14. Oktober 2012

La testa di Carmagnola - Carmagnolas Kopf

So nennt ihn der Volksmund seit dem 15. Jahrhundert. Wieder eine dieser venezianischen Mischungen von Geschichte und Geschichten. Wunderbar.

Ein kleiner dunkler Fleck unterhalb der Fahnenstange auf der Balustrade: Carmagnolas Kopf

1. Der Kopf:
Sitzt oben auf der Südwest-
ecke der Balustrade von San Marco, gegenüber dem Campa-
nile. So hoch, dass man ihn von unten nicht wahrnimmt, es sei denn, man weiß, er ist da. Ob man ihn von oben wahrnimmt, weiß ich nicht, ich war nur einmal vor Jahren auf dieser Terasse und so hin und weg von der Aussicht und der wunderbaren Quadriga (ihrer Nachbildung, aber eben ganz nah!), dass ich diesen roten Hinterkopf links auf der Ecke ganz sicher nicht mitbekommen habe. Und selbst wenn man ihn tätscheln würde: ein Kopf halt, lebensgroß, Porphyr. Stichwort Porphyr: führt zu 3., aber erst mal folgt



2. Carmagnola
eigentlich Franceso Bussone, genannt Carmagnola, war einer der Söldnerführer des 15. Jahrhunderts, die für Venedig die Landkriege erledigten, denn die Serenissima Repubblica besass kein stehendes Heer. Historische Details stehen im Wikipediaeintrag.

Gentile Bellini: Die Prozession auf dem Markusplatz, 1496, Detail. Pfeile: Oben rechts von der roten Figur, unterhalb der orangefarbenen Dekoration der Porta della carta, ein kleiner rotbrauner Kopf: der Porphyrkopf. (Notfalls Lupe nehmen, dann ist er eindeutig zu erkennen. Unten die pietra del bando.

Erfolgreich genug als Mann des Krieges leistete er sich anscheindend den Luxus oder die Dummheit, Loyalitäten nicht klar zu setzen und damit Vertrauen zu verspielen. Da niemand seine Fähigkeiten unterschätzte, lud man ihn zu einem vorgeblichen Palaver nach Venedig ein und, wie ich irgendwo las, führte man ihn im Dogenpalast mittels Schließen von Türen und Postieren von Wachen immer weiter bis in einen Raum aus dem es kein Entkommen mehr gab. Verhör, Geständnis, Gerichtsverhandlung, Urteil und Vollstreckung erfolgten blitzschnell. 
Ehe die VenezianerInnen noch recht wussten was warum passierte, lag sein Kopf schon ausgestellt auf der "pietra del bando", dem Stein (aus ebenfalls Porphyr) an der Südwestecke von San Marco, der eigentlich der Verkündung von Regierungsnachrichten diente (immer noch da, hinter der Absperrung die die Basilika umgibt). Alle abgeschlagenen Köpfe wurden dort drei Tage und drei Nächte zur Abschreckung ausgestellt (wie die Viergeteilten an den Haken an der Fährstation bei S. Canciano und bei den Tolentini). 
Carmagnolas Kopf wurde wieder abgeräumt, aber seine Schuld blieb in der Diskussion, wurde nie bewiesen, die Anklage war falsch, die Strafe unverdient. Eines der nie eingeräumten Fehlurteile der venezianischen Justiz, gegenüber sehr wenigen öffentlich bekannten.
Und die Projektion des justizirrtümlich hingerichteten Carmagnola wanderte von der pietra del bando geraus nach oben auf die darüber liegende Brüstung zum Porphyrkopf, der dort schon seit längerer Zeit angebracht und passend rot war, die Legende von Carmagnolas Kopf entstand.

3. Porphyr - der Stein der Kaiser
Der Kopf stammt, genau wie die Porphyr-Skulptur der Tetrarchen und viele weitere Schätze in und um San Marco, von der Plünderung Konstantino-pels 1204. Porphyr wurde im byzantini-
schen Kaiserreich, also Ostrom, fast ausschließlich für die Darstellung von KaiserInnen verwendet (Kinder byzantinischer Herrscher wurden als porphyrgeboren bezeichnet). Bei der Identifizierung des Kopfes war die Steinart der wichtigste Hinweis, nach einigem wissenschaftli-
chen Hin und Her im 20. Jahrhundert hat man sich darauf geeinigt, dass er Kaiser Justinian I darstellt. Vor allem Vergleiche mit Münzen und Mosaiken in Ravenna, die Justinian I zeigen, führten zu dieser Auffasung. Ausserdem glaubt man, dass er aus dem Philadelphion in Konstantinopel stammt, wie die Tetrachen eine Etage tiefer.



