13. August 2009

Palazzo Pisani bei S. Marina - Buddha und Drache


Fassade Palazzo Pisani mit Künstler-Kunst und Volx-Kunst

In der obersten Etage des Palazzo Pisani an der Calle und Ponte delle erbe habe ich bei der 52. Biennale den ersten Pavillon der Roma gesehen. 2005, bei der 51. Biennale, war dort der Pavillon Zentralasien mit ganz ungewöhnlich beein-
druckenden Videos und Installationen, die ich bis heute in Einzelheiten beschreiben kann, das will was heißen!

Zur Zeit stellt dort Schottland den Künstler Martin Boyce aus
mit einer Installation in allen Räumen, die so streng, einsam, minimalistisch fremd und rauh ist, dass man erleichtert aus dem Fenster guckt und die Welt ist in Ordnung. Der Palazzo Soranzo van Axel, keine Ausstellung in diesem Jahr, liegt gegenüber und man kann ein schönes Foto machen.

Blick auf den benachbarten Palazzo Soranzo van Axel

Aber in diesem Jahr gibt es ein special im Androne des Palazzo. Der taiwanesische Künstler und Kunstprofessor Lee Sun-Don malt vor Publikum und stellt die entstandenen Bilder aus. Erinnert an die Isländer, ist aber, Überraschung, eine völlig andere Angelegenheit.


Heiliger Drachen. Zu berühren ist die Kugel in der Mitte. Ich habe die Energie leider nicht gespürt.

Es gibt hier "Personal", mehrere Damen und Herren, die einen sofort am Tor abfangen, herumführen, erklären, für eine gewisse sakrale Stimmung sorgen und aufpassen, dass sich niemand in Anwesenheit des Künstlers daneben benimmt. Und man wird aufgefordert, zu berühren: einen über lebensgroßen liegenden Buddha aus Bronze und einen silberglänzenden heiligen Drachen. Bringt Glück, Kraft, Gesundheit und eine große Familie. Sehr freundlich!


Androne und Buddha im Ruhezustand (Künstler ist nicht da)

Lee Sun-Don tritt in Schlappen und kurzem Seidenbademantel vor die Leinwand. Ein Assistent reicht ihm mit tiefen Verbeugungen die gewünschten Pinsel/Farbtuben etc..
Jede Aktivität des Künstlers wird dokumentiert, die Videoaufnahmen gehören zum Gesamtkunstwerk.
Das Androne ist ein großer Raum, aber viel zu voll mit Leuten, Bildern, Drachen, Buddhas, Künstlern, Filmern....ich bin da leider schnell
ungeduldig.


Zum Trost gibt es ein Abschiedsgeschenk: eine teure DIN A 4 Broschüre mit Werken des Künstlers, einen Kugelschreiber mit fahnenmäßig ausrollbarem Werbeattachment, einen Plastikfächer verziert mit einem fliegenden Drachen, alles verpackt ein eine stabile, quietschbunte Schultertasche mit Motiven des Künstlers.

Ein sakral-künstlerisch-kommerzielles Erlebnis! Eine Welt für sich und eine interessante Biennale-Erfahrung. Weniger wäre vielleicht mehr gewesen... aber ich habe das Parterre des Palazzo Pisani a Santa Marina gesehen.

Lee Sun-Don und Assistent

8. August 2009

Island groovt


Rein stimmungsmäßig ist der isländische Pavillon mein derzeitiger FAVORIT!
Schon der offizielle Trailer gefiel mir so gut, dass ich ihn hier im Voraus reingestellt habe.

Es kann kaum eine schönere Location geben als diese lichtdurchflutete Halle des Palazzo Michiel am Canal Grande, mit den dicken alten Säulen und einem prächtigen Brunnenkopf (was macht er da, wieso ist er da und seit wann?).
Direkt am Wasser, gelegentlich sicher auch mit Wasser drin, mit zwei offenen Wassertoren gegenüber dem Markt und einer kleinen Anlegestelle, auf die man hinaus treten kann.

