siehe auch meine weiteren Einträge zum Thema unter dem Label 'Insel'.

2. Februar 2009

Seit 1.2.09: Venedig online planen...









Ab 1. Februar wird es leichter sein, durch das „Venice Connected" Projekt einen Urlaub in Venedig zu organisieren: von der Webseite www.veniceconnected.com wird es nämlich möglich sein, Tickets der öffentlichen Dienste direkt online zu buchen und sogar günstiger zu kaufen. Hier die Liste der Dienste:


  • Verkehrsmittel in Venedig und Inseln
  • Wasserbote vom/zum Flughafen
  • Buslinie n.5 vom/zum Flughafen
  • Gebühr der Begrenzten Verkehrszonen der Touristenbusse (ZTL)
  • Stadtgarage bei Piazzale Roma
  • die Stadtmuseen
  • Öffentliche Toiletten
  • Ziviltrauungen im Rathaus
Um günstigere Tickets zu kaufen, muss die online Buchung 15 Tage vorher stattfinden und das neue "Venice Connected" Tarifsystem wird ab 16. Februar eingeführt. Es wird verschiedene Preise für Hoch, Mittel oder Vorsaison geben, die auf dem „Venice Connected" Kalender mit roten, blauen und grünen Tagen gekennzeichnet sein werden. Den Gästen, die online buchen werden, wird also einerseits die Möglichkeit gegeben, Geld zu sparen, und anderseits, das Tragbarkeitsniveau des eigenen Urlaubes im voraus zu kennen, um sich eventuell eine Urlaubszeit auszusuchen, wo die Stadt nicht so voll ist.
(Zitat)

Aktuell weit verbreitete schenkelklopfende Medienberichte über die neue venezianische "Pipi-Card" möchte ich mal ein bisschen abwiegeln. Nicht weil
ich den angepassten Urlaub gemütlich und gnadenlos vor- und durchgeplante Trips inspirierend finde. Im Gegenteil. Spontane Entscheidungen sind die Basis auch des gelungenen Venedig-Besuchs. Und Warteschlangen das pure Gift, wenn man nur ein paar Tage hat.

Aus Sicht der betrofffenen VenezianerInnen sind 12 Millionen Besucher pro Jahr in erster Linie ein Business, das geplant und strukuriert werden muss, und eine ökologische Herausforderung für eine Stadt, die permanent auf der Kante lebt und arbeitet. Also werden in den letzten Jahren Regeln verschärft ("kein Picknick auf dem Markusplatz" etc.), mit dem ÖPNV experimentiert (Linie 3, IMOB, ARGOS-Verkehrs-
überwachung, etc.), und mit Marketingmaßnahmen wie "venice connected" verstärkt die Touristenströme reguliert und verteilt.


Es ist deshalb kein schlechter Vorschlag, sich vor der Reise ein bisschen Zeit zu nehmen, "venice connected" zu prüfen und sich bedarfsweise gut zu informieren über Parkmöglichkeiten und -preise, ÖPNV und Dauerkartenangebote,
Events, Kommunikationsmöglichen und Services in der Stadt (wie eben die öffentlichen Toiletten). Vor allem für Dienste jenseits der Spontaneität kann man während des Urlaubs eine Menge Zeit und auch ein bisschen Geld sparen, wenn man sich vorher entsprechend online versorgt.

Und man schenkt sich manchen Kommunikationsfrust mit den vielen Servicekräften in Venedig, die Fremdsprachen wenn überhaupt nur rudimentär beherrschen, da die schlecht bezahlten Servicearbeitsplätze nun mal nicht mit hochqualifiziert polyglotten Kräften besetzt sind.
Nicht jeder Tourist spricht genügend italienisch, vor allem wenn er nur für ein paar Tage nach Venedig kommt, da hapert es mit der Kommunikation dann auf Gegenseitigkeit.

Ca' Rezzonica gesehen vom Palazzo Grassi







Und wenn wir schon über die "Pipi-Card" reden: falls sie nicht reicht, empfehle ich Museumsbesuche: fast alle Museen wie Rezzonico, Pesaro, Grassi, Guggenheim, Ca D'Oro etc. haben saubere Toiletten ohne lange Warteschlangen ausserhalb des Eintrittskartenbereiches. Heißt, selbst wenn man die Ausstellung eines Museums nicht besucht, kann man in den Eingangs-, Cafeteria-, Museumsshop- und Waschraumbereich, kostenlos.



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23. Januar 2009

Gedicht



Virgilio Guidi











Venedig im Winter


Hast du Venedig im Winter gesehen?
Ein Flug von Möwen und ein tauber Himmel.
Kein Austausch von Stimmen und Atemzügen
und Tauben, versteckt oder verstört.
Diese Gefangene des Winters
erwartet hochmütig ihre Befreiung.