Wenn sich jetzt jemand, wie ich, fragt, ob das französische Revolutionslied 'La Carmagnole' ("...es lebe der Ton der Kanon...") etwas mit Carmagnola zu tun hat: Nein. 
Nicht alles ist mit allem verbunden.


Museum San Marco
Alessandro Manzoni: Il conte di Carmagnola; Trauerspiel 




10. Oktober 2012

Das Venedig Prinzip

Ein neuer Venedig-Film wird von der Produktionsfirma filmtank angekündigt. 

Das Venedig Prinzip.
 
Start in den deutschen Kinos ist der 6.12.2012. Vormerken! Die Liste der aufführenden Kinosund Termine.



Ich hänge den Trailer an und werde im Dezember den Film ansehen und berichten.




Ergänzung am 24.11.2012:

Morgen, Sonntag 25.11.2012 gibt es einen Beitrag zum Film in 'Titel Thesen Temperamente' ARD, 23:05 Uhr



3. Oktober 2012

Nicht in Venedig unterwegs...

Turm, in dem Michel de Montaigne seine Werke schrieb
... sondern ein paar Tage in Frankreich, im Périgord, genau gesagt in St. Michel de Montaigne. Dem Ort, in dem der gleichnamige Essaist, Gutsbesitzer, Politiker im 16. Jahrhundert geboren wurde, weitgehend lebte und starb.

Die Verbindung zu Venedig existiert natürlich, denn selbstverständlich besuchte Herr de Montaigne Venedig, und zwar eine einzige Woche während eines 17monatigen Aufenthalts in Italien, den er bzw. zum Teil ein Sekretär im "Tagebuch einer Reise nach Italien" beschreibt. Venedig hat ihn nicht umgehauen, meint der Sekretär. Was ja doch verwundert. Vielleicht waren auch seine Erwartungen zu hoch oder seine dauerhafte Trauer zu tief, nachdem der Herzensfreund seiner jungen Erwachsenenjahre, Étienne de La Boétie, der vor Begeisterung und Verehrung für Venedig glühte, noch jung ein Opfer einer Seuche wurde.

Der Sekretär schreibt jedenfalls recht unbeeindruckt:
"Was in Venedig eine nähere Befassung lohnt, dürfte ja hinreichend bekannt sein. Herr de Montaige meinte, er habe sich eigentlich alles anders, das heißt imposanter vorgestellt." 
(Der Besuch findet im Jahr 1580 statt, als Michel de Montaigne in der frischen Blüte seines schriftstellerischen Ruhms steht. Und sechs Jahre nachdem sein König, Henri III, auf einem Zwischenstop auf dem Weg von seinem polnischen zu seinem französischen Königreich in Venedig rauschend empfangen und bombastisch gefeiert worden war. Denn Venedig brauchte für seine Türkenprobleme die Kooperation des eigentlich türkenfreundlichen Frankreich.)

Wendeltreppe im Turm Montaigne
"Gerade deshalb aber erkundete er die Stadt besonders aufmerksam, um vielleicht doch hinter das Ungewöhn-
liche zu kommen, das sie auszeichne. Und tatsächlich beeindruckte ihn manches - am meisten das Arsenal und der Markusplatz, ebenso aber die öffentliche Ordnung, das bunte Gewimmel der Menschen aus aller Herren Länder und nicht zuletzt die geographische Lage. "

Herr de Montaigne hatte trotz seines Prominentenstatus vermutlich keine Chance, andere als öffentliche Anlagen (und Kirchen etc.) zu besuchen, also keinen der Palazzi, die heute, egal in welcher Funktion, besichtigt werden können. VenezianerInnen war der Kontakt zu AusländerInnen verboten, aus Sicherheitsgründen. Bei geschäftlichen Kontakten waren Staatsbeamte anwesend zur Kontrolle von Warenaustausch, Abfuhr von Zöllen, Gebühren etc.. Ansonsten hatten BesucherInnen der Stadt, so auch Herr de Montaigne, allenfalls Kontakt zu ihrem Botschafter (in diesem Fall zu Herrn du Ferrier, der seinerseits privat nicht mit VenezianerInnen verkehrte). Und diverse Gebäude die uns heute tief beeindrucken, z. B. die Salute, S. Giorgio Maggiore, existierten noch nicht.