Die Ausstellung besteht aus einer Videoinstallation und einem Atelier des jungen Künstlers Ragnar Kjartansson.
Die 5 Videos an 4 Wänden eines abgetrenntes Raumes rechts sind Aufnahmen eines Musikstücks (von R. K.) in den kanadischen Rockies. Er spielt das Stück mit verschiedenen Begleitern/ Instrumenten, die Videos laufen gleichzeitig und sind synchronisiert. Die Musik groovt enorm, dreht auch schon mal schräg ab und ist zusammen mit den Landschafts-
aufnahmen einfach entspannend.
Ich nostalgiere glückliche Hippietage meiner Jugend zwischen Schweden und den Calanquen der Côte Azur... Es sollten ein paar Sofas/Matratzen in der Mitte des Raumes stehen, aber dann kämen manche Leute nur noch schwer da raus...




Im Atelier wird gemalt, gealbert, gegessen, getrunken, gearbeitet, geredet. Pause, Musik, Kunst, Drucheinander gemacht. Der Canal plätschert (aufgenommen per Mikrophon und verstärkt), es herrscht gute Laune (vielleicht auch nicht immer) und gute Musik wird aufgelegt (auf einen ollen Plattenspieler) und Mitte Juni standen bereits viele fertige Bilder und leere Flaschen im Raum. Man kann von der Rolle des Kunstkonsumenten Abstand nehmen und sich einbringen, mit den Künstlern kommunizieren, Musik oder Fotos machen, sich die Plattensammlung ansehen (alles da!)... hier wird eine "Welt gemacht", die für kurze Zeit den Rest der Welt vergessen lässt.

Ich bin gespannt auf weitere Besuche und die Entwicklung des Projekts bis in den November. Dann ist es früh dunkel und kühl und die Künstler haben sicher ein paar Lagen mehr an als jetzt...

Auf keinen Fall verpassen!!

Offizielle Website

(Haltestelle Ca' D'Oro, an der Strada Nova nach rechts, großes Schild nach kurzem Weg auf der rechten Straßenseite)

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5. August 2009

TagMyLagoon - Brauch ich nicht...










Foto IBM, gefunden auf dem Blog http://www.gadgeterija.net/, thanks Boris ;-)


...aber vielleicht erfüllt das neueste Experiment der Comune Venezia seinen Zweck, wie schon andere elektronische Neuerungen, die mir besser gefallen. Wie z. B. das IMOB-System oder ARGOS (kleine Pause im Büro - versüßt durch einen kurzen Blick auf den Canal Grande!).

Hier ist der entsprechende Link der Comune Venezia

auf italienisch und hier, leichter verständlich, die


Pressemeldung von IBM: Die Lagunenstadt nutzt Mobilgeräte als Fremdenführer

Venedig, Wien, 6. Juli 2009: IBM (NYSE:IBM) hat angekündigt, dass zusammen mit der Stadt Venedig für Nutzer von Mobiltelefonen mit 3. Juli ein Pilotprojekt gestartet wurde, das Besucher der Lagunenstadt auch an weniger bekannte Orte der Stadt führen, Informationen über historische Schauplätze bereitstellen und der “Überlastung” bestimmter Wege durch die Stadt entgegenwirken soll.

Voraussetzung für die Nutzung des neuen Services ist ein Wi-Fi Mobiltelefon, auf das sich Besucher die Applikation TagMyLagoon herunterladen können. Die Stadt stellt das für das Projekt notwendige Wi-Fi Netz mit Hotspots in der ganzen Stadt zur Verfügung.

TagMyLagoon funktioniert in der Weise, dass an ausgesuchten Orten Passivsensoren angebracht sind. Ausgesucht wurden die Plätze von der Associazione Guide Turistiche Venezia, dem Verein der Stadtführer von Venedig. Die Besucher erhalten über den Service mit TagMyLagoon Informationen über die Sehenswürdigkeit, sobald sie ein Foto davon mit dem Handy gemacht haben.

