11. April 2021

Verbraucher*innen für Venedig bitte!

 


Im Laufe von 14 Jahren Bloggerei habe ich hin und wieder zur Einmischung in venezianische Belange eingeladen, normalerweise ging es um Spenden. Zuletzt für die Strafbescheide für die Bürgerinitiative NoGrandiNavi

Um Spenden geht es nicht beim heutigen Aufruf, sondern um unser aller Beteiligung am neuen, verantwortungsbewussten, nachhaltigen Venedigtourismus. Runzelt nicht die Stirnen, zieht nicht die Augenbrauen zusammen: mischt Euch ein.



Im Eintrag vom 28.11.20 "Die Tage des Konsums..." hatte ich ein neues Venedig-Buch empfohlen: "Venice - an Odyssey. Hope and Anger in the Iconic City" von Neal E. Robbins. Am Ende der 500 Seiten, von denen ich zur Zeit meiner Empfehlung erst 200 gelesen hatte, nahm ich Kontakt zu Neal E. Robbins auf. Die Herausforderung im Kapitel " Protest - begin with a vision of the future" war unumgänglich:

"All of us - or at least anyone who has ever been or expects to be a tourist in Venice - plays an equal part. Tourism is a facet of international and local consumption, like energy or water. Excessive tourism afflicts many of the most beautiful parts of the world while it brings needed economic support. But it is ultimately controlled by tourists who are, collectively, a mighty force. A consumer movement could demand autorithies urgently manage the visitor numbers, support the local community and take action on cruise ship issues. This force needs to be harnessed." (S. 491)

"Wir alle - oder zumindest wer je als Tourist in Venedig war oder das vorhat, spielt dabei eine gleich große Rolle. Tourismus ist ein Aspekt internationalen und lokalen Konsums, wie Energie oder Wasser. Übermässiger Tourismus sucht viele der schönsten Teile der Welt heim und bringt gleichzeit den notwendigen wirtschaftlichen Rückhalt. Aber er wird letztendlich kontrolliert von Touristen, die gemeinsam eine machtvolle Wirkungskraft sind. Eine Verbraucherbewegung könnte von den Instanzen fordern, dringend die Besucherzahlen zu regeln, die Bürger der Stadt zu fördern und Massnahmen gegen das Problem der Kreuzsschifffahrt zu ergreifen. Diese Kraft muss eingespannt werden."

Seit Jahren hege ich Zweifel an meiner Rolle als Bloggerin. Freund*innen und Korrespondent*innen wissen das. Ich empfinde meine Lobgesänge auf die Stadt und die fleißigen Kulturvorschläge immer mehr als Teil des Problems. Mit der Idee einer Verbraucherbewegung für Venedig kann ich vielleicht helfen, eine Lösung mit anzutreiben...?

Neal E. Robbins schlägt vor, dass individuelle Besucher*innen eine aktive Rolle übernehmen. Wer informiert ist, weiss um die Verantwortung für den Reisezeitpunkt, die Reisedauer und die Form der Anreise nach Venedig und deren Bedeutung für den täglichen Zustand der Stadt. Und er fragt, warum nach der Covid-"Pause" und den vielen Diskussionen, die seit einem Jahr über die Zukunft der Stadt Venedig, die Ökologie Ihrer Lagune, die künftige veränderte Rolle des Tourismus geführt werden, die Einheimischen die notwendigen Veränderungen alleine schultern sollten? Denn:

"Giving Venice a future means stepping back from high-volume mass tourism, and that means changing economic expectations, reducing profit fo some - such as for apartment owners cashing in on rentals - and this may cause job losses and business closures. That is why a winding-down plan needs to cushion the economic pain, incentivize business to adapt, attract more non-tourist based jobs and rebuild the endangered Venetian community. People and business can accept change, if they have alternatives, reasonable support and clear rules." ... "Venetians are heroically campaigning to keep their city alive - and they won't give up." 

"Venedig eine Zukunft zu geben bedeutet, den Massentourismus zurückzufahren. Es bedeutet, wirtschaftliche Erwartungen zu verändern, für manche sogar, Gewinne zu schmälern - die hohen Profite von Ferienwohnungsvermietungen - es bedeutet Jobverluste und Geschäftsschließungen. Pläne zum Abbau müssen wirtschaftlichen Schaden abpuffern, Anreize zur wirtschaftlichen Anpassung bieten, mehr nicht-touristische Arbeitsplätze ermöglichen und helfen, die schwindende Einwohnerzahl wieder aufzubauen. Menschen und Wirtschaft können Änderungen akzeptieren, wenn sie Alternativen sehen, vernünftige Unterstützung und klare Regeln haben." ... "Venezianer kämpfen heroisch um ihre Stadt zu erhalten - und geben nicht auf."

Und damit muss man sie ja nicht alleine lassen. Man kann einfach mal die Hand heben. Nicht nur konsumieren, sondern unterstützen.



Ohne uns persönlich zu kennen, arbeiten Neal E. Robbins seit Anfang 2021 online am Versuch einer "Verbraucher*inneninitiative". Wir stellten unseren Entwurf venezianischen Bürgerinitiativen vor mit der Bitte um Feedback und, wenn möglich, Beistimmung. Warten auf Antworten, Diskussionen per Email und online-Konferenzen, Konflikte. Entwickeln einer Website (aus Kostengründen auf Basis von Neals Verlagsseite) und social media Optionen👇.
Diskussion der Zielsetzung: eine Online-Liste, in die sich Unterstützer*innen eines neuen, verantwortungsbewussten und nachhaltigen Venedigtourismus eintragen können. Der wird in einem ersten Schritt definiert in 7 einfachen Aktionspunkten. Wer unterschreibt, sichert "gutes" Verhalten zu, als kleines Rädchen in der Aufgabe, Venedig eine Zukunft zu geben. Mehr ist es nicht. Kostet nichts. Unterstützt uns alle dabei, eigentlich längst vorhandenes Bewusstsein in die Tat umzusetzen.  