Arbeits- und Ruheraum Montaignes, 1. Etage des Turms
(nicht Montaigne's Bett, nicht "Montaigne's Katze", sondern
die des derzeitigen Schlossbesitzers, die sich gerne im
Turm aufhält...)
"Montag, den 7. November, erschien bei ihm, als er gerade zu Abend aß, ein Bote und brachte ein Geschenk. Signora Veronica Franca, eine venezianische Edelfrau und Kurtisane, die selber dichtet, schickte ihm ihr jüngstes Werk, ein Bändchen Briefe. Herr de Montaigne ließ dem Mann zwei Taler geben."
Davon abgesehen, dass der Name Veronica Franco falsch notiert wurde, könnte Herrn de Montaigne Frau Franco unterschätzt haben. Sie war eine  respektierte Kurtisane und auch Schriftstellerin, die sechs Jahre zuvor die Aufmerksamkeit Henris III auf sich zog, sehr zum Ärger der weiblichen venezianischen Gesellschaft. Nach all dem Aufwand seines Empfangs (Triumphbogen von Palladio auf dem Lido, Empfang an der Piazzetta, Unterbringung in der Ca' Foscari inklusive einer zur Unterhaltung des Königs nächtlich auf dem Canal Grande schwimmenden und lautstark arbeitenden Glasbläserei, aufwändigste Gastmahle etc.) interessierte er sich auf dem pompösen Ball zu seinen Ehren nicht für die versammelte Noblesse, sondern für Signora Franco, und das auch noch intensiver als nachhaltige Gerüchte seiner Homosexualität hätten erwarten lassen.

Bibliothek im Arbeitsraum, 2. Etage,
leider in alle Winde zerstreut
Siehe auch unten Video des Arbeitsraumes
"Die Liebesdamen Venedigs sind berühmt für ihre Schönheit; Herr de Montaigne konnte sich diesem verbreiteten Urteil freilich nicht anschließen, obwohl er die vornehmsten der Frauen besucht hat, die mit selbiger Handel treiben. Jedoch wunderte er sich, sie in solcher Menge - etwa hundertfünfzig - anzutreffen; auch machte es ihn stutzig, dass sie sich hinsichtlich Kleidung und Mobiliar einen fürstlichen Aufwand zu leisten vermögen, wo sie doch einzig dieses Gewerbe als Verdienstquelle haben. Viele einheimische Adelige halten sich eine solche Kurtisane für sich allein und erstatten ihr sämtliche Ausgaben; jedermann weiß es, und niemand stört sich daran." 
Was lässt sich daraus schließen? Herr de Montaigne hat das Angebot geprüft, es entsprach in Qualität und Preis nicht seinen Vorstellungen? Die Trauben waren ihm zu sauer? Im Gegenzug kommt er moralisch und mißgönnt den Kurtisanen ihren Wohlstand und den Freiern ihre Unbekümmertheit?
Wer die "Essais" liest, kann sich das kaum vorstellen. Ich glaube: der Sekretär, der die Niederschrift dieses Teils des Reisetagebuchs besorgt, riskiert bei diesem etwas heiklen Thema nichts und passt seine Meinung der gesellschaftlich gültigen an. Und Montaigne selbst, der ohne Ende, bis zu seinem Tod, an Ergänzungen der "Essais" schrieb und schrieb, sah sich wohl nicht zu weiterer Ausführlichkeit des extrem kurzen Venedig-Berichts veranlasst. Mir als Venedig-Bloggerin ist allerdings rätselhaft, wie der Vielschreiber Montaigne zum Thema Venedig derartig kurz angebunden sein konnte. (Noch was zum Thema Kurtisanen)

"Herr de Montainge mietete sich eine Gondel für Tag und Nacht, was ihn einschließlich Bootsführer zwei Livrees kostete, also etwa siebzehn Sous.
Die Preise für Essen und Trinken entsprechen etwa Pariser Verhältnissen. Dennoch lebt man wohl nirgends auf der Welt so billig wie in Venedig: erstens benötigt man kein Gefolge, denn es ist üblich, dass jeder allein geht; zweitens muss man auch an Kleidern keine Verschwendung treiben; drittens braucht man keine Pferde."
Was sagt mir das? Vielleicht: im Venedig des 16. Jahrhunderts wurde gutes Geld ausgeben für Sex und Gesellschaft, Essen und Trinken. Preiswertgünstiger scheinen Mobilität durch eigene Gondeln & Gondolieri sowie Selbstdarstellung in Bezug auf Kleidung und 'Gefolge' (das de Montaigne bei sich hatte, eine ganze Reisegruppe, genau genommen) gewesen zu sein. Letzteres empfiehlt sich ohnehin nicht engen venezianischen Gassen und erstere entsprach vielleicht nicht ganz dem Aufwand, der in Paris gemacht wurde. Aber Bescheidenheit in Kleiderfragen war eher keine venezianische Tugend.