Das IBM Projekt mit der Stadt Venedig ist ein Schritt auf dem Weg zur IBM Smarter Planet Vision, der Vision einer intelligent vernetzten Welt. Denn TagMyLagoon nutzt das Zusammenspiel aus Sensoren und Endgeräten, die eine Verbindung zwischen Menschen, physischen Orten und Informationen durch Nutzung des Internets oder von Wi-FI Netzwerken in einer bisher nicht bekannten Form und damit neue Wege in deren Nutzung ermöglicht.

“Mit mehr als 20 Millionen Besuchern pro Jahr spürt die Stadt, die zu den berühmtesten der Welt zählt, die Auswirkungen der Umweltverschmutzung und zunehmende Belastung des fragilen Ökosystems. Das macht es notwendig, den Ansturm der Besucher besser zu bewältigen”, erklärt Michele Vianello, Vizebürgermeister der Stadt. “Durch das Projekt TagMyLagoon, das wir zusammen mit IBM gestartet haben, hoffen wir, einige Herausforderungen in Angriff zu nehmen, die Stadt 'smarter' und attraktiver zu machen, indem wir die bestehende Infrastruktur nutzen und unsere Ressourcen optimieren.”

IBM arbeitet mit Behörden in unterschiedlichen Ländern an „smarten“ Lösungen. In Singapur, Brisbane oder Stockholm unterstützt IBM die Stadtverwaltung im Kampf gegen Verkehrsstaus und die Luftverschmutzung durch intelligente Verkehrslösungen. Das Beispiel der drei Städte zeigt so wie andere auch, Wirkung und ist damit ein Beispiel für einen Schritt auf dem Weg zu neuen „smarteren“ Städten.

„Es ist wichtig, dass wir die Städte für die Zukunft unterstützen, sich zu offenen, dynamischen und spannenden Kommunen zu entwickeln” sagt Luciano Martucci, Präsident der IBM Italien. “In einer Stadt wie Venedig, die ein Weltkulturerbe ist, kann neue Technologie lokal Vorhandenes und existierende Infrastrukturen für Neues nutzen, das Vorteile bringt und direkten Einfluss auf die Lebensqualität der Lagunenstadt hat. Gleichzeitig wird der Zugang zum historischen und kulturellen Erbe Venedigs in kosteneffizienter Weise verbessert.”

Das Pilotprojekt läuft drei Monate und dauert damit bis Anfang Oktober 2009. Mit Ende des Pilotprojekts werden IBM und die Stadt die Ergebnisse für eine Entscheidung über das weitere Vorgehen prüfen.

Kontakt für Presse-Rückfragen:
Dr. Gerda Ballik-Jaklitsch
Media Relations IBM Global Services,
IBM Österreich
Tel. (0) 1 21145 – 4028,
E-Mail: ballik_gerda@at.ibm.com

2. August 2009

Pavillon Ukraine - das war wohl nix!

Der Palazzo Papadopoli am Canal Grande nahe der Haltestelle S. Silvestro stand zwar schon 2007 als Aus-
stellungs-
ort für die Biennale zur Verfü-
gung, aber ich war trotzdem noch nicht drin.

Ich bin umso ges
pannter, als der Kurator für die Ausstellung im ukrainischen Pavillon Wladimir Klitschko ist, was ich für ein Zeichen von Humor nehme. Ich liebe neben ernster und pathetischer Kunst sehr die, die uns mit der Leichtigkeit des Daseins tröstet.


Landeingang Palazzo Papadopolo - hier beginnt der Strand!

Ist nicht ganz leicht zu finden. Ich komme vom Campo dei Frari, wo ich die
Kurzzeitausstellung von Bronzeplastiken im Archivio Nazionale besucht habe, wandere über den Campo S. Polo und biege nach der Brücke rechts in eine der sehr kleinen Gäßchen ab. Ein Garten mit hohen Bäumen weist den Eingang, an dem im Freien an einem Tisch einer der typischen freundlichen Aufpasser sitzt, aber kein venezianischer Student sondern ein echter Ukrainer (Akzent).

