16. Oktober 2019

Zu Fuß nach San Michele 31.10.-10.11.2019



Brücke nach S. Michele im 19. JH
(Bäume ragen kaum über die Friedhofsmauer!)

Die Votivbrücken von Dorsoduro zur Kirche des Redentore auf der Giudecca im Juli und von der Haltestelle Giglio zur Kirche der Madonna della Salute Mitte November sind eine nie gebrochene Tradition, die immerhin auf Gelöbnissen der Serenissima zur Befreiung von den Pestepidemien 14. und im 17. Jahrhundert beruhen. (Naja, und es gibt seit einigen Jahren auch noch die nichtchristliche Marathonbrücke zwischen der Punta della Dogana und den Giardini Reale über den Canal Grande Ende Oktober...)

Bis zu Beginn der 1950er wurde auch jedes Jahr zum christlichen Fest Allerheiligen und Allerseelen (1./2.11.) eine Brücke von den Fondamente Nove zum Monumentaltor des Friedhofs S. Michele errichtet, damit die Venezianer*innen an diesen Tagen ihre Toten besuchen konnten. Der allgemeine Friedhof war eine neue Errungenschaft für Venedig in der 1. Hälfte des 19. JHs, errichtet nach dem Erlass des napoleonischen Friedhofsgesetzes (nur noch außerhalb der Gemeinden, nicht mehr in Kirchen und auf Kirchhöfen). Alle Verstorbenen der Stadt Venedig müssen seit ca. 200 Jahren auf die Insel, damals gerudert, heute mit dem Bestattungsboot mit vollautomatischer Hebe- und Schwenkeinrichtung für den Sarg. Die Brückentradtion zum Totengedenken wurde mit dem funktionierenden ÖPNV der Vaporetti vor ca. 70 Jahren aufgegeben.

Auf Ratsbeschluss wird in diesem Jahr zum ersten Mal wieder für 10 Tage eine Brücke gebaut, 407 m lang, 15,5 m breit; eine Durchfahrt für Wasserfahrzeuge wie bei den anderen Votivbrücken muss eingerichtet werden, die Arbeiten an der Brücke haben bereits begonnen. 450.000 € wurden dafür eingeplant und da die Kosten immer wieder erwähnt werden aber nirgends von den weiteren Perspektiven dieser Tradition zu lesen ist, schleicht sich ein giftiger Verdacht an, dass dies eine singuläre Veranstaltung sein könnte. 
Der Bürgermeister Brugnaro, bekanntlich nicht gebürtiger Venezianer und darüberhinaus Nicht-Bürger von Venedig legt auffälligen Wert auf die Feststellung, dass die Votivbrücke sein persönlicher lang gehegter Wunsch war. Könnte es sich hier (auch) um einen Vor-Kommunalwahlen-Stunt handeln? Die Bevölkerung, vor allem die mehrheitlichen Alten, freut sich, der Bürgermeister präsentiert sich mit seiner Bürgermeisterschluppe, begleitet von militärischen und kirchlichen Amtsinhabern, den wichtigen Männern eben. Ein Schelm, wer da an Bürgermeisterprestige und die Wahlurne 2020 denkt, aber warten wir Allerheiligen 2020 ab...


Quelle: Twitteraccount Bürgermeister Luigi Brugnaro

Auch wenn die venezianische Bevölkerung schrumpft (und "Gäste" nur in Ausnahmefällen auf der Insel bestattet werden) haben die längst aus der Stadt aufs Festland gezogenen Venezianer*innen weiter ihre Toten auf der Friedhofsinsel. Der Friedhof wurde in den letzten 10 Jahren erweitert und schon an normalen Tagen ist der morgendliche Friedhofsverkehr sehr lebhaft, zum Glück bevor Tourist*innen unterwegs sind. An Allerheiligen und -seelen allerdings sind die Boote der Linien 4.1 und 4.2 trotz Ergänzungsfahrten derart rappelvoll, auch gerade mit betagten und behinderten Passagier*innen und ihren Begleiter*innen extrem vollgestopft, dass die Brücke nicht nur die Wiederbelebung einer schönen Tradition ist, sondern vermutlich auch eine rationelle Entlastung des ÖPNV.