Die Feststellung, man lebe nirgends auf der Welt so billig wie in Venedig, hat sich mittlerweile überholt, wie wir alle wissen.

(Fetter Text zitiert aus: Michel de Montaigne; Tagebuch einer Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland. Diogenes 2007. Übersetzung von Ulrich Bossier)

Unterkunft in St. Michel de Montaigne: Relais de la Renaissance




22. September 2012

Keine großen Schiffe

Unter diesem Motto gab es letzten Sonntag den bisherigen Höhepunkt der vielen Protestaktionen in diesem Jahr gegen die Passage der Riesen'kreuzfahrt'schiffe durch die Stadt. Mit einer Radtour (!) verschiedener Aktionsgruppen bis zur Dogana (wo der dämliche Froschknabe vorsorglich in seinen Wetter- und Demonstrationsschutzglaskasten gepackt worden war), Party daselbst und auf vielen Booten im Wasser und entlang der Ufer.

Die übliche nachmittägliche Passage mehrerer Schiffe wurde natürlich nicht verhindert, aber um drei Stunden verzögert. Wobei verschiedene Einheiten von Polizei, Carabinieri etc. sich sehr bemühten, den Canale della Giudecca zu räumen durch Rempeleien mit ihren Motorbooten, Umkreisen von Ruderbooten um Wellengang herzustellen und durch sehr niedrig fliegende Helikopter, die ernsthaft gefährliche großflächige Wasserwirbel hervorrufen. Dies kann man alles gut sehen im Video.




Es ist zu hoffen, dass bald der alternative Weg durch den Porto di Malamocco gefahren wird. Die 'KreuzfahrerInnen', die sich mehrheitlich darauf beschränken sich durch die Stadt fahren zu lassen und die Schiffe während der Liegezeit in Venedig nicht verlassen, könnten dann Venedig zu Fuss erobern. Sie würden begeistert sein und Venedig eine ihrer vielen Sorgen los...

Tagesschau 05.06.2012
Die Presse 18.07.2012
Deutschlandradio Kultur 09.08.2012


21. September 2012

Konzert im Palazzo Pisani


Blick vom Wasser-
zugang des Palazzo Pisani über den Canal Grande, die Häuser Loredan und Contarini dal Zaffo


 

Auf den Palazzo Pisani bei S. Stefano habe ich schon hinge-
wiesen im Zusammenhang mit musikalischen Veranstaltungen der Musikhochschule Benedetto Marcello. Ich stelle die Konzertprogramme der Musikhochschule in meinen Blog-Ter-
minkalender, aber leider hat es bisher noch nie geklappt, dass ich während eines Konzerttermins in Venedig war. Ich würde das Haus zu gerne von innen sehen, aber auch höflichste Anfragen werden (höflich) abgewiesen. Ich kann es ja verstehen. 


Gipsmodelle der Skulpturen, deren Originale
an der Stazione Marittima am Ende
der Zattere unter dem großen Baum stehen,
in einem der beiden Pisani-Innenhöfe
Man kann, wenn man den Vorhof am Haupt-
eingang vorbei überquert, seitlich am Palast vorbei und links 'hintenrum' durch eine düstere Ecke mit Notbe-
leuchtung, aber unter animierender Musikbe-
gleitung aus verschie-
densten Übungsräumen, hinter den Palazzo gelangen. In das schmale Gässchen zwischen dem handtuchbreiten Canal Grande-Anschluss des Palazzo Pisani (quasi das Feigenblatt, das die 'Peinlichkeit' in der 2. Reihe zu residieren wohl ursprünglich nur schwer verdecken konnte) und dem ebenfalls berühmten Palazzo Barbaro

Von dort hat man einen schönen Blick auf den Campo S. Vio auf der gegenüber liegenden Kanalseite und rechts davon die Palazzi Loredan und Contarini dal Zaffo mit dem hübschen Garten dazwischen, beide immer wieder gerne genommen in den Commissario-Brunetti-Filmen. Der Palazzo Pisani steht für solche Einsätze nicht zur Verfügung.