Die weit offene Palasttür führt in eine Sanddüne, tatsächlich, 20 cm tiefer feinster, fast pudriger, Meersand. Im Hintergrund stehen im sandigen Androne die Gittertüren zum Canal Grande offen, die Sicht wird aber dank einer Nebelmaschine in Abständen schlecht und wieder besser. Ich habe gelesen, dass im piano nobile Rollschuh gefahren werden soll...?? Im Sand??


Ich nicht jedenfalls, denn ich trage für drei Monate ein medizinisches Hilfsmittel namens Walker zur Behandlung eines schlappen Sprunggelenks. Der Walker hat seinerseits ein Gelenk zur Einstellung seiner Beweglichkeit, und es ist ausgeschlossen, dass ich diesem Gelenk ukrainischen Strandsand zumute, je feiner, desto gefährlicher.

Da stehe ich, ausgeschlossen von ukrainischer Kunst durch die dämliche Idee, einen venezianischen Palazzo mit Sand aufzufüllen.
Der Aufpasser lächelt, sagt, "das dachte ich mir schon..." und "das tut mir leid...".

Parterre, Sanddüne. Im Hintergrund Canal Grande

Na gut. Ich
versuche es im Herbst wieder, ohne Walker. Und frage mich, wie das die anderen Besucher machen?
Schuhe
hinterher genervt ausschütteln? Oder gleich ausziehen und den Strand genießen, den trockenen Sand wunderbar samtig zwischen den Zehen?
Dürfchen die Kinder Eimerchen und Schippchen mitbringen?
Darf man sich eine Tüte abfüllen als Erinnerung?


WER PUTZT DEN SCHEIß, der sich im ganzen Haus breit getreten hat, im November?


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27. Juli 2009

Scuola Grande della Misericordia

Großes Haus, kleines Bild - vorderes Viertel der Scuola Grande della Misericordia


Die herausragende Möglichkeit, ein normalerweise unzugängliches Gebäude zu betreten bietet die 53. Biennale mit der Scuola Grande della Misericordia in Cannaregio, 5 Minuten zu Fuss von der Haltestelle Ca' D'Oro. Die Gelegenheit, ob einmalig oder nicht, sollte man sich keinesfalls entgehen lassen! Es ist zwar schon länger die Rede davon, dass die nie vollendete Scuola als Konzertraum genutzt werden soll, aber davon kann nach meiner Einschätzung vorläufig keine Rede sein.


Ein großes Gebäude von außen zu sehen ist eines, von innen aber als ein EINZIGER Raum widerspricht völlig den visuellen Erfahrungen. Auch die Abstützung des Obergeschosses (ebenfalls ein einziger Raum!) durch zwei Reihen Säulen, die optisch einen gewissen Vorschlag von Dreischiffigkeit macht, stört den umwerfenden Gesamteindruck von Riesigkeit nicht.
Auch die Höhe beider Etagen ist einfach enorm, was die Kraxelei auf der primitiven Betontreppe bestätigt.


Decke und Stützbalken im Parterre-Raum

Übrig gebliebenes K u. K. -Graffito

Nebenbei: verglichen mit den beeindruckenden Treppenhäusern der anderen scuole grande = Caritá (Accademia), San Rocco, San Giovanni Evangelista, auch San Marco (Krankenhaus), San Teodoro und Carmini scheint es kein Originaltreppenhaus in diesem unvollendeten Gebäude gegeben zu haben. Das wäre doch eine schöne Herausforderung für einen Sponsor, ein angemessen prächtiges zeitgenössisches Treppenhaus ausschreiben und bauen zu lassen!

Rohbautreppenhaus, der Charme des Unfertigen

Das Obergeschoss ist innen komplett eingerüstet, ich weiss nicht, ob zwecks Stütze oder Renovierung.
Es gibt eine Art Gewölbekeller ausserhalb des Gebäudekörpers (Toilette, Papierlager) und zum Rio della Sensa hin eine moderne Terasse, die mir bisher vom anderen Ufer her noch nie aufgefallen ist, und von der man (rechts raus, vor der Treppe ins Obergeschoss) einen schönen Blick auf die scuola vecchia und die geschlossene Kirche und Sta. Maria della Misericordia hat.