Wir nennen unsere Inititative 

"LASSEN SIE VENEDIG LEBEN"

"LASCIA VIVERE VENEZIA"

"LET VENICE LIVE"


Bitte lesen, bei Zustimmung unterschreiben und weiterleiten an derzeitige und künftige Freund*innen der schönsten Stadt. Damit wir möglichst viele werden. Feedbacks über die Kommentarfunktion und per Email (Adresse oben rechts) sind sehr willkommen. Herzlichen Dank!


👉 Twitter LET VENICE LIVE


((C) der Zitate Neal E. Robbins,Zitate mit freundlicher Genehmigung ) 



.

5. April 2021

Kreuzfahrtschiffe aus Venedig verbannt...! Ach was...?!


Hatten wir das nicht schon mal? Schon mehrmals? 2013 wurden Schiffe über 96.000 Tonnen aus dem Giudeccakanal "verbannt", die Entscheidung gerichtlich wieder zurück genommen. 2017 versuchte es eine andere (der häufig wechselnden italienischen) Regierungen mit dem Vorschlag, große Schiffe aus dem Canale della Giudecca zu "verbannen" und nur noch in Marghera docken zu lassen - woran sich niemand hielt.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie die internationalen Medien brav eine Pressemitteilung verbreiten, in der die "Verbannung" der Kreuzfahrtschiffe aus Venedig angekündigt wird. Bis auf wenige Ausnahmen machen sich Journalist*innen nicht die Mühe, die Quellen dieser Information zu prüfen.


Zuletzt habe ich dazu im Feburar 2018 geschrieben: 
"Wenn die Tagesschau entwarnt..."
und mir dann das Thema einstweilen geschenkt.


Jetzt wirbeln die internationalen Medien erneut und verkünden die "Verbannung" der Schiffe aus Venedig und den Bau einer Kreuzfahrtstation außerhalb der Lagune, ja sogar Offshore! Wer hofft, auch nach der Covid-Pause der Kreuzfahrtindustrie "keine Riesen mehr in Venedig" sehen zu müssen, täuscht sich wieder einmal bzw. wird wieder einmal vom Mediengeschwätz getäuscht.

Hier ist die Basis dieser Medienmeldungen, der Text des Erlasses des Ministerrates vom 31.3.2021 (scrollen, 2. Absatz "Trasporto Marittimo": 

TRASPORTO MARITTIMO
Disposizioni urgenti in materia di trasporti e per la disciplina del traffico crocieristico nella laguna di Venezia (decreto-legge)
Il Consiglio dei Ministri, su proposta del Presidente Mario Draghi, del Ministro delle infrastrutture e della mobilità sostenibili Enrico Giovannini e del Ministro della cultura Dario Franceschini, ha approvato un decreto-legge che introduce disposizioni urgenti in materia di trasporti e per la disciplina del traffico crocieristico nella laguna di Venezia.
Per contemperare le esigenze di tutela del patrimonio artistico, culturale e ambientale di Venezia e quelle legate allo svolgimento dell’attività crocieristica e al traffico merci, il decreto prevede l’indizione, da parte dell’Autorità portuale del Mare Adriatico settentrionale, di un concorso di idee, volto a raccogliere proposte e progetti di fattibilità tecnica ed economica per la realizzazione di punti di attracco utilizzabili dalle navi adibite al trasporto di passeggeri superiori a 40mila tonnellate e dalle navi portacontenitori adibite a trasporti transoceanici.
Il testo prevede poi misure atte a garantire la mobilità delle persone e la circolazione delle merci su tutto il territorio nazionale, attraverso la proroga dei collegamenti marittimi con Sardegna, Sicilia e isole Tremiti svolti in regime di servizio pubblico, per il tempo necessario a consentire la fine delle procedure di gara e, in ogni caso, fino al 31 maggio 2021. Infine, il decreto proroga di 3 mesi (dal 31 marzo al 30 giugno 2021) l’entrata a regime del documento unico per la circolazione dei veicoli iscritti al Pubblico Registro Automobilistico (PRA). Lo slittamento consente di perfezionare le procedure telematiche relative ai veicoli adibiti al trasporto delle merci e agli autobus, sottoposti a particolari normative di settore, e di completare la fase di rodaggio di tutte le procedure.

Übersetzung:
"Dringende Bestimmungen zum Verkehr und zur Regulierung des Kreuzfahrtverkehrs in der Lagune von Venedig (Gesetzesdektret).
Auf Vorschlag des Präsidenten Mario Draghi, des Ministers für nachhaltige Infrastruktur und Mobilität Enrico Giovannini und des Kulturministers Dario Franceschini genehmigte der Ministerrat ein Gesetzdekret, das dringende Bestimmungen zu Verkehr und zur Regulierung des Kreuzfahrtverkehrs in der Lagune von Venedig enthält.
Um die Bedürfnisse des Schutzes des künstlerischen, kulturellen und ökologischen Erbes Venedigs und des Schutzes von Kreuzfahrten und Güterverkehr in Einklang zu bringen, sieht der Erlass vor, seitens der Hafenbehörde der nördlichen Adra einen Wettbewerb auszurufen um Ideen zusammen zu tragen, die darauf abzielen, Vorschläge und Projekte von technischer und wirtschaftlicher Machbarkeit für den Bau von Liegeplätzen zu sammeln, die von Schiffen für die Beförderungen von Passagieren über 40.000 Tonnen und von Containerschiffen für den Transozeantransport verwendet werden können.
Der Aufruf zielt auch auf Maßnahmen, die die Mobilität von Menschen und Warenverkehr im gesamten Staatsgebiet durch die Ausweitung der Seeverbindungen mit Sardinien, Sizilien und den Tremiti-Inseln für die Zeit gewährleisten, die für die Dauer des Verfahrens erforderlich ist, das auf jeden Fall am 31.5.2021 schließt. Schließlich verlängert der Erlass das Inkrafttreten des einheitlichen Dokuments für den Verkehr von  im Öffentlichen Automobilregister (PRA) zugelassenen Fahrzeugen um drei Monate (vom 31. März bis 30. Juni 2021). Der Beleg ermöglicht es, die Telematikverfahren für Fahrzeuge, die für den Transport von Gütern und für Autobusse verwendet werden, unter Berücksichtigung besonderer Branchenvorschriften zu verbessern und die Einführung aller Verfahren abzuschließen.