Zufällig stieß ich auf einen Clip, aufgenommen auf einer Feier der Musikhochschule zum 400. Todestag des venezianischen Komponisten Giovanni Gabrieli am 31.5.2012. Ein Konzert-
projekt der StudentInnen und Professorinen, zwar kein sehr professionelles Video und mit einer längeren Rede zwischen-
durch, an deren Stelle ich gerne mehr vom Konzert gehört hätte. Trotzdem - es sind interessante Aufnahmen auch aus dem Inneren des Palazzo und das Konzert findet in einem der beiden schönen Innenhöfe des Gebäudes statt.
Immerhin Ansichten von Räumen zu denen wir als NormaltouristInnen keinen Zugang haben, es sei denn gut geplant oder durch einen glücklichen Zufall bei einem Konzertbesuch... 

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Jutta Lambrecht hatte schon das Glück, den Palazzo Pisani zu besuchen und schickte mir freundlicherweise Fotos, für die ich herzlich danke.




















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15. September 2012

Am Ende venezianischer Gassen...

Drei Säulen in der Corte Muazzo -
uralte Mitbringsel aus Torcello?
...stößt man auf einen Kanal oder auf das eine Haus, zu dem die Gasse letztlich führt. Venedig ist die Stadt der Gassen, an deren Ende man umdreht und zurück geht. 

In Castello, kurz hinter der Kirche SS. Giovanni e Paolo, führt von der Straße Barbaria delle tole rechts das Gässchen Calle Muazzo zum Palazzo, Corte, Ponte Muazzo. Das wird von der Venedig-WanderIn nicht ausgelassen, und sie landet durch einen kurzen dunklen Sottoportego in einem engen aber extrem hohen Innenhof. Zu klein für einen ergiebigen Wasserspeicher, deshalb gibt es hier keinen Pozzo, keine Blumenkästen, in diesen düsteren Schacht scheint keine Sonne, einziger Schmuck sind drei sehr alte Säulen, von denen eine rot ist und eine ein ganz einzigartiges Kapitell aufweist.

Der Name Muazzo erinnert mich an den Namen Moatso den ich aus Rethymnon kenne, der besterhaltenen venezianischen Stadt außerhalb Venedigs, auf Kreta, der ehemaligen Kolonie Candia. (Die griechische Sprache bildet u per Doppellaut ou, z per ts.)

Der Blick in die Bücher ist erfolgreich: die Muazzo kamen im 8. Jahrhundert von Torcello nach Venedig zusammen mit den Familien Querini, Gussoni und anderen. 1168 wird ein Antonio Muazzo erwähnt, der die Kirche San Paternian erneuern lässt. Ein Teil der Familie wandert im 13. Jahrhundert mit der Kolonisierung durch Adelsfamilien nach Candia aus. Francesco Muazzo, auf der Insel geboren, beteiligt sich an der Erhebung gegen das Mutterland 1363 (Agios-Titus-Rebellion) und  lässt Giorgio, den Sohn seines Bruders Giacomo, töten, der treu zur Republik steht. Die Linie in Candia brachte außerdem noch 1621 den Schriftsteller Antonio hervor, Autor patriotischer Werke; einen weiteren Antonio, der 1636 auffiel durch Gewalttätigkeiten unter Einsatz von Feuerwaffen gegen seinen Erzfeind Casarini. Der venezianische Zweig lieferte einen Bischof von Caorle, Luca, und viele tapfere Militärs in den langen Türkenkriegen der Serenissima. Das Stammhaus der Muazzo in Castello 6451-54 mit der Fassade zum rio S. Giovanni Laterano ging im 17. Jahrhundert an die Giustiniani über.
(Guiseppe Tassini, Curiosità veneziane)


Auch Sally McKee (Uncommon Dominion) berichtet über die Beteiligung der Muazzo am Aufstand von 1364: 
"Two other of the most prestigious families, the Muazzo and Venier, also contributed their share of participants to the rebel cause. The Muazzo were split between those who clung tenaciously to rebellion and those who capitulated early in the revolt. Three of the sons of the late Pietro Muazzo and his Greek wife, Elena, née Ialina, were massacred together with others by Milletos, the Greek monk, after they had abandoned the rebel ranks."