Die scuola ist einerseits der litauische Pavillon mit "The Tube" einer Installation von Magnetbändern von Zilvinas Kempinas, eine wunderschöne begehbare Spielerei und perfektes Fotomotiv; beherbergt ausserdem die Blechinstallation "L'acqua" von D TAO , beide füllen den Erdgeschoßraum völlig aus. (Abgesehen von ein paar verbliebenen Graffitti österreichischer Soldaten an den Wänden, aus einer ganz anderen Zeit...)

Auf diesem Video geht es ausschließlich um die litauische Ausstellung; aber man gewinnt gut einen Eindruck vom Inneren der scuola und der Raumgestaltung im Parterre. (Nebenbei auch noch die überflüssigen Eitelkeiten der Medienvertreter und VernissagebesucherInnen...)





DasObergeschoss ist komplett belegt mit der Ausstellung "Öst-Westlicher Diwan" von KünstlerInnen aus Afghanistan, Pakistan und dem Irak, die mir mit fast allen Exponaten und der gesamten Atmosphäre der Präsentation sehr und nachhaltig gefiel und ich kontemplativ entspannt wieder in die Sonne am Canale della Misericordia trat.







http://princescharities.org/events-campaigns/2009/4/20/east-%E2%80%93-west-divan-contemporary-art-afghanistan-iran-pakistan







Keinesfalls verpassen. Station Ca' D'Oro, auf der Strada Nova links, über die Brücke am Rio S. Felice, dann rechts die Fondamenta della Chiesa bis zum Ende, links über die Brücke und man steht unübersehbar davor. Liegt zwar "am Rand", aber trotzdem keine Entfernung!





19. Juli 2009

Mexico - Eine irritierende Präsentation



"Aspekte" berichtete zur Eröffnung der 53. Biennale ausführlich über den mexikanischen Beitrag von Theresa Margolles (das Video steht leider nicht mehr auf der Aspekte-Website zur Verfügung).

Ich kannte Margolles bisher nicht, aber im Internet gibt es Einiges, z. B. http://www.mmk-frankfurt.de/mmk_d/03_margolles01.html.
Ihre Arbeit setzt sich seit Jahren ausschließlich mit der Gewalt, sprich dem gewaltsamen Tod in Mexico in den letzten beiden Jahrzehnten auseinander. Laut Ausstellungsflyer starben 2008 5.000 Menschen in Auseinandersetzungen z
wischen Executive und kriminellen Banden, doppelt so viele wie 2007.

Margolles interessiert nicht wer wen tötet, Opfer oder Täter, politische Entwicklung und Ursachen, etc., sondern "la vida del cadáver". Ihre Kunst besteht im spektakulären Recyceln von Menschenüberresten.

Bei allem Respekt vor ihrer kreativen Arbeit und Empathie für ihr Anliegen scheint mir das in Zeiten, in denen der bewußte Umgang mit Körperflüssigkeiten schon zur Gesundheitserziehung von Vorschulkindern gehört, eher vom Thema abzulenken.
Wer ist schon frei von Ekel allein bei der Vorstellung eines mit Leichenwaschwasser gewischten Fussbodens, umgehend verbunden mit der Scham über derartig simple Gefühle, gefolgt von der Reflexion darüber?
Ich bin z. B. auch nicht frei von der Überlegung, was die Verdampfungsaktion zur Gewinnung von eben Putzwasser aus Leichentüchern von Ermordeten im Parterre eines alten venezianischen Gebäudes und die daraus aufsteigende Feuchtigkeit für dieses Haus bedeuten. Inklusive der Peinlichkeit meiner banalen Reaktion angesichts des bitteren Themas und seiner pathetischen Vermittlung!

Beim Besuch stellt sich heraus, dass es bei der Präsentation hauptsächlich ums Konzept geht, die Aktion scheint sich eher auf Medienvorführungen Anfang Juni beschränkt zu haben.