Es geht bisher nur um die Ausschreibung von Projektanträgen zur wirtschaftlichen und technischen Entwicklung von Hafenanlagen für Kreuzfahrtschiffe über 40.000 Tonnen und Containerschiffe für den Tranzozeantransport. Eine Absichtserklärung, mehr ist das noch nicht. Auch wenn für die Ausschreibung 2,2 Millionen € zur Verfügung stehen. Das Ergebnis und weitere Entscheidungen bleiben abzuwarten!


Es gibt bereits vorhandene Vorstellungen (erstaunliche, finde ich Ahnungslose!) wie nach dem Dekret von 2017 von Venezia Today vorgestellt; oder Porto Offshore Venezia, vorgestellt in Leipzig 2014; oder eine Nummer kleiner Seingim; oder das ebenfalls seit 2014 existierende Projekt von Duferco, das schon 2001 als Ergänzung der M.O.S.E.-Anlage in der Lidoeinfahrt präsentiert wurde. Die Kreuzfahrtdocks nahe Punkta Sabbioni können in 3 Jahren fertig gestellt sein. Das Projekt hatte bisher gegen die nach dem Erlass von 2017 von Stadt- und Regionalregion durchgesetzten und jetzt praktisch fertig gestellten Docks in Marghera keine Chance. Duferco vermarktet das elektrisch angetriebene Transportsystem für Kreuzfahrer innerhalb der Lagune "Venis Cruise" als kleine Lagunenkreuzfahrt; siehe dazu auch Artikel in der Nuova vom 2.4. "Scalo Duferco a San Nicolò Poi in laguna solo con motori elettrici". Ob der bisherige Plan für die Nutzung durch Schiffe des Transozeantransports geeignet wäre oder angepasst werden könnte, bliebe abzuwarten.

Von Technik und Finanzierung verstehe ich nichts, von Calls und Ausschreibungen etwas mehr und von der Dauer von Auswahlverfahren, von Genehmigungsprozessen, inkl. EU-Projekten, die sich in dieser Größenordnung über Jahre hinziehen. In denen zusätzlich die nationale, regionale und lokale Politik durch Wahlen mit neuen Akteur*innen ausgestattet werden könnte - mit welchen Auswirkungen? Da kann man viel befürchten, ohne grundsätzlich pessimistisch zu sein.

Die "vorläufigen" Docks für Kreuzfahrtschiffe, die finanziert und in Marghera gebaut wurden, erwartet die Kreuzfahrtindustrie schlüsselfertig, wenn sie "nach" der Covid Pandemie (wann?) wieder ins Geschäft einsteigt. Werden Arbeit und Kosten für die erforderliche Kanalvertiefung vor Marghera, den Bau von Docks und Passagierterminals, die einzurichtenden Transportmittel zu Wasser und Land für Passagiere etc. einfach abgeschrieben, wenn ein neuer Hafen außerhalb der Lagune tatsächlich in Gang käme - "Verschwendung" für vielleicht 5 Jahre Betriebsdauer? Oder würden die Betreiber des Port of Venice nicht alle Register ziehen (42.000 Arbeitsplätze, Strukturwandel in Marghera, Beherbungsindustrie in Mestre etc.) um diesen Standort zu erhalten? In dessen Infrastruktur derzeit 41 Millionen fließen?! Geht es nach den Entscheidern aus Wirtschaft und Politik, bleibt alles wie es ist. 

"Dies ist die bevorzugte Hypothese der Region, der Lega, der Hafenbetreiber und der Stadt. 'Ich bleibe beim Kanal Vittorio Emanuele für die Linie Petroli-Margher und Marittima' sagt der Regionalpräsident Luca Zaia, 'es ist das Einfachste: so entfernen wir die Schiffe von San Marco und behalten die Marittima'. Gleiche Linie wie der Bürgermeister Luigi Brugnaro. Gestern zog er es jedoch vor, den Regierungserlass nicht zu kommentieren, obwohl der heute mit Minister Enrico Giovannini darüber gesprochen hatte."
(La Nuova 2.4. "Grandi navi, concorso d'idee dai tempo lunghi. Intanto il terminal crociere andrà a Marghera".)

Wie sich die Ideensammlung für die neuen Kreuzschifffahrtsdocks auch entwickeln wird: weiterhin, "vorläufig", fahren kleinere Schiffe durch die Stadt, sehr große Schiffe durch dieEinfahrt von Malamocco durch die Lagune. Ästhetisch wird das eine Verbesserung sein, aber die Fragen des Umweltschutzes für die Lagune, des Denkmalschutzes für die Stadt, der Gesundheit der Bewohner*innen, des Welterbes für uns alle, bleiben stehen wie bisher. 

Wir reden wahrscheinlich in einigen Jahren wieder über die "Verbannung" der Kreuzfahrtschiffe aus Venedig, vor welchem Hintergrund auch immer. Wollen wir hoffen, dass dann die Verbannung tatsächlich stattfindet und der jahrelange Einsatz venezianischer Bürgerinitativen erfolgreich war.


Ich füge als Ergänzung (vor allem für mich selber) Artikel an, die nach der Veröffentlichung dieses Eintrags am 5.4. erschienen und interessante, erweiterte Aspekte bringen. 