Schon vor der Rebellion ging ein Muazzo als Skandalnudel in die Archive ein: 

"The name Fancesco Muazzo belonged to several members of the feudatory group at that time, making it very difficult to distinguish one from another. Among the rebels figured a Francesco whom it is tempting to identify as the Francesco who had been involved in a controversy with Tito Venier eight years before. In 1355 a matter concerning Francesco Muazzo and Tito Venier had disrupted the political life of the colony. Venice and the colonial regime must have viewed the issue involved as so sensitive that nowhere is there an explanation of what the two feudatories were supposed to have done. All we know is that the Venetian Senate considered their actions dangerous to Venetian authority and consequently confiscated their property." 
(Bibliogr. Details in der rechten Spalte unter Sachbücher)



Die Muazzo, Corner, Gradenigo und Querini waren die Familien mit den zahlreichsten Zweigen in der Kolonie Candia und die angesehensten und  einflussreichsten Mitglieder des Großen Rats auf Kreta, des Senats von Candia (organisiert analog den politischen Strukturen der Serenissima). Die Insel war, ebenfalls analog zur Mutterstadt Venedig, zunächst in Sestiere aufgeteilt, später aus pragmatischen Gründen in Viertel. Die Muazzo hatten Lehen nicht nur in der Hauptstadt Candia, sondern vor allem auch im Sestiere Castello, auch in der Stadt  Retimo. Erhalten ist in Rethymnon noch eine kleine Kirche neben der früheren Hauptmoschee, heute Odeion, (Corpus Cristi Chapel unter diesem Link), gestiftet von den Schwestern Anna und Maria Muazzo. Und wie die meisten Kolonistenfamilien breiteten sie sich weiter aus, nach Tinos und nach Cattaro (Kotor).


Heute fällt der Name Muazzo als Hotel: im Stammhaus in Venedig gibt es zwei verschiedene Hotels, der Palazzo Muazzo und die Ca' Bauta, auf Kreta die Casa Moazzo Rethymnon. Geschmack oder Preisklasse der Hotels sind nicht das Thema dieses Eintrags.

Enger hoher Innenhof des Palazzo Muazzo, nur zwei Fensterpaare mit Rundbögen und Balkonen versehen

Wappen von einem Haus der Familie Muazzo auf der Insel Tinos
Quelle: Pandektis




9. September 2012

Vom Finden verschwundener Kirchen

Blick durch das Portal der Klosterkirche S. Chiara, Murano





Goethe schreibt in der 'Italienischen Reise' am 29.9.1786 über Venedig:
 
"Alles, was mich umgibt, ist würdig, ein großes respektables Werk versammelter Menschenkraft, ein herrliches Monument, nicht eines Gebieters, sondern eines Volks. Und wenn auch ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen, böse Dünste über dem Sumpfe schweben, ihr Handel geschwächt, ihre Macht gesunken ist, so wird die ganze Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem Beobachter weniger ehrwürdig sein. Sie unterliegt der Zeit, wie alles, was ein erscheinendes Dasein hat."



Portal S. Chiara, Inschrift knapp noch lesbar
 In Venedigs 1500 Jahren kamen und gingen Menschen die die Stadt bauten, entwickelten, immer weiter veränderten. Es wurde gebaut, umgebaut, angebaut, aufgestockt, abgerissen und größer und prächtiger wieder aufgebaut und dabei der Stil gewechselt von byzanitinisch zu gotisch zu rinascimental zu barock und weiter... Wasser, Feuer und manchmal Erdbeben hatten ihren Anteil an den Veränderungen, Kriege kaum, dafür um so mehr die Besatzungen und die Armut des 19. Jahrhunderts. 


Fassade S. Chiara Murano

Die lange wechselhaf-
te Zeit findet sich im Stadtbild wieder, oder auch nicht mehr. Aber in einer Stadt, die so alt und gut dokumen-
tiert ist wie Venedig, geht fast nichts endgültig verloren, ist allenfalls unter dem Stapel der Jahrhunderte nicht auffindbar. Der/die hartnäckige TouristIn erhält den Lohn für schmerzende Knie- und Hüftgelenke (Brückentreppen!) und geschundene Füße (10 Std. auf denselben, täglich halbwegs wiederhergestellt von Dr. Scholl's 'Freso Piede' aus der venezianischen Apotheke) in Form von Entdeckerglück, egal in welcher Form.  