(Übers. ebb)

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15. Januar 2009

Neues Jahr - besonderes Buch...


... denn auf meinen letzten Eintrag schickte mir der
marixverlag erfreulicher- und freundlicherweise seine neue Ausgabe "Die vier Bücher zur Architektur" von Andrea Palladio zu. Das Buch, das ich am 31.12. noch nicht in der Hand hatte! Die erste Auflage zur Herbstbuchmesse 08 war schon vor Weihnachten ausverkauft und seit dieser Woche gibt es die frischen Exemplare.




Der Band ist ein wahrer Prachtschinken, 32 x 25 cm, 348 Seiten, das Originalformat der Ausgabe von 1570 mit allen Texten und Holzschnitten, der im Bücherschrank viel Platz braucht und als Geschenk wirklich was hermacht.
Mein Eintrag vom 11.8.08 zum Inhalt der "Vier Bücher...":

Als Laie hält man zunächst respektvoll Abstand zu einem solchen Werk. Ganz falsch!
Ich war überrascht, wie gut sich dieses Buch lesen lässt, dank der schlichten Sprache Palladios, der Wert auf Verständlichkeit und Umsetzbarkeit legt und sehr klare Beobachtungen, Beschreibungen, Analysen,
Empfehlungen und Anweisungen formuliert jenseits jeder Geschwätzigkeit.
Alles wird genauestens mit Zeichnungen, Plänen, Grund- und Aufrissen erläutert und ist für den interessierten Nichtfachmann ohne Weiteres nachzuvollziehen.

Im ersten Buch erklärt Palladio die Grundsätze des Bauens - Materialien, klassische Bauordnungen, Proportionen, Maßstäbe und Geometrie.Im zweiten Buch beschäftigt er sich mit dem Bau von Privathäusern von der Antike bis zu seinen eigenen Bauten (inklusive geplanten Bauten, die nicht realisiert wurden). Das dritte Buch handelt vom Bau der Infrastruktur und von der Raumplanung - Strassen, Brücken, Plätzen.
Das vierte Buch beschreibt die von Palladio studierten antiken Tempel.

Die drei palladianischen Grundsätze, dass ein Gebäude unabdingbar nützlich, dauerhaft und schön sein müsse, lassen sich spannend und überzeugend in Texten und Abbildungen nachvollziehen. Die Lektüre Palladios ist einfach eine sehr angenehme und gleichzeitig lehrreiche Beschäftigung von nachhaltiger Wirkung. Ich jedenfalls kann seitdem kein Gebäude mehr ansehen, ohne seine Proportionen an palladianischen Ansprüchen zu messen und wundere mich über die Mengen unzweckmäßiger und unharmonischer Architektur, die mir begegnet.

Diese neue Ausgabe enthält darüber hinaus eine 11seitige Einleitung von Prof. Hans-Karl Lücke, der auch die neue Übersetzung verantwortet, die einen sozusagen ganzheitlichen Blick auf den Autor Palladio wirft. Lücke betrachtet und vergleicht den Inhalt und vor allem auch die Gestaltung des vierbändigen Werks im Bezug auf das Architektenwerk Palladios, was z. T. nicht ohne Fachbegriffe aus der Numerologie, Mathematik und Geometrie abgeht, die nicht zu meinem normalen Wortschatz und Verständnis gehören. Aber da mich Dergleichen nicht schreckt ist die Lektüre spannend und vertieft die Wahrnehmung dessen, was folgt.

Dank des Originalformats wird die Seitengestaltung erhalten: Text und dazugehörige Abbildungen auf der gleichen bzw. gegenüberliegenden Seite; zunächst das Faksimilie des Originaltextes, dann die zweispaltige Übersetzung, darunter die Grund- und Aufrisse der Gebäude und andere Abbildungen.
Der Originaltext ist nicht 'italienisch' im heutigen Sinne, sondern eher das Venezianische des 16. Jahrhunderts, das sich aber doch etwas 'frei schwebend' gut mit der Übersetzung vergleichen lässt. Zusätzlich zur Freude der Beschäftigung mit der Baukunst Palladios kommt bei dieser Ausgabe noch die Lust, mit seiner Sprache zu spielen. Die ja, wie oben erwähnt, einfach, klar und ungeschwätzig ist. (Die blumigen Lobpreisungen seiner Bauherren gehöre
n zum Geschäft oder zur Höflichkeit der Zeit...)

Die Neu-
veröffent-
lichung der "Vier Bücher" ist immerhin 25 Jahre nach der Beyer/
Schütte- Ausgabe fällig und zum 500. Geburtstag Palladios ein gut getimeter und sehr gelungener Wurf. Auch im für diese Leistung überzeugend günstigen Preis von 29,90.



Il Redentore von Andrea Palladio

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