5.4. ytali. Grandi Navi fuori della laguna. Definitivamente e immediatamente
6.4. Italia Nostra La soluzione è imporre navi più piccole alle compagnie di navigazione
6.4. ytali. Fuori le Grandi Navi. Per restare dentro la Laguna
6.4. UNESCO Large cruise ships banned from entering Venice lagoon

💥


Oha. Das ging schneller als erwartet! Nach 2 Wochen ist die Verbannung schon wieder vorbei.

15.5. La Nuova Grandi navi, tornano le MSC in Marittima e a Marghera und Due grandi navi in Bacino San Marco
Im Juli fahren MSC Orechstra und MSC Magnifica wie gewöhnt durch das Bacino, vorbei am Palazzo Ducale und S. Giorgio Maggiore, um ebenfalls wie gewöhnt in der Marittima festzumachen. Weil die "Übergangslösung" des Kreuzfahrthafens in Marghera noch nicht ganz fertig ist. Was soll man machen...? Es bleibt wie gewöhnt alles beim Alten in Venedig.

16.6. CNN Cruise ships head back to Venice despite ban

17.4. Il Fatto Quotidiano Venezia, il governatore Zaia annuncia il ritorno delle crociere (Mehr als eindeutig, dass Regional- und Stadtregierung nicht im Traum an die Verwirklichung der Verordnung der Minister denken.)

19.4. Huffpost Un cavillo riporta le Grandi Navi a Venezia, in attesta di "nuove idee" (Hier die  juristische Begründung der aktuellen Situation nach dem Ministererlass)

22.4. La Nuova Grandi navi a Venezia, stop dal Senato. "Lo scavo del canale è una provocazione"

24.4. Venezia Today Crociere: ecco le offerte per il terminal canale nord, sponda nord, a Porta Marghera (Als hätte es den Ministererlass nie gegeben.)

29.4. The Art Newspaper Has Venice really banned cruise ships? It appears not.

29.4. AgCult DI Venezia: via libera Senato, testo ora alla Camera. Sehr gut. Der Senat hat den Ministererlass mit 168 Stimmen, keinen Gegenstimmen und 26 Enthaltungen passieren lassen. Jetzt kommt die Sache vielleicht langsam, langsam in die Gänge...?

8.5. CNN The truth about cruise ships in Venice


.

3. April 2021

Das Impfvaporetto


Einzigartige Stadt - einzigartige Herausforderungen - einzigartige Lösungen.

Geimpft werden muss überall. Einer Pandemie muss mit Organisation, Strukturierung aber auch Kreativität begegnet werden. Wenn ich mir die Organisierung der Impferei in meinem Bundesland NRW und meiner Stadt Bonn ansehe (immer noch sind nicht alle Ü80 geimpft!) fürchte ich ein Massensterben. 

Was macht Venedig, eine Stadt mit überdurchschnittlich vielen Alten, die einerseits im übersichtlichen historischen Zentrum leben, aber auch verteilt auf den Laguneninseln?
Das Ospedale SS. Giovanni e Paolo räumt ein Vaporetto für den speziellen Bedarf um, streicht es rot an und schickt es als mobile Impfklinik durch die Lagune. Platz genug fürs medizinische Fachpersonal, für die Wartenden und die Ruhephase der fertig Geimpften.

In der letzten Woche waren die Inseln Pellestrina, Burano, Torcello und Mazzorbo dran. Am Ostermontag (der auch in Venedig ein Feiertag ist!) legt das Impfboot von 9:30 bis 13:30 Uhr auf Sant'Erasmo an, danach auf Vignole, um die Ü80  Insulaner*innen mit AstraZeneca versorgen. Organisiert in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung. Immobilen und sehr betagte Menschen wird die Bootsfahrt inkl. Umsteigen zum Ospedale erspart. 

Der Twitteraccount des Bürgermeisters gestattet einen 

Eine beeindruckend bürgerfreundliche Maßnahme. Einzigartig eben.

5.4. Il Gazzettino Vaccini agli anziani nelle isole: ecco il vaporetto trasformato in ambulatorio

.

25. März 2021

Jubelfeste am 25.3.2021


Iacopo Tintoretto, Verkündigung

Es gibt heute drei Anlässe zu feiern. 

In allen drei Fällen ist der 25.3. ein gesetztes, kein authentisches Datum, öffentlichkeitswirksam auf einen ohnehin bedeutsamen und beliebten Feiertag gepackt: die Verkündigung des Herrn. In allen christlichen Flügeln einer der wichtigsten Tage, wenn auch unterschiedlich gefeiert, und auch für Nichtchrist*nnen ein bekanntes künstlerisches Motiv (Giotto): ein gutgekeideter Engel tritt diplomatisch gemessen in einem gepflegten Haus von links an die Jungfrau heran, die geneigten Hauptes mit niedergeschlagenen Augen die Nachricht ihrer Schwangerschaft akzeptiert. Ein schwängernder Lichtstrahl und eine Taube (hl. Geist) sind oft, aber nicht immer, Teil des dargestellten Akts. 

Tintorettos Darstellung der Verkündigung (siehe oben) in der Scuola di San Rocco in Venedig (Parterre, 1. Bild links) ist origineller: der Engel stürzt sich in Begleitung eines Trupps von Putten in einem düsteren ramponierten Haus auf die (nach heutigen Maßstäben) minderjährige, entsetzt zurückweichende Maria und haut ihr die Verkündigung um die Ohren. So wirds gemacht, Widerstand zwecklos, der Verlobte arbeitet vor der Tür und ahnt nichts vom Drama, das sich abspielt. Und auch das Kunstwerk macht einen überwältigenden Eindruck.