Die Rede ist hier von 3 Kirchen. Eine zufällig gefunden, eine zufällig neu wahrgenommen, eine gesucht, recherchiert und 'entdeckt', die sich als Mosaikteile in meine persönliche "Venedig-Erfahrung" einfügen. JedeR VenedigfreundIn kann von solchen Erlebnissen berichten, sie sind die Basis und die Praxis unserer Begeisterung für diese Stadt.

Innenraum S. Chiara, Blick zur Apsis, ohne Dach
Zufällig gefunden: auf Murano, frühmorgens zu Fuß unterwegs von der Haltestelle Colonna zur Haltestelle Faro und in der Hoffnung, im Durchgang zwischen zwei großen Glasge-
schäften eine Abkürzung zu finden, stehe ich unerwartet vor einer herunterkommenen Kirchenfassade. An einer Stelle, die auf keinem Plan eine Kirche verzeichnet, meines Wissens.

Die Tür ist offen, innen befindet sich ein Lager von allem Möglichen, vor allem Baumaterial. (Sowas hatte ich schon mal gefunden, in S. Anna in Castello.) Annähernd gedeckt ist der Raum nur im Eingangsbereich, also wo sich vermutlich früher eine Nonnenempore befand; das Kirchendach selbst fehlt. Eigentlich stehen nur noch alle Außenwände, ein komplett entkerntes Gebäude in einem Zustand, der eine Restaurierung für alle Zeiten ausschliessen dürfte. Stein im Magen, der Morgen ist mir verdorben. 
Ich recherchiere in meinen Büchern, es ist das ehemalige Frauenkloster der Franziskanerinnen S. Chiara. (Mailkontakt zu Jeff Cotton von 'Churches of Venice': auch er wußte nicht, dass es dieses Gebäude noch 'gibt' und nimmt es in seine Listen auf.) 
Nichts steht dazu in Alvise Zorzi, 'Venezia Scomparsa', dem Buch über das verlorene (physische) Venedig;  einiges in Mary Laven, 'Die Jungfrauen von Venedig' die nicht über Gebäude schreibt sondern über die Geschichte venezianischer Nonnen (siehe Sachbücher Spalte rechts). 
Die Bewohnerinnen von S. Chiara scheinen schon im 16. und 17. Jahrhundert unter der Baufälligkeit ihres Klosters und weiterer Armut gelitten zu haben während sie gleichzeitig ihre Franzikanerbrüder in S. Francesco della Vigna materiell unterstützten. Das gibt mal wieder zu denken. Zu denken gibt auch, dass ein historisches Gebäude, obwohl noch vorhanden, völlig vergessen scheint. Das ist fast schlimmer als verschwunden. 


Ruine S. M. dei Servi und Capella dei Lucchesi vom gegen-
überliegenden Ufer des rio dei servi
Zufällig neu wahrgenommen: S. Maria dei Servi. Den ersten Blick hatte ich vor Jahren vom gegenüberliegenden Ufer des Rio dei servi und hielt für die Servitenkirche was eigentlich die (allerdings ziemlich große) Capella dei lucchesi ist. Die Kapelle der Seidenhändler aus Lucca, deren Scuola sich auf dieser Uferseite befand. Die Kapelle war geschlossen (wie immer, wie ich heute weiss), und das große Portal daneben sah ich wohl als Klostereinang, heute ist es ja der Eingang zum Ostello S. Fosca

Südeingang der Servi-Kirche
Tor zum heutigen Ostello S. Fosca




In diesem Jahr fand ich das Tor zum Ostello offen und wanderte durch einen mehrfach geteilten Innenhof, den ich durch ein Tor in einer Ruinenmauer wieder verließ und mich in einem Gemüsegarten wiederfand. Und Überraschung: die Mauer und das Tor hinter mir sind das große Portal einer Kirche.

Innenseite der ehemaligen Hauptfassade der
Servi-Kirche nach Westen, dahinter Garten & Mauer























Jetzt verstehe ich endlich die Beschreibungen von S. M. dei Servi, die so groß wie die beiden größten Kirchen Venedigs gewesen sein soll, die Frarikirche und Zanipolo. Es sind nur noch die beiden Portale vorhanden. 