Bisher habe ich wegen der Vaorettiüberlastung bewusst nicht den Friedhofsbesuch am Totenfest empfohlen. Aber nun wird Besucher*innen Venedigs im Herbst durch die Votivbrücke die sehr besondere Erfahrung ermöglicht, über den breiten Kanal auf das schöne ehemalige Hauptportal des Friedhofs zuzuschreiten und über die Hauptalllee eintretend den Friedhof zu erkunden. Ein Geschenk, das auch wir als Gäste dankbar und rücksichtsvoll annehmen dürfen.


WICHTIGE Ergänzung 27.10.19
Nicht nur mein bescheidener Blog hat über diese erneuerte Tradition berichtet, sondern vor allem wurde sie natürlich bekannt über die Marketingmedien der Stadt selber. Entrüstung erhob sich unter den Bürger*innen, dass sogar das besinnliche Totenfest als Tourist*innenattraktion beworben wird. Nicht zu Unrecht. Für mich selbst hatte ich entschieden diesen Hinweis zu veröffentlichen, weil die Brücke ja nicht nur für die beiden Feiertage (in diesem Jahr ein verlängertes Wochenende) eingerichtet wird, sondern ganze 10 Tage. 

Nun wurde klugerweise entschieden, dass von der Eröffnung am 31.10. um 12 Uhr bis einschließlich 3.11. die Brücke nur von Einheimischen und Inhaber*innen einer Dauerkarte Venezia Unica genutzt werden darf
Erst ab dem 4.11. wird sie allgemein dem Publikum zur Verfügung stehen. 
Damit können sich die betroffenen Gemüter hoffentlich wieder beruhigen, und auch die Gäste Venedigs kommen in der 1. Novemberwoche in den Genuss der Votivbrücke ohne die intimen Feiertage zu stören.

29.10. 
Fotos vom Bau der Brücke auf dem Twitterkonto der Comune Venezia.

31.10.
Heute 12 Uhr war es soweit. Ich habe tagesaktuelle Fotos bekommen (herzlichen Dank an Birgit Weichmann). Nach den Eröffnungsfeierlichen und der Verabschiedung der Offiziellen inkl. Militär, Patriarch und Bürgermeister war die Brücke leer und der Gang über den Canal delle Fondamente Nove sicher eine Freude. Morgen ist Feiertag und mehr Betrieb zu erwarten. Ab dem 4.11. ist die Brücke für alle frei.


Quelle Birgit Weichmann

Quelle: Birgit Weichmann

Quelle: Birgit Weichmann



Siehe bisher 6 Blogeinträge zum Friedhof San Michele 
Siehe auch Eintrag auf Venipedia zum Friedhof San Michele (italienisch)


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Kommentare:

Jutta hat gesagt…

Schade, wir sind erst ab dem 13. November dort. Das hätten wir gerne mal erlebt.

ebbonn hat gesagt…

Hallo Jutta,

vielleicht nächstes Jahr? Der Termin bleibt der gleiche, wenn es wieder eine Brücke geben sollte :-)
Viel Spaß in Venedig im September!

ebbonn hat gesagt…

ähhh... im November!

Anonym hat gesagt…

Liebe Brigitte,
da muss erst jemand aus Bonn kommen, um uns darauf aufmerksam zu machen, was da auf dem Wasser zwischen Fondamente Nove und Cimitero entsteht.
Und wirklich, die Arbeiten haben schon begonnen. Man kann sich vorstellen, wie man zu Fuß bis zu den Gräbern kommen wird. Davon werden wir allerdings nichts mehr haben. Wir sitzen am 30. Oktober schon im Zug nach Norden...

ebbonn hat gesagt…

Nächstes Jahr?
Gute Rückreise und einen schönen Winter. Bis nächstes Jahr in Venedig!