Nun der Reihe nach die heutigen Feste:

 

Arbeitszimmer des Reeders Lazaros Kountouriotis auf Hydra.
Einer der Protagonisten des griechischen Unabhängigkeitskampfes 



200 Jahre griechischer Unabhängigkeitskampf

In Griechenland ist der 25.3. der landesweit überzeugt gefeierte Nationalfeiertag und erinnert an den Beginn des Aufstandes im Frühjahr 1821 gegen die seit 400 Jahren dauernde türkische Herrschaft, der an verschiedenen Tagen und Orten Mitte März 1821 einsetzte. Es gab mehrere Wurzeln des Aufstandes: eine politische Geheimorganisation, die von Griechen vor allem im Ausland vorbereitet wurde, Familien- und Gruppenclans vor allem auf der Peloponnes, und Reedern auf 3 Inseln (Hydra, Spetses, Psara) mit wirtschaftlichen Interessen gegen die osmanische Besetzung.
Ziel des Aufstandes war die nationale Unabhängigkeit, die Realität während 6 Jahren des Kampfes allerdings interne Auseinandersetzungen der griechischen Gruppen, genaue genommen mehrere Bürgerkriege, weil über den Weg zur Unabhängigkeit keine Einigkeit herrschte, die Finanzierung ein endloses Drama war und beides alle Beteiligten in zeitweise unkontrollierbare Konflikte stürzte. Trotz personeller, politischer und finanzieller ausländischer Unterstützung gelang der endgültige Befreiungsschlag nur quasi versehentlich, indem die osmanische Seemacht 1927 von vereinten britischen, russischen und französichen Flottenverbänden in der Bucht von Navarino (heute Pylos) versenkt wurde.
Die orthodoxe Kirche und ihr Klerus spielten widersprüchliche Rollen im Innern war aber in der internationalen Außendarstellung als christlich-muslimischer Glaubenskrieg wirksam. Bis heute entspricht die Darstellung des Aufstandes in Schulbüchern nicht durchgängig historischen Erkenntnissen und belegten Fakten und dient mehr der nationalen Beeinflussung und Selbstdarstellung und dem 
historischen Selbstbild der Griech*innen.
Griechenland ist eine junge Nation, und nach 200 Jahren Kriegen und Bürgerkriegen, Flüchtlingskatastrophen und Politiker*innendynastien bis auf den heutigen Tag, also schwieriger Politik Griechenlands, bleibt ihre Leistung 
die erste Gründung eines europäischen Nationalstaates in Europa (in der Folge der Französischen Revolution und der Gründung der USA), der alle weiteren Schritte europäischen Emanzipation folgen sollten. Griechenland war ein hochmoderner und in gewissem Sinne vorbildlicher Staat zu Zeiten seiner Gründung.

Gefeiert wird jährlich mit Schul- und Korpsparaden (Schüler*innen uniform gekleidet, Feuerwehr, Rettungsdienste, Veteranenverbände, Trachtenvereine etc.) in allen griechischen Städten und Gemeinden. Mancherorts marschieren selbst Kindergärten. In größeren Städten wird das Militär in allen Formen vorgeführt: Land (mit Fahrzeugen), See (mit Froschmännern zu Fuß und Schlauchbooten),  Luft (mit Fluggerät), teilweise mit Reenactment wie hier in Aeroupolis/Mani und natürlich die Jungs mit den schwingenden Röcken und den Wollstrumpfhosen. In Anwesenheit von Spitzenvertretern von Politik, Kirche und Militär und beipflichtender aber im letzten Jahrzehnt der Krise auch schimpfender Bevölkerung.
In 40 Jahren habe ich auf der Peloponnes, in Attika, Westgriechenland, auf Kreta und vielen kleineren Inseln eine erstaunliche Anzahl von Variationen lokaler Feiern gesehen, bis hin zu dem Dorf, in dem es ein einziges Geschwisterpaar gab, das alleine durchs Dorf marschierte, beklatscht von den wenigen Nachbarn. Das kleine Mädchen sagte danach "So, das war das letzte Mal. Mein Bruder geht nächstes Jahr aufs Gymnasium (in die Stadt) und allein mach ich keine Parade!"

Seit Beginn der Pandemie findet landesweit nur noch 1 Parade, von Medien übertragen, statt: am 25.3. in Athen, am 8.11., dem 2. Nationalfeiertag, in Thessaloniki. Die Sache dauert anderthalb Stunden, wird am 25.3. übertragen von ERT1 ab kurz vor 10 Uhr (11 Uhr Ortszeit Athen). Die Tribünen am Syntagmaplatz sind besetzt mit der griechischen Elite, das Volk ist seit einem Jahr nicht mehr dabei, sondern sitzt vor der Glotze. Den letzten 25.3. mit Publikumsbeteiligung gab es 2019
Nach der Parade geht die Feier traditionell weiter mit dem gemeinsamen Essen von Kabeljau, einem venezianischen Erbe) und Skordaliá. 

Für das 200-er Jahr wurde schon Ende 2019 (!) ein hochoffizielles Organisationskomitee installiert, das unter Leitung von Gianna Angelopoulos-Daskalaki, der ehemaligen Präsidentin des Organisationskomitees der Olympiade 2004, ein Jahres- und Informationsprogramm auf die Beine stellt. Es gibt massenhaft Revolutionskitsch und, schlimmer, nationalistischen primitiven Mist, vor allem in den social media. Aber überall im Land gibt es auch beflügeltes Engagement. In Athen gibt vom neuen digitalen Archiv 1821 des Benaki Museums, das auch eine große Sonderausstellung "Vorher und nachher" vom 3.3.-7.11. eingerichtet hat, viele weitere Kulturangebote bis zu Nationaloper, die das wichtigste historische Ereignis der modernen griechischen Geschichte auch virtuell vermitteln und feiern.

Museum Benakis Athen, Außenstelle Pireos 138 
Megaro Mousikis Athen live streaming 25.3., 19:30 Uhr
Hymne an die Freiheit - MEIZON male vocal ensemble
(kostenlos online bis 25.4.)