Fassade mit Haupteingang der ehem. Klosterkirche der Serviten

Ich stehe vor dem Haupteingang in der Westwand, der Eingang zum Ostello befindet sich in der Südwand, die Apsis war im Osten, daneben die Kapella dei lucchesi. Dass dies die 'isola dei servi' ist, kann ich jetzt gut auf dem Plan nachvoll-
ziehen, hier gab es einmal nur die riesige Klosteranlage, ein Kreuzgang ist noch da, es könnten auch mal zwei gewesen sein. Dank Googlemaps und Bingmaps kann man ja in jeden Hinterhof gucken, was mich einerseits begeistert, andererseits peinlich berührt - zuviel Indiskretion wird mir gestattet und ich diszipliniere meine Neugier nicht. 


Westfassaden S. M. dei Servi & Capella Lucchesi
vom Ramo Liopardo aus, jenseits des
(hier nach Norden abgebogenen) rio dei servi




Auch in Alvise Zorzi's 'Venezia Scompar-
sa' (ein großfor-
matiger Doppel-
band, den man nicht mal eben so liest) finde ich jetzt die ausführliche Beschreibung der Kirche, ihrer Kunstschätze und des Verlustes. Der nur teilweise gemildert ist durch die Auslagerung in andere Kirchen und in die Accademia, Grabstätten und andere Denkmäler sind für immer verloren.




Größere Kartenansicht

Die Kunsthochschule ist zu erkennen am großen hellen Quadrat ihres Innenhofs.
Bitte klicken zwecks Vergrößerung des Kartenausschnittes.


Gesucht, recherchiert und 'entdeckt': ich wurde gebeten Informationen zu überprüfen zur Kirche San Salvatore im Ex-Ospedale degl'Incurabili: Quellen besagen einerseits, die Kirche wurde abgerissen, andererseits, sie sei im heutigen Gebäude noch enthalten. 

Biblio- und Mediathek der Kunsthochschule, Videoinstallation
anlässlich der ArtNight 2011
Einige Monate zuvor hatte ich anlässlich der ersten 'ArtNight' im Juni 2011 auch die Accademia di Belle Arti (die Kunsthochschule im Gebäude der Ex-Incurabili, nicht das Museum Accademia) besucht. Das ehemalige Ospedale degl'Incurabili ist heute nach der Nutzung als Kaserne, Waisenhaus etc. Sitz dieses Fachbereichs der Universität Venedig. Ich wußte deshalb, dass die Biblio-/Mediathek der Hochschule in einem hohen Raum mit einem Altar, hohen Fenstern, bogenverbundenen Säulen etc. aber ohne jede kirchentypische Symmetrie untergebracht ist. 
Ich mailte ein Foto dieses Raums als ersten Versuch über die 'noch enthaltene' Kirche an 'ChruchesofVenice' und ging beim nächsten Venedigbesuch in die Hochschule. Dort steht neuerdings ein großes Schild "NO TOURISTS"  und die von mir befragte Empfangssekretärin war ganz sicher, dass es innerhalb der Kunsthochschule keine Kirche mehr gäbe
Also suchte ich in Büchern und im Internet weiter. Die Information, dass Jocopo Sansovino die Kirche als Oval gebaut hatte, schloss die jetzige Mediathek sofort aus. 



Auch in diesem Fall kamen die Informationen von Alvise Zorzi: er beschreibt detailliert die Pracht der Kirche mit Statuen, Gemälden von Tintoretto, Veronese, Palma, die Emporen aus Carrara-Marmor für die MusikerInnen des Ospedale, die unvergleichliche Akkustik des ovalen Raumes. Er zählt auf, wann welche Kunstwerke der Kirche wohin verkauft wurden und wie die Zerstörung des Gebäudes wann vor sich ging. Welche Kunstwerke in Venedig erhalten sind (z. B. S. Orsola, heute in S. Lazzaro dei Mendikanti).

Und er sagt, dass die Kirche inmitten des Innenhofs, des Kreuzgangs stand. In dem heute noch der ovale Grundriss durch andersfarbige Pflasterung zu erkennen ist, umgeben von vier Pozzi in den Ecken, statt in der Mitte des Quadrats. Ich habe das nicht gesehen bei meinem Besuch wegen der Performances im Kreuzgang, aber man kann die Markierung in der Satellitenaufnahme schwach erkennen, siehe oben auf der Googlemaps-Karte.

Damit stimmt die lakonische Information: die Kirche ist zerstört, aber noch im Gebäude der Kunsthochschule, als Grundriss, enthalten.