In den leeren Räumen im piano nobile des Palazzo Rota Ivancich steht jeweils ein roter Putzeimer + Feudel und ein Schild, dass "mindestens 1 mal täglich" gewischt wird (wieder eine banale Verknüpfung: Hinweisschild in öffentlichen Toiletten...?), woraus ich schließe, dass die Verdampfung im Parterre maximal 1 mal täglich angeworfen wird.
Die "Verwandten" der Toten, die zum Fussbodenwischen nach Europa gebracht wurden, sind nicht anwesend und ich muss meine Überlegung, wie sie sich dabei fühlen (Opfer des Drogenkriegs? der Verhältnisse? des Kunstmarketings?), auch im Hinblick auf die unzähligen lateinamerikanischen Frauen, die europäische Fussböden wischen (schon wieder eine banale Assoziation...), mit mir selber abmachen.





Ich finde die Präsentation Margolles' (die Performance? das Happening?) und ihre einerseits intime, andererseits distanzierte (sie veranlasst, legt nicht selber Hand an) Arbeit an ihrem Them
a irritierend. Und meine Reaktion darauf auch. Aber Irritation ist vielleicht schon eine aktzeptable Wirkung?

Kleiner Eingangsbereich im piano nobile des Palazzo Rota Ivancich

Der Palazzo selbst, über den ich weiter nichts in Erfahrung bringen konnte, wirkt düster durch abgedunkelte Fenster und funzelige Beleuchtung, leer, mit z. T. in Fetzen hängenden Tapeten und scheint länger nicht bewohnt zu sein. Boden und Wände des Eingangsbereich des piano nobile sind im Gegensatz dazu gut erhalten verspielt dekoriert.
Der Palazzo ist relativ schwer zu finden, die Calle del Rimedio oder Remedio ist die erste rechts, linker Hand der Kanal, wenn man von Sta. Maria Formosa in Richtung S. Giovanni Novo (in Olio) geht.





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11. Juli 2009

53. Biennale - eine Frage der Wahrnehmung

Fassade des Palazzo delle Esposizioni, gestaltet von John Baldassari (Ehrenlöwe Lebenswerk)

Drei Tage vor Eröffnung werden die Medienvertreter übers Biennalegelände geschickt, nicht ohne Stimmungsaufheller wie Häppchen und Alkohol.

Das Ergebnis: alle berichten nur übe
r eine Handvoll Pavillons in den Giardini (und die entsprechenden Warteschlangen davor), in diesem Jahr:
Skandinavien (geteilte Bewertung, aber immer mit Foto der Wasserleiche im Pool); Tschechien Foto unten (toll: man erkt kaum, dass man die Ausstellung betritt bzw. schon durchquert hat); Deutschland (langweilig und die Katze ist doof); Großbritannien (ein 30-Minuten Film, harmlos und öde); USA (nicht besonders einfallsreich, aber eine sichere Nummer); Korea (erfrischend, heiter, elegant).

Die Strecke zwischen diesen si
eben Pavillons (Skandinavien hat zwei) ist in weniger als fünf Minuten bewältigt.

Durch den Medienrost fallen leider Ausstellungen wie z. B. Brasilien, Russland, Finnland, Polen, Spanien....

Alle berichten auch über den zentralen Palazzo delle Esposizioni, noch ein paar Meter
weiter. Schwerpunkte sind hier die Rehberger-Cafeteria (die mich an OP-Art und Kinderladeninterieurs der Sechziger erinnert, aber vielleicht sind die Medienvertreter zu jung?), immerhin mit einem Goldenen Löwen gepusht; die hochkomplizierten Spinnenkugeln Thomas Saracenos (ungeteilte Faszination); Natalie Djurbergs Knetepflanzen und Videos (Fazination schon, aber nicht ungeteilt); und Yoko Ono, die einen der beiden Ehrenlöwen erhielt.
Und damit bleibt fast die ganze Ausstellung dieses Palazzo medial unterbelichtet.