Dante-Mausoleum in Ravenna, Besucherinnen


700 Jahre Dante Alighieri

Der nationale Feiertag Dantedì wurde 2020 im Hinblick auf Dante 700  neu gegründet und zum ersten Mal gefeiert. Eine Initiative, die mich begeistert und die Italiener*innen kulturell schon beim ersten Dantedi aktiviert hat. Ich habe dazu einen Blog geschrieben "Dantedì 25.März 2020", zu dem es eigentlich nichts zu ergänzen gibt, nach nur einem Jahr.

Auch der Dantetag 2021 findet weitgehend virtuell statt, schade, aber trotzdem gut ist im Sinne breiter Beteiligungsmöglichkeiten. Allein auf den Webseiten des Kulturministeriums Dantedì und Viva Dante sind atemberaubende Mengen kultureller Angebote für den Lauf des Dantejahres angekündigt. Hier ist allein die Veranstaltungsliste für den 25.3.: ist das nicht unglaublich?!
In Venedig veranstaltet die Universität Ca'Foscari heute ab 9 Uhr einen Dante-Marathon.
"Dante 700 Jahre" auf deutsch zu googlen produziert einen Schwall von Links. Wer also schon immer selbst einen Kurs zum Thema Dante, Kosmologie etc. zusammengestellen wollte, trifft in diesem Jahr den passendsten Zeitpunkt. 

FAZ       Ausstellungen? Dante lesen!
ref.ch    Seit 700 Jahren unsterblich - Italien lässt Dante hochleben
3sat      Dante Alighieri zum 700. Todestag
Youtube Hörbuch Dante Alighieri Die Göttliche Kommödie



1600 Jahre Venedig

Der venezianische 23.5., mystifiziert seit Jahrhunderten, aber im Jahr 2021 so bescheiden gefeiert!

Natürlich wurde 421 keine Stadt gegründet. In dieser Zeit begannen die Bewohner*innen der nördlichen Adriaküste zwischen Aquileia und Ravenna, in ihren Lagunen Zuflucht zu suchen vor Ostgoten, Langobarden und Franken. Die Veneter*innen gehörten zum Kaiserreich Ostrom, kannten sich in den Lagunen aus und verlagerten ihren Lebensraum in deren sichere nasse Landschaften. Ihre Dörfer und festen Städte wurden von den Einwanderern besiedelt, das byzantinische Ravenna wurde die Stadt Theoderichs
Erst der Raub der "Reliquien" von San Marco im 9. JH (800 Jahre nach seinem Tod!) und der Bau seiner Kirche begründete das künftig fast beispiellose Gemeinschafts- und Selbstbewusstsein der Inselbewohner*innen, der Venezianer*innen der nächsten 1000 Jahre. Das heute gefeierte Gründungsdatum ist nicht der Beginn der Stadt, sondern die Basis der Dauerhaftigkeit der Philosophie "Venedig" und ihres anderthalbtausendjärigen Erfolgs.

Nicht nur die Philosophie, sondern auch der physische Fortbestand der Lagunenstadt und ihr ideeller Erhalt sind heute gefährdet. Durch den Anstieg des weltweiten Wasserspiegels und ungeeigneten und misslingenden Schutzmaßnahmen. Durch demokratisch gewählte aber unqualifizierte Verantwortliche, die ohne historisches Bewusstsein der Stadt ihr Gewinnstreben und Ausbeutung aufzwingen. Durch einen beispiellosen Bevölkerungsaustausch 1600 Jahre nach der Besiedelung der Lagune - Venezianer*innen raus, Immobilien- und Tourismusindustrie rein. 

Wie feiert Venedig heute seinen mystischen Jahrestag im Lockdown? 
Eine (bisher leer gebliebene) Website Venezia 1600 wurde Anfang des Jahres eingerichtet.
Am 3.3. veröffentlichte die Stadt Venedig auf ihrer Website einen anspruchsvollen Call für Vorschläge (gerne international, daher gibt es den Text sogar auf englisch), zu Projekten historischen und kulturellen Inhalts, mit denen Venedig das ganze Jahr 2021 gefeiert werden soll. Zu finanzierung sind die Feierprojekte selbstverständlich von den Antragsteller*innen. 235 Projekte wurden von 135 Antragsteller*innen eingereicht, die Auswahl steht noch aus.

Heute gibt es um 11 Uhr ein Gottesdienst mit dem Patriarchen Moravia in der Basilika San Marco, ohne Gemeinde, übertragen durch Antenna 3. (Steht nicht in der Jahresagenda von San Marco.) Um 16 Uhr das feierliche gemeinsame Läuten aller venezianischen Glocken. Das würde ich schon gerne hören...! (Nachtrag 28.3.: hier sind sie...!) Um 18:30 eine Sendung auf RAI 2 per Live stream  und auch auf dem Stream des Teatro la Fenice mit einem feierlichen Programm.


Der Bürgermeister Brugnaro wird sich den ganzen Tag trikolorenbeschleift vor jede Kamera stellen. Er wird wieder wie in bisherigen Pressemitteilungen darauf hinweisen, dass die Architekturbiennale und die Leistungsausstellung der Schiffbauindustrie Salone Nautico aus seiner Sicht Teile der Feiern zu Venezia 1600 seien.
Luca Zaia, Präsident der Region Venetien, nutzte bereits den Anlass, um erneut die Lega-Forderung zur Autonomie des Veneto vorzutragen. 

Der Dogenpalast plant vom 11.9.-27.3.22. eine Sonderausstellung "Venetia 1600. Nascite e rinascite" (steht noch nicht auf der Website, und die eigentlich für diesen Zeitraum geplante Carpaccio-Ausstellung ist anscheinend aus dem Programm.)

War's das? 

Es gibt zum Glück unter den Bürgerinitiativen Venedigs Venessia.com, deren Vorsitzender Matteo Secchi zum Gedächtnis an den am 3.5.2020 verstorbenen Gründer Stefano Soffiato ein Video aus dessen hinterlassenen Arbeiten zusammengestellt hat, das heute auf der Website von Venessia.com veröffentlicht wird. Geplant war zu diesem Anlass ein großes "Geburtstagsfest" für die Bürger*innen, gemeinsames Essen und Feiern. Geht im Lockdown leider nicht. Aber online gibt eine gefühlvolle, wehmütige aber auch optimistische und ermutigende Geburtstagrede für die Bürger*innen Venedigs.

Compleanno di Venezia * 1600 anni


Danke für die Erlaubnis, das Video hier einzustellen und herzliche Glückwünsche allen Venezianer*innen!



Ergänzung 1.4.: Siehe auch den Vortrag Prof. Werner Sollors auf dem YouTube-Kanal des Deutschen Studienzentrums Venedig: "Blick auf Mariä Verkündigung zum 16.00-sten Geburtstag Venedigs".

15. März 2021

No Grandi Navi - man darf sich einmischen




Haste mal'n Euro? Oder 10? Oder 20.000?

Die venezianischen Aktionstage im September 2017 folgten einem bürgerlichen Referendum gegen die Durchfahrt der Riesenkreuzfahrtschiffe mitten durch das historische Zentrum Venedig, gegen die Luftverpestung durch ihre Brennstoffe in 9 Monaten des Jahres, gegen die Erosion des Lagunenbetts und der Fundamente der historischen Gebäude durch die Druckwellen der Riesenschiffe. Die Beteiligung der Venzerianer*innen war beeindruckend. Ganz Venedig war auf den Beinen - auf den Fondamente entlang der Zattere und auf dem Wasser, wie im Video von No Grandi Navi zu sehen. 

Am 4.3.21 wurde die Rechnung präsentiert: 20.000 €, zu zahlen innerhalb eines Monats. Das Komitee No Grandi Navi bittet um Unterstützung und hat ein Crowdfunding gestartet (Link erscheint nochmal am Fuss des Blogeintrags). Wer dank ungenutzter Reisekasse ein paar Euro übrig hat, sollte sich nicht lumpen lassen und den Kampf dieser Bürgerinitiative unterstützen.

Der Text des Aufrufs ist italienisch, gefolgt von der englischen Version. Wer keine Zeit hat, das zu lesen, nimmt vielleicht gerne mit der deutschen Google-Übersetzung vorlieb (habe gerade keine Zeit für eine ordentliche Übersetzung und die schrägen Computerformulierungen haben ja auch was): 

WER WIR SIND

Das No Big Ship Committee ist ein seit langem etabliertes Komitee mit Sitz in Venedig. Seit 2012, als das Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ vor der Insel Giglio abstürzte und 32 Menschen starben, kämpft das Komitee dafür, dass Kreuzfahrtschiffe die Stadt vollständig auslöschen. Das Hauptziel des Ausschusses ist der Schutz des Ökosystems der Lagune und die Erhaltung seiner Bewohner: Kreuzfahrtschiffe stellen eine enorme Umweltbelastung für die Stadt dar, verschmutzen die Luft und verpfuschen das hydrodynamische System der Lagune.

Wenn Kreuzfahrtschiffe durch den Giudecca-Kanal fahren, bewegen sie den Meeresboden, was die bereits bestehenden Schäden durch Bergbau und Senkung verschlimmert: Jedes Mal, wenn ein Kreuzfahrtschiff nach Venedig einfährt, sinkt die Stadt buchstäblich.

Während dieser neunjährigen Aktion hat das Komitee zusammen mit Tausenden von Menschen Hunderte von Protesten aufgebaut, und sein Kampf wurde in ganz Europa als Beispiel für den Widerstand einer der fragilsten westlichen Städte angeführt. 

DIE FAKTEN 2017 

Im September 2017 organisierte das Komitee nach einem vom No Grandi Navi Committee organisierten Volksentscheid, bei dem 20.000 Menschen in Venedig gegen Kreuzfahrtschiffe stimmten, zwei Tage Kampf und Debatte zusammen mit allen Umweltkomitees aus ganz Italien und Europa.
Am Ende des zweiten Tages nahmen Tausende von Menschen an der vom Ausschuss veranstalteten Demonstration teil. Die ganze Stadt war dort, am Ufer und auf dem Wasser, segelte mit kleinen Booten, forderte die großen Schiffe auf, die Lagune von Venedig für immer zu verlassen, und genoss die Musik und die Kunst, die von einer großen schwimmenden Bühne kamen. Um die Aktivisten aufnehmen zu können, die kein Boot besaßen, mietete das Komitee einige größere Mittel.
Drei Jahre später wurden die Leute, die diese Boote an diesem Tag steuerten, durch einen enormen Zahlungsauftrag erreicht. 

DIE FAKTEN 2021

Am 4. März 2021 teilte der Hafenkapitän von Venedig sieben Aktivisten des Comitato No Grandi Navi sieben Zahlungsaufträge über einen Gesamtbetrag von 14.000 € mit, der innerhalb von 30 Tagen zu zahlen war. Zu dieser Geldsumme müssen 6.000 € für Anwaltskosten hinzugefügt werden.

Was werden den Aktivisten vorgeworfen? Ihre Schuld liegt darin, dass sie während einer Demonstration im Jahr 2017 Boote gesteuert haben. Dies war eine der vielen Aktionen des Komitees, als die "Barchini" (die kleinen privaten Boote) dem Leviathan-Kreuzfahrtschiff gegenüberstanden.