Ausstellung Thomas Saraceno rechts
Der Besuch im Aus-
stellungs-
gelände des Arsenale ist fußmäßig schon
anspruchs-
voller und es gäbe auch hier vie
l zu erzählen. Es bleibt aber weitgehend bei der Erwähnung des (neu hinzugekommenen) Vergini-Gartens (Kunst in der Natur - Natur als Kunst); den wunderbar zauberischen Goldfäden von Lygia Pape direkt im Eingang; der dunklen Installation von Chu Yun, die man aber erst wirklich wahrnehmen kann, wenn man ins Schwarze geht und abwartet, bis man im Dunklen sieht (hat vermutlich kein Medienvertreter ausprobiert); des Pavillons von Italien (erwähnenswert, dass der Inhalt nicht erwähnenswert, da berlusconiangepasst sei).

Glücklicher Zufall: Daniel Birnbaum, Biennaledirektor, führt (auch mich) durch das Arsenale

Nicht erwähnt werden z. B. die Chinesen, die Afrikaner, die Lateinamerikaner und die gesamten riesiegen Ausstellungen (z. B. Die Angstgesellschaft, oder Jan Fabre, der mich schon 2007 im Palazzo Benzon irritierte) im Arsenale Novissimo auf der anderen Seite des Arsenale-Beckens. Die erreicht man mit einem Shuttleboot oder über den Nordeingang mit der Linie 41/42/51/52, Haltestelle Bacini.

Skulpturen von Miranda July im Vergini-Garten

Das ist alles viel Latscherei und kostet vor allem Zeit. Ebenso wie die vielen Ausstellungen im Stadtgebiet, z. T. Länderpavillons, z. T. sog. Collateral Events, die insgesamt, wie in jedem Jahr, bem kurzen Medienschlaglicht auf die Biennale im Dunkeln bleiben. Ich vermute, es liegt daran, dass die Damen und Herren Medienvertreter sich erstens nicht die Mühe machen wollen, nicht zentral präsentierte Angebote zu prüfen. Und zweitens, dass mit aktueller Kunst in originalen Locations (eines der "Alleinstellungsmerkmale" der venezianischen Biennale!) eine weiterer Berichtsschauplatz aufgemacht wird, der auch veneziansche Geschichts- und Architekturkenntnisse erfordert. Was nun mal nicht jeder spannend finden kann.

Eine der Installationen von Jan Fabre wird von einem Helfer gesäubert (Taubendreck, Styroporunterlagen, Zahnbürste)

Besonders schade finde ich das in diesem Jahr z. B. für die Ausstellungen im Androne des Palazzo Donà dalle Rose (Venice in Venice), im Palazzo Michiel (Island und Singapur); die ehemalige Scuola Grande della Misericordia mit der Ausstellung West-Östlicher Divan (Iran, Afghanistan, Pakistan); und in diversen Kirchen, die normalerweise nicht zugänglich sind.


Scuola Grande della Misericordia, gesehen durch eine Magnetbänder-Installation


Ich habe aber längst noch nicht alle Ausstellungen abgegrast und hoffe, das im Laufe der nächsten Monate zu tun. Und werde hier nach und nach auf Ausstellungen hinweisen, die aus meiner Sicht den Besuch, die Latscherei, den Zeitaufwand wert sind (und in Einzelfällen vielleicht auch nicht).


Aleksandra Mir hat unter dem Titel "All places contain all others" Fotopostkarten gestaltet, die unter der Überschrift "Venezia" farbenfroh alles Mögliche zeigen, war NICHT Venedig darstellt (Karten kostenlos, Briefmarken im Shop erhältlich). Eine Aufforderung, Sehgewohnheiten, Verknüpfungen, Tiefe und Oberflächlichkeit von Eindrücken, und Selbsttäuschunen zu prüfen.

In meinem Büro mit permanentem Rein-Raus von KollegInnen und Gästen hängt seit 3 Wochen diese Postkarte und geht bisher
anstandslos durch.

Aleksandra Mir Venezia

Einfach eine Frage der Wahrnehmung!

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