Diese Art von Aktionen kommt immer aus dem Willen, Venedig, seine Lagune, seine Umwelt und sein Leben gegen die Interessen großer multinationaler Kreuzfahrtunternehmen zu retten. An diesem Tag ereignete sich keine Gewalt. Es gab nur eine große Menge von Venezianern, viele Boote und eine schwimmende Bühne, die Musik und Worte der Hoffnung für die Zukunft der Stadt verbreitete. Die große Beteiligung von Menschen und Booten verzögerte die Überfahrt großer Schiffe, die wahrscheinlich zu beschämend waren, um den Hafen zu verlassen und sich dem Zorn Tausender Bürger zu stellen.

Diese hohe Geldstrafe ist ein weiterer Versuch, den Kampf des Komitees zum Schweigen zu bringen, da Klage und Polizei nicht genug zu sein schienen. Schlimmer noch, die Geldstrafe kommt mitten in einem Studium, in einer Zeit, in der es an Arbeit mangelt und die üblichen selbstfinanzierenden Aktivitäten schwer einzurichten sind. Darüber hinaus ist das Ziel der Geldbuße der jüngste Teil des Komitees, der großzügigste und aktivste, aber auch der prekärste und finanziell fragilste.

Dies ist eine echte administrative Rache, die in einem ganz bestimmten Moment stattfindet. Es ist genau die touristische Monokultur, die die Hauptursache für die enormen Auswirkungen von COVID19 auf Venedig ist. Für viele Menschen, die in Venedig leben, ist Pandemie ein Synonym für Wirtschaftskrise, und darüber hinaus ist dies eine Zeit, in der wir unsere traditionellen Selbstfinanzierungsaktivitäten nicht in Gang setzen können.

Aus all diesen Gründen haben wir ein Crowdfunding gestartet. Weil Dutzende kleiner Boote die Riesen des Meeres aufhalten können, können uns Tausende kleiner Spenden helfen, auf eine so große Ungerechtigkeit zu antworten. Wir brauchen die Hilfe aller, um weiter für Venedig zu kämpfen und unsere Stadt vor Spekulanten zu retten. Wir wollen, dass Venedig denen gehört, die darin leben, und denen, die sie lieben!

 

Aiutaci a difendere Venezia-
Sostieni il Comitato No Grandi Navi

Hilf uns Venedig zu verteidigen -


Möglichst bald! Bis jetzt wurden 6.240 € gespendet, noch bleiben 31 Tage um sich mit einer Spende in die Sache einzumischen. Wenn wir schon weiterhin auf einen Besuch in der schönsten Stadt verzichten müssen...!


Ergänzung 19.3.
NoGrandiNavi plant eine Auktion zur Finanzierung des Strafbescheids

Ergänzung 21.3.
Das Büro von NoGrandiNavi am Campo S. Maria Formosa ist wieder geöffnet. Es können auch da Spenden abgegeben werden. 

NZZ: Venedigs Umweltaktivisten droht eine Busse von 20.000 Euro

Ergänzung 24.3.
4 neue Strafzettel sind unerwartet eingetroffen: bitte Geldbeutel noch mal aufmachen!

Ergänzung 8.4.
Die Fundraisingkampagne war ein Riesenerfolg. Siehe Tweet unten.

40.631 TIMES THANK YOU! We expected solidarity, but didn't expect magic. We reached an incredible amount, and we will keep what exceeds as treasury for activists' legal defend. Thanks everybody for the solidarity! Read the full statement at facebook.com/67850318558048

.

12. März 2021

Darf man nicht machen in Venedig!


Organisierter Wettkampf und hochbezahlte Sportarten sind nicht mein Ding. Das, womit sich junge geübte Menschen sportlich amüsieren, finde ich interessanter. In Venedig allerdings gelten spezifische Einschränkungen für den Individualsport, z. B. nicht von den Brücken springen (man springt auch nicht auf eine belebte Straße), nicht in Kanälen schwimmen (in teils ungklärten Abwässern zu baden ist nicht so lecker), nicht Fahrrad fahren und auch nicht schieben (für Verkehrsmittel stehen nur Wasserflächen zur Verfügung). 

Das wissen eigentlich auch alle Besucher*innen spätestens seit die Stadtverwaltung ihre No-go-Liste veröffentlich hat und auch in internationalen Medien über die eine oder andere beträchtliche "Multa" (= Knolle) zu lesen ist.

Fünf junge sehr sympathische Franzosen, die Wizzy Gang, probierten ihre schöne Sportart Parkour am 24. und 25. Oktober an stillen Fondamenten und Kanälen aus, unbeeindruckt von glitschigen Stufen und Warnungen vorbeigehender Einwohner vor der Polizei und der drohenden Knolle. Sie hatten Spass und erfreuten die Nachbarschaft mit ihrem Spektakel, waren aber leider so unvorsichtig, ihre sehr schönen, ungewöhnlichen Videos jenseits von  Venedigidylle und Venedigelegie ins Internet zu stellen. 

Hier zu besichtigen
180.000 Aufrufe, 11.000 Likes.

Leichter hätte man es der venezianischen Strafverfolgung nicht machen können. Nach der Aufregung in den Lokalblättern (...im Morgengrauen von der heiligen Rialtobrücke gesprungen...!) wurde heute die erhebliche Gesamtknolle von 4.435 € polizeilich verhängt. Und ebenso ein Stadtverbot von 48 Stunden, sollten die jungen Männer noch mal in der Stadt aufkreuzen, die ja zu den wirklich gut elektronisch überwachten Orten der Welt gehört. Na, das ist auszuhalten, 48 Stunden nicht in Venedig. Wir alle sind schon seit einem Jahr (mindestens) nicht in Venedig. 
Danke für diesen außerordentlichen animierten Blick auf die schönste Stadt! 

Corriere dell Sera, 12.3. Venezia, parkour tra ponti e palazzi: multate cinque giovani francesi.
Venezia Today, 12.3. Evoluzioni parkour a Venezia, multe per oltre 4mila euro a cinque giovani francesi
La Voce di Venezia, 14.3. Acrobazie spericolate a Venezia sui video:individuati gli acrobati del parkour



.